Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021390--10556-3035044- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 54 Str. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. Im neuen Wirkungskreis bot er seine ganze Thatkraft auf, um den Bau eines eigenen Gotteshauses zu Stande zu bringen, was damals kein kleines Unternehmen war, allein nach zweijährigem energischen Streben war das Werk vollendet. Auch den Religionsunterricht in den Schulen nahm er thatkräftig in die Hände. Er selber ertheilte 20 Jahre hindurch in den beiden Mittelschulen — Gymnasium und Realschule — den Religionsunterricht, und bis auf den heutigen Tag besteht das freundschaftliche Verhältniß zwischen den beiden Lehrkörpern und ihm. In Wien bestand zu jener Zeit ein Verein zur Förderung der jüdischen Literatur. Dieser veröffentlichte auf seine eigenen Kosten zwei Publicationen des Jubilars: 1. „Saadia Alfojümi und die negativen Vorzüge seiner Religionsphilosophie", 2. „Eine Denkschrift auf Dr. Julius Fürst und dessen sprachwissenschaftlichen Standpunkt." Als Jhering's epochale Schrift, „Der Kampf um's Recht" erschienen war, da fühlte sich der Jubilar angeregt, eine Seitenschrift hiezu zu versoffen: „Der Kampf um's Recht im Verhältniß zum Judenthum und dem Urchristenthum." (Wien 1875). In den zu Krakau erscheinenden Jahrbüchern (O^ar Hsafrath) erschienen „Scholim zum Tractat Kiddaschin," als eherechtliche Studien. Als Großwien entstanden war, wurde die Amtswirksamkeit des Jubilars von Fünfhaus nach dem ll. Bezirke Wiens verlegt, wo er nunmehr nahe an 7 Jahre die Kanzel in dem großem Tempel der Leopoldstadt einnimmt. Da der Jubilar der Kanzelrede eine große Bedeutung beimißt und seinen Predigten eine große Sorgfalt zuwendet, so wird allgemein bedauert, daß er seine Reden nicht veröffentlicht. Wir wollen hier noch die bei Weishut und Schwabe im Jahre 1900 erschienene Schrift des Jubilars: „Das älteste Buchdrama in der Weltliteratur" nicht unerwähnt lassen. Auch arbeitet er gegenwärtig an einer Schrift: „Randbemerkung zu Saadia's arabischem Pentateuch." Wir wünschen schließlich dem Jubilar, seine geistige Frische noch lange Jahre in ungeschwächter Kraft zu behalten! Zum80. Geburtstage Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Dr. Adolf Abraham Schmiedt! Du Born an Wiffen, an Erkenntniß reich, Wo ist der Quell, der Dir an Fülle gleich? Je mehr Du gabst, je mehr noch willst Du geben — Ein Wunder, werth des Staunens, ist Dein Leben! Bollbürger längst im Reich der Wissenschaft, Ihr Diener mit der stillen Forscherkraft. Gar mancher Weg, zur Wahrheit hiuzulenken, Gibt Deinem Namen dauerndes Gedenken! Der stillen Stube freundliches Asyl Verläßt Du oft mit Schätzen, schwer und viel, Und theilest aus, die Hungrigen zu laben, Mühsam erworb'ne hohe Geistesgaben! Der Rede Macht ist Dein, Du fügst das Wort Zu klugem Sinn an gottgeweihtem Ört, Des tiefsten Glaubens wirksamer Verbreiter, Ein milder Lehrer und ein sinn'ger Deuter. Bon uns'rer Ehrfurcht wirst Du heut begrüßt Am Tag, der volle achtzig Jahr Dir schließt, Und dankbar fleh'n zu Gott die vielen Herzen, Die Du getröstet in den tiefsten Schmerzen: Daß er noch lange last' Dein Leben blüh'n Und Früchte tragen Dein geheiligt Müh'n! Der Segen Gottes, den Du oft gespendet, Sei auf Dein eigen Haupt zurückgewendet! J. F. Königin Victoria. Im Schlosse zu Osborne entschlief Königin Victoria, die geliebte und verehrte Herrscherin des englischen Weltreiches. Vom Orient zum Occident, vom nördlichsten Europa zum südlichsten Punkt der bewohnten Erde, wo civilisirte Menschen wohnen, ringt sich nur der eine Gedanke empor: Was war diese Frau im Leben, welcher Verlust bedeutet uns ihr Abgang vom Leben! Und wahrlich die über die ganze Erde zerstreuten Juden sind nicht die Letzten, die trauernd an der Bahre der edlen Fürstin stehen. Mehr als achtzig Jahre dauerte ihr Leben und bis in die letzten Tage hat sie in gleichem Maße gewirkt, wie zur Zeit als sie noch Jugendkraft erfüllte; mehr als sechzig Jahre dauerte ihre Herrschaft, und wie sie am ersten Tage mit vollendetem Herrschertalent die Zügel führte, so hat sie des Amtes treu gewaltet, als schon die psychischen und physischen Leiden ihren Körper zu überwältigen drohten. Dem Königthum in England ist in Folge der streng constitutionellen Einrichtungen des Landes nicht die Macht gegeben, welche die Herrscher auf dem Continent auszuüben vermögen; von ihnen gilt es thatsächlich „1a roi regne mais il ne gouverne pas“, allein der Monarch, der innerhalb der ihm zustehenden Sphäre nicht nur seinen Machtmitteln die richtige Anwendung gibt, sondern zugleich mit Geistes¬ und Herzenseigenschaften ausgestattel ist, die ihn mehr zum Ersten im Reiche machen als es sein Titel vermag, gewinnt einen umso größeren Einfluß, ie freiwilliger seine Untergebenen sich ihm fügen. Und diese Kunst besaß Königin Victoria im höchsten Grade. Ohne daß in Paragraphen einer Constitution die Befugnisse umschrieben gewesen wären, war/ sie die mächtigste und zugleich beliebteste Beherrscherin des Reiches, das sich über alle Welttheile erstreckte, und nicht in Einem Momente chrer mehr als halbhundertjährigen Regierungszeit verließ sie die treue Anhänglichkeit und innige Liebe ihrer Völker, nicht in einem Momente lagerte sich ein Schatten über das Verhältniß zwischen Königin und Unterthanen, nicht ein einzigesmal gab es eine Trübung, ein Mtßverftändniß zwischen ihr und dem gesammten Volke. Nicht blos die angestammte Treue des englischen Volkes sicherte diese Verbindung mit der Krone, sondern ebenso sehr auch die wahre Herzensgüte der Fürstin, das tiefe Berständniß derselben für alle Regungen der Volksseele. „Homo sum et nil humani a me alienum puto“ — nach diesem Grnndsatze lebte und wirkte Königin Victoria und nicht einen Augenblick vergaß sie ihrer Menschenpflicht über der Königspflicht. Das war es auch, was dieser Monarchin die Sympathien der gesammten civilisirten Welt zuführte, und das ist es auch, weshalb Millionen Menschen für die Erhaltung auch nur einer Spanne Zeit ihres Lebens, Gebete zum Himmel sendeten und den Himmel anflehten, die Tage dieser Herrscherin zu verlängern. Aber ihre Uhr war abgelaufen. Ihr Werk war vollbracht. Ihr Sohn nimmt die Zügel auf, die ihren Händen entfallen sind. Wir Juden haben es wahrhaftig am deutlichsten erfahren, wie sehr diese Regentin menschlich zu fühlen rm Stande war. Unter ihrer Regierung sind unsere Glaubensgenossen in Englands weitem Reiche von allen Fesseln befreit worden, die noch ihrer freien Ausübung der Menschenrechte auferlegt waren. Und kaum befreit, gaben sie durch die hingebungsvollste Thätigkeit in allen Berufen, die ihnen vorher versagt waren, auf allen Gebieten, die ihnen vordem verschlossen waren, zu erkennen, daß sie der Befreiung würdig waren, daß sie mit Herz und Sinn, mit allen Fasern ihres Körpers, mit allem Denken und Können Kinder des Landes geworden sind, das sie zu freien Bürgern machte. Wenn heute das Jewish Yearbook eine so lange Reihe hervorragender jüdischer Männer und Frauen verzeichnet, die dem Staate und ihren Mitbürgern ausgezeichnete Dienste leisten oder geleistet haben, — nur auf freiheitlichem Boden konnten sie ihre Kräfte in so reichem Ausmaße, in so wohlthätiger Weise zur Geltung bringen. Im Rathe der Krone, im Rath des Reiches, im Rathe der Stadt und im Rathe der Colonien haben Juden die ersten Stellen eingenommen und ein Jude war es, der der Königin von England die Kaiserkrone von Indien zu Füßen legte. Mit treuester Liebe und mit reinster Gesinnung vergalten die Juden Derjenigen, die ihnen doch nur das Menschenrecht wiedergab. Bei der Jubelfeier der 60jährigen Regierung wurde die Königin (1897) von dem an jenem Tage geadelten jüdischen Lord-Mayor der Londoner Altstadt, Faudel-Philipps, empfangen und sie bat ihm nach altem Brauche um die Erläubniß der Ein-