Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 36 Seite 572 Dr. Mocb s Mocbenscbdft. kann man sich nicht ereifern, sondern ergötzen. Eine drollige localhistorische Erscheinung war es aber, daß die Antisemitenblätter den Gast des Kaisers mit Artikeln empfingen, in welchen sie jede Sympathie mit den Unterjochern des Burenvolkes ablehnten, deren Repräsentant König Eduard sei, und daß das Oberhaupt der Antisemiten sich in Gala wirft, um diesem selben König seine Aufwartung zu machen. * * * „Der Kampf gegen die Juden Saborsky*. so lautete im .Deutschen Volksblatt* der Titel des Berichtes über den Ehrenbeleidigungsproceß der Biehcowmissionäre Saborsky gegen den Fleischhauer I e d e k. Die Saborskys sind Juden, Jedek ist Antisemit; damit war die Parteinahme der Antisemitenpresie von selbst gegeben. Wäre Herr Jedek ein Verbrecher und Herr Saborsky das Ideal eines edlen Charakters, so hätte das an dem im Vorhinein gefaßten Urtheile antisemitischer Stimmungsmacher nicht das Geringste geändert. Recht und Wahrheit kommen da nicht in Frage. Zufällig treffen aber beide Voraussetzungen nicht zu. Herrn Jedek fällt nichts Anderes zur Last, als daß er in dem wirthschaftlichen Kampfe der Fleischhauer gegen das drückende Monopol einer Firma Beschuldigungen vorbrachte, deren Richtigkeit er beweisen will, während die klageführende Firma diese Beschuldigungen als unwahr erklärt. Ob und inwieweit dieser Wahrheitsbeweis erbracht wurde oder nicht, das hätten eben die Geschwornen beantworten sollen, und bei geordneten Rechtszuständen ist es selbstverständlich, daß hiebei die Frage nach der Confeffion der Kläger unmöglich in Betracht kommen kann. Die verschiedenen geschäftlichen Kniffe und Uebervortheilungen, die im Vieh- und Fleischhandel Vorkommen mögen, haben durchaus kein confeffionelles Gepräge. Die Herren Saborsky sind auch uns, ob sie Juden seien oder nicht, durchaus nicht sympathisch. Ihre rücksichtslose und monopolistische Ausbeutung des Viehhandels auf den Märkten von Wien und Budapest ist häufig genug auch in den sogenannten Judenblättern als ein die christlichen und jüdischen Fleischhauer in gleichem Maße bedrückender Uebelstand beklagt worden. Ob damit die von Herrn Jedek vorgebrachten Beschuldigungen gerechtfertigt sind oder nicht, ist eine Frage, der wir nicht vorgreifen dürfen, weil sie erst von den Geschwornen zu beantworten sein wird. Diesmal ist es zu dieser Entscheidung bekanntlich wegen des sensationellen Zwischenfalles mit dem Geschwornen Rauscher nicht gekommen. Dieser Herr hat während des Proceffes eine prononcirte Aeußerung des als Zeugen vorgenommenen Fleischhauers H ü t t e r mit lauten Bravorufen ausgenommen und diese Bravorufe dann durch eine öffentlich abgegebene Erklärung commentirt, die von der .Deutschen Zeitung* publicirt wurde. Er habe deshalb Bravo gerufen, erklärte er, weil Herr Hütter der einzige Zeuge war, der den Muth hatte, die Wahrheit zu sagen. Die vorzeitige Kundgebung seiner Ansicht seitens eines Geschwornen ist nicht blos taktlos, sondern eine flagrante Verletzung des Gelöbnisses, nichts unerwogen zu lassen, was dem Angeklagten zum Vortheile oder Nachtheile gereichen kann. Der gewissenhafte Geschworne wird also sich davor hüten, vorzeitig und vor gänzlicher Durchführung des Verfahrens seine Ansicht zu formuliren, geschweige denn sie bekaantzugeben, weil er sonst in die Lage kommt, alle später vorkommenden Umstände unerwogen zu lassen. Unerhört und strafwürdig ist aber das Vorgehen, mitten im Proceß mit einem Journalisten in Verkehr zu treten und im Widerspruche zu dem Eide, welcher eine Rücksprache mit anderen Personen als mit den Geschwornen verbietet, ihm eine Erklärung zu dictiren, durch welche er überdies die Kraft der Beweismittel in unerlaubter Weise erörterte. Hier liegt ein eklatantes Beispiel dafür vor, wie der corrumpirende Einfluß christlich-socialen Parteigeistes auch die Unbefangenheit der Justiz bedroht. Es wäre ein Unrecht, die ganze Verantwortung dem Geschwornen Rauscher allein aufzubürden. Auch die .Deutsche Zeitung* mußte wissen, daß der Geschworne durch die Abgabe seiner Erklärung seinen Eid und das Gesetz verletzt. Die Veröffentlichung dieser Erklärung seitens des genannten Antisemitenblattes ist eine christlich-sociale Lumperei. Den Herrn Ferdinand Rauscher aber kommen sehr wesentliche Milderungsgründe zustatten. Eine Stadt, deren Machthaber die Justiz begeifern, wenn sie ihnen nicht zu Willen ist, und in welcher der Eid auf die Staatsgrundgesetze als eine lächerliche Formalität behandelt wird,, die man nachträglich nicht zu erfüllen braucht, sondern täglich mit Füßen tritt, erzeugt auch Geschworne ä la Ferdinand Rauscher. Isegrim. Antrittspredigt des Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald, gehalten am 29. August 1903 im Tempel der israelitischen Cultusgemeinde Wien, XV., Turnergasse 22. Meine Freunde! Liebe Gemeinde! Wie finde ich die Worte, um in vollen, ungebrochenen Tönen, in seiner ganzen Wärme und Innigkeit ausklingen zu lassen den Jubel, der heule mein Herz erfüllt, den lauten, fröhlichen Widerhall, den Euer Freundesgruß in meiner Seele weckt? Wohl wünschte ich, ich könnte vor Euch hintreten, wie jener ruhmgekrönte Held im alten Rom vor seine Richter. Er brauchte keine Worte. Die Narben wies er nur auf offener Brust, die Wunden, aus denen er geblutet für sein Volk, sein Vaterland. So wünschte ich, ich könnte heut' mit Erfolgen zu Euch reden. Euch mit Thaten danken. Doch diese Thaten soll ich erst vollbringen. Und werde ich sie vollbringen, werde ich das leisten, was Ihr von mir erwartet, nach dem Vorgänge solcher Männer, wie sie vor mir gewaltet an dieser heiligen Stätte? Sagt doch der Talmud gar: wpa* mxsat \i ybtb nun mn nx vbö wpa* bx ixb vxi t>bö min „Einem Engel Gottes soll der Rabbiner gleichen, nur dann soll man Belehrung suchen aus seinem Munde, sonst nicht!" Ernst wird mir zu Muthe in dieser Stunde, ernst wie dem Bräutigam, der Braut, wenn sie vor Gott den Bund der Treue schließen. Monate, vielleicht Jahre lang sehnten sie sich nach dieser Stunde, der Gipfel ihres Glückes will sie ihnen dünken, und nun sie da ist, die ersehnte Stunde, da wird das Herz so schwer. „Werde ich halten, was ich gelobe? Wird Segen sprießen aus unserem Bunde?" Und heiße Thränen stillen Kummers perlen an den duftenden Kelchen der Freude, die Liebe und Freundschaft rings umher gebreitet. So fühle auch ich mich mitten in all dem prangenden Schmucke ernst und beklommen. .. Da dringt in das Herz mir, ermannend und tröstend, der Ruf des Propheten, der morgen in allen Gemeinden Israels ertönt: Es spricht der Herr '»“wi nx 'v „Wer bist Du. daß Du Dich fürchten dürftest"? . . . „Ich, der das Meer beschwichtigt, wenn seine Wogen tosen, ich, der die Herzen der Menschen lenkt, — ich bestelle Dich, Menschenherzen zu leiten". -s'S2"121 2'VXI "pn'EO T *7221 px 110H1 nnx jvaf1? ibxbi „Ich lege meine Worte in Deinen Mund und mit dem Schatten meiner Hand bedecke ich Dich, einen Himmel zu pflanzen und eine Erde zu gründen und zu Zijon zu sprechen: „mein Volk bist Du". Aus diesem Gottestroste schöpfe ich Kraft und Zuversicht". Denn dieses Wort weist mir sicher und klar das Hochziel meines Wirkens, zunächst den Weg, der zum Ziele führt. I. Zunächst den Weg. Meine Freunde! Der Schiffer, der sich hinauswagt auf die hohe See, nimmt einen doppelten Compaß mit. Stunde um Stunde vergleicht er sorgsam den einen mit dem anderen. Stimmen beide zusammen, dann steuert er die rechte Bahn. Wie der Leiter des Schiffes, muß auch der Leiter der Gemeinde einen solchen doppelten Compaß befragen. Auf der einen Seite das leuchtende Vorbild, die heilige Urgestalt eines Propheten Altisraels, der in kühner Rede mit der Gottesstimme, vx mm*? asm Blitze sprühend und Feuersflammen, mahnend, warnend, drohend, zürnend, dem Volke und seinen Fürsten ihr Vergehen vorhält, die lebendige Verkörperung der pn ms, der Unerbittlichkeit und nachsichts-