Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 716 Nr. 48 Bloch's Woärenfchrm. ments-Journalisten Woth und Dahsel und die Reichstagsabgeordneten Müller-Fulda, Liebermann v. Sonnenberg, sowie der frühere Abgeordnete Zimmermann. Wie wir hören, sind die Aussagen durchwegs im Sinne des Angeklagten ausgefallen, insbesondere wird die Aussage des Herrn v. Liebermann ein interessantes Licht fallen lassen auf die »freundschaftlichen* Beziehungen zwischen diesem und seinem Gesinnungsgenoffen Werner. Der Proceß, in dem auch die Acten eines Proceffes Hirschel-Erdmannsdörffer werden verlesen werden, in dem Hirsche! einen völligen Rückzug vor seinem Gegner antrat, wird die Zustände in der antisemitischen Partei in höchst charakteristischer Weise ausdecken. Berlin. Am 12. October fand hier im Saale der Ressource die erste, von 1794 Personen besuchte ordentliche Sitzung des Central-Comiies des neugegründeten Hilfsvereines der deutschen Juden statt. Diese Sitzung war einberufen, um einigen Formalitäten zu genügen, welche zur Eintragung in das Vereinsregister sich als nothwendig erwiesen haben. Von der Eintragung hängt bekanntlich nach dem bürgerlichen Gesetzbuch für jeden Verein die Fähigkeit ab, als juristische Person gelten zu könne». Die Versammlung erledigte die nölhigen Formalitäten, die wenig allgemeines Interesse haben und wählte an Stelle des General- Consuls Eugen Landau, der den Vorsitz niederzulegen wünscht, weil er zur Zeit sich dem Verein nicht genügend widmen kann, Herrn James Simon zu ersten Vorsitzenden. Alsdann wurde der Bericht des Geschäftsführers, des Herrn Dr. P. Nathan, zur Kenntniß genommen, aus dem wir das Wichtigste hervorheben wollen. Der Hilfsverein ist zur Zeit natürlich mit Vorarbeiten für seine spätere Thätigkeit beschäftigt. Die bedeutsamste darunter ist eine Zusammenstellung des gesammten Materials über die Lage der .uden im Orient, zu der sowohl die amtlichen türkischen Quellen, wie die zahlreichen Reisewerke und sonstigen Quellen benützt werden. Die Zusammenstellung wird erst die Information für die weitere Thätigkeit des Hilfsvereines in größerem Style bieten. Vorläufig ist aber die Gründung für das nächste Jahr in Aussicht genommen, und zwar sind als die geeignetsten Plätze dafür und als solche Orte, in denen gerade für Schulen des Hilfsvereins das dringendste Bedürfniß ist, ins Auge gefaßt Jaffa, eine der palästinensischen Colonien, und die rumänischen Colonien in Anatolien. Die Schulen auf den Colonien sollen durchaus den Charakter der Dorfschule erhalten, während der Schule in Jaffa ein höheres Lehrziel gesteckt wird. Mit der Ausarbeitung der Lehrpläne, die nicht nur nach dem Lehrziele, sondern auch nach den örtlichen Bedürfnissen verschieden gestaltet werden müffen, ist eine Commission von 4 Berliner Lehrern beschäftigt. Die Entwürfe werden dann zunächst einigen Fachleuten im Orient zur Begutachtung vorgelegt und das gelammte auf diese Weise geschaffene Material einer Commission überwiesen werden, welche aus den fachmännisch gebildeten Mitgliedern des Central-Comites zusammengesetzt wird. Diese gründliche Durchberathung wird, wie man hofft, Lehrpläne schaffen, die nicht nur für die im Augenblick in Aussicht genommenen Schulen ihre Bedeutung haben sollen, sondern auch zugleich für die Zukunft verbindlich werden können. Ferner hat der Hilfsverein sich mit dem gegenwärtigen Stande der jüdischen Verhältnisse in Rumänien beschäftigt und Gelegenheit gehabt, sich an den Verhandlungen zwecks Durchführung der rumänischen Auswanderung zu betheiligen. An der demnächst in Breslau stattfindenden Conferenz zur Regelung der Durchreisendensrage wird sich der Hilfsverein betheiligen und ebenso sich mit der Lage der Juden in Galizien beschäftigen. Natürlich wird von der Unterstützung, welche der Hilfsverein bei den deutschen Juden in materieller Beziehung findet, viel abhängen, denn die Verwirklichung größerer Pläne kostet Geld und zum Theil viel Geld. Erfreulicherweise ist in dieser Richtung zu berichten, daß bereits in einer ziemlich großen Zahl von deutschen Groß- und Mittelgemeinden sich Comitss für den Hilfsverein gebildet haben. Berlin. Am Sonntag den 13. Oktober fand eine Vorstandssitzung des Vereines zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands statt, die von einschneidender Bedeutung für die socialen Bestrebungen dieses Vereins sein wird. Es wurde beschlossen, von der bisher hauptsächlich betriebenen theoretischen und propagatorische Thätigkeit zur Praxis überzugehen. Der Verein, der heute weit über 1000 Mitglieder zählt, über ganz Deutschland in mehr als 30 Ortsgruppen vertreten ist, hat sich die Sympathie weiter jüdischer Kreise erworben. Mit Ungeduld erwartete man die Inangriffnahme seines Projektes. Schon in seinem im Mai d. I. herausgegebenen Berichte hieß es, daß das Hauptaugenmerk darauf gerichtet werden müsse, ein für die Zwecke des Vereines paffendes Gut zu erwerben, und es wurde schon dort die Hoffnung ausgesprochen, daß man im Laufe des Sommers zum Ankäufe würde schreiten können. Dank der rastlosen und uuermüdlichen Arbeit der für die nothwendigen Vorarbeiten eingesetzten Commission ist es gelungen, ein angemessenes Object zu finden; besonders hervorzuheben ist hiebei die Thätigkeit der beiden Posener Mitglieder der Commission, der Herren Rosenthal und Werner. Nach eingehender und umfassender Besichtigung und Prüfung durch verschiedene Fachleute, unter Andern durch den Oberamtmann Cohn, dem Vorsitzenden des Vereins und Herrn Rittergutsbesitzer Rohr auf Langguhle, wurde das Gut N e u h o f bei Posen als in jeder Hinsicht zur Ausbildung der späteren Ansiedler vorzüglich geeignet und als preiswerth erkannt. Auf die Darlegungen der Commission hin, wurde vom Vorstand beschlossen, Neuhof zu erwerben. Dieser Beschluß war möglich, da ein hochherziger Freund dieser Bestrebungen dem Verein 50.000 Mk. für diesen Zweck vorgestreckt hat. Eine interessante Debatte entspann sich über die Form, in welcher am zweckmäßigsten der Gutsankauf zu bewerkstelligen sei; nach gründlicher Durchberathung, an welcher außer zwei Juristen, Herr Rechtsanwalt Bab aus Posen und Herr Justizrath Schneider-Berlin, vor allem Gustav Tuch-Hamburg und Dr. Franz Oppenheimer theiluahmen, kam mar;, zu dem Entschlüsse, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu begründen, die das Gut zu erwerben und im Sinne des Bodenculturvereines zu verwalten und zu bewirth sch asten habe. Man wird sich demnächst an die größere Oeffentlichkeit wenden, um sie aufzufordern, sich an diesem Unternehmen durch Zeichnung von Antheilscheinen zu betheiligen. Nachdem in der Vorstandssitzung selbst bereits eine gewisse Anzahl übernommen worden ist, zweifelt man nicht, daß der Rest leicht wird untergebracht werden können. So wird dann binnen Kurzem der Bodenculturverein an die Verwirklichung seiner Ideen herantreten. Es ist dies eine Thatsache von gar nicht hoch genug einzuschätzender Bedeutung. Sollte der Versuch gelingen — und es liegt nicht die geringste Veranlassung vor, das Gegentheil anzunehmen — so ist damit der Grund gelegt zu einem Culturwerk ersten Ranges. In allmählicher, aber steter Entwicklung wird dann ein starker, gefestigter jüdischer Bauernstand in Deutschland emporblühen. Das Ziel ist groß und erstrebenswerth. Möge es dem Verein gelingen, in diesem Mustergut ein leuchtendes Vorbild zu schaffen; er wird, dessen können wir heute schon sicher sein, bei diesem Werk die gesammte deutsche Judenschaft hinter sich haben.*) Paris. („Das jüdische Weltproletariat.") Unter diesem Titel veröffentlicht die Octoberuummer der „Uevue Blanche“ einen Artikel von Henri Dagan, der mit der Legende aufräumt, als schwämmen die Juden im Ueberfluß, als bestände unter ihnen die den Christen abgehende Solidarität, als verabscheuten sie Handwerk und Ackerbau. An der Hand von statistischen Berichten aus Rumänien, Rußland, Persien, Marokko, Algerien, New-Iork, London und Paris wird die große Noth unter den Juden, die zu 7/g ungefähr arm sind, geschildert; die Noth wäre undenkbar, wenn jene Solidarität wirklich vorhanden wäre. In Paris — was uns zunächst interessirt — gibt es wenigstens 50.000 Juden, darunter mindestens 20.000 Proletarier, Arbeiter und Handwerker, und eine Handvoll davon beschäftigt sich mit Börsengeschäften. Großes Verdienst haben die jüdischen Handwerker sich um das Pariser Kappengeschäst erworben; früher bezog Paris seinen Bedarf aus Deutschland; jetzt versorgt es seine Radfahrer und „Auter" selbst. Im Uebrigen ist der jüdische Arbeiter, zumal in London, mehr als der christliche das Opfer des Schwitzsystems. Paris. (Ein Strike jüdischer Handwerker) ist gegenwärtig in Paris ausgebrochen. Es handelt sich um die Mützenmacher, die sich erst vor wenigen Monaten zu einem Fachverein auf der Pariser Arbeitsbörse vereinigt und die Verteidigung ihrer Berufsinteressen mit allem Nachdruck in Angriff genommen haben. Das Gewerbe der Mützenfabrication liegt a u s s ch l i e ß l i ch in Händen von Juden, zumeist Russen und Polen, die im Viertel ches Hotel-de-Ville wohnen. Beschäftigt werden etwa fünfhundert Männer und sieben- *) Diejenigen, welche sich für diese eminent bedeutungsvolle Angelegenheit näher interessiren, verweisen wir an den Vorsitzenden des Vereines: Oberamtmann L. Cohn, Berlin, Mrnbergerstraße 46, Tel.: VI, 2586^, sowie an den Gcneral-Secretär Dr. Ernst Tuch, Charlottenburg, Knesebachstraße 16 (Tel.-Amt Charlottenburg Nr. 729), welche jederzeit bereit sind, genaue Auskunft zn ertheilen.