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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 209 jüdischen Blutes feierte, es Ihnen unmöglich machen würden, Belege für jüdische Intoleranz oder Gehässigkeit gegen Andersgläubige zu schöpfen. Die Juden — man nennt sie klug — thaten damals dasselbe, was sie heute thun, die irregeleitete, aufgehetzte Menge bemitleideten sie, die aber hinter der Scene sich verbergenden Leiter und Führer verachteten sie. Ich muß also zu Ihrer Information zum Schriftthume des vorchristlichen Judenthums greifen, das heißt zum Schriftthume des biblischen Kanons. Da aber hätte ich Ihnen so gut die halbe Bibel anzuführen. Doch denke ich, daß auch wenige auf's Gerathewohl herausgegriffene Stellen den Dienst thun und Ihnen genügen werden. Da heißt es z. B. Exodus Cap. 22, Vers 20: »Und den Fremden sollst Du nicht kränken und nicht bedrücken, denn Ihr wäret selbst Fremdlinge im Lande Aegypten." Hören Sie, geehrter Herr Professor, auch nicht kränken dürfen die Juden den Fremdling! Fühlen Sie den ethischen Nachdruck in dem Hinweise auf die einstige Knechtschaft! Und dann lesen wir wieder im Buche Leviticus Cav. 19, Vers 33 f: »Und so ein Fremdling wohnet in eurem Lande, sollet ihr ihn nicht bedrücken. Wie der Einheimische gelte euch auch der Fremde, der unter euch wohnt, Du sollst ihn lieben wie Dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten; ich bin der Ewige, euer Gott." Wollen Sie gütigst beachten, geehrter Herr Profeffor, sogar Liebe für den Fremdling ist den Juden vorgefchrieben. Desgleichen empfehle ich auch hier den motivirenden Nachsatz: »Ich bin der Ewige" Ihrer geneigten Beachtung. Unwillkürlich denkt man hier an die vor Kurzem von Sr. k. u. k. Hoheit Herrn Erzherzog Rainer zu der ihn beglückwünschenden Deputation der Wiener israelitischen Cultusgemeinde gerichteten hochsinnigen Worte: »Wir beten Alle zu einem Gott." Und dann heißt es auch Numeri Cap. 15, Vers 15 f. : »Eine Lehre und ein Recht sei euch und dem Fremden, der unter euch wohnt." Ja, geehrter Herr Professor, die Juden hatten wirklich gleiches Recht für Alle, nicht nur geschriebenes, wie in unseren modernen Culturstaaten, welche Individuen vom Schlage eines Schneider, Gregorig, Lueger, Bergani rc. züchten, sondern auch wirklich gehandhabtes, bethätigtes Recht. Soll ich Ihnen noch von den Zukunftsbildern, den Heilslehren der Propheten für alle Menschen erzählen, ethische Gedankenhoheit, die fast in jeder Zeile der. großen und kleinen Propheten wiederkehrt? Oder etwü vom Zukunftsstaate Ezechiels, in dem er auch den Fremdling an der Verlosung des Landes theilnehmen läßt? Und all die in den vorcitirten Stellen erwähnten Fremden waren Heiden, rohe Götzenanbeter, nicht etwa Träger einer Culturreligion, wie z. B. das Judenthum, das von der eigenen Tochter, dem Christenthume, so mißhandelt ward. Ja, geehrter Herr Profeffor, schon die Bibel lehrt, daß man die Eltern nicht für die Miffethaten der Kinder verantwortlich machen darf, denn zuweilen hilft alle Erziehung nichts, und die weitestgehende Bererbungstheorie muß da ihre Grenzen finden, wo die Abstammung nur rein ideeller Natur ist. Seien Sie überzeugt, daß beim dereinstigen Weltgericht der Weltgeschichte das Judenthum nicht auf der Anklagebank sitzen wird. Indem ich mir zum Schluffe noch erlaube, Sie auf das Lazarus'sche groß angelegte Werk,. »Die Ethik des Judenthums" aufmerksam zu machen, das Sie eingehender über den ethischen Gehalt der jüdischen Gesetzgebung über Fremde informiren wird, als dies an dieser Stelle geschehen kann, zeichne ich in vorzüglicher Hochachtung vr. phil. A. Tänzer, Landrabbiner für Tirol und Vorarlberg. Hohenems, im März 1902. Analole Leroy-Beaulieu: „Die Lehren des Haffes." Der bekannte französische Literarhistoriker, ein Bruder des Nationalökonomen Paul Leroy-Beaulieu, nimmt gern Stellung zu den Fragen der Zeit; er ist auch an der neuesten Volkskrankheit nicht .vorbeigegangen: er hat in zwei schon früher erwähnten Abhandlungen, „Israel chez les cations“ und „rAntisfimitisme“ seinen Standpunkt gewählt. Die letztere Abhandlung ist ein Vortrag, den er an der katholischen Universität, Institut catholique, gehalten hat. Nun kommt er auf diesen Gegenstand noch einmal zurück in dem im Titel angezeigten Buche, welchem gleichfalls Vorträge, an der Ecole des Hautes Etudes sociales gehalten, zu Grunde liegen. Er reiht drei Abhandlungen über den Antisemitismus, Antiprotestantismus und Anticlericalismus aneinander und bekennt sich als einen Gegner der „trois Anti"; er glaubt mit großer Unparteilichkeit vorzugehen, sucht einen Standpunkt über den Parteien zu gewinnen und scheut nickt den Verdacht, als Philosemil, Hugenotte oder Clericaler abwechselnd zu gelten. Er meint, seine „Pflicht als Franzose und Christ" erfüllt zu haben. Sein Ziel spricht er deutlich aus: die Lehren des Hasses zu bekämpfen, die Frankreich zerfleischen, Vorurtheile und Leidenschaften abzuschwächen, welche die Franzosen blind machen, die Classen und Parteien einander näher zu bringen, um die Einheit, „die Voraussetzung aller Macht und Größe Frankreichs", zu retten. In seiner mit Wärme geschriebenen Einleitung führt er die Erscheinung des traurigen Zustandes auf den Ursprung zurück. Die Lehren des Hasses — wir folgen einer kurzen Inhaltsangabe der „Neuen Freien Presse", da uns das Werk selbst noch nicht vorliegt — diese drei verwandten socialen Systeme sind von der Affaire Dreyfus datirend; an ihr entzündeten sich alle Leidenschaften, lebten längst überwundene Vorurtheile wieder auf; seit jener Zeit ist Frankreich in einer Krise, die noch immer nicht überwunden ist, die Parteien verbitterten sich immer mehr und mehr. Antisemiten und Nationalisten, ihnen gegenüber Anti-Clericale und Socialisten, man tobt gegen die „panamistische und freimaurerische" Republik, deren Anhänger gegen die Jesuiten und ihre Freunde in der Armee. Racenhaß, Classenhaß, Religionshaß, Parteihaß herrschen überall; seit den Tagen der Revolution stand der Geist der Freiheit und der Duldsamkeit nicht so tief wie jetzt. Und die Waffen der Kämpfer sind Beschimpfung und Verleumdung. Als die betrübendste Erscheinung bezeichnet der Autor die Verbreitung des Antisemitismus; es hat ihm offenbar eine Genugthuung bereitet, die deutsche Herkunft dieser traurigsten Volkskrankheit zu constatiren. — In Frankreich ist er eine Macht geworden, und wie jede Macht findet er seine Höflinge. Man hat dem gemeinen Judenhaß ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt, einer von Renan aufgestellten, von ihm selbst in seiner Reife ganz aufgegebenen Racentheorie folgend, hat man die „Judenhetze du moyen age" wieder aufleben lassen. „Ein Gespenst vom Friedhofe der Geschichte." Und Frankreich lebt wie in den Tagen der Schreckensherrschaft oder der heiligen Liga. Dem Neid und der Habgier, dem Haß gegen den Reichthum verdankt der Antisemitismus seine Volksthümlichkeit und Verbreitung. Er herrscht auch in den Salons, er ist der Socialismus des Salons, der Clubs, der Krautjunker, aller Derjenigen, deren Rente kleiner ist als ihre Ansprüche. Wir erinnern uns, in Oesterreich den Antisemitismus kurz und schlagend den „Socialismus des dummen Kerls" nennen gehört zu haben. Leroy nennt ihn den feindlichen Bruder des Socialismus, aber immerhin den Bruder. Es ist ein Jrrthum, zu glauben, daß, wenn man an die „Revision der Vermögen" schreiten würde, man sich auf die jüdischen Banken beschränken würde, vor den Palästen eine heilige Jungfrau oder ein Kreuzesbild Schutz bieten könnte. Vergeblich sagen die Antisemiten, sie griffen nicht die Religion, nicht die Race an. Sind es Neger, die man an der Hautfarbe erkennen will? Dem Juden den Krieg erklären, heißt die Synagoge angreifen» denn er ist nur Jude durch die Religion. Merkwürdig, schon hat sich als Consequenz des Antisemitismus auch der Haß gegen den Protestantismus gemeldet. Die Nationaleinheit verlangt die Glaubenseinheit; in den Protestanten sieht man Abkömmlinge der längst Verjagten. Zurückgekehrte oder Ausländer, die sich in Frankreich seßhaft gemacht, Holländer, Engländer, Deutsche, keine racenreinen Franzosen! Schon hört man den Widerruf des Edicts von Nantes, die Dragonaden preisen, denn eine Intoleranz erzeugt die andere. Wie in einer Parenthese ist der Nationalismus untergebracht. Er ist aus Schwärmerei und patriotischer Beklemmung entstanden, aber Name und Begriff sind falsch; das klingt schön und bestechend. Aber ist Frankreich etwa unter Fremdherrschaft? Ist es ein Irland? Ein Polen? Ist es erlaubt, unter dem Vorwände einer nationalen Einheit das Vaterland entzweizuschneiden und geborene Franzosen willkürlich auszuscheiden und Monopol - Franzosen zu schaffen? Nationalistische „wahre" Franzosen von den Pseudo-Franzosen zu trennen? Eine Nation ist keine Kirche, sie hat nicht das Recht der Excommunication ihrer Glieder. Wenn der Jude, der Protestant Fremde, sie und der Ultramontane (Römling) international und nicht Franzosen sind, wer ist denn noch ein Franzose? Die Seele der Franzosen wird germanisirt, der französische Geist wird denatnrirt, judaisirt oder romanisirt! — so lauten die Schlagworte. Bei solcher Exclusivität bleibt nichts übrig, als zum Druidismus zurückzukehren oder gar zur Barbarei und zum Fetischismus der Höhlenbewohner. Der sectische Geist und die leichtgläubige Unwissenheit kommeZ jedem Schlagworte gleich empfänglich entgegen. Gesetze der Proscription werden verlangt. Der Antisemitismus ist der Typus einer Lehre deu Hasses. Man greift die Sittenlehre der Juden an, sie sei eine doppelte, eine gegenüber den Glaubensgenossen» die andere gegenüber den Christen. Unter dem Nächsten sei nur der Jude verstanden, wenn das Gebot den Nächsten zu lieben befiehlt. Leroy widerlegt dies aus den Worten der Bibel, die sich auf den Fremden beziehen, und fügt dann noch einen Hinweis auf die brutale Sprache der Antisemiten hinzu, denen er das Recht abspricht, sich auf das Christenthum, das Evangelium und die Menschenliebe des Heilands und der Apostel zu berufen.

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