Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr 35 DL« Bloch t WochenMrM. Seite 883 „O eitler Wahn! Schon schwindet Das bolde Traumgesicht; Mein Auge sucht und findet. Mein Arm erreicht Dich nicht. Uns trennen hohe Hügel. Ewig fern bleibt uns Glück. Gieb Deiner Liebe Zügel Und trage Dein Geschick." Bei einer Zusammenkunft der beiden Liebenden am 19. Mai 1792 gab sich Nabel als Jüdin zu erkennen. Dies hielt aber den in Liebe entbrannten Meister nicht ab, ihr am 26. Mai zu schreiben: „Ich nenne Dich Du. Du verzeihst es mir gewiß! Ich kann dich nicht lassen, wenngleich Du eine Jüdin bist! Die heilige Schrift kennt die Namen der Männer Deines Bottes, sie erzählt, was sie einst sür glänzende Thateu gethan. Aber ich wandte den Blick und sah in die Tiefe meines Herzens meines Tempels Heiligthum: den Heiland! O. warum stehen nicht alle Menschen einig um das Feld des Erlösers? Welche Verwüstung ist hier auf Erden — und welch' ein neidisches Schicksal bat in Trümmer und Nacht uns Menschen gestürzt. Rahel, g-liebtes Wesen, um meiner zärtlichen Sorge willen erkenne des Erlösers Herrlichkeit an. denn von Geschlecht zu Geschlecht wird glänzender sein Name auf Erden! Für Dein Volk hat man keine Gnade; Deines Volkes Glück ist Leiden! Werde mein, lerne kennen Freuden, christliche Freuden!" Rahel Löwenstein antwortete am 28. Mai 1792 auf diesen Bekehrungs-Brief: „Heute und nie mehr schreibe ich. Ihr tadelt mein Volk, Ihr lobt wen — Segen und reichen Gewinn haben die Leiden unserer Väter kommenden Enkeln gebracht. Kein Volk steht so fest, wie Israel. Was nachdenkend Jsrael's Geist im Laufe der Z-it bat ersonnen, nützt Ihr, die Später», ohne Verehrung und Dank! Wir haben aus zerbrechlichem Holz tobenden Stürmen getrotzt, und mit heiliger Ehrfurcht betrachten wir der Vergangenheit Nacht. Seh' ich ins Antlitz meines Vaters, so sehe ich die ganzen hohen Gestalten Israels. Eures Volkes Herz voll arger Entwürfe, hat die besten meines Volkes dem Verderben geweiht. Ihr babt mit heiligem Munde Sprüche gelehrt. Kläglich sind sie gefallen, verfolgt von Quälern und Mördern! Einst, nach langentschwundener Z-it, werden Eure Enkel das Unrecht erkennen und Israels verstümmeltes Wesen frei lassen. Eure Priester sogar, die Geweihten des Herrn, haben ihr Saitenfpiel durch Lügen entehrt. Nicht der Würdigen in Israel achteten sie. nicht die Bessern vermochten sie zu ehren. Geifernd erhoben sie im Namen des Himmels ein Gezeter — und wollten unser Volk belehren und bekehren? Wohl buhlten viele vom Hause Israel um der Gewaltigen Gunst. Daher sind sie für Js ael verloren und von Israel verachtet. Verlaßt mich, lieber Fremdling, verlaßt mich! Darum bitte ich Euch. Verfolgt mich mit Eurer Liebe nicht mehr! Jst's Vorgefühl von Schwachheit und Angst, was mich so verwandelt. Euch zu bitten, fern zu bleiben? Mächte des Himmels! Mein Vater sollte wissen, was ich gethan! Erbarmet Euch mein — und macht nicht sorgenvoller mein banges Leben". Am 3. Juni 1792 schrieb Beethoven an Rahel Lömenstein: „Rahel, Du Holde, ich und Du — wir Kinder! O, lebe wohl, lebe wohl! Wir können uns nicht besitzen! Nimm Dir mein letztes Berschen zu Herzen! „Geh mit Deinem kranken Herzen, Komm nnd blute Deine Schmerzen Muthig aus Dir selbst heraus, Am Altar des Herren aus." . David Kaufmann. 1852 — 1898. Von Dr. Samuel Krauß in Budapest. V. Der Meister des Styles und der formvollendeten Rede, als den wir Kaufmann kennen gelernt haben, sollte noch in einem Punkte die Harmonie seiner Seele bekunden, die wir an ihm so sehr bewundern. Kaufmann's Kunstsinn war womöglich noch mehr entfaltet, als seine Gelehrsamkeit. Hierin war Kaufmann erst im rechten Sinne des Wortes ein nro ttt, eine seltene Erscheinung im Judenthum. Fleiß und groß? G?lehrsgmkeit waren im Judenthum immer zuhause, nicht so der Kunstsinn, der im Drucke der Jahrhunderte eher der umgekehrten Neigung für die Verkehrtheit des Geschmackes Platz machen mußte. Erst durch diesen dominirenden Kunstsinn wurde Kaufmann das, als welchen man ihn sehr oft bezeichnete: ein Jude im Herzen, ein Hellene in der Form. Theologie und Philosophie konnte er bei den Juden lernen, die Kunstliebe mußte ihm angeboren sein, für die Entwicklung des ästhetischen Gefühls aber mußte er zu den Hellenen in die Schule gehen. Noch vor zehn Jahren wäre es absurd gewesen, von einer jüdischen Kunst zu sprechen. Diese Kunst entdeckt zu haben, ist Kaufmann's eigenstes Verdienst. Nicht nur mußte er beweisen, daß eine solche Kunst existire, er mußte auch beweisen, daß fie eristiren könne, indem er die Meinung, als stehe das Bilderverbot der Kunstentfaltung im Judenthum im Wege, als irrig erwies, er es vielmehr als unwiderlegbare Thatsache hinstellte, daß die Kunst auf flachem Raume nie verboten war, insofern kein Götzendienst sich daran knüpfte. Das Judenthum hat, so behauptet Kaufmann, vor allen Anderen sogar etwas voraus, denn es ist die einzige Confeffion, in welcher die Kunst des Schreibens in der Verfertigung von rituellen Thorarvllen und Pbylacterien auch noch nach Erfindung des Druckes im Schwünge blieb. So mußte aber die Kunst der figuralen Darstellung bei den Juden sich nothwendiq einstellen, und Kaufmann, selber Besitzer von illustrirten Codices, ließ es an handgreiflichen Beweisen nicht fehlen. Hand in Hand damit gehen die archäologischen Forschungen Kaufmann's. Die von Garucci und de Rofli aufgedeckten jüdischen Gräber in Rom hatten für Kaufmann nicht die Bedeutung eines interessanten Fundes, sondern sie waren ihm die Anzeichen für die frohe Aussicht, daß es bald auch eine jüdische Archäologie geben werde. Als vollends sein Freund Ascoli in Milano die Katakomben von B-noia aufdeckte, da war des Jubelns kein Ende in Kaufmann's Herzen. Seine Studien nahmen demgemäß eine bestimmte Richtung, und er war und blieb der einzige Archäologe des vergangenen Jahrhunderts. Bis zu Fürsten reichte sein Ruhm. denn zu den Mittheilungen aus der Sammlung des Papyrus Erzherzog Rainer (Wien 1886), schrieb er über die hebräischen Papyrus (9g. 38 bis 45). Als durch französische Soldaten am 17. Februar 1883 die Ueberreste der Synagoge in Hammam-Lif in Tunis entdeckt wurden, war Kaufmann der spruchsähigste jüdische Gelehrte in dieser Sache?) Bald darauf schrieb er die grundleaende Abbandlung: Sens et origine des symboles tumulaires de l'ancien Testament dans l'art ehretien primitif (R. d. E. I. XlV, 33., 217). Ungefähr um dies-lb- Z-it schrieb er auch in der ungarischen Zeitschrift „ Arehaeologiai Ertesltö“ mit dem Neb-ntitel „Indicateur archeologique“ 1886 VI, 318 einen zufammenfass-nden Artikel über die jüdischen Katakomben in Italien, und wir finden ihn auch nachher als ständigen Mitarbeiter dieser Z-itschrift. ein Umstand, der nur W'nigen bekannt sein dürste?) Mehrere diesbezügliche Aufsätze übergehend, erwähnen wir nur. daß Kauf, mann in dem venetianischen Maler Mose dal Castellazzo auch einen mit Namen bekannten jüdischen Künstler nennen konnte (R d. E. I. XXII 2nO). ja. es war eig-ntlich eine ganze Künstlerfamilie (Ibid. XXIII, 139), die sich der edlen Kunst der Malerei ergab. Ja einem bem-rkenswerthen Aufsatze konnte er alsbald die Grundlinien der Kunst in der Synagoge zeichnen (Art in the Synagogue, Jewish Quarterly Review IX, 254). Eine gütige Vorsehung ließ Kaufmann die Freude erleben, daß er zwei Institutionen des Judenthums erblühen sah, welche ganz dem Ideal seiner Seele zu dienen bestimmt sind. Bei beiden war Kaufmann die treibende Kraft gewesen. Das Museum zur Conservirung jüdischer Alterthümer in Wien ist zum Theile seine Schöpfung, denn sein Freund, der eigentliche Gründer des Museums, der Baurath S t i a ß n y. handelte eigentlich in Kaufmann's Geist-. Im Dienste der Idee schrieb er schon 1897 eine zur öffentlichen Vorlesung b stimmte Arbeit: „Zur Geschichte der Kunst in den Synagogen", die in dem Jahrbuch des Vereins er- ') Etnde8 d’archeologie Jnives, R. d. E. I XIIF, 45. Emil Schürer, der selber die Grabschriften von Rom bcrausgegeben, approbirt mit seiner Autorität die Ansfübrnnaen Kaufmann's; Ges ch. d. jüd. Volkes im Zeitalter I. Cbr., 3. Auflage. II. 438 Kaufmann hat über den Fund auch im M. Zs. S z e m l e II, 629 geschrieben. l) Außer den im Texte genannten und noch zu nennenden Artikel schrieb er in dieser Zeitschrift eine Recension über I. Strzygowski, Jconographie der Taufe Ehrt st i. München 1885 (VI, 62); E. M le Blaut, Lea sarcophages chretiens ile la Ganle, Paris 1886 (VII, 366); B Schnitze. Archäologie der al tchristlicheu Kunst. München >8!>5 (XVI, 160). Vergl. Monatsschrift, XL, 381. E. Hennecke, Altchristliche Malerei n;• b altchristliche Literatur, Leipzig 1896 (XVII, 268).