Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 726 vr. Swch's Ä>ocheNjchLtfr. Nr. 45 Juden gezogen werden muß: der allmälige Verfall des einst so mächtigen pyrenäischen Staates beginnt mit der Vertreibung der Juden aus dem Lande, und der culturelle und wirthschaftliche Aufschwung der Städte Hamburg, Amsterdam u. s. w., welche damals die Juden ausgenommen, ist zum guten Theil der Mitarbeit dieser Juden zu verdanken. Hätte Dr. Grunwald in seinem trefflichen Buche auch nichts anderes geboten, als den Nachweis der eben ausgeführten Thatsache, so sollte es schon aus diesem Grunde die weiteste Verbreitung finden als unabweisliches Memento für alle Völker, welche fich der Juden zu entledigen versuchen. Aber das Buch Grunwald's bietet auch vom cultur- und kunsthistorischen Gesichtspunkte aus viel Jntereffantes und Wiffenswerthes. Saxa loquuntur! Er läßt die Steine sprechen und sie sprechen eine gewaltige Sprache. Kunsthistorischen Werth besitzen die auf den Grabmälern befindlichen Sculpturen, von welchen uns der Verfasser einige Reproduktionen nach Zeichnungen der Frau Mary Fink gibt. Wir sind jedoch nicht der Ansicht des Pros. Dr. A. Sulzbach in seiner Besprechung dieses Buches (Frankfurter Zeitung. 21. August 1902), daß diese in Stein gemeißelten Darstellungen mit dem Lebensgeschicke des Verstorbenen nichts gemein haben und der Name allein maßgebend gewesen sei. Es ist schade, daß der Verfaffer den Illustrationen nicht auch die betreffenden Grabinschriften hinzugefügt hat, sie hätten gewiß unsere Behauptung, daß der Künstler zur Charakteristik des Verstorbenen und seines Lebenswandels irgend eine Scene aus dem biblischen Schriftthum heranzog, welche nicht nur auf den Namen des Verstorbenen, sondern auch auf deffen Eigenschaften oder irgend ein hervorragendes Moment seines Lebens hindeutet, bestätig'. Dr. Grunwald ist bereits als F o r sch e r und Sammler vortheilhaft bekannt. Wir betrachten alle die bisher von ihm erschienenen Arbeiten, so auch die vorliegende, anläßlich der Feier des 250jährigen Bestand, s der Hamburger portugiesischen Gemeinde und auch mit deren Unterstützung publicirte, als einzelne Bau st eine, die sich oer fürsorgliche Baumei st er für ein größeres monumentales Werk selbst zusammen trägt. Dieses eben besprochenen Buches wird kein künftiger Schreiber der Geschichte des JndenthumS entbehren können. Eine ähnliche Beurtheilung erfuhr dieses Buch in einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" von Professor A. S u l z b a ch und sie stimmt überein mit dem Urtheil, welches Dr. M. Kayserling, Budapest, der Begründer der Forschung über die Geschichte der spanisch-portugiesischen Juden, in einem Schreiben an den Verfaffer äußert: „Wie in Ihren früheren Werken muß man auch in dieser Schrift Ihren immensen Fleiß und Ihre seltene Umsicht bewundern. Durch dieselbe, die eine wesentliche Lücke in der Geschichte der Sephardim ausfüllt, haben Sie sich den Dank aller Freunde der Specialgeschichte erworben." Es ist nun allerdings wahr, daß theologisches Wissen, ant'quarische Studien und Kenntnisse nicht hinreichen zum Befähigungsnachweis für einen Wiener R abbin atsposten. Dazu bedarf es vor Allem einer besonderen rednerischen Begabung. Seit einer Reihe von Jahren erscheint Dr. Grunwald in jeder Wintersaison in den ersten und vornehmsten Vereinen Wiens als Redner und zu seinen Vorträgen drängen sich Hunderte unv Hunderte des besten Publicums. Sie Alle, die ihn wiederholt über die entferntesten und entlegensten Themata sprechen gehört, haben sich über sein Rednertalent bereits ein Urtheil gebildet, und das »Jüdische Volksblatt" hat in Nr. 4 vom 24. Jänner 1902, ohne Widerspruch bei seinen Lesern und bei der gesammten Oeffentlichkeit zu befürchten und zu erregen, wörtlich Folgendes gedruckt: »Samstag den 11. Jänner veranstaltete die Oesterreichisch- Jsraelitische Union" im Saale des Gewerbevereines, Eschenbachgaffe 11, einen Vortragsabend. Redner war Dr. Max Grunwald, Rabbiner aus Hamburg; das Thema: Kaufmännische Ehre. Der Zudrang der Zuhörer zu diesem Bortrage war derart groß, daß die beiden Nebensäle dem Publicum zur Verfügung gestellt werden mußten. Dr. Grunwald wurde bei seinem Erscheinen überaus freundlich begrüßt und auch seine Ausführungen fanden reichlichen, oft auch stürmischen Beifall. Man muß anerkennen, daß Dr. Max Grunwald nicht blos ein gewandter Redner, sondern auch ein Mann von vielseitigem Wissen ist, der in Wien schon über die verschiedensten Dinge fesselnd und interessant gesprochen. Wir hörten bereits in vergangenen Jahren von ihm Vorträge über Goethe, über jüdische Kunst, speciell Baukunst. Früher einmal behandelte er Spinoza, dann ein Capitel über jüdische Volkskunde, und diesmal wählte er ein Gebiet, das sonst Theologen und Philosophen ferner liegt, die Handelsgeschichte und Handelspolitik. Ueberdies soll er noch zwei Vorträge über Themata aus der neueren jüngst-deutschen Literatur halten. Solche Vielseitigkeit pflegt sonst.ein Zeichen der Oberflächlichkeit zu sein. Dr. Max Grunwald hat indessen den Gegenstand überaus gründlich von juristischem, historischem, talmudisch-theologischem und völkerpsychologischem Stand- Punkte aus behandelt, und er überraschte nicht blos durch eine Fülle des intereffanten Thatsachenmaterials, sondern auch durch eine Anzahl neuer Gesichtspunkte Der Redner hat namentlich die national-öconomischen und socialpolitischen Ideen des Talmudischen Schriftthums zum Gegenstand seiner Erörterungen gemacht, und seine Art, den Talmud heranzuziehen, ist ganz anders als die der Talmudisten in der unmittelbar uns vorangegangenen Generation. Er ist mehr kritisch und philosophisch geschult, hat einen Scharfblick für national-sociale Vorgänge und Ideen, und als Herausgeber der gut redigirten »Mitthcilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde" gehört er zweifellos der nationalen Richtung im Judenthum an." Wrr stehen geradezu vor einem Schulbeispiel, welches in seinen amüsanten Einzelheiten plastisch deutlich unsere ehrenwerthe Opposition, ihre Gründe und Hintergründe illustrirt und beleuchtet. Wir vermeiden principiell die stets unangenehme und unerquickliche persönliche Polemik, dagegen gelingt es der größten Anstrengung kaum, der der Situation nun einmal eigenthümlichen Satyre sich zu erwehren. Mit demselben Nachdruck und demselben verdächtigen Eifer, mit welchem wenig umworbene Damen ihre Tugend anzupreisen pflegen, verkündet das „Jüdische Volksblatt" seine Gesinnungstüchtigkeit, die Unnahbarkeit und Unbestechlichkeit seines Urtheils, welches durch keinerlei Freundschaften und Protectionen zu corrumpiren wäre. Heute muß selbst der einfältigste Leser sich als schmählich hintergangen erkennen. Einmal jedenfalls wurde ihm von redactionswegen mit Vorbedacht ein gefälschtes Urtheil vorgelegt, Talmi für Gold angepriesen und er sieht sich vor der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit"? Welches Urtheil ist das „unbestochene" und welches das „corrumpirte;" das vom October oder jenes vom September? Das letztere war mit voller Namensunterschrift des Fachredacteurs gezeichnet, der Schmähartikel vom 30. October erschien anonym. Der Wandel des Urtheils und der Auffassung fände seine Begründung nur in einer Thatsache: Im Jänner und im September dachte man noch nicht an die Wiener Cultuswahlen, für welche erst jetzt parteimäßig die Kampfparole ausgegeben worden. Diese neue Wahlparole wäre demnach in folgender Weise formulirt: Wer dafür ist, daß bei Besetzung von Wiener Rabbinerposten nicht die wissenschaftliche Tüchtigkeit, nicht die rednerische Begabung, nicht das theologische Wissen, nicht Charakter und Lebenswandel, sondern einzig und allein Geburtsort, Abstammung und Verwandtschaft entscheidend sein dürfen, wer dafür ist, die geistige Verbindung mit dem deutschen Judenthum wie mit der Gesammtheit des ausländischen Judenthums zu lösen und den geistigen Verkehr, in dem wir bis nun traditionell gestanden, ,zu unterbrechen, wer es gut heißt, daß den Männern, welche selbstlos und hingebend seil vielen Jahren mit Aufopferung zahlreicher persönlicher Interessen dem Dienste der jüdischen Gemeinde sich widmen, die ehrenrührigsten Anklagen, die giftigsten Anschuldigungen, die gemeinsten Verleumdungen vor aller Oeffentlichkeit ins Gesicht geschleudert werden dürfen, wer endlich dafür ist, daß in unser Gemeindeleben antisemitische Agitationsmanieren und antisemitischer Jargon einzuziehen haben, der gehe hin und wähle die Candidaten der zionistischen „national-jüdischen" Opposition.