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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-15 · 3 (15.1.1904) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Blocb’s Wochenschrift Seite 39 des scholastischen Talmudbetriebes. Ich höre den kleinen untersetzten Mann mit den breiten bartlosen Gesichte und den klugen Augen unter goldgefaßten Brillengläsern breit und deutlich von allen Dingen reden, bisweilen hell auflachend und dann wieder bedächtig die Worte setzend; er trägt einen langen braunen Rock und bei Tisch ein summtenes Käppchen auf den dunklen, wallenden Haaren. Er verrichtet vor und nach der Mahlzeit still für sich sein Tischgebet. Und dann eines Tages sehe ich ihn in der Friedhofshalle, an der Bahre seiner Gattin die Leichenrede haltend. Die Gestalt ist wie zusammengesunken; aber laut, als ob sie sich aus Thränen erhöbe, klingt seine Stimme, da er mit dem biblischen Gleichnisse beginnt von dem Weinberge, der in seine Obhut gegeben worden und Pen er schlecht gehütet habe. Noch heute ergreift mich die Erinnerung. Nicht gar weit von dem Hause in der Reuschenstraße, wo Geiger wohnt, sitzt auf der Antoniastraße in dem stattlichen Gebäude des Rabbinenseminars,. des ersteu und ältesten in der Welt, der alte Zacharias Frankel, in manchem Sinne ein Antipode Geiger's. Und auch in der llsrvisb Encyclopedia stehen sie nicht weit auseinander. Frankel, der kluge Vermittler zwischen Talmud und Bibel, zwischen der Orthodoxie und den Nothwendigkeiten einer neuen Zeit, und Geiger, der vorwärtsdrängende Pionnier; Frankel immer lächelnd aus breitem Munde mit aufgeworfenen Lippen und kleinen beweglichen Augen, ohne Beredsamkeit und Temperament; Geiger immer beredt in Rede und Bewegung, mit großen Gesten, fast wie ein Tragöde. Frankel, der gebürtige Prager, ist ein Schulhaupt, Geiger, der Frankfurter, ein gelehrter Agitator. Stärker empfindet ohne Zweifel Geiger den Zusammenhang des Judenthums mit der fortgeschrittenen Zeit als Frankel, und es ist sehr bezeichnend, daß er, nach langem Ringen seinem Ideal nahegekommen, in Berlin nicht an die Spitze eines Rabbinenseminars, sondern einer „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" tritt. Von der llkrvi8b Encyclopedia ist billigerweise nicht zu verlangen, daß sie das Persönliche mit besonderer Ausführlichkeit hervorhebt, was müßte sie sonst, um nur eines einzigen Beispiels zu gedenken, über den „Dubner Maggid" erzählen, diesen rührigen Wandersmann, der als Poet und Prediger und Grammatiker von Ost nach West verschlagen wird, von Dubno in Wolhynien bis nach Amsterdam, der, mit vierzehn Jahren verheiratet, von Jeschiwa zu Jeschiwa sich nach Berlin durchbringt, dort von Moses Mendelssohn zum Lehrer seines Sohnes erwählt wird und schließlich in Amsterdam stirbt! Eine Legendengestalt fast, eine Art jüdischen Troubadours, der den Tod alsFünfundsiebzibjähriger—I8l3 — inmitten seinerBücher erwartet, die er rastlos gesammelt hat, bis sie die Zahl von 2076»Piichern und 106 Manuscripten erreichten Aber wenn die Jewish Eucymopedia nscht eine Geschichten- und Anekdotenerzählerin . sein - will, «ondern /jpit consequentem wissenschaftlichen Ernst ihren Lehr- und C»lturzweck im Auge behält, so bietet sie doch reichlich, was die JudenFbrauchertz/iim sich in der geschichtlichen Entwicklung ihres Stammes Wrechtzufinden, und was die Anderen brauchen, um das Judenthum zu verstehen. Den Inhalt eines solchen Großoctav-Bandcs von 686 Seiten aber auch nur andeutungsweise merklich zu machen, ist ganz aussichtslos. Es hängt von den Neigungen und fachlichen Interessen Desjenigen, der von dem Colossakwerke der Jewish Encyclopedia bandweise Kenntniß gibt, und von» ihnen allein ab, nach welcher Seite hin seine besondere AufmerksauWit sich richtet. Ob nach der historischen, der literarischen, der cutturelen, oder religionsgeschichtlichen, ob nach der Seite des Persönlichen, des Sachlichen, des Casuistischen, ob nach der Seite des älteren oder neueren Stoffes. Alles aber, bis auf die Noten der alten synagogalen Gesänge, ist zu finden Bibel und Talmud, Exegese, Geschichte und Sage, Häusliches und Gemeindeleben, Recht und Brauch, Streit und Glanz und Elend breitet sich in einem zu immer breiterem und ausgedehnterem Schauplatze sich weiternden Universalbilde aus, dessen Bühne die ganze Welt ist und dessen Coulissen sich fortwährend verschieben. Für mich, den Tagesschriftsteller, dessen Augen gewöhnt sind, die Ereignisse und Erscheinungen anzuschauen wie Stifte im Kaleidoskop, die sich unaufhörlich zu neuen Bildern zusammensetzen, ist das Schauen sab specie aeternitatis ein Geschenk seltener Mußestunden. Und wo könnte man das Ewige im Vergänglichen deutlicher gewahren als in der Geschichte und in den Schicksalen des Judenthums? Niemand hat mehr Anlaß, sich zu bescheiden, als Unsereiner. Dafür aber werden mir in vielen Seiten der Jewish Encyclopedia Erinnerungen wach, Erinnerungen der Jugendzeit und der Heimat. Ich wandere nicht durch das unübersehbare Gestrüpp der Responsen, nur eine Ahnung steigt in mir auf von dieser universalen Freizügigkeit des Gedankens und der Schrift, die in unwegsamen, verkehrsarmen Zeilen von den kleinsten russischen Gemeinden die Entfernung bis nach Spanien und Südfrankreich, bisnach Centralasien und Nordafrika überwindet. Auf eine schwierige rituelle oder exegetische Frage, die in Wilna gestellt wird, antwortet Narbonne; die Worte und Lehren eines Großen in Tunis finden ihr Echo in Posen. Und Amerika, das „Neuland" unter den Welttheilen, sendet den alten Welttheilen und Continenten grüßend dieses Werk der jüdischen Universalität. Es ist ein Monument, das fünf Jahrtausenden gesetzt ist und überall gelesen wird, wo Juden wohnen, das ist über die gesammte Erde hin. Wilhelm Gold bäum. Die Fahne dev Altneusynagoge in Prag. Von Dr. Nathan Grün. An die Fahne der Altneusynagoge, welche Dr. Samuel Krauß in seinem Artikel „Die jüdischen Fahnen" erwähnt, aber mit Unrecht mit dem Banner der Meiselsynagogeverwechselt, kniipfen sich wichtige Momente aus der Geschichte der Prager jüdischen Gemeinde. Das geht schon aus der hebräischen Aufschrift an derselben hervor, welche in deutscher Uebersetzung also lautet: „Herr der Heerschaaren, voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit!" Im Jahre 117 der kleinen Zeitrechnung, das ist 1357, gewährte Kaiser Karl IV. den Juden die Begünstigung, eine Fahne zu führen. Dieselbe wurde zur Zeit des Kaiser Ferdinand erneuert. Durch die Länge der Zeit beschädigt, wurde sie wieder zu Ehren unseres Herrn des Kaiser Karl VI. anläßlich der Geburt seines Sohnes, des Erzherzogs Leopold im Jahre „Sein Reich wird ewig bestehen (l^n d. i. 1716") erneuert. Die Gewährung des Rechtes an die Prager Juden, eine Fahne führen zu dürfen, war unbedingt ein außerordentlicher kaiserlicher Gnadenact, was aber mag die Veranlassung zu diesem Gnadenacte des Kaisers gewesen sein? Ich glaube die Veranlassung zu diesem Gnadenacte in Folgendem zu finden. Karl IV. war ein wohlwollender Beschützer der Juden, welches sich ganz besonders bei der Judenverfolgung anläßlich des schwarzen Todes (1348—1351) kundgab. Dem wilden Rauben und Morden wurde an den Thoren Prags durch ein Machtwort des Kaisers Einhalt geboten, so daß die Prager jüdische Gemeinde damals von jeder Verfolgung verschont blieb. Da Kaiser Karl IV. den Juden in Prag die Begünstigung, eine Fahne führen zu dürfen, sechs Jahre nach diesem Ereignisse, im Jahre 1357, gewährte, so dürfte der Schluß berechtigt sein, daß dieser Ausdruck der kaiserlichen Gnade in einem Zusammenhänge mit diesem Ereignisse steht, und Karl IV. hat durch dieses den Juden ertheilte Recht der böswilligen Beschuldigung, die Juden hatten die Pest des schwarzen Todes durch Brunnenvergiftung herbeigeführt, wirksam entgegentreten wollen. Wir hätten also in der alten Fahne, welche als historisches Denkmal vergangener Jahrhunderte in der Altneusynagoge aufbewahrt wird, einen kaiserlichen Protest Wider falsche Beschutdigung gegen die Juden und wider böswillige Judenverfolgung. Aber nicht blos das eine historische Interesse knüpft fich an die Fahne; nach der Aufschrift aus derselben wurde sie zweimal restaurirt, das erstemal zur Zeit Kaiser Ferdinands l., das zweitemal zu Ehren Karls VI. anläßlich der Geburt des Erzherzogs Leopold im Jahre 1716. Sie wurde aber schon früher, beim Einzuge Karls V. in Prag, wo auch von Seite der jüdischen Gemeinde ein festlicher Judenaufzug veranstaltet wurde, benützt. Dieser Judenauszug ist in Hvrmayers's Archiv vom Jahre 1811 beschrieben. (Vergl. auch Carmoly in Ben Chananja II. 176.) ü -- ß Mit der Restaurirung der Fahne zur Zeit Ferdinands I. hat es folgendes Bewandtniß. Bei der im Februar 1527 erfolgten Krönung Ferdinands zum böhmischen Könige fand in Prag ein festlicher Aufzug statt, bei welchem auch die Juden vertreten waren. Ein Augenzeuge berichtet darüber: „Als die königliche Majestät auf dem Platz anlangte, standen daselbst mehr als-tausend Juden mit einer großen Fahne. Sie hatten auch einen Himmel, an welchem eine Tafel mit den zierlich geschriebenen zehn Geboten angebracht war. Sie unterbreiteten dem Könige die unterthänigste Bitte, es möge ihnen gestattet sein, bei den zehn Geboten, bei ihrem Glauben und dem Alten Testamente ftomme Juden zu bleiben. Der König gewährte ihnen diese Bitte mit der Zuficherung, er wolle ihr genadigster Herr sein." (Schottky, Prag I. 320.) Ferdinand I. bewies auch in der That den Juden in Böhmen in demselben Jahre seine königliche Gnade, indem er den ihnen vom Könige Wratislaw feierlichst ertheilten Freiheitsbrief bestätigte. Das aber hinderte chn nicht, vierzehn Jahre später, im Jahre 1541, von Linz aus den Beseht zur Ausweisung sämmtlicher Juden aus Böhmen zu erlassen. David Gans berichtet darüber Folgendes: Im Jahre 1541 gabes in mehreren Städten Böhmens viele und große Feuersbrünste. Man

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