Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 86 Dr. Mocb's KHocbenscbrift. Seite 573 losen Strenge *) des anklagenden Gewissens, TM '">21 n’tPKi dem das Gotteswort Ausdruck leihen soll; auf der anderen Seite das verklärte Bild des P r i e st e r s mit seinem Herzen voll unendlicher Liebe, Milde und Nachsicht, des Priesters, der sühnt und versöhnt, als v'vnin ma; die lebendig gewordene Barmherzigkeit, das Vergehen zudeckt in schützender Liebe T1™ »t ^221: das ist der doppelte Compaß für den Führer der Gemeinde! Auf der einen Seite das die Empfindung für Verantwortlichkeit und Pflicht aufrüttelnde Gewissen, auf der anderen Seite die versöhnende L i e b e. In seiner Seele flammt ein Sonnenblick von der heiligen Lohe des alten Propheten, der mit zwingender, Gewalt die Gewissen bannt, mit dem Donnerruf seines Wortes das Erdreich lockert in den Herzen, mit flammendem Blitz in ihren tiefsten Tiefen die Gluten der Scham, der Reue zündet. In seinem Worte spricht die unerbittliche Stimme des Gewissens. Doch diese eifernde Glut des Propheten dämpft und sänftigt ein Hauch der versöhnenden Liebe und Nachsicht des alten Priesterthums, das da Fehl bedeckt und Sünde mit dem Schatten himmlischer Güte und Versöhnung. Der Genius des Propheteneifers und der Genius der Priestermilde, sie reichen sich die Hand in der Seele des rechten Lehrers der Gemeinde. Dieser doppelte Compaß weist ihm den Weg und führt ihn sicher zu dem Ziel, das ihm Gott bestimmt. II. Dieses Ziel bezeichnet der Prophet mit dem Worte: B'ap-jraÄ „einen Himmel zu pflanzen", das Gottesreich auf Erden zu gründen. Das Gottesreich auf Erden, wie gründet man es anders, als auf die drei Pfeiler der sittlichen Weltordnung, auf min „moy und nto: auf Gotteserkenntniß, auf Gottesdienst und auf gegenseitige Bruderhilfe! ."nin Die Wissenschaft des Judenthums fördern, und was er gefördert aus dem Schacht der Lehre, diese Saat des Geistes in die Herzen streuen, das soll der Diener Gottes. Es gab eine Z°it, da durfte der Gottesdiener vertieft in das heilige Schriftthum, weltfremd und einsam, seine Seele füllen, mit dem Glanz der Sterne, die ihm die Thora leuchten ließ in stiller Klause. Das war sein Beruf, darin fand er sein Genügen. Ein solcher Sternseher aber übersieht gar leicht den Unstern, der da aufgeht in seinem Hause. Ueber dem Wandel der Sterne vergaß so mancher, den Wandel der Zeiten wahrzunehmen. Heut', heut' ist die Zeit nicht für stille Beschaulichkeit. Mitten im Leben muß der Lehrer der Thora steh'n, und mitten in dieses Leben, in das moderne, mit fiebernden Pulsen rastlos hastende Leben, da mitten hinein soll er einen Himmel pflanzen. Mit der Kunst, die eine neue Zeit ihn lehrt, soll er den Thorafremden der Thora befreunden. Anklopfen soll er an die erkalteten, Gott entfremdeten Herzen mit dem Wort, mit welchem ich soeben hier begrüßt worden von beredtem Munde: pnn mayn na1? „Weßhalb willst Du draußen steh'n", mein Bruder? Siehe, hier ist eine Zuflucht Deinem Geist aus allen Zweifeln, aus den in ewigem Wechsel sich gegenseitig verdrängenden, jagenden Meinungen des Tages. Weßhalb willst Du draußen stehen in der Eisesluft einer liebeleeren, entgotteten WeÜ? Komm herein, hier soll Dein Herz wieder warm werden im Leuchten der Sterne am Himmel der Thora. Ja, eine neue Zeit ist angebrochen und eine neue Form heischt sie der Weisung und Belehrung, nann pro nican auf den Gassen suche die Lehre ein willig Gehör, hinaus auf den Markt des Lebens muß der Lehrer der Thora, dort soll er die Gewissen aufrütteln, dort soll er Herzen suchen. Wo noch ein Funke glüht der Liebe für Thora und Israel, mit dem Gluthauch seiner Begeisterung muß er zur lohenden Flamme ihn entfachen. Außerhalb des Heiligthums soll er werben für das Heiligthum. *) Vgl. Talmud j er. Makkot II, 7 (Ed.Krot. 31 b) und Jalkut zu Pf. 25. Wo aber sollen wir den Sinn für das Ideale suchen, wenn nicht im.Herzen der Frauen? An die Frauen zunächst sollte Mose sich wenden, als er dem Volke die erste Botschaft Gottes brachte. Einen Himmel auf Erden pflanzen, leuchtende Sterne streuen in das farblose Gelände des Alltags, wer sollte die Gärtnerkunst meistern, wenn nicht der Zauber des Frauenherzens? Hier ist die Quelle unseres Glückes, der Quell' unseres Glaubens, er soll sich hier erschließen. Die Hand, die uns Sorgen und Zweifel scheucht, die einen Himmel uns bereitet in unserem Hause, an diesem Himmel soll sie von Neuem entzünden die Sonne des Glaubens. Das heilige Erbe, das einst der Hut des Vaters vertraut war, an das Herz der Mutter hat es Gott gelegt. Im Herzen der Mütter in Israel soll der Himmel der Thora erstehen, hier soll Begeisterung flammen für das Vatererbe. Denn nur aus dem Herzen der M u t t e r strömt die heilige Glut in das Herz des Kindes. Von der Gottesstimme, die Mose vernahm, erzählt die Schrift: aomn 'w paa zwischen den beiden Kerubim auf der heiligen Lade erging sie an Mose, den beiden Kerubim, die das Antlitz eines Kindes trugen. Das Kindesantlitz hatte Mose vor Augen, wenn Gott in seinen Mund die Worte legte. Der Diener Gottes, das Kindesantlitz muß er ins Auge fassen, in das Kindesherz vor Allem soll er den Himmel pflanzen. Die Pflege der Schule fordert in seinem Herzen einen Platz dicht neben der Pflege des Gotteshauses. So soll der Verkünder des Gotteswortes das Herz der Männer, das Herz der Frauen, der Kinder außerhalb des Gotteshauses werben für das Gotteshaus. Wie draußen der Prophet, der Sendbote Gottes, so ist er hier im Gotteshaus der Priester. mm und rnroy! Die Thora ruft den Geist an, das Denken, — Gemüth und Herz, sie finden Befriedigung und Nahrung in der moy, im Gottesdienst. Dem Gewissen, und fühlte es noch so brennend das Bewußtsein schwerer Schuld, hier wird ihm Ruhe und Versöhnung. Die Seele, die nach kindlichem Danke lechzt für die Wohlthaten Gottes, hier weiß sie den Altar, zu danken dem Spender alles Guten und Schönen. Das Herz, das in Angst vor drohendem Unheil bebt und bangt, hier hört es die Verheißung eines Gottes, der uns schirmt, uns beisteht in Kampf und Noth. Hier leuchtet man das ewige Licht, die ewige Flamme der Liebe, die stets von Neuem speist die Sterne an dem Himmel, den der Priester berufen ist, auf Erden zu pflanzen, 20V yaab. III. pK „und eine Erde zu gründen", die Erde, die diesen Himmel tragen soll. Ein großer Denker (Al. v. Humboldt im „Kosmos") schildert uns aus eigener Erinnerung, wie ein Erdbeben auf die Seele des Menschen einwirkt. Das Sicherste, der Boden, auf dem er geht und steht, die Mutter Erde wankt und weicht und schwindet ihm unter den Füßen. Auch in seinem Herzen schwindet mit einemmal jeder Halt. Nicht nur die Erde, auch der Himmel droht ihm einzustürzen. Und ähnlich fühlt der Mensch, wenn ihm der Stab des Brotes bricht, wenn ihm der Grund und Boden seines irdischen Bestandes unter den Füßen schwindet. Wie soll für einen Himmel Raum sein in einer Brust, die bis zum Uebermaß die Erde füllt, die Angst und Sorge um irdisches Heil? Wie oft muß der Verkünder des Gotteswortes die bitteren Worte vernehmen: „Was soll der Himmel mir frommen, den du in das Herz mir pflanzen willst, während die Noth meine Gedanken mit eisernen Ketten zur Tiefe zieht, die Armuth die Schwingen des Geistes mir lähmt, die Sorge meine Seele umnachtet und das Auge verdüstert: willst du für den Himmel uns gewinnen, schaffe erst eine erträgliche Erde, diesen Himmel zu tragen." Darum fügt unser Prophet bedeutungsvoll hinzu: p* mv'^i „eine Erde zu gründen", das Erdenglück jedes Einzelnen in ihrer Mitte