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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 210 dr. WoäienschrifL. r 13 Dem Genius Frankreicks sei der jüdische Geist fremd? Nun, zwölf bis fünfzehn Jahrhunderte der Bedrückung und grausamsten Verfolgung lassen Spuren im Denken und Fühlen zurück, sie können nicht mit einemmale verschwinden, in der kurzen Zeit der Emancipation. Trotz Spinoza und Mendelssohn, sie hatten nicht die Kraft, ihre Fesseln zu lösen. Nicht der Jude hat den christlichen Gedanken gelenkt, es war der christliche, moderne Gedanke, der den Juden emancipirt hat. Spinoza, Heine, Lassallc, Marx — sind „entjudete" Männer; der zuerst Genannte ist mit dem großen Banne der Amsterdamer Synagoge belegt worden; wie kann man von seinem esprft juif sprechen? Diesen esxrit juif anklagen, heißt die eigene Schule verleugnen, in welcher die modernen Juden gebildet worden. Dort sind ebenfalls Nihilisten, Anarchisten im Keime zu suchen. Kurz gesagt, der Jude ist unser Schüler gewesen, nicht unser Lehrer. Nicht wir sind verjudet, eher ist er entjudet. Antisemiten nennen den Juden den „unversöhnlichen Feind Gottes", dagegen nimmt Leroy die Juden in Schutz, die er auf seinen Reisen glaubt genau kennen gelernt zu haben. Aber das moderne Denken ist überhaupt derart complex, daß es seine Quellen, seine Vorstellungen und Erkenntniß nicht aus 'einer Lehre, einem Kreise holt. Es ist nicht wahr, behauptet Leroy, daß die Juden zerstörend, zersetzend an der französischen Gesellschaft arbeiten; er citirt dafür Zeugnisse, beruft sich auf die große Zahl jüdischer und protestantischer Mitglieder in der Ligue contre atheisme, auf den Enthusiasmus, mit welchem Luigi Luzzati, Italiens hervorragendster Finanzpolitiker und Staatsmann, für die Gottesidee streitet. Er geht dann zu den Nacenpolitikern über, widerlegt die Anschauungen solcher aus der Vergangenheit wie aus der Gegenwart. Den gelben Fleck, die gelbe Mütze mußten die Juden tragen, weil, wie die Verordnungen sagen, es in sehr vielen Fällen unmöglich war, sie zu erkennen und dies zu höchst unliebsamen, ja traurigen Verwechslungen führte; das ist der Fluch des Antisemitismus, daß er in letzter Linie zur Ausnahmegesetzgebung führen muß. diese könnte wiederum nur religiöse Motive zur Grundlage haben - und davor schaudert der Christ und der Franzose zurück. Man kann von arischen und semitischen Sprachen reden, nicht von Racen; für die unausgesetzte Veränderung der Letzteren bietet die Wissenschaft Beispiele in großer Zahl. Und wie putzt sich der sogenannte Arier heraus als ein nobles, tugendhaftes, ideales Wesen! Wie kann ein Christ das Blut Israels für ein unreines erklären, und doch ist. aus diesem Blute der Gründer des Christenthums, seine Mutter, seine Schüler, die Apostel, die der Welt die Heilslehre gebracht, entsprossen! So kommt man zu dem Resultate, der Antisemitismus steht im Gegensätze zur Geschichte und zu den Traditionen des Christenthums, wie zu dem Geiste des Evangeliums. An einzelnen Beispielen zeigt Leroy, daß die Juden ihre staatsbürgerliche Freiheit mit der Hingebung an das Vaterland gelohnt haben. Daniel Manin, der Venedigs Befreier genannt wird, Tisraeli, Luzzati werden besonders hervorgehoben. Der Patriotismus der ungarischen und amerikanischen Juden ist eine Widerlegung der Anklage, daß sie ein Fremdkörper in jenem Lande seien. Eine parasitäre Race? Sie lebt nur auf Kosten des Andern — lautet eine Anklage. Dasselbe sagt man von den nichtsemitischen armenischen Christen, dasselbe sagen Socialisten von den Bourgeois, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben. Man müßte in jedem Lande, in jeder Stadt Erhebungen anstellen, und man würde sehen, wie verschieden die Resultate sind. Wären nicht den Juden alle Handwerke und der Grundbesitz durch Jahrhunderte versagt, sie hätten nicht den Handel ausschließlich betrieben. In Frankreich, lehrt die Statistik, ist die Zahl der jüdischen Bankhäuser eine sehr geringe, weitaus größer die der protestantischen In England und Amerika hat man vergleichende Tabellen angelegt und man hat gefunden, daß in England von den zwanzig größten Vermögen nur eins bis zwei auf Juden kamen, von zwölf bis fünfzehn nordamerikanischen nicht ein einziges in den Händen eines Juden war. Und doch genießen sie in England und Amerika die größte Freiheit (to make money — ist Sache des Uankee.) Hingegen ist der Pauperismus im Osten von London, in Rußland, Rumänien und Polen bei den Juden geradezu Entsetzen erregend. Wer die liborte und sgalitö ernst nimmt, wird keine Schranken ziehen zwischen Bürgern desselben Landes. Leroy schließt das Capitel über den Antisemitismus mit einer Mahnung an seine Landsleute. Was diese die Judaisirung Frankreichs nennen, das ist die Vorherrschaft der materiellen Interessen, des Handels und der Industrie, die Herrschaft des Geldes, die Tyrannei des Goldes. Wenn auch nicht ein einziger Jude in Frankreich sein wird, der Zustand, der eine Folge politischer und ökonomischer Bedingungen ist, muß derselbe bleiben. „Wir Franzosen müssen arbeiten, uns reformiren, unsere Gedanken, Gefühle und Sitten, uns von sinnlosem Luxus lossagen und zum Geiste des Evangeliums zurückkehren J" Wir kommen auf die interessante Abhandlung Anatole Leroy- Beaulieu's gelegentlich noch zurück. Die Jude« als Ktrettobjert Mische« Hamburg und Dänemark. Nach dem Hamburgischen Staatsarchiv. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald, Hamburg. Der Unwille der Hamburger Behörde über die auch die Hamburger Juden umfassende Jurisdiction des Altonaer Oberrabbinates führte wiederholt zu allerlei Klagen und Beschwerden und unliebsamen Zwischenfällen. Am 6. October 1730 wird Jac. Jsaac, wie er erklärt, der Sohn eines Hamburger Rabbiners, der schon 5 bis 6 Jahre im Amte war, als Ezechiel Katzenellenbogen als Oberrabbiner nach Altona kam, nebst seinem S-chne Nathan Jacobs in der Altonaer Synagoge in den Bann erklärt (El. VII, Ut. Ht. Nr. 5, vol. Io). Nach einer Mittheilung des Oberrabbiners an die Hamburger Vorsteher haben beide am Versöhnungstage crf. 1792 während des Gottesdienstes einen Scandal verursacht, der nach von auswärts eingehenden Briefen in der ganzen Judenheit die größte Entrüstung hervorgerufen. „Viele Rabbiner naher und entfernter Synagogen haben auf die Kunde davon ihre Kleider zerrissen und ganz Israel weinte wegen dieser That, dergleichen nicht geschehen, seit Israel in der Zerstreuung lebt." Schon früher haben die beiden Uebelthäter an solchem hochheiligen Tage einen Tumult erregt. Es gab einen kleinen und einen großen Bann. Der kleine Bann (Cherem) bestand in dem Ausschluß vom Besuche der Synagoge, an deren Eingänge die Namen der Gebannten auf ein schwarzes Brett geschrieben wurden, und diese wurden überdies zu keiner Hochzeits-, Beschneidungs-, oder sonstigen religiösen Feier zugelassen. Half dieser auf Anbahnung von Vergleichen berechnete kleine Bann — der große, fast einer Excommunication gleich, stand nur auf grobe Religionsverletzungen — nicht, so erfolgte nach Ablauf einer bestimmten Frist von einem bis zu sechs Monaten auf Requisition des Rabbiners vermittelst der Aeltesten die wirkliche Pfändung. Zu der Bannvollstreckung wurde Tags vorher die gesammte Judenheit nach der Synagoge eingeladen. Ein Augenzeuge berichtet: Vor dem Ausheben der Thorarolle entstand auf einmal eine große Stille, die Lichter wurden ausgelöscht und vier schwarze, welche auf dem Almemor aufgestellt waren, angezündet. Alsdann hielt der Rabbiner, die Thorarolle im Arm, eine viertelstündige Predigt. Der Synagogendiener blies dreimal auf einem „schwarzen" Horn und verlas das Mandat, Jacob Jsaac und sein Sohn Nathan seien in den großen Bann gethan, bis sie den Schaden, den sie durch Denunciation bei den Behörden den Juden zugefügt, wieder gut gemacht hätten. Beide Namen werden an das schwarze Brett geschrieben, die schwarzen Lichter ausgelöscht, die anderen wieder angesteckt, und der Gottesdienst nimmt seinen gewöhnlichen Verlauf. Jakob Jsaac hatte seiner eigenen Aussage nach und nach dem Zeugniß anderer Acten vor einigen Jahren verschiedene Juden wegen Wipperei und Kipsx.rei denuncirt und von diesen — er nennt Samson Hertz und seine Anhänger seine Hauptgegner — deswegen verfolgt, bei der Obrigkeit seine Zuflucht gesucht. Nun beschuldigt er die Juden, es sei ihnen einem Denuncianten gegenüber alles, selbst der Meineid, von ihrem Gesetz gestattet. Die Behörde könne sie zur Zahlung der größten Summen bewegen, wenn sie einfach die Synagogen schließe. Er könne wohl 100 Beispiele von Schlägereien au den Betstätien anführen, ohne daß der Rabbiner mit dem Banne eingeschritten sei. Aber in seinem Falle habe letzterer dem Befehl der Aeltesten gehorchen müssen, von denen er völlig abhänge. „Es ist die Autorität eines Rabbinen bey uns Juden bey weiten nicht so groß, als das Ansehen eines christlichen Predigers bey seiner Gemeinde." Die Aeltesten ließen den Rabbiner absichtlich in Altona unter fremder Jurisdiction wohnen, damit sie ihre Streiche dem „auf fremden Territorio" wohnenden Rabbiner zur

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