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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 646 Dr. Mocb's Wochenschrift, Rr. 41 Millionen unserer Brüder zittern heute vor dem Schwert des Henkers. Am Lrelr Lukkottt 5664 ereilte uns ein Gerücht, so grausig wie jener Befehl Caligulas, der vor 1863 Jahren am Lreb Sukkoth Jerusalem entsetzte, ein Gerücht nur, das aber klar zeigt, in welcher Gefahr, in welcher Verzweiflung unsere russischen Brüder leben. Bis in's innerste Mark getroffen, fühlen wir brüderlich mit jenen Unglücklichen. Wir nehmen den innigsten Antheil an ihrem namenlosen Leide und voller Bewunderung blicken wir empor zu ihrem beispiellosen heldenmüthigen Märtyrerthum. Redner erzählt von den Leiden und Drangsalen der russischen Juden und fährt dann fort: Aber auch die göttliche Verheißung: „Ich werde sie nie und nimmer verachten, nie und nimmer verwerfen, nie und nimmer meinen Bund mit ihnen lösen", bewährt sich hellstrahlend in dem Sittenzustand unserer russischen Brüder in und trotz der namenlosen Verfolgung. Ein gefeierter russischer Kirchenfürst, Erzbischof Nikanor von Cherson und Odessa predigte im September 1889 über die Juden. Was sagte er von ihnen? Erzählte er von ihrer Verworfenheit? ihrer Verderbniß? ihrer Arbeitsscheu? ihrem Wucher? ihrem Gojimhaß? O nein! Ec hielt sie seinen Zuhörern als Muster vor. empfahl ihre menschlichen und bürgerlichen Tugenden zur Nachahmung. Mit flammender Beredtsamkeit pries er ihren Fleiß, ihre Nüchternheit, ihren Bildungsdrang, ihre Shulfreundlichkeit, ihre Familienreinheit, ihre Kindestreue. Zum Schluffe rief der ehrwürdige Redner seinen Zuhörern zu: „Blicket hin auf jene Juden, denkt an sie, lernet von ihnen!" Ein genauer Kenner der russischen Verhältnisse, ein Nichtjude, ein hervorragender englischer Schriftsteller, Lanin, fällt rn einer der angesehensten Zeitschriften über die Juden Rußlands folgendes Ürtheil: „Eine der Maßregeln, die man gegen diese Juden angewandt hat, sie würde hinreichen, um drei Viertel aller Christen Rußlands in einer Woche zum Schamanenthum oder zum Buddhismus zu bekehre», und der Umstand, daß gegen sechs Millionen Menschen standhaft und rreu verharren bei einer Religion, die ihr Leben in einen Feuerofcn verwandelt, aber ohne den Engel, der Kühlung zuführt, diese Thatsache kommt einem grandiosen Wunder gleich, das unser ungläubiges Zeitalter zu schauen gewürdigt wird." Unsere armen russischen Brüder beten heut' am Sukkothfeste angsterfüllten Herzens. „Mich umfingen die Bande des Todes, die Qualen der Hölle trafen mich, Noth leide ich und Kummer, und dennoch, o Herr, Dich rufe ich, Dich bekenne ich, hilf uns in unserer Noth, in unserem Todesbangen." Und mit diesen unglücklichen armen Brüdern wollen wir uns jetzt vereinen in dem Gebet zu Gott, dem Allmächtigen: O Herr, der Du mit unseren Vätern warst, als sie vierzig Jahre lang zogen durch sengenden Wüstenbrand, der Du die schwanken Hütten stütztest, daß sie jedem Wetter, jedem Sturm widerstanden, der Du uns dulden und ertragen heißest, bis auf diese Nacht der Geister und Herzen ein lichter Morgen folgt, o Herr, gib unseren leidenden Brüdern in ihrer Noth, in ihren übermenschlichen Qualen die Kraft, dieses Dulderthum treu und heldenhaft zu tragen, lasse Deine wunderthätige Rechte ihnen Trost und Hilfe reichen, halte ein die Greuel, das Blutvergießen, gib, daß jene armen Brüder, aus Kummer und Noth gerettet, aus vollem Herzen Dir danken sollen : „Ich sterbe nicht, ich lebe und verkünde die Wunder Gottes" in alle Ewigkeit. Amen! Cultnsgememdevorfteher Arthur Edler »o« Mises. Tiefe und aufrichtige Theilnahme erregt in weiten Kreisen der Wiener Judenbeit das Hinscheiden des Bertteters der israelittschen Cultusgemeinde Oberingenieur Arthur Edlen von Mises, welcher in Halberstadt nach einer Operation im 50. Lebensjahre gestorben ist. Das Eisenbahnministerium verliert an dem Heimgegangenen einen seiner tüchtigsten Beamten, dessen Fleiß, Begabung und hingebungsvolle Pflichterfüllung allgemein anerkannt wurden. Herr von Mises betheiligte sich mit vollem Herzen an humanitären Werken, er selbst gab mit Wohlwollen, und wo er nicht geben konnte, da half er voll tiefen Mitempfindens für Anderer Noth, daß diejenigen gaben, die mit mehr Glücksgütern gesegnet waren als er. Er war eines der fleißigsten Mitglieder des Cultusvorstandes, ein Muster der Pflichttreue und der Hingebung. Insbesondere der Verwaltung des Alterversorgungshauses und des Siechenheims widmete er eine wachsame Pflege, wie er denn überhaupt auf dem Gebiete der Armenpflege wichtige Referate führte und sich bei seinen Vorstandscollegen hohes Ansehen und Liebe erwarb. Viele Jahre hindurch Vorstandsmitglied und in den letzten Jahren Obmann des Vereines „Beth Israel", widmete er dem Gedeihen und der Entwicklung dieses Vereines Zeit und Kraft. Sein Tod hat eine unersetzbare Lücke zurückgelasien. Ihm stand in allen guten Werken auch seine gleichgesinnte Frau bei, mit der er in glücklichster Ehe lebte. Sein häusliches Glück wurde vor wenigen Jahren gestört, als ein junger, hoffnungsvoller Sohn starb. Mit Ergebenheit trugen die Eltern den schweren Schlag und fanden Trost in der guten Entw cklüng ihrer beiden anderen Söhne. Nun hat das Schicksal wieder mit rauher Hand in die Familie hineingegriffen und ihr das theuere Oberhaupt entrissen. Die nächsten Angehörigen, die sich nach Halberstadt begeben halten, um die Leiche nach Wien zu geleiten, wissen nicht genug begeisterte Worte zu finden, um bie liebevolle Fürsorge zu schildern, mit der sie vom Vorstände der israelitischen Gemeinde und der Chewra-Kadischa in Halberstadt in diesen schweren Stunden umgeben wurden. Der Leiche des unbekannten Fremden wurde gleiche Ehre zutheil, als wäre es die des vornehmsten Gemeindemitgliedes gewesen. Alle rituellen Handlungen wurden von den Mitgliedern der frommen Bruderschaft, der die angesehensten Gemeindegenossen angehören — bezahlte Funktionäre kennt man dort dem jüdischen Herkommen gemäß überhaupt nicht — eigenhändig vorgenommen. Der Sorge um die Erfüllung all der umständlichen und peinlichen Formalitäten, die mit der Ueberführung einer Leiche verbunden sind, wurden die Angehörigen in der aufmerksamsten Weise überhoben und die ganze Bruderschaft gab der Leiche zu Fuß das letzte Geleite nach dem fünf Viertelstunden von der Leichenhalle entfernten Bahnhofe. Der Präsident der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, kaiserl. Rath H. Kling er, hat infolge einer Anregung der trauernden Witwe, sowohl dem Gemeindevorstand, als auch der Chewra-Kadischa in Halberstadt telegraphisch den Hank, ausgesprochen. Das Leichenbegängniß fand Montag den 5. d. M. unter zahlreicher Betheiligung statt. Im Trauerhause fanden sich schon lange vor Beginn der Ceremonie zahlreiche Trauergäste ein, unter welchen zu bemerken waren : Von der isr. Cultusgemeinde Präsident kais. Rath Heinrich Kling er mit den Bicepräsidenten Dr. Alfred S t e r n und Landesschulrath Dr. Gustav Ko h n, den Vorstandsmitgliedern Dr. Alfred Berger, Docent Dr. Josef Breuer, Herrn Salo Cohn, Prof. Hr. S. Ehrmann, H. Eltbogen,Architekt Max Fleischer, kais. Rath M. Hirsch, Procurist Emil Horner, Dr. Felix Katzau, Dr. Arthur Kuranda, Siegmund Kauders, kais. Rath Wilhelm Pollak, Oberfinanzrath Dr. B. Rappaport, Bezirksschulrath Dr. M. Spitzer, Baurath Wilhelm Stiaßny, Gottlieb Taussig, Herrn Theodor Ritter von Taussiz und kais. Rath I. Weil, den ersten Secretär kais. Rath Dr. Theodor Lieben, dessen Stellvertreter Dr. Adler und den Bethausvorstehern Ad. Rosenbaum, Ad. Schrameck und kais. Rath Jgn. Wilhelm, Obmann S. Steiner, die Präsidenten der Bethausvereine G. v. Bettelheim, Hoflieferant W. Beck, Dr. Ludwig Straßer, Michael Straßer, der Biceprästdent der türkisch-israelitischen Gemeinde Licco Adutt, die Vorsteher der israelitischen Armenanstalt Josef Jelinek und A. M. Pollak, Oberstabsarzt Dr. Schaff aus Lemberg, die Rabbiner Bach, David, Feuchtwang, Gelbhaus und Grunwald, Mayersohn, Reich, Rösenmann und Taglicht, die Obercantoren Bauer und Jurberger, Regierungsrath Dr. Schlag, Docent Dr. Grünfeld, Oberbaurath Friedrich Benedikt, kais. Rath Dr. S. Kohn, Schriftsteller Dr. M. Landau, Bereinsprästdent S. Brod, Dr. Zins, Dr. Wagner, die Vorsteher der Chewra- Kadischa Heit und Kann, der Centralverband zur Unterstützung armer isr. Wöchnerinnen vertreten durch Frau Baronin Königswarter, Frau kais. Rath Dr. Koh n, Frau Baumeister Zifferer, Frau Baurath Stiaßny, Frau Johanna Fröhlich, das Ehren- Damencomit^ des israel. Altersversorgungs- und Siechenhauses mit der Präsidentin Frau Jda Diamant an der Spitze, der Frauen-Wohlthätigkeitsverein Josefstadt vertreten durch die Präsidentin Amalia Beck und die Bicepräsidentiu Frau Bertha Rosenbaum, der Brigittenauer Frauen-Wohlthätigkeitsverein vertreten durch die Borstandsdamen Katharina Kohn, Louise Gallia und Adele Stern, der Leopoldstädter Frauen-Wohl-

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