Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 648 Dr. Dlocb s Mocbenscbritt. Nr. 41 Julius Plotke Am Rüsttage des Versöhnungstages schloß sich die Erde über den Leichnam eines der edelsten Söhne unseres Volkes. In der „Neuen Freien Presse" vom Dienstag den 29. September l. I. war folgende Notiz enthalten: „Aus Frankfurt a. M. wird uns unter dem 28. d. M. berichtet: Der hiesige Rechtsanwalt und Notar Julius Plotke, in weiteren Kreisen bekannt durch sein humanitäres Wirken, ist, 46 Jahre alt, gestorben, Plotke gehörte unter Anderem der Verwaltung der „Jewish Colonisation Association" zu' London und Paris, sowie der Baron Hirsch-Stiftung an." Der Name Plotke war auch in Oesterreich nicht fremd, besonders in der Reichsbaupt- und Residenzstadt Wien kannte man Julius Plotke, allerdings blos dem Namen nach, recht wohl. Die Leser von Dr. ..Bloch's Oesterreichsiche Wochenschrift" halten wiederholt Gelegenheit, den Namen Plotke's zn hören, so namentlich auch wurde in der „Oesterreichischen Wochenschrift" seinerzeit auf Plotke's Schrift in der rumänischen Judenftage hingewiesen. Auch die'erwähnte kurze Notiz der „Neuen Freien Preffe" dürfte bei Vielen das Interesse für den Verstorbenen wachgerufen haben. Ich stand vor Jahren zu dem Verblichenen in näherer Beziehung, weshalb ich mich veranlaßt sah, am Versöhnungstage in der Rede vor der Seelengedächtnißfeier dem Andenken Plotke's einige Worte, die der Schmerz mir eingab, zu widmen. „Wundern Sie sich nicht" sprach ich zur Gemeinde, „daß ich zu Ihnen von einem Manne spreche, den Sie nicht gekannt; auch er hat Sie nicht gekannt, und doch schlug sein Herz für Sie wie für alle Gläubensbrüder aus der aanzen Erde, und wo eine Noth bei den Juden war — und wo Juden leben, fehlt es auch nicht an Noth für dieselben — dort nahm Julius Plotke an dem Hilfs- und Rettungswerke thätigen Antheil; daher lasten Sie uns seiner mit dankbarem Gefühl gedenken-". Aus demselben Grunde bitte ich auch die Redaction der «Oesterreichischen Wochenschrift", diesem Aufsatz in den Spalten ihres geschätzten Blattes Raum zu gewähren, damit der Werdegang dieses trefflichen Mannes in weiteren Kreisen bekannt werde. Die m diesem Auffatz genannten Persönlichkeiten wollen die Nennung ihrer Namen entschuldigen; zum Verständniß des Wesens Plotke's und seines Werdeganges erscheint mir die Nennung der Namen einiger Persönlichkeiten als unerläßlich notbwendig. Julius Plotke ist als Sohn sehr rechtschaffener, wenn auch schlichter Eltern in dem Städtchen Porck, Regierungsbezirk Posen, geboren. Die Eltern verstanden es auf's Beste, den Kindern eine gute Erziehung zu geben, denn auch die beiden Brüder Plotke's sind in hervorragenden socialen Stellungen und durchaus treue Kinder ihres Volkes. Ob die braven Eltern noch am Leben sind, ist dem Gefertigten nicht bekannt; .auch ein biederer Onkel Plotke's muß auf seine Erziehung großen Einfluß geübt haben; Plotke sprach von ihm in einer Weise, daß diese Annahme berechtigt erscheint. Der Studiengang Plotke's war regelmäßig und gewöhnlich, daher auch nicht viel darüber zu sagen. Nach bestandener Matura am Gymnasium studirte er Jura an der Universität in Berlin — sein Jahr beim Militär diente er nach erfolgtem Referendar-Examen ab — worauf er circa 1880 nach Frankfurt a. M. kam, um dortselbft als Referendar an den verschiedenen Gerichten zu prakticiren, und rwar waren damals jüdische Referendare aus dem Regierungsbezirke Posen in größerer Anzahl in Frankfurt a. M. Man erzählte sich hierüber in eingeweihten Kreisen Folgendes: Der betreffende Gerichtspräsident, dem das Recht der Zuweisung der jungen Referendare behufs Prakticirung an den Gerichtskammern zustand, gönnte sich das Vergnügen, die unbemittelten Referendare aus dem Posen'schen natürlich jüdischer Eonfeffion — in Städte zu schicken, in welchen der Lebensunterhalt recht theuer war, wozu in erster Reihe Frankfurt a. M. gehört, und da in Deutschland der Jurist 4—5 Jahre ohne Besoldung als Referendar bei Gericht prakticiren muß, so war es für manchen sehr unangenehm. Daß der Aufenthalt in Frankfurt a. M. für viele ein wahres Glück wurde, konnte dem betreffenden Präsidenten nicht tm Traume einfallen. Plotke wenigstens wäre gewiß nicht das geworden, hätte nicht das erreicht, keinesfalls für die Menschheit so viel geleistet, wenn ihn nicht die Vorsehung nach Frankfurt a. M. geführt hätte. Eine ganz merkwürdige Stadt, dieses Frankfurt a. M.! Die Iudenschaft dortselbft ist durchaus anders geartet, als die Juden überall; zwar zeichnen sich die Juden überall durch Herzensgüte aus, allein während anderswo das gute Herz beim Juden in den unteren Schichten zu suchen ist, und nach oben mit jedem Tausender mehr in der Caffa die Herzenswärme bedeutend abgekühlter wird, ist hinsichtlich der Juden in Frankfurt a. M ein umgekehrtes Verhältniß wahrzunehmen. Das beste und edelste Herz besaß Baron Wilhelm v. Rothschild und so in Abstufungen nach unten. Es ist dies eine Thatsache, doch läßt sich die Erscheinung nicht leicht erklären; jedenfalls hat Samson Raphall Hirsch s. A. auch in dieser Hinsicht viel dazu beigetragen. Selig Goldschmied s. A. dürste schwerlich ohne den großen Einfluß des S. R. Hirsch solche Großthaten der Wohlthätigkeit vollbracht haben, wie nicht weniger mancher jüdische Große in Frankfurt a. M. ohne Einflußnahme des Rabbiners Dr. Horowitz gewiß nicht so viel Gutes leisten würde. Genug, für Plotke war es entscheidend, daß er nach Frankfurt a. M. kam. Dort wurde er groß, dort fand er ein Feld, dem Drange seines edlen Herzens zu leben, Gutes zu schaffen und dem jüdischen Volke bald da, bald dort hilfreich beizuspringen. Auf Plotke's religiöses Gemüth wirkten besonders zwei Männer sehr ein, wie nicht weniger er durch den Umgang mit diesen beiden Männern ein tieferes Verständniß für's Judenthum und für die Mission des jüdischen Volkes bekam; es sind dies die Herren Seminar-Rabbiner Dr. Lewy in Breslau und Gemeinderabbiner Dr. Horowitz in Frankfurt a. M. Der bedeutende Gelehrte Dr. Lewy besitzt neben vielen Tugenden und guten Eigenschaften auch die löbliche Gewohnheit, hin und wieder junge Leute zu Tische zu laden, bei welcher Gelegenheit Fragen, die das Judenthum betreffen, besprochen werden. Dabei beobachtet Dr. Lewy zuweilen die socratische Methode durch Fragen den jungen Mann selbst das Richtige finden zu lassen, zuweilen spricht der Gastgeber mft solcher Wärme und so eindringlich, daß seine Begeisterung auch der Jugend sich mittheilt. Plotke war als Student häufiger Gast im Hause des Dr. Lewy. Dr. Horowitz hinwieder, der es versteht, eine Response mit gaonischer Schärfe und ein historisches Thema mit der Gründlichkeit eines deutschen Professors zu behandeln, äußert im Verkehr eine bestrickende Liebenswürdigkeit, welche auf einen ideal angelegten jungen Mann vortbeilhaften Eindruck macht und wodurch der junge Mann für die Anschauungen des gelehrten Rabbiners empfänglich wird. Bei Dr. Horowitz verkehrte Plotke als Referendar und weiß ich es von Plotke selbst, daß diese beiden Persönlichkeiten mächtig auf ihn eingewirkt haben. Von Eollegen waren es zwei, welchen er sich innig anschloß; der eine war Karl Goldberger, gegenwärtig Rechtsanwalt in Marburg a. Lahne, ein Tochterssohn des Gaon Rabbi Akiba Eger, und der andere Dr. Julius Sommer aus Rottenburg, gegenwärtig ein höherer richterlicher Functionär in Frankfurt a. M. Dr. Sommer wurde das hohe Glück beschieden, daß Kaiser Wilhelm II., der damalige Prinz Wilhelm, der zugleich mit Sommer am Gymnasium zu Kaffel studirte, ihn, den Judenknaben, durch besondere Gunst auszeichnete, eine Gunst, die nun von dem mächtigen Monarchen auch dem Manne, dem nunmehrigen Staatsbeamten Dr. Sommer, zutheil wird. Es ist auf diese Thatsache in verschiedenen Tagesblättern hingewiesen worden, daher keine Jndiscretion, wenn es auch in einem Blatte, für jüdische Interessen bestimmt, besonders hervorgehoben wird. Diese drei Herren pflegte ich nach Bachur-Manier mit einem hebräischen Ausspruch zu bezeichnen: Tow Thora im Derech-Erez. Plotke erschien als tow, als die Güte in Person. Goldberger als Thora, da er in der rabbinischen Literatur Bescheid wußte, und Dr. Sommer als D6r6ch-Erez, als die Verkörperung des Anstandes und der feinen Sitte. '1884 übernahm Plotke nach bestandenem Assessor-Examen«-die Advocaturs-Kanzlei eines älteren christlichen Eollegen in dem mit Frankfurt durch eine Villenstraße verbundenen Bockenheim. Der alte ^College war auch Notar, und so wurde es auch Plotke. Bald darauf affociirte sich Justizrath Fuld in Frankfurt a. M. mit Plotke, worauf dieser natürlich ebenfalls dorthin übersiedelte. Diese Auszeichnung, Associer von Fuld zu sein, verdankte Plotke seinem Freunde Sommer, da sie eigentlich diesem zugedacht war, und er, die richterliche Karriere vorziehend, Plotke in Vorschlag brachte. War schon für Plotke der Aufenthalt in Frankfurt a. M. entscheidend, so wurde es in noch höherem Maße die Verbindung mit Justizrath Fuld. Dieser, ein Sohn des Rabbi Aron Fuld s. A., ist nicht nur einer der hervorragendsten Juristen Deutschlands, sondern auch ein wahres Genie in Vollbringung von edlen Wohlthaten. Justizrath Fuld ließ Plotke nicht nur in der Kanzlei sein treuer Mitarbeiter sein, sondern er ließ ihn auch an den wohlthätigen Actionen theilnehmen. Und nun konnte Plotke in's volle Leben auf dem Gebiete der Frankfurter Wohlthätigkeit hineingreifen. Bis dahin war er blos Zuschauer und Bewunderer der Wohlthäter in Frankfurt a. M. gewesen. So namentlich war ihm Director Dr. Baerwald Muster und Vorbild, nicht genug konnte Plotke den Edelsinn und die Arbeitskraft des Herrn Dr. Baerwald bewundern. Dieser schon in feinem Amte als Director einer sehr großen Anstalt, außerdem auch wissenschaftlich vielfach beschäftigt, fand nicht nur Zeit, in diversen Wohlthätigkeitsvereinen zu wirken, sondern hörte mit Ruhe und Geduld auch den geringsten Bettler an, und wenn er nicht Jedem gleich helfen konnte, fand er für ihn doch wenigstens ein gutes Wort. Das wußte Plotke und er sprach mit großer Bewunderung von Director Baerwald's Hochherzigkeit. Auch etwas wie Neid auf das wohlthätige Wirken des Dr. Baerwald glaubte ich aus seinen Worten herauszuhören. Und nun wurde es ihm bald wirklich vergönnt, selber so segensreich zu wirken und zu schaffen. Viele und verschiedene Factoren haben auf den Werdegang Plotke's vortheilhaft gewirkt, das Beste jedoch schöpfte er aus dem Born seines edlen Herzens, und da ich mich anschicke, das gute Herz Plotke's zu schildern, blutet mir selbst bei der Erinnerung das Herz. Plotke liebte und verehrte seine schlichten und braven Eltern mit nachahmenswerther Innigkeit; ein Zug verdient besonders hervorgehoben zu werden. Seine Gepflogenheit war es immer, wenigstens einmal ' in der Woche die Eltern durch ein Schreiben zu erfreuen, und zwar wußte er es so einzurichten, daß der Brief in ihre Hände beim Sabbath-Eingang gelangte, so ihnen ein Lebenszeichen gebend und zugleich den Sabbathgruß bietend. Diese Schreiben an seine Eltein war er bedacht, selber aufzugeben; als ihn jedoch einmal ein Unwohlsein hinderte, auszugehen und ich gerade bei ihm war. ersuchte er mich, das betreffende Schreiben im Vorübergehen in einen Postkasten zu