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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 702 Vr. Bloch's Wochrafchrifl. Nr. 39 schrift entwickelt sich die Kunst der Büchermaler (Miniatoren)?* 8) Seit dem 6. Jahrhundert etwa von den Mönchen eifrig gepflegt, von Carl dem Großen alsdann besonders gefördert, erreicht sie im 15. Jahrhundert in Frankreich den Höhepunkt ihrer Blüthe. Im Jahre 1260 erscheint die Kunst der Miniatoren in Hamburg als bürgerliches Gewerbe?8) Wie einst Bilder zu Buchstaben verwendet worden waren, was noch deutlich zum Beispiel aus der Gestalt und den Namen der hebräischen Buchstaben und aus einzelnen Zeichen der chinesischen Schrift erhellt, so wurden die Buchstaben wiederum zu Bildern ausgestattet. So konnte zum Beispiel ein hebräisches girael, das Bild des Kameels (gamal), später wieder zu einem Kameel ausgemalt werden. Aus der Verzierung der Initialen entwickelt sich alsdann ei»*e Bücherillustration, die sich allmählich von der Stütze der Buchstaben loslöst. Entsprechend der Entwicklung des Kunststyls im Allgemeinen und der Buchstabenformen lassen sich auch in dieser Kunst einzelne Perioden unterscheiden, so vor Allem Gothik und Renaissance. Meisterhafte Kunstwerke bieten in dieser Hinsicht einige hebräische Handschriften"); in Deutschland zeichnen sich auf diesem Gebiete aus: Albrecht Dürer8?) mit seinem Kinder- und Hans Holbein mit seinem Todtentanzalphabet, ferner Daniel Hopser und Lukas Cranach. Gerade die deutschen Drucke, die Volksbücher, im Gegensätze zu den lateinischen Werken, konnte man sich ohne Bilder gar nicht denken, selbst wenn auch nur zwei oder drei Bilder für alle möglichen paffend»n und unpassenden Texte herhalten mußten.^) Die Verzierung t er Buchstaben mit Pflanzen- und Thierornamenten führte auch zu den sogenannten Menschenbuchstaben. Sowie man die Buchstaben als Grundstock von Thierbildern verwendete, so wurden umgekehrt Buchstaben aus Thier- oder Menschenbildern, oft äußerst geistreich, zusammengesetzt, so zum Beispiel in einem Druckwerk, welches um die Mitte des 14. Jahrhunderts in den Niederlanden oder in Frankreich entstanden ist. Diese künstlerische Behandlung der Buchstaben, die sich besonders für Reclamezwecke eignet, verdiente die besondere Pflege des modernen Kunstgewerbes. Ebenso sollte der Monumentalschrift eifrigere Aufmerksamkeit widerfahren. Zum Schluß noch einen Ausblick in die Zukunft. Ist unser Gegenstand schon darum nicht ganz unzeitgemäß zu nennen, weil vor Kurzem seit der Auffindung jenes Steines von Rosette, die zur Entzifferung der Hieroglyphen geführt hat, ein ganzes, und seit Erfindung des elektrischen Telegraphen ein halbes Jahrhundert verstrichen sind, so gewinnt er ganz besonders an Bedeutung an der Pforte des neuen Jahrhunderts. Zweierlei soll uns dieses Jahrhundert geben: eine Volks gemeinsame, deutsche t Orthographie und eine im gewissen Sinne weltgemeinsame, laeinische Schrift. Wie bekannt, **) gibt es noch zur Zeit eine k. k. österreichische, eine k. preußische, k. baierische und andere deutsche „Rechtschreibungen". Es ist das eine irregeleitete Pietät gegen das historisch Gewordene, nicht minder eine verkehrte Bethätigung des Patriotismus. Nicht allein beim Transcribiren fremdsprachlicher Texte, sondern selbst bei der Wiedergabe deutscher Mundarten wird der Mangel einer geregelten Orthographie unangenehm fühlbar. Die Schrift hat vor Allem die Aufgabe, das Gesprochene dem Auge möglichst getreu vorzusühren. Es darf also vernünftiger Weise nur eine, die p h o ne ti sch e Schreibweise gelten, die jedem Laute sein eigenes Zeichen gibt. Wir haben für den Laut „k“ nicht weniger als fünf Buchstaben: k, c, ck, q (gleich kw) und x (gleich ks). Wir schreiben „s-c-h" unb lesen „sch“, wir schreiben „vernünftig" mit „v“ und „k" und ebenso unvernünftig „vervielfältigen" mit zwei „v“. Man schreibt Doppelbuchstaben 85j. und Dehnungszeichen ohne einen vernünftigen Grund bald vor, bald hinter einem Buchstaben. Daß es unter diesen Umständen nicht nur dem Ausländer, sondern auch den ältern deutschen Jahrgängen immer schwerer wird, sich in der deutschen Orthographie zurechtzufinden, liegt auf der Hand. 79) Von Mennig. Minium, Bergzinnober. 8') Watt 317. s1) Ueber Illustrationen in hebr. Hss. s. Löw, Graph. Requisiten 36. Magazin f. d, Miss. d. Jndenth. I, 9. Kaufmann in Müller — Schlosser, Die Pesachhaggada von Serajevo, Wien 1898. 82) Ueber Dürer als Buchdrucker s. Faulm. B. 207. Faulm. B. 200, 22t. Vgl. die Illustrationen in den alten Drucken der Pesachhaggada und ähnl. Volksbücher. Faulm. S. 236. ') Vgl. Schreiber 5, 7 f. 29, 43, 47 f. 50, 52, 54, 56, 58, 64, 89 f. 93, 101. Die andere Schranke, hinter der sich der Deutsche gegen den Fremden abschließt, ist die sogenannte deutsche Currerckschrift. Mit dieser in Wahrheit gothischen, altfränkischen Zierschrift, stehen wir, nachdem auch unsere nordischen Nachbarn sie zum größten Theil aufgegeben haben, einer vierfachen Uebermacht lateinschreibender Völker gegenüber. Man hat berechnet, daß die Zeit, welche die Currentschrift mehr als die Lateinschrift in Anspruch nimmt, in Oesterreich den das schreibende Beamtenthum bezahlenden Staat nicht weniger als jährlich 61/* Millionen Gulden kostet. Auch werden, abgesehen von der schädlichen Einwirkung der Currentschrift auf das Auge, dem Kinde durch Erlernung des doppelten Alphabets und der großen und kleinen Buchstaben, ebenso wie durch die Gewöhnung an die willkürliche Orthographie, Zeit und Kräfte geraubt, welche sich für einen besseren Zweck verwenden ließen. Darum soll der Currentschrift nicht ihre Berechtigung als Zierschrift bestritten werden. Fast alle Völker 86) sehen wir für gewisse Zwecke und in bestimmten Grenzen eine Zierschrift anwenden, während die eigentliche Currentschrift immer nur dem praktischen Bedürfnisse gedient hat, und dieses fordert eine Schrift, die möglichst leicht zu lesen ist. Uns eine gemeinsame deutsche Orthographie zu geben, das sei die Aufgabe des neuen Jahrhunderts! Hieran schließt sich noch ein besonderer Wunsch für Hamburgs Zukunft: „Drei Kiele kenn' ich, die gewaltig sind", so sagt das Dichterwort. Rückert meint damit den Kiel des Vogels, der sich frei in die Lüfte schwingt, den Kiel des Schiffes, der die Wogen kühn durchschneidet, und den Kiel, der sich die Welt des Geistes unterwirft, — den Federkiel. Die beiden ersten nennt Hamburg sein eigen, wie keine zweite der Städte des Vaterlandes. Die Freiheit des Volkes und die Blüthe der Schiffahrt sind der unbestrittene Ruhm, der sich die stolze Hammonia als Freie und H a n s e st a d t in dem letzten Jahrhundert errungen hat. So möge denn das neue Jahrhundert auch dieses Blatt in ihren Ruhmesglanz flechten: sie blühe allen Städten voran auch in Wissenschaft, Kunst und Gewerbe! Es werde ein Wahrzeichen Hamburgs auch der dritte der drei Kiele: der Federkiel! Die Leute von Pi sek. Der Oberste Gerichtshof hat das Urtheil des Kuttenberger Schwurgerichtes im Proceß Hilsner cassirt und eine neue Verhandlung vor dem Schwurgericht in Pisek angeordnet. Ueber den Culturzustand des Piseker Bezirkes bietet nachstehender Artikel der Reichenberger „Humanität" aus dem Jahre 1893 merkwürdige Mittheilungen: Der k. k. Bezirksarzt Herr Dr. Kavalier in Pisek liefert im „Was Nar.“ ein trauriges Bild der Vorurtheile, welche heute noch in gewissen Gegenden des Piseker Bezirkes bestehen. Er schreibt nämlich: „Als sich im heurigen Jahre im Kaukasus und dann weiter in Rußland die Cholera zeigte, wurde in Böhmen und daher auch im politischen Bezirke Pisek, in welchem ich glücklicher k. k. Arzt bin, sogleich in möglichster Weise eingeschritten, daß in den Gemeinden gutes Trinkwasser beschafft, in den Höfen und auf den Ortsplätzen größte Reinlichkeit und überhaupt die möglichst günstigen sanitären Verhältnisse hergestellt werden. Von der Durchführung dieser Maßnahmen hatten sich der k. k. Bezirksarzt und die Districtsärzte zu überzeugen. Welche Hindernisse hatten wir aber hier zu überwinden! Das Volk bereitete Heugabeln und Mistgabeln vor, mit der Drohung, daß, wenn ein Arzt in Angelegenheit der Cholera kommen sollte, sie ihn durchbohren würden. In einem Dorfe wurde sogar ein solcher Widerstand orgamsirt, daß die Bewohner vereinbarten, mit der Glocke Sturm zu läuten und sich Demjenigen zu widersetzen, der da im Orte erscheinen sollte. Und warum handelt das Volk so unsinnig? Darum, weil es der Ansicht ist, daß es überhaupt keine Cholera-Krankheit gibt, daß vielmehr hauptsächlich die Aerzte oder auch die Beamten und alle „Herren" im Allgemeinen die Cholera durch ein Pulver verbreiten, welches sie in die Brunnen werfen zu dem Zwecke, damit die armen Leute sterben rc. Hauptsächlich seien es die Aerzte, von welchen die armen Leute vergiftet werden sollen, die Aerzte seien die Giftmischer. Selbst in der Kreisstadt Pisek 86) So sind die babyl. Contracte in Keilschrift geschrieben, doch am Rande manchmal eine Notiz in phönizischer Schrift zu lesen?W. 65i). Aehnlich hatten von Alters her die Juden zweierlei Schrift

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