Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 55 fahrt in die City! Und in ihrem Heere nehmen glaubenstreue ^uden die höchsten Stellungen ein. v Aber sie gab es nicht blos ihren jüdischen Uuterthanen. In ihr mar der Abscheu vor Unrecht ein so gewaltiger und das Rechtsgesühl ein so prominentes, daß sie überall, wo Unrecht geschah oder Unrecht drohte, sich der Schwachen oder Unterdrückten annahm und dort, wo ihr der Staat nicht die Mittel bieten konnte, um dem Uebel zu wehren, griff die Frau mit feinem Tact und zarten Händen in das Gewebe ein und suchte die Knoten zu entwirren, die sie nicht zerhauen durfte. In Asien und Afrika und in dem europäischen Reiche, das heute mehr asiatisch als europäisch ist und in dieser Weise trotz der scheinbaren Humanität seines Monarchen noch verwaltet wird, hat sie zu Gunsten der unterdrückten, gemarterten Juden ihre Stimme erhoben, oder zu deren Gunsten Interventionen eintreten lassen, und wenn alle Monarchen dieser ältesten und weisesten der Regenten geglichen hätten, so hätte die Befreiung der Juden in deren Ländern die gleichen ethischen und materiellen Erfolge gezeitigt, von der die Emancipation der Juden in England begleitet war. Mögen Andere Preisen, was sie für Englands Größe, für seine politische und commercielle Entwicklung, für seine Wohlfahrt auf geistigem und wirthschaftlichem Gebiete, für die Vermehrung seiner Macht geleistet — wir bewahren ihr die tiefste Dankbarkeit für das, was sie dem Menschenthum und an uns gethan und jede Stunde, um die ihr Leben verlängert wurde, sei als gesegnet anzuerkennen. Nun aber die müden Augen für immer geschlossen sind — sei das Andenken der Gerechten von uns gesegnet für alle Zeiten. A. Wiener. Eine Goethe-Feier im „Politischen Votksderein". lieber eine höchst gelungene und feierliche Veranstaltung haben wir zu berichten, die unwillkürlich an die unvergeßlichen Lazarus-Abende mahnt, welche das „geistige Wien" gleichfalls dem „Politischen Volksverein" und dessen umsichtigen Präsidenten Herrn Dr. Hermann Fialla zu danken hatte. Ein überaus glänzendes und zahlreiches Publicum folgte Samstag den 19. d. M. dem Rufe dieses Vereines zu einer Goethe-Feier in den Festsaal des „Hotel Central", der bis auf das letzte Plätzchen überfüllt war und in den Hunderte Gäste Raummangels halber nicht mehr eingelaffen werden konnten. Es ist unthunlich, aus der Fülle der Anwesenden, zu denen schöne Frauen und Mädchen ein bedeutendes Contingent beigetragen, Einzelne namhaft zu machen, da nicht Alle, die es verdienten, hervorgehoben werden können; es genüge, zu erwähnen, daß der Cultusvorstand durch viele seiner Mitglieder unter Führung der beiden Vicepräsidenten, die meisten jüdischen Vereine durch ihre Präsidien und Vorsteher, sowie alle Schichten unserer Gesellschaft in einer für den Verein wie für den Festredner gleich schmeichelhaften Weise ebenso glänzend, als zahlreich vertreten waren. Man muß dankend anerkennen, daß der „Politische Volks- Verein", seit, er sich des derzeitigen Präsidiums erfreut, die Abhaltung belehrender Borträge in großem Style erst recht geschaffen und zu einem Gemeingute, zu einer Institution unseres Pubttcums erhoben hat. Den Vorsitz in der Versammlung führte der Vereins- Präsident Herr Dr. Fialla, an dessen Seite der durch seine preisgekrönte Schrift über den „Einfluß Spinoza's auf deutsche Dichter und Denker" in den weitesten Kreisen bekannt gewordene Hamburger Rabbiner und Gelehrte Herr Dr. Max Grunwald, welcher zur Erstattung des Vortrages berufen war, Platz nahm. Der erwartungsvollen Stimmung der Versammlung trug zunächst der Vorsitzende Dr. Fialla Rechnung durch seine nachfolgende zündende Ansprache: Hochgeehrte Versammlung! Nach dem vielwochentlichen ruhelosen Gewühle der politischen Wahlkämpfe, die soeben bei uns „ausgelitten und ausgerungen" haben, — eine Stunde geistiger Sammlung und Erhebung, zu der wir Sie beriefen, um dem universellen wegweisenden Repräsentanten menschlicher Geistesgröße, dessen Andenken kürzlich durch Errichtung und Enthüllung seines ehernen Denkmals in dieser Stadt geehrt und gefeiert wurde, auch unsererseits den Tribut ehrfürchtiger Huldigung därzubringen. Ihr überaus zahlreiches Erscheinen, werthe Vereins-, Gesinnungsgenossen und Gäste, welche Alle ich namens des „PolitischenVolk ereins" hiermit dankend begrüße, bekunde in erfreulicher Weise, daß wir mit dieser bescheidenen Veranstaltung einen Nerv gemeinsamen Empfindens und Bedürfnisses getroffen haben, dem wir auch in unserer Art Ausdruck geben wollen. Bon dieser Gedächtnißfeier können uns nicht abhalten weder die nichtswürdigen Versuche jener Hetzprediger der R a c e und Unbildung, denen auch Goethe in seinem weltumfassenden Genie nur als undeutscher „Bildungsprotz" gelten mag, er, dessen politisches Credo allerdings lautete: „Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an, und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität und der einzelnen Parteien", — noch auch die verächtlichen Bestrebungen jener wahrhaft irreligiösen Jrrlehrer, die ihn zu einem Mitschuldigen ihres verbrecherischen Antisemitismus erniedrigen möchten, ihn, der nicht nur seinen Faust keine Religion bekennen ließ aus Religion, sondern der überdies sein eigenes Bekenntniß in der Erklärung zusammenfaßte, „er wolle sich die Freiheit erhalten, sein reines Innere ohne Bezug auf irgend eine bestimmte Religion religiös zu entwickeln". Nein! Uns drängt vielmehr zu dieser unserer Kundgebung der unserem Stamme tief eigenthümliche Zug, uns willig zu beugen vor geistiger Größe und Schöpfungskraft, vor wissenschaftlicher Forschung und künstlerischem Schaffen, die edle Eigenheit, dankbar anzuerkennen und zu würdigen die unvergänglichen Gaben und Schätze, mit denen die auserlesenen Geister die Menschheit bereichert und ihre Entwicklung gefördert haben. Und vielleicht üben wir diese Tugend umso natürlicher und freudiger, als wir selbst nicht mit leeren Händen und blos als Beschenkte dastehen vor dieser Schatzkammer menschlicher Errungenschaften, vielmehr eines reichen Antheiles uns rühmen dürfen an Allem, was in der bisherigen Geschichte der Völker und Geschlechter zu deren Entfaltung und Erhöhung beigetragen. (Lebhafter Beifall.) Darum sind auch w i r berufen, uns den geistigen Festen der Gesammtheit berechtigt anzuschließen und uns destoweniger fernzuhalteu. als es uns nahezu allüberall gegönnt sein wird, festzustellen, welchen geistigen und culturellen Antheil an denselben wir für uns in Anspruch nehmen dürfen, mit welchen unvergänglichen Gaben unserer Lehre, unserer Moral und Ethik, unserer wissenschaftlichen Befruchtung und geistigen Vertiefung wir dazu mitgewirkl haben. Und jetzt weniger denn jemals ist es uns gestattet, in dumpfer Abgeschlossenheit seitwärts zu stehen, dort, wo wir unseren legitimen Antheil an den großen Fortschritten und Erfolgen der Menschheit zu reclamiren in der glücklichen Lage sind, — weniger denn je, sage ich, j e tz t in unserer kampfzerwühlten freiheitsfeindlichen Zeit, in der man sich allenthalben bemüht, unsere Ueberflüssigkeit, unsere Entbehrlichkeit, ja unsere Schädlichkeit zu behaupten, dagegen unseren unveräußerlichen, ewig nachwirkenden Antheil an der sittlichen Höhe des Menschengeschlechtes zu verleugnen. Darum aber auch hinweg mit den Trugbildern und Lobrednern neu zu schaffender Ghettos und unheilvoller freiwilliger Entrechtung (Stürmischer Beifall), — nein, auch wir Juden müssen die „T h ü r e n und F e n st e r" öffnen, die Thüren und Fenster unserer Herzen und Geister, unserer Wohnungen und Schulen, unserer Gemeinden und Tempel, um Luft und Licht einströmen zu lassen, und wie der große Altmeister sterbend aushauchte: immer „mehr Licht!" (Neuerlicher, anhaltender Beifall.) In solchem Denken und Trachten begehen w i r unsere Goethe-Feier, die auf Grund wissenschaftlicher Forschung uns mit dem stolzen Bewußtsein erfüllen wird, daß es dem Judenthume gegönnt war, mächtige Quadern auch zu jenem Fundamente beizutragen, auf welchem weitragend, überlebensgroß die edle Gestalt des unsterblichen Olympiers sich emporhebt. So legen wir denn zu den Füßen seines Monumentes, dessen Entstehen wir der unermüdlichen Thätigkeit einer Gruppe hochsinniger und vorurtheilsfreier Männer verdanken, einen unsichtbaren Kranz, gewunden aus den Geistesblüthen unseres geehrten Festredners, den ich Ihnen nicht erst vorzustellen brauche, den ich lediglich in unser Aller Namen herzlich willkommen heiße und zur Erstattung seines Vortrages einlade. (Allseitiger, stürmischer Beifall.) Die Wirkung dieser, die großen jüdisch-politischen Momente mit der speciellen Bestimmung des Abends überaus glücklich verbindenden Rede war durchgreifend mächtig und übertrug sich sofort auch auf den mit lautem Beifall be-