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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Blocb’s Wocbenscbrttt, Seite 64o Mund spazierte er durch die Straßen und sah sich die Excesse an. Als . er den Polizeimeister im Kampfe mit den Räubern traf, rief er ihm »Jud" zu. Und derselbe Richter ist jetzt mit der Aburtheilung der Excedenten und der Schätzung des Schadens betraut! Zu der von oen Behörden mit der Abschätzung betrauten Commission gehört auch jener Kaufmann Petrotschenko, der notorisch einer der wüthigsten Rädelsführer war." Die russische« Iudrrrerresie bildeten das Thema einer 'Predigt beim Festgottesdienst am Dienstag den 6. d. M. im Tempel der Wiener isr. Cultusgemelnbe, Turnergasse 22. Anknüpsend an das Wort des verlesenen Propheten-Abichnittes: »Wenn es Nacht will werden, wird es yeller Tag" hat Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald Anlaß genommen, die Schreckensnachrichten aus Rußland zu erwähnen und für die heldenmüthtgen Dulder ein Geber zu sprechen. Der Redner erzählt in der Einleitung: Am Erst) Lukkotb des Jahres 3801 traf in Jerusalem der Bcfeyl des Kaisers Caligula ein, rm Tempel feine Bildsäule auszustellen. Der wahnsinnige Despot war aus den Einfall geratyen, alle Unterlhanen mußten ihn als Gott verehren. Aus Alexandrien war eme Gesandtschaft der dort überaus angesehenen Juoen nach Rom gegangen, um den Kaiser zu bewegen, seinen Beseyl zurückzuneymen. Sie wurde mir Spott und Hohn von chm abgewiesen. Der Führer der Gesandtschasr, der große Philosoph Philo, tröstete die Gefährten. Er ermayme sie, Gott anzurusen, die gerechte Sache lhm zu überlassen. Am Ereb Sukkoth erhielt der syrische Statthalter Petronius von Rom aus den Befehl, in Judäa emzurücken und das Herligthum zu Jerusalem in emen Götzentempel zu verwandeln. Aber Schimeon hatsaddik, der damarlge geistige Führer des Volkes, beruhigte seine Brüder. Sie sollten nur frohen Herzens das Sukkotyfest feiern, das drohende Unheil werde sie nicht erreichen. Petronius rückt mit zwei Legionen an die Grenze Judäas. Doch anstatt nach Jerusalem zu marschieren, bezieht er in der Grettzstadr Akko dre Winterquartiere. Denn als er sah, wie alles Volk zu chm strömte und ihn auf den Knien beschwor, ihrer doch zu schonen, da sie alle lieber sterben, als die Entweihung ihres Heiligthums dulden wollten, da wurde selbst das harte Tvloatenherz von Mitleid gerührt. Er wollte Zeit gewinnen. Biellercht würde der Befehl widerrufen. Blellelchr wendere sonst eln Erelgmß von diesen Hunoerttaujenden friedlicher Menschen das furchtbare Verhängnis ab. Selbst die jüdischen Großen, die sonst als Höflinge Roms sich zeigten, diesmal hielten sie zum Volke. Aus ihren Rath sendet Petronius an den Kaiser eiu Schreiben, in welchem er ihn milder zu summen sucht. Um jene Zeit weilte Agrippa, der jüdische König, am römischen Hofe. Er besaß, als Jugendfreund Caligulas, einen mächtigen Einfluß aus den Kaiser. Agrippa that, als ob der Nothschret seiner Brüoer ihn kalt und ohne TheUnahme ließe. Eines Tages veranstaltet er für Caligula uuo seinen Hofstaat ein üpplges Gastmahl, und in der Laune des Weines foroert der Kaiser ihn aus, eine Gunst sich auszubitten. Agrippa erbittet — die Zurücknahme des grausamen Edictes. Caligula sieht sich überlistet, sem kaiserliches Wort kann er nicht zurücknehmen. Und so erläßt er denn an den Statthalter von Syrien einen Brief, in dem es heißt: »Wenn mein Bild im Temper der Juden noch nicht steht, so lasse die Sache auf sich beruhen!" Inzwischen traf jedoch in Rom jenes Schreiben ein, welches Petromus an den Kaiser gerichtet, und in welchem er zu Gunsten der Juden seine Bedenken geäußert. Dieser Widerstand reizte den Zorn Caligulas. Cäsarenwahnsinn duldet keinen Widerspruch. Petronius mußte von den Juden bestochen sein, sonst war sem verhalten nicht zu erklären. Sogleich erging nunmehr der Befehl, unverzüglich ohne Schonung und Rücksicht oas frühere Elnct zu vollstrecken. . Noch war jedoch dieser Befehl nicht an Petronius gelangt, als in Jerusalem die Nachricht einlres, daß der Wülherich aus dem Throne der Cäsaren durch die Hand eines Söldlings den Tod gefunden. Das war am 22. Scheoat desselben Jahres 3801. Bier Monate nach jener ersten Schreckensbotschaft war Israel gerettet. Und als einen Freudentag bezeichnet der jüdische Kalender diesen Tag, an dem so wunderbar wahr geworden das Wort des Propheten am Sukkothseste: »Wenn es Nacht will werden, wird es lichter Tag." Dieses Geschehniß ist nur eine winzige Episode, ein verschwindend kleines Mosaiksteinchen in einem gewaltigen Gemälde, an welchem sie alle, die Völker der Erde ihre Kunst geübt, an welchem sie alle mitgeschaffen, in einem Gemälde, zu welchem Blutdurst und Beulegier, dämonischer Glaubenswahn und lichtscheuer Fanatismus diesen traurigen Künstlern die blutbefleckte Hand geführt. Dieses Gemälde heißt man: die Geschichte Israels. Redner schildert die Schrecknisse des Golus und sagt dann: Das Schrecklichste, was über emen Menschen, über ein Volk kann ausgesagt werden: »Das Zufällige" — das ward Israel aller Orten, das Nirgendsberechtigte, das überall Nichthingehörende. Sern Dasein duldet man nur so weit und so lange, als es dem Anderen, dem Berechtigten, beliebt, sich ihm lohnt, ihm frommt, ihm von Vortheil, von Nutzen scheint. Das Land, welches jeder Andere, selbst der Mörder, als sein Vaterland lieben darf, das Land, dessen Sonne auch ihnen scheint, das die Wiege ihrer Kinder, die Gräber ihrer Eltern trägt, das Land, für dessen Ehre ihre Söhne ihr Herzblut vergießen, das Land ihres Lebens und Strebens, all seine Blüthe und Entwicklung, all feine Einrichtungen und Bestrebungen, alles, alles, nur dem Juden ist es Feind. »Verachtet", »verworfen" sind sie, das Fremde, Störende, das sich nirgends anpaßt und die Einheit des Staates stört; überall ein Element, das der Staat, wenn er gesunden will, ausscheiden, ausmerzen, auswersen muß. Einen Ukas zu ihrer Ausrottung fordert die Raubthierpolitik eines Haman. Mit dem Schwert in der Rechten und allen Künsten der Verführung in der Linken geht Anttochus zu Werke. Was der rohen Gewalt Physisch zu erlösten nicht gelingt, mag der diabolischen Milde der Verführung moralisch zu morden glücken. Die Politik aber erreicht am sichersten ihr Ziel, die Gewalt und Verführung gleichzeitig gebraucht, mit zäher Ausdauer beides verfolgt. Es kam eine neue Zeit. Eine Rettung schien Israel zu winken. Die ganze Welt nahm aus den Händen dieser »Verachteten", »Verworfenen", der »Vernichtung Geweihten" ein Buch entgegen, in dem sie selbst die Erlösung der Menschheit, ihre Errettung von der Verwesung des Heldenthums begrüßte, ein Buch, welches fortan als die Grundlage aller ferneren Gesittung und Heilsentsaltung verehrt wurde. Man konnte nicht umhin, dem ersten Empfänger und treuen, todesmuthigen Bewahrer dieses heiligen Buches, dem verachteten Juden, einen »besonders göttlichen" Ursprung zuzujprechen. Aber siehe da! Schon war eine Ausflucht gefunden. Das Göttliche an Israel, das war einmal, Gott aber hat sie zerstreut und damit »seinen Bund mit ihnen gelöst". Einst waren sie die Erwählten, jcht find sie die von Gott Verfluchten. Gerade das. was eine Rettung geschienen, es hat den Judenhaß und die Judenverfolguiig zur Religion erhoben. Israels Hoffnungsschimmer schien für immer erloschen. Das Gotteswort aoer, welches den Verlauf der düstern Geschehnisse mit einer herzzerreißenden Naturtreue vorher angekünoigt und ui brennenoen Farven gemalt, zeigt am Schluffe die herrliche Verheißung: „Und dennoch, selbst wenn sie in Feindesland leven, ich habe sie nicht verachtet; ich habe sie nicht verworfen; ich lasse sie nicht vernichten; meinen Bund mit ihnen breche ich nie und nimmer!" (1IL. B. Mose, Cap. 26, V. 44). Ja, je düsterer die Nacht uns drohte, desto lichter kam der Morgen. Und dieses — »Und dennoch" in der Verheißung Gottes macht nach dem Geständmß der Feinde die Geschichte Israels zu einem grandiosen Räthsel, das sich aller Berechnung entzieht und aller Staatskunst spottet. Es zeigt unwiderlegbar als den Lenker der Geschicke den einig einzigen Gott, es verkündet vor aller Welt: das Sittliche allem ist die unüberwindliche Macht, ist die einzige unzerstörbare Kraft im Leben der Menschen, der Völker und Staaten. Doch Ihr werdet mich fragen: Weshalb so traurige, blutige Erinnerungen wecken an einem »Freudenfeste", weshalb vom Haffe der Völker reden, an dem Feste, das dem Gedanken der Völkerverbrüderung gewidmet ist? Nun, meine Freunde, noch spricht Alles von den schrecklichen Ereignissen von Kqqenew und Homel, noch beben alle gesitteten, alle menschlich fühlenden Herzen von jenen erschütternden Botschaften, noch hallen uns ui Athem jene entsetzlichen Berichte und schon umschwirren uns neue unheimliche Gerüchte von Greuelthaten gegen unsere Brüder. Wer diese Vorgänge seit Jahren mit offenem Auge betrachtet, der erkennt eine planvolle Absicht, aus dem großen benachbarten Barbarenreich den jüdischen Bolksstamm auszurotlen.

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