Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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9ir. 48 Seite 715 Vr. Vloch-s Wochenschrift. jüdische Mädchen und Knaben im Arbeiten von Netzen zu unterrichten. Der Unterricht ging sehr leicht von statten; es versammelte sich Jung und Alt zur Erlernung der Arbeit, und Anfangs September waren bereits in den Städtchen Dombrowa 72, Rosvadow 78, Wischmtze 26, Mielez 52, Dukla 59, Chrzanow 42, Jagielniza 80, Saleschischik 60 und Tluste 42 Arbeiter und Arbeiterinnen mit dem Ausarbeiten von Haar- und Seidennetzen beschäftigt, die im Verhältnisse ihrer Leistungsfähigkeit 60 Heller bis 1 Krone 60 Heller täglich verdienen. Die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen nimmt täglich zu und diese wird nach und nach eine Ziffer von Tausenden erreichen, weil das hungrige Volk stromweise die Arbeit verlangt. Der Bericht schließt mit der Constatirung, daß die Hausindustrie in Galizien eine Riesenzukunft hat und daß der Vorstand des Hilfsvereins bemüht sein wird, eine große Zahl von Exporteuren aller Branchen der Hausindustrie zu gewinnen, um in allen nothleidenden galizischen Ortschaften genügend Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Der Ortsgruppe des Hilfsvereins kann Jedermann, auch Damen, beitreten. Der Jahresbeitrag beträgt blos 4 Kronen. Jedes Mitglied hat das Wahlrecht bei der Generalversammlung, außerdem unterstützt diesesmit den 4 Kronen ein ökonomisch-humanitäres Werk, das dem Judenthum zur wahren Zierde gereicht. Einschreibungen nimmt vorläufig der Obmann, Herr Dr. Hermann Brumer in Krakau, entgegen. Prag» 17. Oktober. Im „Centralverein für die Interessen des Juden thums" hielt gestern Herr Rabbiner Dr. A. Kisch vor einem ebenso zahlreichen wie distinguirten Auditorium von Damen und Herren den angekündigten Vortrag über Zacharias Frankel, der in anerkennenswerther Weise die Festrede, welche Herr Dr. Kisch am hundertsten Geburtstage Frankl's in der Meisel-Synagoge hielt, abrundend ergänzte. In anderthalbstündigem freiem Vortrage führte der Redner in anschaulicher Detailmalerei die religiösen und politischen Verhältnisse der drei Wirkungsgebiete Frankens an seinen drei Thätigkeitsorten, Prag—Teplitz, Dresden und Breslau vor Augen. Ebenso schilderte er die religiöse Stellung Frankel's zwischen der starren Orthodoxie und der destructiven Neuerungssucht in Anlehnung an seine seelsorgerische, literarische und lehramtliche Thätigkeit. Bon besonderem Interesse war die Darstellung der Entwicklung der Dresdener Gemeinde, die, 1750 entstanden, nicht einmal die Bortheile des anderwärts beklagten Ghettos besaß. Die Juden wurden dort nur stillschweigend als Trödler tolerirt, durften kein Handwerk, Gewerbe oder selbst Handel mit neuen Gegenständen betreiben, keinen Gottesdienst abhalten und keine Lehrschule haben. Als Sachsen in die Machtsphäre Frankreichs kam, erhofften die Juden dieses Landes vergeblich Erleichterung ihrer Bedrückung. Das Einzige, was ihnen nach dem Vorbilde Frankreichs wurde, war eine Beschränkung der von ihnen betriebenen Geldgeschäfte gach den von Napoleon für Elsaß erlassenen Beschränkungen. Eigenthümlicherweise kamen ihnen die ersten Erleichterungen unter der russischen Herrschaft 1814. König Anton gestattete ihnen aus Anlaß seines 50jährigen Regierungs-Jubiläums, Handwerkerinnungen zu bilden, mußte dieses Privilegium aber infolge eines Votums der ersten Kammer zurückziehen. Erst Frankel's persönlichem Einfluß auf Minister und Prinzen gelang es, eine Beschränkung nach der andern abzuschaffen. Seine Treue erklärt es, daß er, der in Dresden nur 700 Thaler Gehalt hatte, die Berliner Stelle mit 3000 Thalern ablehnte, weil er in Dresden unentbehrlich sei. Den Streit mit Moses Sofer und Samson Raphael Hirsch beleuchtete der Vortragende eingehend, ließ aber diesen beiden bedeutenden Führern der jüdischen Orthodoxie volle Gerechtigkeit angedeihen. Lauter Beifall zeugte von dem tiefen Eindruck, den der aus genauem Quellenstudium geschöpfte Vortrag auf die Zuhörer machte. Unter den Anwesenden bemerkten wir den Vicepräses der jüdischen Repräsentanz, Herrn Doctor L. Bendiener,' die Herren Rabbiner Doctoren Hirsch, Deutsch, Thieberger, zahlreiche Mitglieder der Repräsentanz, Synagogenvorstände, Advocaten, Aerzte u. s. w. und den gesammten Vorstand des Centralvereines mit Herrn kais. Rath Falcowicz an der Spitze. Prag» 16. October. Euer Hochwohlgeboren! Mit meinem ergebenen Heutigen bin ich so frei, Sie höflichst zu ersuchen, folgenden Fall in Ihrem sehr geschätzten Blatte gefälligst zu publiciren und sage Ihnen im Vorhinein meinen aufrichtigsten Dank hiefür. — Ich war seit 15. April a. c.* bei der hiesigen Firma M. Orlik (Inhaber Hugo Orlik) als Buchhalter thätig und habe trotz meines minimalen Gehaltes per fl. 65.— meine Pflicht aufs Gewissenhafteste und Beste erfüllt. Am 5. d. M. also am Schlußfeste, wollte ich, wie schon seit vielen Jahren, meine Kindespflicht erfüllen, indem ich zum Seelcnheilgebete in den Tempel gehen wollte und verständigte von meinem Vorhaben meinen Chef in höflichster Weise. Dieser hat es für gut befunden, mir dies rundweg mit folgenden Worten abzuschlagen: „Nachdem ich als Chef nicht gehe, müssen Sie auch nicht gehen. Als ich ihm dies auseinandersetzte und ihm bemerkte, daß dies keine Frömmigkeit, sondern eine Pietäts- und Gefühlssache sei, Hub er einen Ton gegen mich an, der mit der Kündigung meiner Stelle endete. Natürlich bin ich dennoch in den Tempel gegangen und hoffe, nur correct und meinem Gewissen nach richtig religiös gehandelt zu haben. Indem ich mir die höfliche Mittheilung zu machen mir erlaube, daß ich einer sehr frommen und achtbaren Familie entstamme, verheiratet und Vater dreier kleiner Kinder bin, zeichne Euer Hochwohlgeboren ganz ergebenster Adolf Pereles, Prag, II., Korngasse Nr. 34. Prag. („Czechische Antisemiten betteln bei JudenundDeutsche n.") Unter diesem Schlagworte schreibt das „Prävo Lidu“: Der antisemitische Ausschuß des Dienstmännervereines „Premysl“ hat. wie alljährlich, eine Subscription für den Witwen- und Waisenunterstützungs-Fond eingeleitet und sucht vornehmlich deutsche und jüdische Anstalten und Firmen auf, die um einen Beitrag angebettelt werden. Thatsächlich denkt aber der Ausschuß in . erster Reihe an sich, indem sich die Jncassisten 15 Percent der eingesammelten milden Gaben als Provision behalten. Der genannte Verein besitzt mehr als 40 Witwen, unter denen sich auch zwei nach Mitgliedern israelitischer Confession befinden, die aber trotz Ansuchens und trotz Dürftigkeit und Noth nicht die geringste Unterstützung erhalten. Karlsruhe. Die badischen Landtagswahlen haben mit einer schmählichen Niederlage der Antisemiten geendet. Trotz der seit Monaten betriebenen Agitation, welche von dem Partei- Gewaltigen Liebermann von Sonnenberg geleitet wurde, ist es ihnen nur gelungen, mit Ach und Krach das eine Mandat, welches sie bereits bisher besaßen (Heidelberg-Land), zu behaupten, während sie überall sonst, wo sie candidirten, kaum spärliche Minoritäten auf sich vereinigten. „Die Todten reiten schnell!" Kassel. Ein interessanter politischer Proceß wird nach jahrelanger Dauer endlich am 22. October, Vormittags 10 Uhr beginnend, vor dem Schöffengerichte zu Kassel. Zimmer Nr. 13, seinen Abschluß finden. Es handelt sich um den Beleidigungsproceß des antisemitischen Reichstags- und Landtagsabgevrdneten Werner gegen den Redacteur Erdmann sd ö r f f e r in Wilhelmshaven (früher Marburg). Letzterer hatte Anfangs 1898 eine Broschüre erscheinen lassen, in der er die antisemitische Partei kritisch beleuchtete und unter Anderem die Behauptung einfließen ließ, antisemitische Abgeordnete lieferten gegen Entgelt einem jüdischen Journalisten Nachrichten parlamentarischer Art (Commissionsberichte). Bon den „Deutsch-Socialen Blättern" des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg wiederholt aufgefordert, Namen zu nennen, „widrigenfalls er sich dem Verdacht aussetze, Verleumdungen verbreitet zu haben", nannte Erdmannsdörffer endlich die Abgeordneten Werner und Hirschel. Werner drohte Klage an, diese erfolgte aber nicht. Erst im August 1899 griff Erdmannsdörffer auf Grund eines anderweitigen Angriffs der „D.-S. Blätter" gegen ihn auf die Anklage gegen Werner zurück und erweiterte sie mit der Beschuldigung, daß Werner, als er seine Verbindung mit einem jüdischen Journalisten ableugnete, eine bewußte Unwahrheit ausgesprochen habe. Nunmehr kündigte Werner wiederum Klage an. Als diese aber im October 1899 noch nicht erhoben war, interpellirte ihn Erdmannsdörffer in seiner Zeitung und in einer Versammlung zu Hersfeld daraufhin und erhielt zur Antwort, daß Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erfolgt sei. Diese lehnte kurz darauf die Strafverfolgung Erdmannsdörffer's ab. Erst im April 1900 endlich wurde von Werner gegen Erdmannsdörffer die Privatbeleidigungsklage erhoben. Erst im Frühjahr dieses Jahres (1901) kam es jedoch zur ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht zu Kassel. Erdmannsdörffer lehnte hierbei jede Ehrenerklärung ab, da seine Beschuldigungen wahr seien. Werner sagte, er habe nicht für den jüdischen Herrn Dr. Hamburger sondern für den antisemitischen Herrn Dahsel gearbeitet. Was dieser mit den Berichten mache, sei ihm gleich. Erdmanndörffer behauptet dem gegenüber, daß Dahsel nur Deckadresse gewesen sei. Der Gerichtshof beschloß daraufhin, Zeugen commiffarisch zu vernehmen. Und zwar wurden in den nächsten Monaten vernommen: Dr. Hamburger (inzwischen wegen der Zolltarifverhökerung aus Deutschland verschwunden), die Paria-