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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 Seite 137 Dr. Dwar's WochrnfchrM, Lasker als politische, Lassalle und Marx als sociale, Saphir und Kalisch als humoristisch-satirische. Spitzer, Blumeuthal, Mautner und Nordau als literarische Kritiker ausgezeichnet. Georg Brandes' Art der Kritik hat auch hier in Rumänien einen bedeutenden Schüler in Gherea gefunden. b) Brandes' Namen ist mit dem vieler Größen des XIX. Jahrhunderts verbunden, welchen er Aposteldienste geleistet. Einigen dänisch-norwegischen Größen, dem genialen Politiker D'Jsraeli und den mächtigen Agitator Lassalle weihte er kunstvolle und tiefsinnige Biographien. In seinem Buche. »Menschen und Werke" offenbarte er das großartig Menschliche in den Meisterwerken des Denkens und Fühlens und zeichnete große Menschen als psychologische Kunstwerke. Stuart Mills Schriften übersetzte er, mit Männern wie Ibsen befreundete er sich, Tain's Wahrheiten verbreitete er und hervorragenden Zeitgenossen wie Björnson, Turgenjeff, Dostvjewsky, Tolstoi. Renan, Zola. Nietzsche, Paul Heyse u. s. w. widmete er sich. Er befaßte sich mit Altem und mit Neuem, mit Shakespeare wie mit den literarischen Zeitströmungen des XV. Jahrhunderts, mit Verwandtem wie mit Entferntem, mit der nordischen Literatur wie mit dem polnischen Wesen. In Allem und Jedem zeigte cr sich aber als Waffenträger der Geistesheroen, als Apostel der großen und interessanten Gedankenschöpfer und Gefühlserzeuger. Dieser Aposteltrieb ist im Juden stark entwickelt. Israel ist das auserwählte Volk der Religion geworden — durch diese Fähigkeit, sich für Lehren zu begeistern, für Wahrheiten Propaganda zu machen, begeistert und begeisternd zu schreiben und zu sprechen. Die religiösen Genies der Bibel, die Begründer des Christenthums, die großen Hellenisten, die Vorkämpfer des Liberalismus und des Socialismus, sie alle übten gewissermaßen ein Apostelamt ans. Dem besseren, manchmal auch dem schlechten Juden wird die Wissenschaft, die Literatur, die Kunst, leider zuweilen auch das Geschäft und der Unglaube zur Religion. Wenn Brandes in seinem Kampf gegen die dänische Orthodoxie ungerecht wird und unseren Protest herausfordert, so verstehen wir doch, daß sein Kampf gegen eine bestimmte Form der Religion, aus Religion, aus Begeisterung für seine errungenen Erkenntnisse so heftig wird. c) Nietzsche hat Brandes als Culturmisfionär bezeichnet und wirklich als literarische Mission kann seine Wirksamkeit im Dienste der europäischen Cultur betrachtet werden. Nordische, deutsche, französische und englische Gedankengebäude verband er gleichsam mit talmudischem Geist. Wie Philo und -die anderen Alexandriner griechische und palästinensische Cultur verbunden, wie jüdische Religionsphilosophen aristotelische und arabische Philosophie mit jüdischer Theologie vereinigt, wie jüdische Aerzte im Mittelalter bei der Vermittlung der Wissenschaften des Ostens und Westens als ehrliche Makler gewirkt, so haben die Juden des XIX. Jahrhunderts in der Philosophie als edle Eklektiker gearbeitet, und in der Literatur der Bereinigung verschiedener Völkerculturen zu einer universellen Einheit gedient. ck) Die Macht der Kritik, die Fähigkeit zur Begeisterung und das Bedürfniß nach Thätigkeit im Dienste der Beivollkommnung des Menschengeschlechtes machen viele Juden zu Anbetern des fortschreitenden Zeitgeistes und erhoben Brandes zum Fahnenträger desselben. Er ist modern in vieler Beziehung und die Entwicklung des Neuen aus dem Alten, die Ueberwindung des Alten durch das Neue, die Ersetzung des romantischen durch das Jung-Europäische behandelte er in seinen Schriften. Die Juden lieben die moderne Zeit, weil sie in derselben zu freier Entfaltung ihrer Kräfte gelangt, und verehren die neuzeitlichen Ideale vom gerechten Staat, von der Macht der Bildung, von dem Willen des Volkes, vom ethischen Fortschritte, von der realen Frauenwürde und von der socialen Gesetzgebung, weil diese Ideale jüdischen Ideen entsprechen. Als Jude, wenn auch unbewußt, kämpfte Brandes für die moderne Welt- und Lebensanschauung. e) Er kämpfte fast spielend feuilletonistisch und Meister des Feuilletons waren nicht nur Ferdinand Groß, der den Preis für das beste Feuilleton errungen, sondern viele Juden, die in der Cultur gewissermaßen den geistigen Preis der Feuilletons gesteigert. Die dem Priestervolke Israel eigenthümliche Mischung von Heldenverehrung und Massenanbetung, Priesterherrschaft und Volkswille, die bei den Juden oft gepaarte Hervorkehrung des eigenen Ich und Würdigung eines gesunden Altruismus find auch bei Brandes zu finden. Das Judenthum im weiten Sinne des Wortes spielt in seinem Unbewußten eine große Rolle. Ob es auch in sein Bewußtein voll und ganz dringen wird, wird die Zukunft lehren. _ Oesterreichisch-Irrdischrs iw Hamburger Staatsarchiv. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald, Hamburg. I. Der Prager Exodus 1745. Das Unheil, welches 1745 über die Prager Juden hereingebrochen war, rief ihre Glaubensbrüder in weitestem Bereich zu thatkräftiger Hilfeleistung auf. Tausende und Abertausende betriebsamer Bürger unter den unglücklichsten Umständen, ohne Aussicht auf ein Unterkommen mit einem Schlage obdachlos! Freilich hatte man sogleich zur Bemäntelung einer solchen Barbarei ein Lügenmärchen zur Hand. Die böhmischen Juden sollten ihr Vaterland verrathen haben, bald hieß es an Frankreich, bald au Preußen. Man fÄschte u. A. eine „Copia eines Schreibens, welches ein Jude aus Prag an einen seiner guten Freunde in Frcmckfurt abgelassen" haben sollte (in der Hamburger Stadtbibliothek). . Mit seltener Einmüthigkeit sehen wir die Mächte Europas gegen einen solchen Act der Grausamkeit der kaiserlichen Regierung ihre Vorstellung machen. England, Holland, Dänemark, Sachsen, Kur-Mainz, Brauuschweig, selbst Papst und Sultan lassen ihre Vertreter bei den Ministern zu Gunsten der Juden plaidiren. Umsonst! Maria Theresia bestand darauf, in dieser Angelegenheit keiner fremden Macht ihr Ohr zu leihen. Zu diesen bisher bekannten Daten cesellt sich nun ein neues: auch der Hamburger Senat ist als Anwalt der Prager Juden aufgetreten. Im Hamburger Staatsarchiv findet sich ein Bittgesuch der Hamburger Juden für ihre unglücklichen Glaubensbrüder und im Anschluß hieran die Abschrift des Schreibens, welches der Senat durch die Witwe des früheren kaiserlichen Gesandten in Hamburg, die Hofdame Gräfin Fuchs, der Kaiserin selbst hat überreichen lassen, — wie das Ergebniß lehrt, auch dies vergebens. Es folgt der Wortlaut: „Copia des, an der Königin von Ungarn Myst: von H Hrn Bürgermeistern und Rath der Stadt Hamburg, abgelassenen Schreibens, d. d. 30. Januar 1745. Es haben Eurer rc. nache dero angestammten Weltbekandten Oesterreichischen Milde, und Landes Mütterlicher Zärtlichkeit gegen dero getreue Unterthanen ^wis nur die aüerwichtigsten Ursachen bewegen können, der, rn dero Königlich Böhmischen Haupt - Stadt Praga, und in dem gantzen Königreiche Böhmen befindlichen sämmtlichen Judenschaft, dem Vernehmen nach die gäntzliche Emigrirung in einer hierzu angesetzten kurzen Frist allerhöchst anbefehlen zu lassen. Die nach denen daher zu besorgenden Folgen, auch insonderheit in Ansehuuug der Commercien unserer Stadt damit eingeflochtene Umstände werden hoffentlich in Eurer rc. allermildesten Gemüthe desto eher eine allergnädigste Entschuldigung uns zu wcge bringen, wann Allerhöchst dieselben, mit einer unterthänigsten Vorstellung und Vorbitte, wir dieserwegen anzugehen uns erkühnen: jemehr bekannt es ist, wie der größte Theil dero Erb- König Reiche und Lande und deren Eingesseuen, von vielen hundert Jahren her, in einem so vorteilhaften gemeinschaftlichen Gewerbe und Handlung, und in einem so enge verbundenen Vertrauen und gutem Glauben mit der hiesigen Stadt und deren Bürgern und Einwohnern allemal gestanden, daß fast in allen dero Königliche Lande und Unterthanen betreffenden Veränderungen und Fällen die guten und bösen Wirkungen davon bey denen unsrigen sich die meiste Zeit mit empfinden lassen Nicht leicht aber würde in einem Vorfälle dergleichen Wirkung sich mehr und allgemeiner, zum Nachtheil aller an dem böhmischen Commercio theilnehmenden, insonderheit auch der hiesigen nicht nur Jüdischsondern auch Christlichen

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