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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Seite 223 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Sie sind das, was man aus uns machen wollte und wozu uns eine gewisse Art Frömmigkeit noch immer umwandeln will, schon längst geworden. Wenn ein Israelit vor einer jener elenden rußigen Hütten, die sich in der Nähe mancher Dörfer - und Marktflecken befinden, vorübergeht und von den dort herumlungernden, wild verwahrlosten Männern, abenteuerlich aussehenden, zerlumpten Frauen und nackten, braunen Kindern um Tabak, Zigarrenstummel oder Geldmünzen angebettelt wird, versage er den Unglücklichen weder die Achtung noch das Erbarmen. Ihr Zustand ist die Folge eines Martyriums, das ihre Vorfahren erdulden mußten ob ihrer dunklen Haut, die sie nicht ablegen konnten. Ebenso hart wurden unsere Voreltern dafür gestraft, daß sie ihre religiöse Ueberzeugung nicht aufzugeben vermocht. Die Zigeuner hatte man durch barbarisch infame Verfolgungen so weit gebracht, daß sie Abdeckerdienste verrichtet und sich häufig von Aesern genährt, und hat sie dann des Cannibalismus beschuldigt, woraufhin die in die tiefsten Geheimnifle der Seele eindringende Folter ihnen das befohlene Ja entrungen. Die Juden konnte man, trotz der niederträchtigsten Behandlung, nicht so weit bringen; darum beschuldigt man sie noch heute der Ritualmorde. Beim Anblicke einer jener abschreckend vernachlässigten Gestalten erwäge man nur ihre demoralisirende Vergangenheit und denke dabei: Du bist gewiß bester als ein Politiker, der mit Haß und Verachtung spielt, wahrheitsliebender als ein Gelehrter, der die Israeliten der Blutmorde beschuldigt, und hast zweifellos ein edleres Herz, als gewisse hochgeborene Judenhetzer. Es hat Zeiten gegeben, wo auch inmitten des Jsraelitenvolkes in Palästina viele Menschen von dunkler Hautfarbe gelebt haben. Es waren Aethiopier, die als Eingewanderte und entflohene Sclaven auf dem geheiligten Boden eine Zufluchtsstätte gefunden, oder als Sclaven von Ausländern an Hebräer verkauft worden, und deren Nachkommen. Abkömmlinge dieser Fremden von dunkler Race sind die unter den Namen Bene Israel bekannten Schwarzen mosaischer Confession, die in Indien leben und die Falaschas in Abessinien. Der genannte Volksstamm leitet wohl, wie es die Abessinier überhaupt thun, die Abstammung von dem Könige Salomo her; sicher ist indeß nur, daß die im Buche Esra Cap. 3, 54, 58 erwähnten Familien, aus der Nachkommenschaft der Knechte Salomos, seine Vorfahren waren. Die Rückkehr Farbiger aus dem babylonischen Exil und der unter solchen erhaltene Glaube sind historische Zeugniffe, für die den Angehörigen fremder Racen durch die Israeliten zutheil gewordene gute Behandlung. Schleichende oder gewaltsame Proselytenmacherei war ja dem Judenthume von jeher fremd. Dafür bietet aber das Schicksal der Zigeuner in der christlichen Welt historische Zeugniffe, die jene, auf welche sich die Blutlügner berufen, ins rechte Licht stellen. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Glasten zur Tagesgeschichte. (Jubel am Spittelberg. — Aus seligen Gefilden. — Das richtige Antisemitikon. — Bon der jüdischen Intelligenz und der christlichen Nach st enliebe. — Bibliothek und Kneipe.) Freudenfeuer lodern auf den Höhen des Spittelberges und eine Schaar nicht ganz weiß gekleideter Mädchen — weder Jungfrauen, weder schön — müssen oft unbegleitet nach Hause gehen — führt einen Freudentanz auf. Dort ist Alles eitel Freude — auch die Häuser, deren die selige Philomene Mark eines beseffen und betrieben hat, Dank der Munificenz ihres Freundes Alexander Purscht, der ihr das Häuschen gekauft hat. Ach, wenn das die arme Philomene erlebt hätte, daß ihr Alexander wieder Stadtrath wird. Aus den jenseitigen Gefilden blickt sie vielleicht hernieder auf den Spittelberg und auf das Rathhaus, wo ihr Alexander mitten unter den Vätern der Stadt Wien sitzt und wo er nunmehr wieder zu neuer Würde und neuer Ehre berufen wird. Und ihm zur Seite werden zwei Männer treten, die der Auszeichnung, in der Aera Pummerer communale Ehrenstellen und besoldete Aemter zu bekleiden, genau in dem gleichen Maße würdig sind wie Herr Alexander Purscht, der Hans Arnold Schwer, berühmt geworden als freiwilliger Polizeispitzel durch die versuchte Erschleichung von Geständniffen und durch die phantasievolle Erdichtung schauriger Blutmärchen. Und der Dritte im Bunde, Josef Gregorig, diese Blüthe aller schönen Geister, dieses leuchtende Vorbild an Herzensgüte, an Weisheit und edlen Umgangsformen, bewährt als Zwischenrufer im Streite. Ein Festbankett beim Wimberger wird abgehalten werden am Tage seiner Wahl in den Stadtrath und eine Frauenversammlung am Spittelberg wird eine Freudenkundgebung darüber beschließen, daß der antisemitische Gedanke der Wiener Gemeindeverwaltung durch das Triumvirat Purscht, Schwer und Gregorig so reinen und erhebenden Ausdruck gefunden hat. * * * Die Nachricht von der bevorstehenden Wahl der genannten drei Gesellen in den Stadtrath der Reichshaupt- und Residenzstadt ist kein so sinniger Aprilscherz wie jene Mittheilung des »Deutschen Volksblattes", in welcher über die Erfindung eines »Antisemitikon" berichtet wird. Dieses Fluidum soll nach der Versicherung des geistreichen Autors die jüdische Intelligenz unschädlich machen. Die Erfindung ist, wie wir leider mittheilen müssen, nicht patentfähig, denn sie ist nicht neu. Das richtige Antisemitikon wurde, wie in der Hagada zu lesen, schon zu jener Zeit erfunden, als das Vorbild der Antisemiten von heutzutage, Herr H a m a n, eine antisemitische Volksbelustigung zu veranstalten beabsichtigte, die in der Ermordung der Juden bestehen sollte. Damals wurde besagter Haman. sehr zum schmerzlichen Bedauern seiner heutigen Gesinnungsgenossen, bekanntermaßen gehenkt. Der Galgen bewährte sich da als das eigentliche und richtige Antisemitikon. Um aber auf den Scherz des Berganiblattes ernstlich einzugehen, sei bemerkt, daß nicht die jüdische Intelligenz das entscheidende Hinderniß für den Sieg des Antisemitismus darstellt, sondern die christliche Intelligenz, die christliche Gerechtigkeit und die christliche Nächstenliebe. So lange es dem Haufen antisemitischer Streber und Plusmacher, welche die Judenhetze als Geschäft betreiben, nicht gelingt, die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit aus den Herzen der Christen zu reißen, insolange können wir Juden bei der fortschreitenden Culturarbeil getrost in die Zukunft sehen. Die weitaus überwiegende Majorität der Christen ist es, welchen die antisemitische Hetze den größten Abscheu einflößt und welche die Führer dieser gemeinschädlichen, politisch und ökonomisch verderblichen Bewegung verachten. Nicht unsere Intelligenz wird uns schützen, die ja naturgemäß nicht größer sein kann, als die durchschnittliche Intelligenz anderer Völker und Glaubensgenoffen, sondern die Einsicht und die Gerechtigkeit aller anständigen Menschen. Zwischen diesen und den Antisemiten besteht freilich eine Kluft, die niemals überbrückt werden wird. * * * Die Intelligenz der Juden, sie ist eine dem bornirten Haste sehr widerliche Sache, und noch unangenehmer ist unseren p. t. Verfolgern der entschiedene Bildungsdrang der Juden. Unser Salonantisemit Herr Dr. P a t t a i hat diesbezüglich in der Hauptversammlung des katholischen Schulvereines ein interestantes Geständniß abgelegt. Er sagte: »Auf dem Gebiete des Schulwesens muß Wandel zum Besseren geschaffen werden. Wenn nicht heute schon mehr geschehen ist, so ist die liberale Rivalität schuld, welche sich in allen Studien, auf der Universität und im Gymnasium, sowie im öffentlichen Leben geltend macht. Dieser Uebermacht gegenüber hat die Toleranz aufzuhören. Da darf der Christ sich nicht zurückdrängen laffen, sondern muß sich ebenfalls in die Reihen der Werbenden stellen. Zum Uebel der jüdischen Vorherrschaft trägt nicht wenig die Lauheit der Christen bei. In den Lesesälen der Bibliotheken findet man viel mehr »fremde Elemente", während die arischen Studenten in den Gasthäusern überwiegen". Das ist sehr richtig, lieber Dr. Pattai, aber die Schlußfolgerung. die Sie daraus ziehen, ist falsch. Nicht die Toleranz muß aufhören, nicht in der widerrechtlichen Behinderung der Juden am Studieren liegt die Abhilfe, sondern im Fleiße der arischen Studenten. Wer hindert sie denn daran, es den Juden gleich oder zuvorzuthun? In einer »antisemitischen Rundschau aus dem Deutschen Reiche" bespricht das Berganiblatt dasselbe Thema und constatirt, daß die Juden, obgleich sie nur T2 Percent der Bevölkerung ausmachen, zu der Anzahl der Studirenden an den Hochschulen 7'3 Percent beistellen, und es macht hiezu die unsäglich alberne Bemerkung: »Dieser Thatsache gegenüber berührt es fast poffierlich, wie die Juden solche heikle Dinge zu vertuschen suchen." Warum wir eine solche Thatsache, die den Juden nicht blos zum Bortheile, sondern auch zur Ehre gereicht, ver-

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