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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 224 Dr Bloches Wochenschrift. Str. 14 tuschen sollten, das ist uns allerdings unerfindlich, und um dieser lappischen Verdächtigung zu begegnen, wollen wir es hier recht durtlich und augenfällig wiederholen. Also, meine Herren Antisemiten, Paffen Sie gut auf: Percentsatz der jüdischen Bevölkerung in Deutschland: i‘2 Percent. Pereentsatz der jüdischen Hochschüler: 7*3 Percent. Ist das hinreichend nicht »vertuscht"? Bleiben wir bei dem höchst erfreulichen und die Juden ehrenden Berhältniß, das Dr. Pattai constatirt: die jüdischen Studenten in den Hör- und Lesesälen, die antisemitischen in den Kneipen und Wirthshäusern. * * * Der Aerger der Antisemiten über die Fahrt des Prinzen t»einrich nach Amerika kommt in der Antisemitenpresse aller änder in curiosen Formen zur Erscheinung. Dieser Aerger erscheint übrigens begreiflich, wenn man die ausführlicheren Berichte von jenseits des Oceans über den Verlauf dieser wahr, hasten Triumphreise des deutschen Fürsten liest. Manches in diesen Berichten ist den Judenfreffern arg in die Glieder gefahren. Bor Allem die Rede des Marinesecretärs L o n g, der in seiner officiellen Ansprache an den Prinzen Heinrich Deutschland als »das Vaterland Goethe's, Heine's und Mendelssohn's" gefeiert hat und der außerdem noch, indem er ausführte, was die Bereinigten Staaten den Völkern der alten Welt verdanken, hinzufügte: .»Was schulden wir nicht alles der Küste des Mittelländischen Meeres, die uns Jesu und die Juden gab. Der Eine, der Begründer der aufgeklärtesten und edelsten Religion aller Zeiten, und die Anderen, das Herz der Menschheit, der Vorläufer der culturellen Wunder der modernen Zeit, die, als alle anderen Nationen noch beständig Krieg miteinander führten, daran gingen, den civilisirenden Handel unter den Völkern auszubauen." Isegrim. Eine Vermuthung. In der »Reichspost" steht heute folgende Mittheilung: »Gegen den Jesuitenpater Eolleoni ist, wie mitgetheilt ward, wegen scharfer Aeußerungeu, die er in einer Faftenpredigt zu Dignano (Istrien) gegen die italienische Königsfamilie falle» ließ, Strafanzeige erstattet worden. Er soll unter Anderem von dem Mörder König Humberts gesagt haben, daß „Gott seine Hand bewaffnet habe", und daß König Victor Emanuel in ähnlicher Weise st erben werde. Wie der Zentralauskunftsstelle der katholischen Presse von dem Bischof von P o l a und Parenzo mitgetheilt wird, ist thatsächlich ein Strafverfahren gegen dem Pater im Gange, es sei jedoch Grund zu der Ermattung vorhanden, daß das Verfahren eingestellt werden oder doch mit Freisprechung endigen werde." Daß die Qualification des Mörders des Königs Humbert als Werkzeug göttlichen Willens dem Versuch gleichkommt, eine vom Gesetz verbotene Handlung zu rechtfertigen, und daß die Ankündigung, der Sohn des Königs Humbert werde in gleicher Weise sterben, eine Anpreisung der Thal des Bresci begründet, ist so unzweifelhaft als möglich. Wir gestatten uns also folgende Fragen: Wie kam der Bischof von Pola zu der Ansicht, das Verfahren werde entweder eingestellt oder der freche Jesuit werde freigesprochen werden? Wie ist es zu erklären, daß er vermuthet, entweder werde der Staatsanwalt seine Amtspflicht verletzen oder es werden die Richter das Recht brechen? Und abgesehen von der Gewagtheit der der »Reichspost" von dem Bischof vermtttelten Vermuthung: seit wann darf man sich erlauben, »über den Ausgang einer im Zuge befindlichen Verhandlung Bermuthungen aufzustellen"? Wir stellen nicht blos die Fragen, wir beantworten sie auch. Auf die Vermuthung, jenes Verfahren werde entweder eingestellt werden oder es werde eine Freisprechung erfolgen, konnte, ja mußte man kommen, weil der Beschuldigte eben ein Jesuit ist. Die Verübung des Vergehens nach Artikel VIII des Gesetzes vom Jahre 1862 ist clericalen Blättern erlaubt. (»Arbetter-Zeitung" vom 2. April 1902.) Glinde Radeignes. Von Dr. Max Grunwald, Hamburg. Eine der sonderbarsten Verhandlungen, welche je ein Tribunal beschäftigt hat, spielte sich am 27. und 28. August 1832 vor den Pariser Assisen ab. Zeugen und Angeklagte zum großen Theil in einer Tracht, die sich schwerlich in die rechte Würde des Ortes fügte: ein blauer Ueberrock, welcher sich vorne über eine Weste öffnet, ein lederner Gürtel, weiße Beinkleider, eine rothe Faltenmütze. Mit bloßem Halse, langbebartet, stehen sie da, junge, intelligente Männer in den Zwanziger- bis Dreißiger- Jahren, die der Generalprocurator der Beleidigung der öffentlichen Moral beschuldigt. Sie predigten, heißt es in der Anklage, die Wiedereinsetzung des Fleisches in seine angeblichen Rechte, die suchten, die Herrschaft der Lust auf die Trümmer der Scham zu bauen. So karikirte dieser Gerichtshof im Dienste des Ministeriums das Programm des Saint-Simonismus, der Lehre, die hier seine Vertreter vor Gericht zu verantworten hatten. Nur Einer unter ihnen, schon in seiner schlicht bürgerlichen Tracht als Häretiker der angegriffenen Lehre kenntlich, Olinde Rodrigues beschränkte sich darauf, das Andenken des Meisters Saint-Simon in klarer, bestimmter Rede zu verfechten. Die Anderen treten für den gegenwärtigen Führer, den »Vater" Enfantin und sein Evangelium ein. »Gott ist Alles, was ist, folglich kein Krieg mehr zwischen den beiden Principien, der Seele und dem Leib, dem Geiste und dem Fleische; Keiner von uns ist außer Gott, aber Keiner von uns ist Gott, folglich keine Sclaven, keine Verworfenen, keine knechtische Verehrung des Menschen für den Menschen, keine Knechtung des Einen durch den Andern; Jeder von uns lebt von dem Leben Gottes und wir Alle haben Theil an ihm, folglich kein Kampf mehr zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, zwischen dem Interesse und der Pflicht. Harmonie, Gleichheit, Brüderschaft!" Die Neugestaltung der Ehe durch vermittelndes Eingreifen eines Priesters und einer Priesterin sollte diesen nicht, wie man sie beschuldigt, eine Art Lüeisbsat sichern, sondern nur die Extreme der Gleichgiltigkeit und Eifersucht, Don Juan und Othello, vermeiden helfen. Ein gewaltiger Eindruck bemächtigt sich der Versammlung, als einer der Angeklagten Robespierre citirte: »Der Convent wird nicht gestatten, daß man die friedlichen Diener der verschiedenen Religionen verfolgt",und dann ausrust: »Meine Herren, Sie wissen, wir sind friedliche Menschen; wir verlangen von Ihnen die Duldsamkeit Robespierre's!" Es half nichts^ Das Nrtheil war vorher von Staatswegen beschlossen. Man war auch damals so unklug, mit eigener Hand dem Gegner die Krone des Martyriums zu reichen. Die Bewegung war mit diesem Urtheilsspruch nicht abgethan. Heinrich Heine hat ihr Programm auf seine Fahne geschrieben. Mit Enfantin und Chevalier, den Wortführern in jener Gerichtsscene, befreundet, bekennt er 1835: »Indem ich die Besiegten patronisirte, schleuderte ich ihren Gegnern eine übermüthige Herausforderung zu und bekannte offen meine Sympathien für die Märtyrer, die man damals mißhandelte und ohne Mitleid in den Zeitungen und in der Gesellschaft verhöhnte. Ich fürchtete nicht, mich der Lächerlichkeit Preiszugeben, mit welcher ihre gute Sache, man muß es gestehen, doch ein wenig behaftet war. Die Lage hat sich seit jener Zeit geändert. Die Märtyrer von damals werden auch nicht mehr verhöhnt und verfolgt, mehrere von ihnen sind neugebackene Millionäre und viele sind zu den ehrenvollsten und lucrativsten Stellen gelangt, — man fährt schnell mit den Eisenbahnen." Selbst Heine also, der glühende Verfechter der Emancipation des Fleisches, der den Saint-Simonismus selbst in den Spinoza hineinliest, selbst Heine kann sich angesichts der Wandlung der meisten jungen Märtyrer von 1832 nicht eines spöttischen Lächelns erwehren. Durch den Bau von Eisenbahnen in Kurzem reich geworden, vergaßen sie leicht die Schwärmerei ihrer Jugend. Nur einer war vom Anfänge bis zu Ende sich gleichgeblieben, eben jener Olinde Rodrigues. Rodrigues stammte aus einer alten Familie portugiesischer Juden, hatte als Jude unter einer Regierung, welche selbst die Toleranz eines Robespierre verleugnete, seine mathematischen Studien nicht in einem öffentlichen Amt verwerthen können und war Finanzmann geworden. Die Lehre Saint- Simons, des unglücklichen edlen Weltverbesserers, entflammte sein Herz, und nahm von nun an seine ganze Kraft in Anspruch. Er galt auch stets als der eigentliche Erbe des Meisters,

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