Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 682 Dr. Bloch's Wochenschrist. Nr. 38 Leopold v. Ranke über die Bibel. Die mosaische Schöpfungsgeschichte ist ein Manifest gegen die Llbgötterei, welche die Welt beherrschte. Dieser Gegensatz ist es, welcher der nationalen Tradition der Hebräer, ohne Zweifel einer unschätzbaren Reliquie aus den vornehmsten Zeiten des Alterthums, ihren vornehmsten Werth verleiht. (Ranke's Weltgeschichte S. 32. 1. Band.) . In dem einfachen Fortgang eines nationalen Naturdienstes hatte es keine Geschichte des Menschengeschlechtes gegeben. Diese gewinnt erst in dem Monotheismus, der sich vom Naturdienst losreißt, Grund und Boden. Er gründet eine bürgerliche Gesellschaft, die sich von aller Vergewaltigung fern hält. (S. 38. 1. Band. 1880.) Gesetzgebung am Sinai. Eine erhabenere Inauguration des sittlichen Lebens in der menschlichen Gesellschaft könnte nicht gedacht werden. An die Beobachtung des Gebotes, die Eltern zu verehren, worauf das Familienleben beruht, wird die Verheißung eines Segens geknüpft. Die Ehe wird noch besonders geheiligt; ebenso dringend wie das Leben, das Eigenthum. Unter den unmittelbaren Schutz Gottes tritt dergestalt das individuelle Leben mit den Anrechten, auf welchen alle bürgerliche Verfassung beruht. Hat sich nicht aus dem Begriff der Sicherheit des Lebens und des Eigenthums alles das entwickelt, was die modernen Staaten ihre Verfassung nennen? (Seite 37.) - Untergang des jüdischen Reiches. So waren Ninive und Persepolis, Halikarnaß und Tyrus, Syrakus und Karthago untergegangen, keine von allen diesen Capitalen großartiger als Jerusalem. Jerusalem hatte noch mehr zu bedeuten, als die Heiligthümer anderer Nationalitäten- Das Volk war heldenmüthig, sein Untergang ist mit Heroismus gepaart. (S. 247. Band 3, l.) Anfänge der christlichen Kirche. Wenn man die Völkerelemente, die sich in dem römischen Reiche vereinigten und ihre damalige Entwicklung wieder scheidet, so repräsentirt sich der griechische Geist in der allgemeinen Cultur, die jetzt von Osten her auch den Westen umfaßt hatte, der specifisch römische in dem Kriegswesen, der Verwaltung und Rechtsgelehrsamkeit; die gegenseitige Durchdringung des griechischen und römischen Geistes bildet die vornehmste Aufgabe der damaligen Zeitgenossenschaft Aber noch ein anderes Element gab es in derselben, das semitische, welches in den allgemeinen Verband entweder freiwillig oder gezwungen ausgenommen, jetzt zwar niedergeworfen und beinahe vernichtet, in seinen Kern eine Transformation erfahren hatte, die eben in der Annäherung an die übrigen Nationen bestand und dadurch eine nicht zu ermessende Wirkung in Aussicht hatte, da es zugleich das Princip der ältesten Religion behauptete und so zum Gemeingut der Welt machte. (S. 315. Band 3,1.) Nietzsche irr antisemitischer Beleuchtung. Die Meinungen über Friedrich Nietzsche gehen, wie männiglich weiß, ziemlich weit auseinander. Er wird, je nachdem, verhimmelt, bespöttelt, bemitleidet, verhöhnt, wüthend bekämpft und mit Fanatismus vertheidigt. Es kommt auch — gar nicht selten — vor, daß Jemand seine Anschauungen über Nietzsche „reütbirt", daß aus einem Enthusiasten ein Spötter, aus einem Apologeten ein Kritiker, aus einem blindgläubigen Verehrer ein „Ueberwinder" wird. Aber daß Jemand gleichzeitig sämmtliche überhaupt möglichen Ansichten über Nietzsche hat, das ist bisher doch noch nicht vorgekommen. Das hat erst die antisemitische Presse zustande gebracht. Ein paar Tage nach dem Tode Nietzsche's brachte die „Deutsche Zeitung" ein Feuilleton, in dem Nietzsche als Judenknecht und sein Uebermensch als Jude entlarvt wurde. Um aber auch jene Leser zu befriedigen, die mit dieser Abmurksung Nietzsches vielleicht nicht ganz einverstanden waren, veröffentlichte sie einen Aufsatz, der die Lehre Nietzsche's „auf ihre arischen Grundlagen zurückführt und aus der souveränen Herkunft des arischen Stammes ableitet." Jetzt kann sich jeder Leser aussuchen, was chm besser paßt, grad so wie beim R o t h b e r g e r, der sich auch nicht darauf capricirt, daß sich die Leute nach seinem Geschmack kleiden 'sondern jeden nach seiner Faeon selig werden läßt, wer's nur baar bezahlt. Das „Deutsche Volksblatt" hat natürlich ebenfalls mehrere Meinungen über Nietzsche. In einem Feuilleton zeigt es uns Nietzsche als Trottel. Da wird behauptet, man könne sich bei der Lectüre Nietzsche'scher Bücher überhaupt nichts denken; wenigstens erklärt der Verfasser des Feuilletons mit Bestimmtheit, daß es ihm so ergangen ist: Nietzsche muß also wohl ein ganz dummer Kerl gewesen sein. Ihr zweifelt? Gut, denkt Vergani, und bringt ein zweites Feuilleton, in dem er Nietzsche als Genie-preisen läßt. „Daß Deutschland, daß die Menschheit auf den großen Philosophen, den es (?) nun verlor, stolz sein kann, das bleibt unbestritten," läßt Herr Vergani erklären, trotzdem er es wenige Tage früher gar sehr bestreiten hat lassen — und da sage noch einer, die antisemitische Presse sei charakterlos, sie habe keinen Standpunkt! Sie hat zwei, vier, sechs, zehn Standpunkte, so viele man will. („Arbeiter-Zeitung".) Mädchenraub in Galizien. Das Abendblatt des „Slowo Polskie“ Nr. 425 vom 11. September veröffentlicht nachstehendes Schreiben: „Meinem Manne widerfuhr die Auszeichnung, von dem allerdurchlauchtigsten Herrn dem Kaiser in Audienz empfangen zu werden. Seine Majestät geruhte damals die Zusage zu machen, den Behörden die angemeffenen Weisungen zu geben. Noch an demselben Tage waren die Allerhöchsten Weisungen beim Ministerpräsidenten. Als ich dies von meinem Manne hörte, weinte ich vor Freude. Ich lag bislang krank darnieder, und nun verließ ich zum erstenmale das Krankenlager. Ich rechnete, daß ich jetzt zuversichtlich meine Tochter erblicken, sie wiederfinden werde. Ich weiß wohl, daß die Weisungen Seiner Majestät stricte ausgeführt werden müssen, nichtsdestoweniger ist es unbekannt, wo meine Tochter sich aufhält. Ich höre erzählen, daß mein armes Kind nicht mehr l e b e — mir als Mutter krampst sich ob solcher Gerüchte das Herz zusammen. Nun, ebenso wie jede andere Mutter hatte ich nicht wenig gelitten, ehe ich das Kind großgezogen, und am Ende soll mir mein Kind entrissen sein! Jawohl, nicht einmal wissen soll ich, ob jene Unglückliche noch lebt! O, möge meine Stimme die HerzÄr aller Väter und Mütter rühren. Vielleicht weiß Jemand, oder könnte etwa Jemand erfahren, welchem Schicksale meine unglückliche Tochter anheimgefallen, dann möge er mich erfreuen und mir Kunde thun, ob sie lebt. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, sie ans Herz drücken zu können, verleiht mir Kraft, daß ich weiter lebe. Und wenn — ich schreibe es mit zitternder Hand, — wenn Jemand also hörte, daß sie nicht mehr unter den Lebenden sei, so möge er mir wenigstens zeigen, wo die Unglückliche bestattet sei. Mit Thränen in den Augen bitte ich um die Veröffentlichung dieser Zeilen und empfehle mich mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Krakau. Civia Araten." Cultur- und kunstgeschichtliche Entwicklung der Schriftlichen. Ein Nachtrag zur Gutenberg-Feier. Vortrag, gehalten im Kunstgewerbe verein zu Hamburg. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald in Hamburg. (Fortsetzung.) Wie hat sich bis zu diesem Stadium die Schrift aus ihren ersten Anfängen entwickelt? Sie war, wie wir gesehen haben, ursprünglich ein Bezeichnen der Menschen und Gegenstände, was ja noch unser Wort „Schrift z e i ch e n" und das hebräische ot für „Z e i ch e n" und „Buchstabe" andeuten. Aus diesem „Bezeichnen" entwickelte sich, wie das Schreiben auch das Zeichnen. Wie wenig anfangs zwischen Schreiben und Zeichnen unterschieden wurde, lehrt unser Wort „malen", welches noch im gothischen nieJjan „schreiben" bedeutet, lehren das französische äessiuer von signum „Zeichen", das griechische graphein „schreiben" und „zeichnen" und das slavische pisatj, verwandt mit bem nipistam der persischen Inschriften. Genau so wie der Name oder das Zeichen eines Wesens galt auch sein Bild als sein Stellvertreter. Daher das Hinrichten in effigie, wovon die Nürnberger die bekannte Ausnahme machen. Wie bei Homer sehen wir das ganze Mittelalter hindurch die Grenze zwischen Malen und Beschreiben schwanken. Auf einer Altardecke in einer Kirche zu Breslau sieht man die ganze Geschichte des Propheten Jona, auf einem Bilde im Reichsmuseum zu Amsterdam eine ganze Belagerung mit allen Phasen auf einer Fläche wiedergegeben. Am beliebtesten waren in dieser Art die Darstellungen des Sündenfalles. Auf den ersten Blick erscheinen auch die Bilderschriften der Mexikaner als Gemälde. Und doch läßt sich schon hier scharf zwischen Schrift und Gemälde unterscheiden"). Das Zeichen eines Königs zum Beispiel bedeutet in dieser Schrift niemals das Porträt eines bestimmteil Königs, sondern immer nur einen beliebigen „Träger der Königskrone". Die Malerei will, wie Steinthal (Die Entwicklung der Schrift, Berlin 1852, S. 60 fg.) treffend ausführt, „nur dar- '«) Vgl. W. 163, 225.