Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Wlocb's MtocbenscbrM. Sette 571 Kenia überragt werden. Wie jener einst durch die vulkanischen Kräfte gehoben wurde, verräth das übrige Land in den rundgewölbten Gipfeln noch seinen Ursprung, und eben darum ist es ungemein fruchtbar. Durch die Thäler strömen, von den hochragenden Gipfeln kommend, wasserreiche Bäche und Flüsse. Sie werden den Ansiedlern die Wasserkraft für vielerlei Zwecke, vor Allem für elektrische Turbinenanlagen, liefern. Die Thäler umschließt ein an Baumarten reicher Galerienwald, in dessen Schatten Moose und Farne wuchern, die Banille ihre Ranken um die Aeste schlingt, bunte Orchideen auf niedergesunkenen Baumriefen ihre seltsamen Blüten entfalten. Durchbricht er den tiefer gelegenen Urwald, so tritt der Wanderer hinaus auf weite Wiesenflächen, die einen gewaltigen Park darstellrn, in dem knorrige, niedrige Mimosen und Mangobäume das Gebüsch bilden, das der gewaltige Wollbaum überragt, dessen Ausdehnung nur noch von dem geradezu riesenhaften Affenbrotbaum übertroffen wird, den man, seiner klotzigen Ungestalt wegen, am besten Mammuthbaum nennen sollte. Die Abhänge der Berge bedeckt dichter immergrüner Busch, in dem der Kaffeestrauch wild wächst, wie denn überhaupt Jnnerafrika die Heimat des Kaffees ist, nicht das Land Jemen, das Mokkaland, wohin er einstmals von Phönikern gebracht und angepflanzt sein mag, ebenso wie eine sehr schmackhafte kleinförmige Bohnenart, die dort jetzt vorkommt, in Ostafrika zu Hause ist. Steigt der Reisende an den Berghängen höher empor, so findet er dort eine Pflanzendecke, die der unserer Wiesen und Almen in etwas gleicht, bis dann die Höhenlage dem Wuchs ein Ziel setzt. In den Ebenen, wo zum Theil der Negerstamm Massai seine Viehherden treibt, finden sich mehrere Seen und viele Weiher vor, die von einer überaus üppigen Pflanzenwelt umgeben sind. Der Papyrus der Alten bildet breite Dickichte am schilfigen Ufer, rosafarbene Winden schlingen sich um die tiefgrünen übermannshohen Stengel, die von einem grausen Busch gekrönt sind. Auf der Flut schwimmen Seerosen mit lichtblauen Blüthen, die weiße Calla zeitigt jahraus, jahrein ihre prachtvollen Blumen. Am Ufer stehen in Mengen lichtrothgefiederte, schmalhalsige Flamingos, Silber- und Purpurreiher, Blaukraniche in ernster Beschaulichkeit. Schmucke Sporngänse tummeln sich aus der Flut, zwischen dem Schilf lauert der große, schönfarbige Eisvogel (Ceryle maxima) auf Fische. Aber auf dem Stumpfe eines Affenbrotbaumcs hocken pärchenweise in Mengen die Schreiadler (Haliaetos vocifer), minutenlang ihren Hellen Schrei ausstoßend, und lungern ebenfalls nach Beute. Unter den bceitästigen Sykomoren haben grüne Tauben und buntscheckige Spechte ihre Nester, und aus dem Fächerpalmengebüsch vernimmt man den Ruf des Honigkuckucks (6ueu1us indicator). Nächtlicherweile aber machen die Großen der Thierwelt sich auf, der Elephant, der noch nicht ganz ausgrrottet ist und künftig nicht wegen des Elfenbeins gejagt, sondern als Zugthier benützt werden wird, und die großen Katzen: der Löwe, der Serval, der Leopard, die aber vor Dornyecken, Stachelzäunen und nächtlichem Feuer heillose Angst haben; die Hyänen, die nach gefallenem Vieh suchen. Was Ackerbau angeht, so gedeihen in jenen Gebieten ebenso unsere Körnerfrüchte als die meisten Gemüse. Der Biertrinker wird freilich auf seinen Radi verzichten müssen, denn diese Rübe wird holzig. Auch mancherlei anderes Kraut will nicht recht gedeihen — wohl, weil man die rechte Art noch nicht fand —, doch wachsen schon jetzt in den Negeranfiedlungen zwei gute Bohnenarten, eine Anzahl von Kürbissen und Melonen, Mais, Kefirkorn, Carotten, Erbsen, Krautarten, Erdnuß. Kartoffeln muß man erst auf geeignete Sorten erproben, es dürfte unseres Erachtens aber genügen, großknollige Arten in höherer Lage und auf armen Boden anzubauen, um tüchtige Früchte zu erlangen. In den Niederungen gedeihen Banane und Ananas, der Melonenbaum (6oriea Papaya) und wohl an fünfzig verschiedene wilde Fruchtarten, worunter zum Beispiel die Passionsblume (passillora edulis) melonengroß; süße Früchte liefert. Wir können hier nicht darauf eingehen, welche Pflanzengattungen am nutzbringendsten angebaut werden können, es gibt deren in Menge. Das Absatzgebiet für eine arbeitsame weche Bevölkerung eines zur Ansiedlung durchwegs geeigneten Gebietes ist gegeben — es ist das eigene Land Ostafrika zunächst, dann die benachbarten anderen Colonien und schließlich der Weltmarkt. Zu diesem aber führt heute schon die 1000 Kilometer lange Ugandabahn, und sie wird in absehbarer Zeit Anschluß erhalten an die Cap - Kairobahn und jenseits des Niansasees an die große Kongobahn, die den Atlantischen Ocean mit dem Gebiete der großen Seen verbinden wird, und von der 500 Kilometer bereits fertig sind. Nach allem sind, sowohl was allgemeines Klima, Höhenlage, Thier- und Pflanzenwelt angeht und was die Absatz' wrge und Zugangswege betrifft, die Brdingungen für die Gründung eines jüdischen Neulandes in Mittelafrika sehr günstige. Es soll den schönsten Tqeilen Südenglands gleichkommeu. Dr. Herzl unterbreitete im Namen des Actionscomites dem Congreß folgenden Antrag: ,Zur Prüfung der Frage der Ansirdlung des von der englischen Regierung so hochherzig in Aussicht gestellten Gebietes beschließt der Congreß, eine Commission einzusetzen. Diese Commission hat aus neun Mitglieder zu bestehen, und es ist ihre Aufgabe, dem engeren Actionscomitä mit lediglich berathender Stimme zur Seite zu stehen bei Entsendung einer Expedition in das zu erforschende Land. Der Beschluß über die B.siedlung Ostafrikas ist einem eigrns hiezu einzuberufenden Congreß Vorbehalten." Nach einer einstiiadigen Pause wurde sodann die Abstimmung unter Namensaufruf vorgenommen. Sie ergab 295 Ja und 177 Nein bei einigen Enthaltungen. Der Antrag des Actionscomites ist somit zum Beschlüsse erhoben. Das Resultat rief eine gewaltige Erregung hervor. Dr. Nossiig eilte auf die Rednertribüne und erklärte die Abstimmung für ungiltig. Die Ruffen verließen unter Lärm demonstrativ den Saal. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (König Eduard und Dr. Lueger. — Bravorufe auf der Geschwornenbank. — Gebrochene Eide.) Bei dem Einzuge des Königs von England in Wien wurden der Kaiser und sein königlicher Gast vom Publicum mit brausenden Hochrufen begrüßt. Die Hochrufe erneuerten sich beim Vorüberfahren der Mitglieder des Kaiserhauses und beim Vorüberfahren des Bürgermeisters Dr. Lueger. Die laute Begrüßung des Lueger seitens des Spaliers wäre an und für sich durchaus kein bemerkenswerthes Eceigniß, denn diese Begrüßung galt ja dem Oberhaupte der Stadt, die den Gast des Kaisers ehrte. Wenn schon allen Würdenträgern Hochrufe dargebracht wurden, so war es selbstverständlich, daß sie auch dem Bürgermeister der Stadt Wien zutheil wurden. Allein die Rolle, die Herr Dr. Lueger diesmal spreite, und die Taktlosigkeit seiner Parteipreffe haben dieser Begrüßung des Bürgermeisters das Gepräge einer peinlichen und beschämenden Sensation verliehen. Zunächst fiel es überhaupt aus, daß es Herr Dr. Lueger für angemessen fand, zur Begrüßung des Königs von England sich auf dem Bahnhof einzufinden. Jedermann drängte sich die Erinnerung an die gehässige und verhetzende Sprache auf, deren Dr. Lueger sich noch vor wenigen Jahren bediente, als es sich um die Lösung der Gasfrage handelte. Er prägte das Schlagwort „Hinaus mit den Engländern", und in der heftigen Agitation für die Durchsetzung dieses Schlagwortes legte er den Tenor nicht darauf, daß es sich um eine Actiengeftllschaft handelte, deren geschäftliche Jntereffen mit jenen der Commune im Kampfe standen, sondern daraus, daß es Engländer seien, die in Wien Geschäfte machen. Er betrieb nicht blos eine Art Fremdenhetze gegenüber dem auswärtigen Contrahenten der Commune, sondern eine förmliche Engländerhetze, und mit dem falschesten Pathos, dessen er fähig ist, rief er in öffentlicher Gemeinderathssitzung aus, er werde nicht eher ruhen, als bis der letzte Engländer aus Wien vertrieben sei. Und nun sehen wir plötzlich den Bertreiber des letzten Engländers aus Wien bei dem festlichen Einzuge des Ersten aller Engländer in Wien als Statisten fungiren. Bei einigem Feingefühl hätte Herr Dr. Lueger, der sich einst als so prononcirter Engländerfeind geberdete, diese Rolle lieber seinem Stellvertreter, dem dicken Strobach, überlassen sollen, und es wäre ihm alsdann erspart geblieben, bei dem Empfange auf dem Bahnhofe allerseits ignorirt zu werden. Wenn dann seine Popularität bewirkte, daß er auf der Straße mit Hochrufen begrüßt wurde, so muß es seinem Geschmacke überlaffen bleiben, ob er als Statist zu Wagen sich behaglich gefühlt hat oder nicht. Lehrreich und interessant für die Beurtheilung christlich-socialer Loyalität und christlich-socialen Tactc s sind die Berichte der Antisemitenblätter über diese Einzugsfestlichkeit. Sie constatiren, daß die Hochrufe der Menge, die den beiden Monarchen dargebracht wurden, bei der Vorüberfahrt des Dr. Lueger eine Steigerung erfuhren. Ueber solch christlich-socialen Größenwahn, der sür's Beobachtungszimmer reif ist,