Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021451--11617-3036164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

M. n Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 185 wagte Niemand, viel weniger Josef, der ein höheres Wesen von Angesicht zu Angesicht schauen zu können wähnte. Das muß eine Königin sein! dachte er, — berufen, Millionen zu lieben und würdig, von Millionen geliebt zu werden! So schön mußte etwa Erzmama Sarah gewesen sem. die noch im Alter von 90 Jahren von einem jungen Könige bewundert wurde, oder Rebekka, Rachel, denen die Bibel das Epitheton „schön von Gestalt und schön von Ansehenbeilegte; so schön mochte Delilah gewesen sein, die den unüberwindbaren Simson zum Schwächling machte — nein, nicht so schön, d i e war teuflisch schön — so schön konnte nur Esther gewesen sein, die von allen Jungfrauen in 127 Provinzen auserwählt ward, die Gattin des Königs zu werden und ihr Volk zu erretten. Er ließ auch die anderen schönen Frauen der heiligen Schrift und der Weltgeschichte vor seinem Geiste Revue Yassiren — auch die Mythologie der verschiedenen Völker mußte herhalten — und er kam zu der sonderbaren Ueberzeugung, daß von all' den diversen BeautSI, die je in der Welt gefeiert, bewundert, geliebt und gehaßt wurden, keine schöner, liebenswürdiger gewesen sein konnte, als diese, wiewohl er selbt — der Wahrheit die Ehre! — bisnun noch sehr wenige wirkliche Schönheiten zu Gesicht bekommen hatte. Armer Josef! Nun, die Dame war ja allerdings chübsch und reizend, pikant, charmant und elegant, und was ihr die Natur an Reizen versagt haben mochte, mit weiser K u n st verstand sie es, sie sich zu ersetzen — aber sie war kein höheres Wesen und keine Königin, auch weder eine biblische, noch eine historische, noch eine mythologische Schönheit, sie konnte es nur sein, wenn sie wollte — auf der Bühne .... Davon hatte er freilich keine Ahnung und mit stiller Inbrunst überließ er sich dem Cultus der Schönheit, als plötzlich der garstige Cantor vor ihm auftauchte und ihn aus seinen Idealen herausriß. Der war heraufgekommen, um sich bei Josef Rath und Mittel zu holen, — hauptsächlich Letzteres — um wieder in den ungestörten Besitz der ihm abgenommenen Fahrkarte zu gelangen, allein Josef wollte sich trotz allen Zuredens nicht mehr dazu herbeilassen, den Cantor aus der selbstverschuldeten Patsche herauszuhelfen, so daß er ihn endlich ziemlich unwirsch von sich wies. Dieser geberdete sich nun ganz verzweifelt und der Herr „Viertelmagnat", der dies bemerkte, fragte ihn mit herablassender Gravität: „Na, was hat er denn, der Moses?" „Ach, gnädiger Herr", lamentirte der Cantor, froh, Jemanden gefunden zu haben, den er anschnorren könne. „Mir ist ein großes Unglück passirt!" Und er erzählte ihm ein Langes und Breites, welch' ein weltberühmter Cantor er sei und wie er durch außerordentliche Schicksalsschläge krank im Herzen und leer im Beutel geworden sei, daß er seit drei Tagen nichts gegessen, nichts getrunken, nicht geschlafen — der Lügenbeutel! — daß er ganz unbewußt, ahnungslos und unschuldig mit seiner Borderdeckkarte in die Abtheilung der zweiten Classe hineingeralhen und nun der Verzweiflung nahe sei u. s. w. Der Landjunker hörte ihm gerührt zu. „Na, Moses, da wollen wir schon helfen. Aber da er Cantor ist, muß er mir auch was singen! Kann er noch singen?" „O, gnädiger Herr, ob ich kann! Aber entschuldigen zur Güte, ich kann nicht singen, nicht deutsch und nicht ungarisch, nur hebräisch. . ." „Umso besser! Ungarisch kann ich mir selber singen und deutschen Gesang verträgt mein Magen nicht. Aber hebräisch, das muß interessant sein! Huzd räl") Der Cantor kratzte sich noch hinter den Ohren, hustete und räusperte sich und legte endlich los. Es war ein feierlicher „Hasch kiwenu", den er da zum Besten gab. Seine Stimme war wohl nicht die eines „weltberühmten" Cantors, aber konnte sich hören lassen und Josef, der zu dem Manne schon alles Vertrauen verloren hatte und auch höchst ungehalten darüber war, daß er sich dazu hergab, hier auf dem Schiffe ein liturgisches Gesangsstück aufzusühren, wurde doch gewissermaßen milder gestimmt, als er sah oder eigentlich hörte, daß der Mann doch nicht in Allem gelogen hatte, denn Chason war er, das stand fest, denn solch' rapshodische Schnörkel und Vibrationen mit der Stimme bringt so bald kein Anderer zuwege, als ein geübter Chason. Sein lautes Organ hatte viele Passagiere aus den ver- ') Fang an! Spiel auf! (Aufforderungsformel zum Musiciren.) schiedenen Abtheilungen herbeigelockt und er konnte sich wenigstens einer zahlreichen Zuhörerschaft erfreuen. Auch die schöne Dame war darunter. Sie verrieth mit keiner Wimper, ob sie den Gesang schön oder unschön finde. Bon den Juden hörten einige andächtig, mit innerlicher Befriedigung zu, andere schauten finster drein ob der „Entweihung", oder gaben auch ihrer Verachtung Ausdruck. Ein Gigerl „israelitischer Confeffion" schaute höhnisch drein, er plante offenbar einen Tric, um das Amüsement zu verschärfen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Samuel Löw Brill» eine Lebens- und Charakterzeichnung von Dr. Ludwig Blau (ungarisch). Budapest 1902. Man kennt die Eigenart der literarischen Größen des Judenthums, deren Persönlichkeit in den meisten Fällen neben ihren Werken gar nicht zum Vorschein kam. Wir hören z. B. von einem Schnlchan- Aruch sprechen und denken in den wenigsten Fällen an dessen Autor, an Josef Karo. Wir beklagen diese Eigenart nicht, denn sie gereicht unseren Vätern zur Ehre, dennoch aber wäre es oft erwünscht, über den Einen und Anderen Näheres zu erfahren, denn Zeit und Umstände eines Autors dienen oft zur Aufklärung seiner Ansichten. Was für die alte Zeit nicht mehr einzubringen ist, das sollen wir wenigstens in unseren Tagen nicht versäumen, besonders wenn es sich um einen Menschen handelt, der. wie S. L. B r i l l, die Oeffentlichkeit lieber mied, als sie anfsuchte. Brill ist unvergeßlich all Denen, die ihn gesehen und gekannt hatten, ihn zu sehen heißt ihn bewundert, ihn gekannt heißt von ihm gelernt zu haben. Dennoch aber verlief das Leben dieses außerordentlichen Mannes so sehr im Stillen, daß Prof. L. Blau, sein ehemaliger College am Rabbiner-Seminar zu Budapest, wohl daran that, die Züge dieses Mannes festzuhalten, so lange dieselben noch in unverwischter Treue in der Erinnerung der Zeitgenossen leben und sich sammeln lassen. Samuel Löw Brill ist den 14. September 1814 als Sohn des Rabbinatsverwesers Asriel Brill in Pest geboren. Sein Vater war ein aufgeklärter Mensch und ließ demzufolge seinen Sohn auf privatem Wege auch die Lateinschulen machen, was für den ftüh entwickelten scharfen Geist des jungen Brill eine Leichtigkeit war. 1832 kam dieser als junger Bachur iu die Talmudschule des berühmten Rabbi M. I. P e r l s nach Eisenstadt, wo er drei Jahre verbrachte. Hier schloß er Freundschaft mit I. H. Weiß, dem hochverdienten greisen Literaten in Wien. 1834/3» sehen wir den jungen Brill in Preßburg in der Jeschiba des berühmten R. Moses Sofer, aber schon 1836 setzt er seine Talmudstudien in Prag fort und die dortigen Rabbinen erthcilen ihm, kaum 22 Jahre alt, die Rabbinatsbefähigung. Brill hoffte nun mit Recht auf ein Rabbinat, da es ihm aber damit nicht besser ging, als L. Zunz um eben diese Zeit, so sah er sich genöthigt, in Preßburg vier Jahre als Hauslehrer zu „dienen", doch lernte auch er selbst und legte daselbst am evangelischen Lyceum mit ausgezeichnetem Erfolge die Maturitäts-Prüfung ab. In diese Zeit fällt auch seine einzige literarische Leistung; unter einem Pseudonym schrieb er nämlich 1838 einen Nekrolog nach M. Sofer in die „Allgemeine Zeitung des Judenthums". Dann kam er nach Pest und wieder hoffte er auf ein Rabbinat und wieder vergebens. Da machte er sich 1842 nach Berlin auf. an die Stätte der modernen jüdischen Bildung. I. M. Mannheimer, Prediger von Wien, gab ihm ein Empfehlungsschreiben mit an M. Sachs, Prediger in Berlin. Dadurch konnte er sich des Verkehrs mit Sachs und alsbald auch desjenigen von Zunz erfreuen. In Berlin besuchte er die Universität und auch von dort wurde ihm das schönste „Abgangs- Zeugniß" ausgestellt. Wofür Alles sich Brill interessirte, erhellt am besten aus den Namen der Professoren, deren Vorlesungen er besucht hatte; er hatte gehört bei Boeckh, Erdmann, Ranke, Watte, Zunz und Schelling. In Berlin traf er einen Mäcen an dem Arzt Samuel Schönberg, und es ist rührend und für Brill zugleich ehrend, wie er noch nach Jahren dieses Mannes gedenkt und ihm seine Schuld abträgt. Mit Wissen und Rednergabe ausgerüstet, scheut sich Brill dennoch, sich um einen Rabbinerposten zu bewerben und so blieb er seit 1843 iu Pest, wo er infolge der Stellung seines Vaters zu den Rabbinatssitzungen zugezogen wurde und wo er 1850 sich auch häuslich niederließ, indem er sich eine würdige Ehehälfte erkor, mit der er 40 Jahre in glücklicher Ehe lebte, doch hatte er mit seinen Kindern, der Zahl nach sechs, so manches Ungemach. 1853 verlor er seinen Vater und von dieser Zeit an war er auch amtlich der Rabbinatsverweser der Pester jüdischen Gemeinde, als welcher er schon früher an der Seite seines Vaters fungirt hatte. Es that sich dadurch für Brill ein schöner Wirkungskreis ans, denn nach dem Ableben der Prediger Schwab und M e i s e l war Brill bis zu seinem Tode der Vorsitzende des Rabbinercollegiums und als solcher der religiöse Hirt einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt. Er war dazu durch sein immenses rabbinisches Wißen wie prädestinirt und gerade durch dieses Wissen zählt Brill für alle Zeiten zu den Großen Israels. Prof. Blau ist es geglückt, durch Auffrischung einer alten Preßstimme (Mainzer „Israelit" 1864) darzuthun, wie Brill auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.