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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-03-14 · 11 (14.3.1902) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
11 (14.3.1902)
Date
1902-03-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 184 Nr. 11 Dr. Klvch's WochrnschrUe »Die Karten? Ich, ich spiele keine Karten!" »Davon ist auch gar nicht die Rede", sprach der Controlor unwillig. »Die Fahrkarte verlange ich, aber bitte, rasch!" »Ach so, die Fahrkarte!" Und nun machte er sich auf die Suche in den zahllosen Taschen seiner complicirten Gewandung, wollte sie aber nirgends gefunden haben. »Die muß mir rein Jemand gestohlen haben!" rief er mit verzweiflungsvoller Geberde. »Ich finde sie nicht!" »Dann werden Sie die Güte haben", bemerkte der Controlor mit der seinen Standesgenosien eigenthümlichen frostigen Höflichkeit »wtb die Fahrt noch einmal bezahlen." Damit wollte er sich entfernen. Dies mochte aber dem Cantor nicht behagen. »Aha, ich Hab' sie schon! Da ist sie!" rief er freudestrahlend und zog die Karte aus einer an der Innenseite der Weste angebrachten Tasche hervor. Der Controlor besichtigte die Karte und sprach unwillig: »Aber das ist ja eine Karte für's Vorderdeck! Und Sie machen es sich hier so bequem, wie wenn Sie da zu Hause wären! Da werden Sie schon die Freundlichkeit haben müssen und die Differenz nachzahlen, eher bekommen Sie die Karte nicht zurück!" Damit verschwand er und der Cantor schaute ihm verdutzt nach. Dann kratzte er sich und gähnte sürchterlich und wollte sich um Rath und Hilfe an Josef wenden. Allein dieser hatte schon bemerkt, daß man auch mit einem Billet zweiter Classe nicht immer da unten sitzen müsie, indem viele Pasiagiere auf der Holzleiter, die auf das Vorderdeck führte, hin- und herwogten. Ec machte sich daher keine Scrupel darüber, dem Cantor seinem Schicksale zu überlassen und begab sich ins Freie. * * Wie schön ist eine Dampfschifffahrt auf der Donau im ungarischen Tieflande an einem herrlichen Sommertage! — Wie schön erst, wenn man Josef Lindner heißt, 17 Jahre alt ist, die Welt nur aus Büchern und dem kurzen Horizonte eines Gebirgsstädtchens kennt und die Brust voller Sehnsucht hat, über die man sich gar keine Rechenschaft zu geben weiß. Diese Schönheit, Josef fühlte sie in ihrer Vollkommenheit, als er auf das Vorderdeck gekommen war. Als wäre er der Wirklichkeit entrückt, muthete ihn Alles mit einem magischen Zauber an, der Himmel, die Gegend, der Strom, das Schiff und die Menschen. Bor Allem der Himmel! War dies derselbe Himmel, den er in seiner slovakischen Heimat sah, wo die Zacken der kleinen Karpathen den Gesichtskreis einengten? — Hier, welch' ein Himmel! Welch' unendliche Riesenkuppel als würdige Vorhalle zur Wohnstätte der Gottheit! »Haschomajim" --die Himmel, das war nicht der Himmel, nicht e i n Himmel, auch nicht zwei, das waren d i e Himmel, Myriaden von Himmeln, die vereint ein ausgedehntes Himmelreich bildeten, »um zu erzählen von der Herrlichkeit Gottes und zu verkünden das Werk seiner Hände. . . ." Und diese Gegend! Nicht so bunt und abwechslungsreich, wie die kleinen Territorien des heimatlichen Bodens — hier nichts als Ebene, fruchtbare Ebene, so weit das Auge blickt. Und diese Einförmigkeit wird nie zur Eintönigkeit, sie bietet vielmehr einem dichterischen Gemüthe den Anblick von Majestät und Milde, von der Erhabenheit im Einfachen. Josef kannte damals schon die Verherrlichungen des Alföld von den berufensten Poeten, wiewohl ihm aus Mangel an Uebung das Sprechen des magyarische» Idioms noch nicht recht geläufig war, und es gewährte ihm eine angenehme Genugthuung, das Schwelgen im Schönen nun auch physisch Mitempfinden zu können. Zur Gegend gehörte auch naturgemäß »die schöne ^blaue Donau" — die Ungarn nennen sie seltsamerweise »die schöne blonde Donau" — die hier in ihrer vollen Schöne dem Auge des Beschauers sich darbietet und deren Reize nicht nur von ungarischen Dichtern schon oft verherrlicht wurden. Josef schaute sinnend in die schäumende Fluth . . . Dann wandte sich sein Blick der Construction des Schiffes zu, wobei er sich gegenüber jedem Matrosen so zum Erbarmen unwissend vorkam, er, der schon so viel gelernt zu haben vermeinte! Was halfen ihm seine theologischen, philosophischen und linguistischen Studien, auf " die er sich doch etwas einbilden zu können glaubte — wäre er mit Hunderten seines Schlages auf einem solchen, mit allen Hilfsmitteln der Neureit ausgestatteten Dampfschiffe sich selbst überlassen, sie wären allesammt nicht im Stande, sich fortzubewegen oder anzuhalten, denn was der Technik nur nahekam, war ihm eine terra iueognita. Und doch, wie schön müßte es sein, auch in diese Wiffenschaft einzudringen, der fast alle Erfindungen entsprungen, die der Menschheit zugute kommen, ihre Cultur entwickeln, ihren Geschmack verfeinern, ihre Arbeit erleichtern .... Aus diesen Betrachtungen duckte ihn das lebhaft geführte Gespräch einiger Landsleute, die sich über — Politik unterhielten. (Auch ein fremdes Feld für ihn.) Er staunte über die Debattengewandtheit dieser Bauern, mit welch' überzeugender Logik sie ihre Anschauungen zu verfechten verstanden. Es waren eben Alfölder Bauern, die es an Wohlhabenheit mit manchem oberländischen Gutsbesitzer getrost aufnehmen konnten, die aber von der Civilisation sich nur das Herausnahmen, was sie für gut und zweckdienlich hielten. Auf ihrem Tische waren gewiß nie Fasane, Austern, Pasteten und Champagner zu finden — Fleisch, Brot und Wein mußte Alles viel und gut, aber eigener Fechsung sein, nur in der Kleidung gönnten sie sich den Luxus der theuersten Stoffe und namentlich die Frauen und Mädchen leisteten in dieser Beziehung Großartiges, wenn auch die Grenzen der bäuerlichen Tracht nur in den seltensten Fällen überschritten wurden. Diese Bauern tranken auch ihren Schwarzen, rauchten gute Cigarren und — lasen ihre Zeitungen. Erscheinungen, die Josef fast noch mehr verblüfften, als die instructiven Darlegungen der politischen Verhältnisse aus dem Munde dieser Leute. Unfern dieser Gruppe stand ein sogenannter »Biertelmagnat", ein ungarischer Landjunker, wie er im Buche steht, nein, nicht im Buche, sondern als stehende Figur in dem meist verbreiteten ungarischen Witzblatts »Lorssrem Jankö", — ein würdiger Vertreter jener im Verschwinden begriffenen Classe des ungarischen Kleinadels, die als heiligste Devise »Wein, Weib und — Kartenspiel" auf ihre Fahne geschrieben hat. Im Uebrigen sind sie gutmüthig und boshaft, leicht aufbrausend und bald besänftigt, sind rasch dabei, dem Zigeuner, der nicht nach ihrem Gusto spielt, eine Ohrfeige zu versetzen, um wieder gleich darauf ihm eine Zehnguldennote als Schmerzenspflaster auf die Wange zu Picken, lieben den Juden, wenn er seinen Jargon spricht, und vertheidigen ihn, wenn ihm Unrecht geschieht, verachten ihn aber, wenn er intelligent sein will — über Alles aber lieben sie ihr Vaterland, für welches sie zu jeder Stunde bereit sind, zu leben, zu sterben und — zu toastiren. Vor dem Speisesalon der ersten Classe bemerkte Josef einen hohen kirchlichen Würdenträger, der in der leutseligsten Weise mit einem jüdischen Gutspächter conversirte. Sie sprachen über die Ernteergebnisse, über Localereignisse in K. und andere Dinge, die Beide in gleicher Weise zu interessiren schienen, und Josef gefiel die würdige Haltung seines Glaubensgenoffen, der bei aller Hochachtung, die er seinem Gegenüber zollte, doch nie in die bei seinen jüdischen Landsleuten beliebte, ihm stets zuwider gewesene Unterwürfigkeit und Kriecherei christlichen Höhergestellten gegenüber ausartete. Er bemerkte noch so Manches auf dem Schiffe, was seine Aufmerksamkeit gefangen nahm. Als wäre er in eine ganz andere Welt versetzt, von deren Vorhandensein er bislang keine Ahnung hatte, ergötzte ihn der Anblick jedes Dinges und jeder einzelnen Person auf diesem wunderbaren Fahrzeuge,' auf welchem man nicht nur sitzen, sondern auch stehen und gehen, essen und trinken konnte, als wäre man auf einer Zauberinsel zu Gaste — und Alles und Jedes bildete den Gegenstand seiner eifrigsten Betrachtungen.- Mehr aber noch als der unermeßliche Himmel und die majestätische Gegend, mehr als der gewaltige Strom und das kunstvolle Schiff, mehr als die politisirenden Bauern und der über Alles fluchende Landjunker, mehr als der hohe Kirchenfürst und der selbstbewußte Glaubensgenosse, mehr als alles Andere rings um ihn her entfesselte seine Aufmerksamkeit eine Erscheinung, die, wie eine zweite Sonne, aus dem Dunkel einer Kajüte hervortrat. Vor ihrer Rivalin, der Himmelssonne, hatte sie den Vorzug, daß ihr Anblick das menschliche Auge nicht blendete, sondern ihm wohlthat.Es war ein Weib von unsagbarer Schönheit und Anmuth. voll Liebreiz und Würde, voll Hoheit und Milde und unwillkürlich kamen Josef die Worte in den Sinn, die, wie die Agada erzählt, ein gottergebener Rabbi beim Anblicke einer herrlichen Heidin ausgerufen hatte: »Wie groß sind Deine Werke, o Gott!" Die Dame war in Begleitung einer wenn auch nicht alten, doch älteren Freundin oder Gesellschafterin, mit der sie sich in französischer Sprache unterhielt, und Beide nahmen auf einer Holzbank Platz, die ihnen einige fremde Herren ehrerbietig eingeräumt hatten. Sich mit ihnen in ein Gespräch einzulassen.

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