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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Sette 649 werfen. Allein ich steckte den Brief in ein Buch, das ich mit batte und ließ ihn dort bis Sonntag. Als ich mich daran erinnerte, ging ich Platte, um mein Versehen ihm zu melden; das machte ihn ganz unglücklich, und als ich ihn zu trösten versuchte, meinte er: Sie haben keine Ahnung, welcher Kummer den Eltern dadurch verursacht wurde; die gute Mutter hat sich gewiß die Thränen gewischt, verstohlen, damit der Vater es nicht merkt, und der alte Mann hat still qeseufzt, damit die Mutter es nicht hört, bis sie kummervoll sich zur Ruhe begaben und der Sabbath war für sie verstört. An einem Sabbath kam Plotke rasch in den Tempel; Dr.Horowitz war gerade im Begriff, die Kanzel zu besteigen, ich stand hart an der Thür des Tempels. Plotke stellte sich zu mir nnd meinte, heute bin ich bei Gericht rascher fertig geworden, weshalb ich herkam, um die Predigt zu hören. Während der Rede des Rabbiners schaute Plotke bald auf den Redner und bald auf einen vor uns siebenden alten Mann in polnisch-jüdischer Tracht. Nach dem Gottesdienste sagte Plotke zu mir: „Eine Predigt habe ich gehört und die andere gelesen". Dieser alte polnische Jude predigt, ohne es zu wissen. Sein kummervoller Gesichtsansdruck spricht Bände, es spiegelt sich darin wieder der ganze Schmerz unseres Volkes, der Druck, der auf den Inden während des Mittelalters lastete, er spricht aus dem Blick dieses Mannes. Wissen Sie was. sprach Plotke weiter, ich muß ihn sprechen, vielleicht ist ihm irgendwie zu helfen. Allein der polnische Jude war nicht mehr zu sehen. Am darauf folgenden Freitag sagte Polke, ich habe mich die ganze Woche umgeschaut, bin aber leider dem Manne nicht begegnet, nnd doch dürfte er noch hier sein; wer nach Frankfurt a. M. kommt, bleibt doch da, wenn nicht sein ganzes Leben, wenigstens einige Zeit. Ich gehe morgen wieder in den Tempel, ich glaube ihn dort zu finden. Plotke fand auch den alten Mann und wirklich mit etwas Geld nnd einem guten juridischen Rathe in einer Familienangelegenheit war dem Manne geholfen. Als der berühmte Politiker Eduard Lasker aus einer Reise 1884 in New-Pork starb, war Plotke noch damals Referendar und als solcher besaß er auch noch keinen Einfluß in der Gemeinde; da er ein glühender Verehrer Lasker's war, sprach er mit einer Persönlichkeit streng konservativer Richtung, daß die Judengemeinde in Frankfurt a. M. eine Trauerkundgebung veranstalte. Es wurde ihm aber darauf erwidert, daß Lasker nicht auf den Boden des Judenthums stand, daher von einer Kundgebung abgesehen werden müsse. Dieser Bescheid vorletzte ihn tief in der Seele und tiefbewegt sprach er zu mir: Der Gerichtssaal ist nicht mein Gebiet, ich brauche eine Kanzel, damit ich den Juden die Wahrheit sagen könnte. Ich erwiderte: Es ist schon recht, daß sie Jurist geworden sind; die Wirkung einer Predigt des " Rubbiners" ist durch die Gewohnheit abgeschwächt, die Predigt eines Rechtsanwaltes wird mehr Eindruck machen. Sie werden auch als Rechtsanwalt predigen. Und so war es auch. — Plotke sprach immer mit Wärme und Begeisterung öffentlich, wie auch einzelnen Personen gegenüber, er sprach und predigte, bis sein Mund sich auf ewig schloß. Auch sein Familienleben soll hier Ewätmung finden. Plotke faßte eine tiefe Neigung zu einer jungen Dame katholischer Eltern, zur Tochter eines Bildhauers. Die Neigung wurde erwidert nnd der Seelenconflict begann, der damit endete, daß die Dame zum Judentbum übertrat und mit Plotke sich verheiratete. Die Eltern der Dame waren mit dem Schritt ihrer Tochter nickt einverstanden, versöhnten sich aber später, als schöne Kinder der Ehe entsproffen. Der älteste Sohn steht jetzt im- 19. Lebensjahre. Zuletzt sah ich Plotke vor vier Jahren, es war nicht mehr der alte Plotke. wie er als Referendar und junger Rechtsanwalt war. nicht mehr die alte Heiterkeit, sondern fast gramgebeugt vor Sorgen. Und welche Sorgen waren es, die ihn niederdrückten? Die Sorgen um das jüdische Volk; er sprach mit mir von nichts Anderem, als von der schlechten Lage der Juden da und dort. Er wunderte sich über den schwachen Wohlthätigkeitssinn der Juden in Oesterreich. Nur selten leiten sie dort eine Aktion ein und thun wir es. so betheiligen sie sich am geringsten. Plotke verlangte von mir eine Erklärung für diese Erscheinung. Ich blieb ihm aber die Antwort schuldig. Nicht konnte ich Plotke diese letzte Ehre erweisen. — Ich lege dieses Blatt auf sein frisches Grab. Mähr.-Weißkirchen, 3. Oktober 1903. Dr. Jacob Rabbinowicz. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 4. Oktober 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath Klinger. Anläßlich des H'mscheidens des Vertreters der israelitischen Cultusgemeinde Wien Herrn k. k. Oberingenieur Arthur Edlen von Mises hat der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde Herr kaiserl. Rath K l i n g e r eine außerordentliche Plenarsitzung einberufen, zu welcher sämmtliche in Wien weilende Vorstandsmitglieder erschienen waren. Der Vorsitzende hielt folgende Ansprache an die Versammlung : Meine Herren! Es ist ein tiefbetrübender Anlaß, der uns heute hier versammelt; das plötzliche, unerwartete Hinscheiden unseres Collegen, des Herrn Vertreters k. k. Oberingenieur Arthur Edlen von Mises. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen.) Durch ein Telegramm der Gemahlin des Verewigten von dem Hinscheiden desselben in Kenntniß gesetzt, habe ich sofort der tiefen Trauer des Vorstandes durch nachstehendes Telegramm an die Witwe Ausdruck gegeben: »Tief erschüttert und schmerzlich bewegt durch die traurige Nachricht von dem Ableben Ihres Herrn Gemahls, unseres unvergeßlichen, um die Wohlfahrtseinrichtungen unserer Gemeinde außerordentlich verdienten Collegen bitte ich im Namen des Vorstandes und in dem unserer durch dieses Hinscheiden hart betroffenen Cultusgemeinde den Ausdruck des innigsten Beileides entgegenzunehmen.* Meine Herren! Wir alle betrauern in dem in der Blüthe seiner Jahre Dahingeschiedenen einen Mann, deffen unermüdliche Pflichttreue und hohe Auffassung freiwillig übernommener Ausgaben uns Allen beispielgebend vorangeleuchtet hat, einen lieben Collegen, der sich in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Thätigkeit als Cultusvorstand die ungetheiltesten Sympathien Aller erworben und sich ein unvergängliches Gedenken in der Gemeinde gesichert hat. Sein Hinscheiden bedeutet einen schweren Verlust für unsere Gemeinde und hinterläßt im Vorstands-Collegium eine fast unausfüllbare Lücke. Ganz besonders seine hingebungsvolle segensreiche Wirksamkeit für unsere Versorgungs-Anstalt steht in lebhafter Erinnerung und läßt uns den erlittenen Verlust doppelt schwer empfinden. Ich bin fest überzeugt, meine Herren, daß Sie Alle dem unvergeßlichen, treuen Collegen die letzte Ehre erweisen und an dem morgen stattfiidenden Leichenbegängnisse ausnahmslos theilnehmen werden, ebenso wie ich Ihrer Zustimmung dazu gewiß bin, daß an jener Stätte, deren Gedeihen dem Verstorbenen besonders am Herzen lag und welcher er seine ganze, große Kraft widmete, im Altersversorgungshause, im Beisein der Herren und Damen des Bersorgungshaus-Comitßs eine Trauerandacht (Hesped) abgehalten werde, zu welcher auch die Familie des Verewigten eingeladen werden wird, und daß weiters durch dreißig Tage ein Seelenlicht für den Verblichenen angezündet werde. Sie find gewiß auch damit einverstanden, daß diese Trauerkundgebung dem Protokolle einverleibt werde und daß ich der Familie des Verewigten auch schriftlich das tiefgefühlte, innige Beileid des Cultusvorstandes ausspreche. Ich erkläre die Sitzung für geschloffen.* Bon den bei der Sitzung nicht anwesenden Vorstandsmitgliedern sind Entschuldigungen eingelaufen, darunter von Herrn Cultusvorsteher Rudolf A u s p i tz nachstehendes an den Präsidenten gerichtetes Telegramm: „Ich bitte meinen innigen Antheil an dem schweren Verluste, welchen die Gemeinde durch das Hinscheiden des so tüchtigen, verehrten Collegen erlitten, auf diesem Wege aussprechen zu dürfen.* Antisemitisches Literatur-Rettungscorps. Die Majorität des Landtages hat in den letzten Tagen mit einer literarischen Sanirungsaction gedroht und die Schaffung eines arischen Autorenpreises für arisch-dramatische Production in Aussicht gestellt. Der Finanzausschuß des Landtages, die hiefür competente Vereinigung christlich-socialer Mäcene, hat sich mit diesem Plane beschäftigt und ihn in Form des folgenden Antrages zum Beschluß erhoben: »Zur Wiedererweckung einer heimischen, wirklich künstlerisch dramatischen Production wird ein jährlich zu verleihender Preis von 2000 Kronen gestiftet. Dieser Preis soll nur den dramatischen Werken niederösterreichischer Schriftsteller welche durch ihre arische Abkunft befähigt find, unverfälschte heimische Kunstwerke zu schaffen, und in keiner Weise mit dem Literaturring gemeinsam Vorgehen, verliehen werden. Die Beuriheilung der Werke, die wirklich künstlerischen Werth haben muffen, darf nur Personen anvertraut werden, welche in keinerlei Verbindung mit der gegenwärtigen Kunstelique stehen, ebenso darf für sie der momentane Bühnenerfolg nicht maßgebend wirken. Bei der Zusammensetzung der Preisrichter find nur unabhängige Künstler und Schriftsteller des Landes und Mitglieder des niederösterreichischen Landtages zu berücksichtige. Sollte der Pceis in einem Jahre nicht vergeben werden, so hat er nicht im nächsten Jahre verdoppelt, sondern auf mehrere Werke vrrthrilt zu werden. Ebenso kann auch der Preis bei gleicher Würdigkeit

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