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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Dr^ Bloch's Wochrnfchrrfl. Seite 701 Cultur- und kunflgeschichtliche Entwicklung der Schriftzeichen. Ein Nachtrag zur Gutenberg-Feier. Vortrag, gehalten im Kunstgewerbeverein zu Hamburg. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald in Hamburg. (Schluß.) Die Politische Bedeutsamkeit der Schrift beweist der Eifer, mit welchem von jeher die Herrscher selbst die Schreibkunst zu erlernen bemüht lvaren, wenn auch wohl meist mit befferem Erfolge als Carl der Große, der noch in hohem Alter die schwertgewohnte Hand den zierlichen Griffel führen lernen wollte^). In der Zeit der tiefsten Erniedrigung Deutschlands*") ,während des dreißigjährigen Krieges, sehen wir einige kleinere deutsche Fürsten persönlich als Buchdrucker thätig. In Frankreich wurde seit Ludwig XIV. das Drucken nicht allein hoffähig, sondern geradezu eine Liebhaberei der Prinzen und Prinzessinnen, weshalb die Pompadur ihre Legitimität auch dadurch zu bekunden suchte, daß sie auf ihrem Schlosse eine eigene Presse anlegte. Friedrich der Große soll in seinem Schlosse zu Potsdam auf einer geheimen Presse einige seiner Schriften selbst gedruckt haben. Josef II., der sich in so vielen Punkten Friedrich zum Vorbild nahm, brachte es in dieser Kunst zu hoher Meisterschaft und der unvergeßliche Kaiser Friedrich hat in der Hänel'schen Druckerei zu Berlin das Drucken gelernt'B5). Gerade durch die Erfindung der Buchdruckerkunst tritt im Charakter der Schrift eine wesentliche Wandlung ein. Anfangs, im Dienste der Kirche und des Staates, hat die Schrift eine durchaus conservative Bedeutung. Wie der Javane noch heute für die verschiedenen Kasten verschiedene Sprachen kennt^), zum Beispiel vom Priester sagt „er isst", vom gemeinen Manne „er frißt", und so wie der Kanzleistil zwischen „saufen", und „trinken". „Mann" und „Herr", „Mädchen" und „Fräulein" unterscheidet, so hat es von jeher Mittel gegeben, die socialen Unterschiede, vor Allem die geistlichen und weltlichen Würden, auch durch die Schrift kenntlich zu machen?7) Doch mit einem Schlage ändert sich das Bild. Der Gedanke reißt sich von jeder Autorität los, er wird frei, aber damit zugleich vogelfcei. Staat und Kirche, die bisher das Schriftwesen gefördert haben, werden mit einemmale seine erbittertsten Gegner.*^) Die Grausamkeiten der Büchercensur übertreffen die ärgsten Ausschreitungen der Inquisition?") Besonders in Deutschland, der Wiege des Buchdrucks7") und zugleich der Reformation, ist es fraglich, ob jener mehr durch diese, oder diese mehr durch jenen ist gefördert worden. Der Buchstabe, den der neue Geist so scharf befehdete, hat ihm treffliche Dienste geleistet. Hat man schon in alter Zeit Fälle erlebt, daß man die Feder buchstäblich als Waffe") benützte, so war sie nun im Dienste des neuen Geistes zu einem Werkzeuge von unfehlbarer Wirkung geworden. Es half nicht mehr, die Bücher an Ketten zu legen,um die Gedanken zu fesseln: Das war das Werk der „schwarzen Kunst". Natürlich begrüßte der Fortschritt die neue Erfindung als eine Befreiung der Geister, melekbet ha-qodesch73) „heilige Kunst" nannten sie die jüdischen Setzer, 63) Vgl. Watt. 65. °4) Wie die Geschichte des Schriftwesens zu einer Statistik des Geisteslebens wird, zeigt die Thatsache, daß 1635 nur 307 Bücher gegen 1757 im Jahre 1618 erschienen sind. (Faulm. B. 342.) °3) Faulnl. B. 343. 433. 436. Flk. 352. **) Faulm. S. 424 fg. 67) Leist. Die Urkunde 36. 6S) Faulm. B. 245. Gegen das Schreiben ist schon Plato Vgl. Löwenthal, Honein 49 f. Löw. Graph. Requis. II 120. *>) Calinich 196, 215. Faulm B. 231. 339. 349. 7U) Hamburg wird 1586 zum ersten Male als Verlagsort genannt (Calinich 200). Das Hamb. Domcapitel hatte um >353 am oder im Schlafhaus eine Buchkammer (Watt. 621). — 1378 wird in Hamb, ein Nycolaus Permenterer (Pergamentirer) erwähnt (Watt. 127). — In Hamburg erscheint eine der ältesten (Hamb. Correspondent 1741) und eine der gelesensten Zeitungen (Generalanzeiger 90.000 Abonnenten). n) So nach der jüdischen Ueberlieferung im Hadrian. Kriege. (Jer. Taanit IV, 5). Vgl. Watt. 69, 771. 72 Watt. 602 f. 73) Vgl. Berliner A., lieber den Einfluß des Buchdrucks S. 3. die oft, wie in Constantinopel, mit Gefahr ihres Lebens ihrem Beruf oblagen.") Als „heilige Kunst" hatte auch einst das Schreiben der Bischof Paulus von Nola seinen Mönchen empfohlen, ohne zu ahnen, daß ein Jahrtausend später in demselben Nola ein Giordano Bruno erstehen werde, der mit Hilfe dieser Kunst die Grundfesten der Kirche erschüttern und dafür auf dem Scheiterhaufen büßen sollte. Heute denkt man anders darüber. Ein hervorragender Geistlicher soll auf die Frage, was wohl der Apostel Paulus anfangen würde, wenn er heute seines Amtes zu walten hätte, geantwottet haben: „Er würde eine Zeitung gründen"!73) Und wie so die Buchdruckerkunst durch die Kirche rehabilitirt worden ist, so war es ein bedeutsamer Moment, als d'Alembert einen amerikanischen Minister in die französische Akademie aufnahm mit den Worten: „Eripuit coelo fulmen seeptrumque tyrannis". Dieser Minister war einst ein einfacher Setzerlehrling gewesen und hat sein ganzes Leben lang, wenn auch nicht als Buchdrucker, so doch im Geiste dieser Kunst gewirkt, die ja berufen ist, die Götzen von Thron und Altar zu fegen. Er hatte in der That dem „Himmel den Blitz und den Tyrannen seines Vaterlandes das Scepter entrissen". Auf seinen Grabstein ließ er sich die Worte setzen: „Hier liegt Benjamin Franklin's, eines Buchdruckers Leib, gleich dem Deckel eines alten Buches, dem der Inhalt genommen und der seiner Inschrift und Vergoldung beraubt ist, eine Speise für die Würmer. Doch wird das Werk selbst nicht verloren sein, sondern einst wiedererscheinen in einer neuen, schöneren Ausgabe, durchgesehen und verbessert von dem Autor".7") Dieser schlichte Grabstein bedeutet den Höhepuntt in der culturgeschichtlichen Entwicklung der Schriftzeichen. Ungefähr da, wo die culturgeschichtliche Entwicklung der Schriftzeichen einsetzt, beginnt auch ihre kun st geschichtliche Entfaltung. Malen und Schreiben sind, wie wir gesehen haben, nahe Verwandte. Sie gleichen zwei Geschwistern, die einander äußerlich zum Verwechseln ähneln, während sie sich zu ganz verschiedenen Charakteren entwickeln. Wenn man, um sich dies an einem Beispiele zu verdeutlichen, etwa im Sinne der Hieroglyphen das Wort „Kunstgewerbeverein" schreiben wollte, so stände zunächst als Zeichen für „Kunstgewerbe" das Bild des Gottes zur Verfügung, welchem die Egypter, wie die Schrift überhaupt, die Kunst '^verdanken wollen. Dies ist, wie oben erwähnt, Thot, der, dem Tohu im Tohu wa-bohu des biblischen Schöpfungsberichtes entsprechend, das Chaos (denSumpf) repräsentirt. Sein Symbol ist der Storch. Stellt man nun das Zeichen für „Verein", das Bild eines Zwillingspaares, daneben, so würde diesem Bilde heute ein ganz anderer Sinn beigelegt werden. Bei den Egyptern nimmt auch die kunstgeschichtliche Entwicklung der Schriftzeichen ihren Anfang. Sie pflegten den Anfang eines Schriftwerkes mit rother Farbe zu schreiben, eine Sitte, welche andere Völker von ihnen übernommen haben. Daher unser Wort „rubriciren" vom lateinischen Worte»rubrum"77). Die ersten Worte galten nämlich, wie zum Beispiel bei deutschen Büchern bis etwa 1486 und noch heute bei den päpstlichen Bullen, als der Titel des Werkes7".) Aus dieser einfachen Roth- 74) Faulm. B. 193, 196. — Bezeichnend ist dieZusammenstellung von „charut“ und „cherut1* in Abot VI, 2, M. Friedmann, Drei gottesdien stliche Vorträge S. 15 erinnert an „1i v 6 r« Buch und „1 i t> e r“ f r e i. — lieber den Antheil der Juden an der Förderung des Schriftwesens, obwohl man sich noch im 18. Jahrhundert nicht im Drucken unterweisen durste (Faulm. B. 196) und sie 1662 vom Buchhandel ausschloß (ebenda 339), s. Zunz, Zur Geschichte und Literatur 171, 264. Steinschneider, Jüdische Typographie (in: Ersch. u. Gruber, Encykl). Flk. (82), 114, 295, 297. 303. 310, 312. Faulm B. 27 f., 232, 234 (ein Exemplar dieses Druckes zu Pieve di Sacco in der Hamb. Stadtbibliothek), 236, 327. Watt. 131 (Smogil perminter in Breslau, vgl. Steinschneider, Vorles. über die Kunde hebr. Handschriften, Leipzig 1897, VII, 17), 554. Harkavy über russ -jüd. "Drucke (vgl. Jsr. Wochenschrift 1899, Nr. 6) und Gaster über alte jüdische Drucker in „Jew. Chronicle 1878" (vgl. Allg. Anzeiger für Druckereien 1897, S. 1632). Jüd. Namen noch heute: Setzer, Pergamenter, Drucker (vgl. Petschirer,(Steinschneider) Schon ca. 300 post in den römischen Katakomben (Jüd. Presse 1874. S. 138: Deuterus Grammateus. 75) Weise 89. 7S) Flk. 334. 77) Faulm. B. 136. 7a) Faulm. B. 226.

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