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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 56 Br. Blvch's Wochenschrift, Nr. 4 grüßten Festredner Herrn Dr. Max G r u n w a l d aus Hamburg, welcher über das Thema sprach: „Goethe und die Jude n". Seinen inhaltsvollen, geistreichen Ausführungen entnehmen wir: „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident! Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände." Dieses Wort aus dem „westöstlichen Divan" klingt wie eiu Echo des großen semitischen Gedankens von der Familieneiuheit des Menschengeschlechtes und der Gottessohnschaft Aller, die das Menschenautlitz tragen, ohne Unterschied der Hautfarbe und Race, der Religion, Cultur und Sitte, der Sprache und Stammesgenosfenschaft. Dieses Wert will der Menschheit das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in allen ihren einzelnen Theilen, entgegen allem Hader und Streit, tief in das Herz prägen und es entspricht so ganz der innersten Weltauffassung des Judenthums, es ist so sehr von jüdischem Geiste erfüllt, daß man hier anknüpfen muß, wenn das Berhältniß Goethe's zu den Juden, der Juden zu Goethe betrachtet wird. Goethe - hat auch die innige Verwandtschaft seiner Lebensanschauung mit dem Grundgedanken des Judenthums wohl empfunden und den Bekennern dieses Glaubens seine Sympathie selbst da nicht versagt, wo sie in einer für ihn fremdartigen und abstoßenden Form ihm entgegentraten. Sein Gerechtigkeitsgefühl empörte sich bei den Mißhandlungen armer Judenkinder, und in der leisen Melancholie, die über den Zügen schöner Judenfrauen liegt, ahnte er einen Wiederschein von dem unendlichen Leide dieses seit Jahrhunderten verfolgten Volkes. Früh schon machte er sich mit dem kostbaren Geistesschatz, als dessen Hüter und Bewahrer er die Juden anerkannte, mit der Bibel, bekannt. Was er in diesem einzigen Buche gefunden, ist uns nicht nur mittelbar durch seine Schöpfungen deutlich geworden, er selbst hat in Worten innigster Dankbarkeit oft und oft dieses Menschheitsschatzes gedacht und sein Ausspruch ist bekannt, daß er, ins Gefäugniß geworfen, die Bibel von allen Büchern zur Genossin wählen würde. Der Vortragende weist nun bei einigen Gedichten, wie im „Jahrmarkt zu Pluudersweilen" und in dem bekannten „Auf Mieding's Tod" auf die Unbefangenheit und Unparteilichkeit hin, mit der Goethe von Juden spricht, und erwähnt endlich das Urthe'l des reifen Goethe, der in seinem „Wilhelm Meister" Israel „das beharrlichste Volk der Erde nennt", „welches ist, war und sein wird, um den Namen Gottes zu allen Zeiten zu verherrlichen". Er stellt es geradezu als Muster auf und sagt von den Deutschen, sie, wie die Juden gingen nicht zu Grunde, denn sie seien Individuen. In jüdischen Kreisen war es auch, wo Goethe zuerst begeisterte Bewunderung und schwärmerische Anerkennung fand. Rahel L e v i u, die Gattin Varnhagens van Ense, hat G o e t h e's Wesen und Schaffen das tiefste Verständniß entgegengebracht und mit ihr all die anderen Frauen, die sich um diese bedeutende und geistreiche Jüdin gruppirten, wie Henriette Herz und die schönen Schwestern Sara und Marianne Meyer. Bekannt sind auch die herzlichen Beziehungen Goethe's zur Familie Mendelssohn, besonders zu Felix Mendelssohn-Bartholdy, und zu David Veit, mit dem Goethe auch persönliche Verhältnisse besprach. Mendelssohn selbst war durch seine ganze Weltanschauung gegen das Stürmen und Drängen der Weimarianer und somit auch gegen den Verfasser des „Werther" voreingenommen. Ein Verständniß des Goethe'schen Genius bahnte in diesem Kreise Lessing an. Aber gerade an seinen Tod knüpft sich der Streit um den Spinozismus zwischen Mendelssohn und Jakobi, welch Letzterer seinen Freund Goethe auf seine Seite zu ziehen weiß. Später sehen wir das Verhältniß Goethe's zu seinem bisherigen Freunde Jakobi immer mehr erkalten und um so wärmer werden für Mendelssohn. Dies bezeugen eine Aeußerung Goethe's in einem Briefe an Frau v. Stein anläßlich des Todes Mendelssohn's und der Ton, in dem er diesen Verlust „eines unserer würdigsten Männer" in „Dichtung und Wahrheit" beklagt. Mendelssohn war der Einzige, den Goethe bei seinem Aufenthalte in Berlin besucht hat. Diese Zuneigung überträgt sich auch auf Mendelssohn's Familie, welche den Hauptherd der Verehrung und Würdigung Goethe's bildete. Aber auch in Wien fand der Dichterfürst warme Freunde und die Sympathie, die er für die herrliche Kaiserstadt hatte, wurde ihm reichlich vergolten. In Karlsbad verkehrte Goethe freundschaftlich mit Wiener Juden und Jüdinnen und hat mit ihnen oft von seinem Verhältniß zu Juden und Judenthum gesprochen. So sagte er zu dem Wiener Bankier L ä m e l, was sich je in ihm von Unwillen gegen jüdisches Wesen geregt habe, sei nur ein Reflex seiner Umgebung gewesen. Durch den Umgang mit geistbegabten Juden und Jüdinnen habe sich Achtung zu der Bewunderung gesellt, die er von jeher für das bibelschöpferische Volk gehegt. Mit Wiener Jüdinnen, wie den Frauen v. Eskeles und v. Fließ, hat Goethe nicht nur Briefe gewechselt, sondern ihnen auch in Karlsbad seine neuesten Werke vorgelesen. Neue Mittheilungen brachte der Redner über die Beziehungen Goethe's zu dem berühmten Wiener Domprediger Canonicus V e i t h, der ein Herold des Goethe-Cultus in Wien war, und dem bekannten jüdischen Gelehrten Salomon Munk in Paris, einem geborenen Deutschen. So fand Goethe frühzeitig bei den Juden reichliche Anerkennung und Verehrung und selbst die beiden Juden, die im Allgemeinen als Gegner Goethe's gelten, Heinrich Heine und Ludwig Börne, waren nur dem Menschen Goethe aus persönlichen und politischen Rücksichten abhold, vor dem Dichter empfanden auch sie warme Bewunderung. Besonders interessant waren die Ausführungen des Vortragenden über den Einfluß des jüdischen Volksglaubens und der Kabbala auf Goethe und seine Dichtungen. Wenn Goethe in „Wahrheit und Dichtung" selbst erzählt, wie eifrig er sich mit der kabbalistischen Literatur beschäftigt hat,- so finden wir im „Faust" überreichlich diese Studien verwerthet. Der Weinzauber, die Feuerbeschwörung, das Faßreiten in der Scene in Auerbach's Keller, die Meerkatze, der Zauberspiegel, der Zaubertrank in der Hexenküche, der Hexenritt, der Mantelflug, die schöne Lilith, Adams erste Frau, Ariel, ja selbst Mephisto, der sein Urbild findet in Asmodai, dem Herrn der Dämonen in den Salomo-Sagen, der Schlüssel, der zu den Müttern führt, diese selbst und vieles Andere sind, wenn nicht jüdischen Ursprungs, so doch entsprechenden Erscheinungen des jüdischen Volksglaubens zum Verwechseln ähnlich. . Allein nicht nur diese phantastischen Gestalten sind jüdischen Ursprungs, selbst dort, wo ernste Goethe-Forscher, wie Düntzer u. A., nur sinnloses Zeug oder eine Verspottung christlich-religiöser Symbole vermuthen, wie im Hexen-Einmaleins, zeigt der Sprecher, daß Goethe mit Hilfe der Kabbala bedeutungsvolle und wichtige Dinge in diesen scheinbar sinnlosen Worten verborgen hat. So ist die Hexe selbst die Personistcation der Astrologie, oder wie Goethe sie im zweiten Theil des Faust deutsch nennt: „Kalenderei" und ihr Spruch weist, genau nach ihren Zahlenangaben aufgelöst, auf das Ziel ihrer Bestrebungen, auf das All-Ende hin.

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