Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 684 Nr. 86 »ft, Moch's Wochenschrift. schienen ist.') Auch die Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg, welche 1898 gegründet wurde, erfreute sich seiner Mitwirkung. In den Mittheilungen dieser Gesellschaft erschien von ihm ein Aufsatz „Zu den jüdischen Namen" (I, 116), von größerer Wichtigkeit ist die Veröffentlichung von Urkunden zur jüdischen Cultur- und Sittengeschichte (IV, 94—101), in welcher Kaufmann wiederum in der Lage war. zu der Familie Wertheimer, diesem seinem Stolze, zurückzukchren. Aber Kaufmann sollte nicht aus dem Leben scheiden, bevor nicht gleichsam ein Bermächtniß seiner Kunstliebe auf uns geblieben. Ein Jahr vor seinem Tode lieferte er zu einem großen Prachtwerke, dem einzig derartigen Werke der jüdischen Literatur* * 3 4), eine Abhandlung: Zur Geschichte der jüdischen Handschrlften- Jllustration, in welcher er das erstemal die Geschichte der jüdischen Kunst skizzirte. Der Reihe nach weist er die Gegenstände aus, an die sich die jüdische Kunstmalerei anheftete. Da haben wir zuvörderst die M a s o r a mit figürlichen Darstellungen, ferner die Bilderbibeln, besonders aber Estherrollen, wobei Kaufmann einen schönen Typus von italienischer Herkunft in seinem eigenen Besitze beschreiben konnte. Ebenso läßt er ahnen, wie herrlich geschmückt sein müsse der Machzor in seinem Besitze, der aus dem Jahre :484 aus Italien stammt. Aber nicht nur der Festcyclus, auch der gewöhnliche Siddur. dieses Bademecum eines frommen Juden, trug Bilder. Mit der für den Peffachabend bestimmten H a g g a d a trieb man einen wahren Luxus der Kunst, wie die Haggada von Sarajewo beweist; wiederum konnte Kaufmann zwei Haggadas in seinem Besitze als Muster vorführen, deren Bilder in jenem Prachtwerke auch ausgenommen sind. Wir erhalten ferner die Kunde von illustrirten liturgischen Büchern und Ritualien; eine illustrirte K e t h u b a beschrieb Kaufmann in Revue des Etudes Juives XXIX, 142; er besaß deren zwei, eine aus Mantua vom Jahre 1664, eine jüngere vom Jahre 1780. Selbst Gesetzescompendien. die Exercierplätze des spitzfindigen halachischen Studiums, präsentiren sich mitunter im Bilderschmuck; man kennt, dank der Bemühungen Kaufmann's, illustrirte Copien der Werke von Maimonides3) (Kaufmann besaß eine in schönster Gothik aus dem Jahre 1310), der Werke des Mose de Goucy in Frankreich, des Mordechai ben Hillel (ein prächtiges Exemplar befindet sich Im ungarischen Nationalmuseum in Budapest), des Ascher ben Jecfiiel," des Jesaja di~Trani und Anderer. Ebenso wurden auch Bibelcommentare mit Bildern geschmückt, nicht minder Werke der Religionsphilosophie, z. B. das des Jacob b. Abbamare Anatoli, gleichfalls im Besitze Kaufmann's; Werke der Ethik, der Medicin, besonders aber sogenannte Familienmegilloth, d. h. Eintragungen von Familienangelegenheiten, Testamentes und Aehnliches. All' diese ungeahnte Pracht läßt Kaufmann vor den Augen des Lesers vorbeiziehen, und damit er sich mit ungetheilten Gefühlen an der Pracht ergötzen könne, versichert er ihm noch, daß nicht nur die Besitzer, sondern auch die Künstler dieser Werke Juden waren. So sehen wir denn hier Kaufmann in seinem eigensten Gebiete, und es sind hier ebenso die Schätze seines Geistes, als die Schätze seines Besitzes, die wir bewundern. Lächelnd zeigte er einem Freunde ein Exemplar der Haggada von Sarajewo; „das ist — sprach er — mein ganzes Honorar für die große Arbeit/ Ja, die jüdische Literatur kennt kein Honorar. Kaufmann zweifelte nicht daran, daß in jüdischen Händen das Material für eine jüdische Archäologie vorhanden ist. In einem Aufsatze, der schon nach seinem Tode erschienen ist, schreibt er wörtlich: „So viel auch von den Quellen unserer Cultur- und Sittengeschichte verschüttet und verloren, durch die Elemente ver- ') Erster Jahresbericht der Wiener Gesellschaft für Denkmäler des Judenthums. 1697. 3) Die Haggada von Sarajevo, von D. H. Müller und Julius von Schlaffer. Wien 1898. Vgl. Kaufmann in R. d. E. J. XXXV1U, 74—102: Ler cycles d’images du Type Allemand daus l’illustration ancienne de la Haggada. *) Er beschrieb sie in R. d. E. J. XXXVI, 65—74: ün Manuscript du Mischne Tora. Cf. Zur Geschichte der Kethuba, Monatsschrift 1897, XLI, 213. In der modernen jüdischen Literatur dürste kaum ein einziger Auffatz sein, der die Kethuba vom archäologischen Standpunkte behandeln würde. 4) Vgl. Heinrich Heine's Ahnensaal p. 68 Note 2; ibid. p. 80 Note 1. An elfterer Stelle ist von dem Testament des Lemle Reinganum's die Rede. „Eine Ausfertigung dieses Testaments auf Pergament, ein Meisterstück hebräischer Kalligraphie, bewahrt meine eigene Handschristensammlung." — An zweiter Stelle ist von einer kunstvollen Haggada die Rede, die sich im Besitze des Herrn Rabbiners Dr. SL Frank in Cöln befindet und von welcher Kaufmann 1886 eine Eopie nahm. nichtet und durch die noch schlimmer als alle Elementarschädeu wüthende Unwiffenheit und deren Zwillingsschwester Gleichgiltigkeit noch unter unseren Augen am Hellen Tage der Gesittung zu Grunde gerichtet worden ist, ganz darf die Hoffnung, ein immerhin noch beredtes und aufschlußreiches Material für diesen Theil unserer Volkskunde aufzubringen, denn doch nicht aufgegeben werden?3) Der Mann, der mit solch' froher Zuversicht an verborgene Schätze glaubte -rwie muß er sich gefreut haben, als er in einer jüdischen Familie nach 300 Jahren den Kiddusch- Becher des „hohen" R. Löw von Prag erblickte!3) Solche Alterthümer dürften in der That noch in großer Menge in jüdischen Häusern vorhanden sein. Eine besondere Art von Alterthümern, Friedhöfe und Grabsteine sah und erforschte Kaufmann in dem Maße, wie es wohl noch von keinem jüdischen Gelehrten geschehen. Sein Freund Stiaßny in Wien spricht in einem einzigen Briefe von nicht weniger als drei Friedhöfen, die er für Kaufmann photographisch aufnehmen ließ; die Gemeinde von Wien, für deren Geschichte er soviel geleistet hat, ließ für ihn von dem Friedhofe in der Roffau die herrlichsten Photographien aufnehmen, und schon waren sie zur Absendung an ihn bereit, als der Friedhof-Forscher selber in den Friedhof einzog... Für Ungarn setzte ihn ein glücklicher Fund in die Lage, den Ort des ältesten jüdischen Friedhofes im Lande zu bestimmen?) In derselben Stadt, wo er den ersten Friedhof des Landes fand?) liegt er nun selber begraben, mit seinem Grabe den Pester jüdischen Friedhof zu dem Orte machend, wo einer der größten jüdischen Gelehrten seine letzte Ruhestätte gefunden bat. VI. Kaufmann war trotz seines anscheinend starken Körperbaues kein gesunder Mensch. Ein Jahrzehnt schon hatte er an Diabetes gelitten, und diese Krankheit setzte ihm hart zu. Während der 16 Jahre, die ich ihn kannte, war er ernstlicher im Jahre 1886 und 1896, beidemale im Winter, krank; im letzteren Falle beschäftigten sich auch die jüdischen Journale mit seiner Krankheit?) Er pflegte in den letzten Jahren gleich zu Beginn der Sommerferien, Ende Juni, die weltberühmten Bäder von Karlsbad in Böhmen aufzusuchen, die ihm immer Erholung und Erleichterung gewährten. Im besten Aussehen und im heiteren Humor ging er auch das letzte Jahr seines Lebens, im Juni 1899, nach Karlsbad — einen Tag vorher hatte ich ihn noch gesprochen — voller Pläne für die Zukunft, voller Arbeit ia der Gegenwart. Er hatte sich reichlich mit Arbeiten versehen und der Tod ereilte ihn sozusagen bei der Correctur seiner Schriften. Nicht seine Krankheit hat ihm den Tod gebracht; ein böser Zufall machte ihn im Bade fallen und er brach sich das Schlüsselbein, wodurch eine innere Verblutung eintrat. Noch nie hat ein böser Zufall ärgeren Schaden angerichtet, noch nie ist die Lust und die Augenweide der Menschen von kleinlicheren Ursachen zerstört worden. Die Wunde wollte nicht heilen, es trat eine Lungenentzündung ein, durch welche dieses herrliche Leben nach ein paar Tagen ausgelöscht wurde. Sein Schüler, der Rabbiner zu Karlsbad, Dr. Ignatz Ziegler, verließ ihn auf Rath des Arztes am Abend des 6. Juli 1899, an einem Donnerstag, bereits in der Agonie liegend, und um 9 Uhr Abends war David Kaufmann gestorben?) Die Schreckenskunde kam auf telegraphischem Wege Frei» tags in den Morgenstunden nach Budapest. In Karlsbad herrschte große Trauer. Am 9. Juli wurde im Beisein eines großen distinguirten Publicums die Trauerfeierlichkeit in Karlsbad gehalten, bei welcher Rabbiner Dr. Ziegler, sein ehemaliger Schüler, und Rabbiner Dr. Kayserling aus Budapest, der damals sich ebenfalls in Karlsbad aufhielt. Trauerreden hielten. Die sterblichen Ueberreste wurden in einem Metallsarge nach Budapest überführt, wo sie am 10. Juli um 6 Uhr Abends anlangten. Im Bahnhofe waren außer der Familie erschienen die Vertreter der Pester israelitischen Gemeinde, der Chewra-Kadischa und 0 Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, Heft IV, p. 95. --) Monatsschrift 1899, XEIIl, p. 41. 3) Der älteste jüdische Friedhof Ungarns. Monatsschrift 1895, XXXIX, 305. Viel eingehender und mit herrlichen Illustrationen geschmückt ist Kaufmann's Aufsatz über dasselbe Thema in Archaeologiai Ertesitö 1895, XV, 219. 4) „Eine unerwartete Stimme aus der Erde" nennt einmal Kaufmann das Zeugniß eines Grabsteines: Monatsschrift 1899, XLIII, 191. °) Traurige Symptome einer Krankheit erwähnt Frankl-Grün in der genannten Biographie. 6) Nach dem Berichte Ziegler's in M. Zs. S z e m l e X VI, 297.