Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Pinsk 2× ep/1045440
- Minsk 1× ep/1000754
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Seite 644 Dr. Vlocb's Mocvenscbrttt. Nr. 41 solution, welche die russischen Juden vor jeder übereilten Auswanderung warnte. Auf dem letzten Baseler Congresse hat Dr. Herzt betont, daß das zionistlsche Actionscomite den Massen der bedrängten Glaubensvrüder das Zeichen zum Ausbruche noch nicht geben könne. Aber die russischen Juden haben nicht mehr Zeit, 0er Berliner Warnung zu folgen und sich der Baseler Vertröstung zu fügen. Herr v. Plehwe drängt und er hat es so eilig, daß er nicht emmat warten will, bis er Gelegenheit gefunden hat, sein Versprechen eiuzulösen, wonach er den Sultan zur Oeffnung Palästinas bewegen will. Herr von Plehwe drängt, und da in diesem Augenblicke weder Palästina noch Ost-Afrika den Flüchtenden offen stehen, wird die europäische Diplomatie in kürzester Frist durch dle-Thatsacheu belehrt werden, daß die Judenfrage nicht blos eine innere Angelegenheit Rußlands, sondern eine Angelegenheit der ganzen Culturwelt ist. Diese Diplomatie ist fürwahr schon um geringfügigere Ursachen in geräuschvolle Action getreten, und wir meinen, daß die einzelnen Staaten schon aus Selbstsucht, schon zur Ableitung der drohenden Gefahr von ihren eigenen Grenzen so rasch als möglich daran gehen sollten, die Lösung der Judeufrage gemeinsam und einvernehmlich in die Hand zu nehmen. Die Berufung aus Menschlichkeit und Civllisation ist, soweit die Juden in Betracht kommen, allerdings längst obsolet geworden. Man echauffirt sich allenfalls für die Christen in Armenien und Macedouien, für die Buren in Südafrika, für die Kuli in China oder gar für die Papua auf den Südseeinseln, aber für das gehetzte jüdische Volk ersteht in unserem gesegneten, von „christlicher Nächstenliebe" getränkten Zeitalter kein Vertheidiger mehr. Mau würde uns als blöde Idealisten verlachen, wenn wir einen internationalen Congreß im Interesse der verfolgten Juden verlangen würden. Ein solcher Congreß ist aber nothwendig geworden im Interesse der von den jüdischen Auswanderern bedrohten Staaten. Der Czar konnte entrüstet die Petition, die ihm Präsident Roosevelt übermitteln wollte, als einen Eingriff in die inneren Angelegenheiten Rußlands zurückweisen. In dem Augenblicke aber, wo die jüdischen Unterthanen des Czars sich in Massen in Bewegung setzen und die Grenzen überflutheu, ist das keine innere Angelegenheit Rußlands mehr, und die Staatsmänner der ganzen Welt sind gezwungen, sich mit ihr zu beschäftigen. So wenig die jüdischen Parias in Rußland warten können, so wenig können Europa und Nordamerika warten. Die Aufgabe eines solchen mteruationalen Congreffes wäre es, nach der einen Seite ein Territorium zu finden, welches die vertriebenen Juden aufnimmt und die Gewähr für die Sicherung ihrer Existenz bietet, auf der anderen Seite aber Rußland zu zwingen, daß es seine barbarischen Maßregeln gegen die Juden derart mildere, daß die Auswanderung nicht plötzlich, sondern allmählich erfolge und durch internationale Bestimmungen geregelt werden könnte. Wird es zu einem solchen Congresse kommen? Er scheint uns unausweichlich. Die Frage ist nur, ob seine Berufung rechtzeitig geschehen wird. * * * Aus Pinsk (Gouvernement Minsk) geht der »Jüdischen Presse" nachstehende Zuschrift zu: »Immer betrüblicher offenbart sich die Thatsache, daß nunmehr auch der russische »Regierungsvote" zu Zwecken der Judenhetze mißbraucht wird, und zwar kann dies nur von sehr hervorragender Stelle geschehen, da selbstverständlich Niemand sonst auf dieses Organ, durch welches die Regierung spricht, Einfluß zu üben vermag. Am letzten Montag brachte das Blatt in seinem amtlichen Theile folgende Mitthellung: »Am 30. August (a. St.) wurde in Pinsk in der Straße, in welcher die Synagoge liegt, ein elfjähriger Knabe Namens Klffelew, als er gegen 9 Uhr Abends aus der Kathedrale in der Lagoschunerstraße heimkehrte, von drei Juden überfallen, bis zur Bewußtlosigkeit mit Stöcken geschlagen, an der Hand verwundet und halbtodt am Ufer des Prna-Fluffes hingeworfen. Dort wurde er von drei Schlffsarbeilern ausgesunden. Als er zur Besinnung kam, erzählte er den Vorfall mit dem Hinzusügen, daß einer der Juden Samuel Pomeranz heißt. Der Ueberfall erfolgte plötzlich und ohne jeden Anlaß. Der locale Untersuchungsrichter ist mit der Angelegenheit beschäftigt." Soweit der »Regierungsbote. * Was ist an dieser Räubergeschichte Wahres? Am vergangenen Montag traf der Gouverneur von Minsk völlig unerwartet in Pinsk ein. Der Genoarmerie-Oberst, der Potizeimeffter und der Jsprawnlk (Landrath) begegneten ihm aus dem Bahnhofe. Seine erste Frage war: »Was ist's mit dem Jungen Kissetew?" Die Spitzen der Octsbehörden waren nicht wenig erstaunt: sie wußten nämlich absolut nichts von dem geringfügigen Vorfall und verwunoerlen sich deshalb doppelt, zu hören, oaß der Gouverneur die telegraphische Ordre aus Petersburg erhalten hatte, sich wegen dieses Vorfalles sofort nach Pinsk zu begeben. Die nunmehr angestellte Untersuchung ergao Folgenoes: Der Kisselew ist nicht ein »elfjähriger Knaoe", sondern ein achtzehnjähriger, sehr rabiater, streitsüchtiger Bursche. Als er mrt seinem ständigen Spielgenossen Samuel Pomeranz am Ufer der Pina (nach einer anderen Version bei einer Kahnfahrt über die Pina) Boxen spielte, bekam er mit demselben Händel, erhielt dabei einen Ritz an der linken Hand, der längst vernarbt ist und so unbedeutend war, daß er schon am Tage nach der Schlägerei zur Arbeit ging. Die beiden Burschen sind längst wieder ausgesöhnt und treiben sich zusammen auf den Straßen umher. Dies das tyatsächliche Vorkommmß, das von dem »Regierungsboten" so romanhaft ausgeschmückt und in die Welt hinausposaunt wurde. Man fragt sich verwundert, wer in Pinsk ein Interesse daran halte, diesen verlogenen Hetzbericht im »Regierungsboten" zu veröffentlichen? Bereits eilten Tag, nachdem derselbe erschienen war, richtete Herr Constantin Kisselew, der älteste Bruder und Vormund des angeblich »halbtodt" geprügelten Joseph K. nachstehendes Telegramm an den »Regierungsboten": »Zur Feststellung der Wahrheit dementire ich hiermit in aller Form die Mittheilung über den Vorfall vom 30. August, wonach die Juden meinen Bruder Joseph Kisselew geschlagen haben sollen, noch dazu mit einer bestimmten Absicht. Wahr ist, nur, daß derselbe mit einem Nachbar - und College»^ Streit hatte, wahrend dessen er an der Hano verletzt wurde. In meiner Eigenschaft als ältestes Mitglied der Familie bitte ich unterlyänigst um Abdruck dieser meiner Widerlegung im »Regierungsboten" und ersuche zugleich alle diejenigen Blätter, welche die Mittheilung ausgenommen haben, auch diesem Dementi Raum zu geben." Dieses Telegramm, das von dem Chef des hiesigen Telegraphen-Bureaus durch Unterschrift und Stempel beglaubigt wurde, ist am 22. September abgegangen, aber bis heule, den 27. September, von dem »Regierungsboten" nicht veröffentlicht worden und wird auch nicht veröffentlicht werden. Nun vergegenwärtige man sich, daß gegen dieses amtliche Organ nicht polemisirt werden darf, daß ferne Mittheilungen als unvezweiselvare Tyatsachen gelten müssen und gelten. Man vergegenwärtige sich ferner, daß das Blatt sämmtlichen Behörden des ungeheuren russischen Reiches, den obersten wie den niedrigsten Instanzen, zugeht, also m Hunderttaufenden von Exemplaren verbreuet ist. Braucht da me furchtbare Gefahr erst geschildert zu werden, welche die bloße Thatsache, daß ein derartiger Bericht an dieser Stelle veröffentlicht wird, m sich birgt? Es wäre Kurzsichtigkeit, sich darüber zu täuschen, daß einflußreiche Instanzen, denen der »Regierungsbote" als Sprachrohr zu Gebote steht, geschäftig am Werke sind, den Judenhaß zu schüren. Kann es da Wunder nehmen, daß das Beispiel von Klschenew in Homel blutige Nachahmu g gefunden hat, daß sich der ruffischen Judenheit wachsende Unruhe bemächtigt und daß namentlich dem bevorstehenden Jom Kippur mit schwerer Besorgniß entgegengesehen wird?“ Die Exceffe in Homel trugen einen sehr ernsten Charakter. Das Verhallen der sogenannten Intelligenz uno der Behörden illustrirt folgende Thatsache: »Em achtjähriges jüdisches Mädchen war der Liebling eines Officiers und feiner Frau, welche bei dessen Eltern Quartier hatten. Als beim Ausbruch der Krawalle eine Horde das Haus stürmte, flüchtete sich das / Kind in die Wohnung des Officiers und bat um Schutz, der ihm aber verweigert wurde. Die Unglückliche liegt jetzt an den erhaltenen Wunden schwer darnieder. Der Friedensrichter M., Besitzer eines Hauses, dessen Bewohner Juden sind, ließ diese seine jüdischen Miether nicht im Hause. Mit der Cigarre im