Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-11-07 · 45 (7.11.1902) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021485--12201-3036782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift. «etu 725 durch den freien Austausch der Lehrkräfte auf diesem weit ausgedehnten Gebiete bedingt gewesen. Daran möge man um Himmelswillen nicht rühren! Man möge die Unterrichtsverwaltung niemals dazu drängen, bei der Bestellung eines Professors zuvörderst auf seine Herkunft und erst in zweiter Reihe auf seine wissenschaftliche Bedeutung zu blicken." Darum finden wir es überaus kennzeichnend für den geistigen Horizont der Wortführer unserer dermaligen sogenannten »jüdisch-nationalen" Opposition, für die Weite ihres Gesichtskreises und die Tiefe ihrer Auffassung, daß ihr für die Wahl eines Rabbiners in Wien nicht das Ziel maßgebend ist, »den rechten Mann zur rechten Zeit an den rechten Posten zu bringen", sondern vor Allem keinen Hamburger, keinen reichsdeutschen Juden über die schwarz-gelben Pfähle dringen zu lassen. Mlt solchem Schlachtruf eröffnet die coalirte, zionistischjüdisch-nationale Opposition die Campagne für die Wahlen m den Wiener israelitischen Cultusvorstaud. Bei einer jüdischen Volks Partei, der die Vertretung ihres Principes nicht ein inhaltsleeres politisches Schlagwort, eine Agitationsphrase, ein äußeres Ornament, sondern der es ernst ist um die Pflege, Vertiefung und Ausweitung des jüdischen Bolksgedankens, hätte man für einen Gelehrten wie Grunwald in Hamburg gerade günstige Vorurtheile und Dispositionen billig voraussetzen dürfen. Hält er sich auch jeder politischen Bethätigung ängstlich ferne und lebt ausschließlich seinem seelsocgerischen Berufe und seiner wissenschaftlichen Thätigkeit, so mußte nichtsdestoweniger die eigenartige Richtung seiner wissenschaftlichen Bestrebungen bei Männern, welche mit nationaljüdischer Gesinnung sich drapiren, ihm eine besondere Würdigung sichern. Wenn nicht seiner Person, so doch jedenfalls den von ihm creirten und bisnun nahezu von ihm allein gepflegten Wissenszweig gebührt die Sympathie jedes Jüdisch-Nationalen. Dr. Grunwald ist der Begründer der »Gesellschaft für jüdische Volkskunde" und Herausgeber der bekannten, oft genannten »Mittheilungen" dieser Gesellschaft. Ein unbefangener und gewiß competenter Beurtheiler Prof. S. Kraus in Budapest schrieb über dieses neue Wissensfach in der ungarischen Zeitschrift »Ethnographia" (IX, 326): „Von der erfreulichen Ausbreitung der Folklore zeugt der Umstand, daß sich nunmehr die Wissenschaft auch mit dem Leben der Juden, als einer eigenartigen Volksschichte, befaßt. Am 1. Jänner 1898 wurde in Hamburg eine Gesellschaft gegründet, zu dem Zwecke, daß die Erkenntniß des inneren Lebens der Juden gefördert werde. Schon hat die Gesellschaft auch in Oesterreich und Ungarn eine stattliche Zahl von Mitgliedern. Ihre Aufgabe ist eine weit ausgedehnte, denn außer dem Leben der eigentlichen Juden — und wie sind doch auch diese in viele Länder getheilt! — zieht sie in den Kreis ihrer Forschung auch solche exotische Elemente des jüdischen Volkes, als da sind die schwarzen Juden in Indien, die Falaschas in Abessynien, die Neger-Juden auf dem Loango-Gebiet und die Juden auf Madagaskar. In den westlichen Staaten Europas stirbt das eigenartige jüdische Leben rasch aus, aber um so zäher hält es sich in Polen und Rußland und ebenso im Orient. Die Gesellschaft gründet zugleich ein ethnographisches Museum aus Objecten, die auf das Judenthum Bezug haben. Das erste Zeichen ihrer Wirksamkeit gibt die Gesellschaft in ihrer reichhaltigen Publication: Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, von M. Grunwald. Das erste Heft im Umfange von 120 Seiten hat einen abwechselnden und sehr lehrreichen Inhalt; wir überblicken nun das ganze riesige Feld, welches von der Gesellschaft angebaut werden soll.... Man hat keine Ahnung, was in so einem anspruchslosen Hefte Alles enthalten ist. Dabei ist zu bemerken, daß sä'mmtliche Artikel von dem Herausgeber selber herrühren; außerdem begegnen wir nur noch einen Artikel von Professor David Kaufmann. (Zn den jüdischen Namen.) Durch obige Skizze ist es genügend ersichtlich, daß die Leiter der Gesellschaft für jüdische Volkskunde ein sicheres Ziel sich gesteckt haben, das man durch die Folklore erreichen kann, und daß in dem Stoffsammeln ihrer Aufmerksamkeit Nichts entgeht, was geeignet ist, auf das Volksleben ein Licht zu werfen." An einer anderen Stelle schreibt der Budapester Profeffor: „Heft V der „Mittheilungen" enthält, natürlich wieder nur von M. Grunwald geschrieben, einen Aufsatz „Aus Hausapotheke und Hexenküche", der außer allgemeinen Ausführungen über das Wesen des Zaubers und nebst dem Formular von jüdischen Amuletten nicht weniger als 240 Nummern des Zaubers umfaßt. Welche Mannigfaltigkeit, aber auch welche Abhängigkeit von anderen Cultuken! Der Herausgeber, der in den bisher erschienenen sechs Heften der „Mittheilungen" einen seltenen Fleiß und eine ungeheuere Belesenheit bekundet, zeigt sich erst in der „Hausapotheke" und in der „Hexenküche" wahrhaft zu Hause, und liest man seine zu den einzelnen Punkten gegebenen Nachweise und Parallelen, dann wird man es recht gewahr, daß wir es hier nur der Form, nicht dem Wesen nach mit jüdischen Elementen zu thun haben." Professor Kraus fügt hinzu: „M. Grunwald, der Verfasser der preisgekrönten Schriften „Spinoza in Deutschland" und „Die Eigennamen des Alten Testaments" und anderer Schriften und Aufsätze, beschränkt sich nicht, wie es die meisten Gelehrten thnn, auf die stille Wirksamkeit im Studirzimmer, sondern ist bestrebt, praktische Erfolge zu erzielen. Er stand ganz allein auf dem Plane, als am 1. Jänner 1898 die Gesellschaft für jüdische Volkskunde, mit dem Sitze in Hamburg, ins Leben trat, und heute i st bereits eine Schaar von gelehrten Männern von den gleichen Bestrebungen beseelt." M. Grunwald, den wir den Begründer der jüdischen Volkskunde nennen können, steht, was eigentliche Forschung aber anbelangt, brs nun auch allein da, denn die von anderwärts gekommenen Beiträge, wenn auch werthvoll, gehen über gelegentliche Aufzeichnungen nicht hinaus." Das officielle „Organ der zionistischen Bereinigung Deutschlands", die »Jüdische Rundschau" in Berlin, Nummer 43 vom 22. October 1902, hat denn auch in einem eigenen Artikel auf die Bedeutung Grunwald's hingewiesen. Nach einem hier nicht reproducirbaren Ausfall gegen hervorragende Theologen heißt es dort: »Indem sie bei den Gebildeten ihres Volkes und besonders bei seinen Rabbinern künstlich das Nationalgefühl untergruben, bewirkten sie den Untergang der in Deutschland eben erblühten jüdischen Wissenschaft, die von unseren östlichen national-jüdischen Brüdern ausgegriffen wurde. Es ist dabei charakteristisch, daß die Söhne unserer Rabbiner gute Rechtsanwälte und Aerzte, auch Professoren aus verschiedenen Wissensgebieten sind, daß aber kaum einer etwa auf dem Gebiete jüdischen Wissens überhaupt etwas oder gar Nennenswerthes leistet. Eine jüdische Wissenschaft wird bei uns erst wieder Früchte tragen können, wenn mit Geiger'schem und Holdheim'schen Geist und seiner Geistlosigkeit gründlich aufgeräumt ist." »Umsomehr sind die wiffenschaftlichen Leistungen der wenigen Gelehrten anzuerkennen, die sich nicht genügen lassen, den zum Rabbinerthum merkwürdigerweise noth. wendig erachteten Doctortitel durch die Herausgabe eines Stückchens Handschrift von Maimonides oder gar durch eine pseudowissenschaftliche Untersuchung Wellhausen'scher Nachahmung zu erwerben. Einer dieser Gelehrten, der noch lange nicht genug bekannt und anerkannt ist, ist G r u n w a l d in Hamburg. »Sein neues Buch »Portugiesengräber auf deutscher Erde" über die sephardischen Gemeinden an der deutschen Nordseeküste reiht sich würdig seinen früheren Arbeiten an. Es ist ein gediegenes, mit wissenschaftlicher Akribie geschriebenes Werk, das in seiner Art am meisten an die Arbeiten des Frankfurter Archivars Kriegk auf ähnlichen Gebieten der deutschen Culturgeschichte erinnert. Mit staunenswerthem Fleiß ist das reiche Material zusammengetragen und mit großer Umsicht geordnet worden. Es ist ein tödtes Stückchen des jüdischen Stammes, dem dieses Buch einen Leichenstein setzt. Dieses portugiesische Judenthum in Hamburg rc. ist daran gestorben, daß es sich für ein ganz exquisites Stück des Judenvolkes hielt. Sie wollten durchaus Ausnahmsjuden sein, und Ausnahmsjuden sind nicht lebensfähig. Für das Judenthum selbst hat diese zumeist reiche Kaste eigentlich nichts geleistet. Sie haben stets mit Verachtung auf das deutsche Judenthum herabgesehen, das arm und gesund war. Es ist bezeichnend, daß ein aschkenasischer Jude die Grabsteine sammelt, um die Portugiesengräber auf deutscher Erde in einem literarischen Friedhof zu vereinigen." Und das »Jüdische Volksblatt", welches plötzlich eine solch geringschätzige Meinung von dem »Uuterradbiner" Grunwald erlangt hat, daß schon seine eventuelle Berufung blos zu einer Probepredigt als Anklage und Angriffswaffe gegen den Vorstand benützt wird, schrieb noch in Nr. 38 vom 19. September 1902 über Grunwald's neuestes Werk wörtlich Folgendes : »Die Geschichte der Juden auf der pyrenäischen Halbinsel bleibt ohne Kenntniß der Schicksale der portugiesischen Juden Amsterdams und Hamburgs unvollständig. Die Geschichte der potugiesischen Gemeinden in Deutschland ist eigentlich die Fortsetzung ihrer Geschichte in der alten Heimat, ja sie bietet eine für uns Juden hochwichtige Lehre, welche aus dem Vorgehen Spaniens und Portugals gegen die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.