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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Blvch's Wochenschrift Seite 681 $ Daß die jüdischen Handwerksmeister keine Arbeit finden, ist bei der grenzenlosen Verhetzung und Aufwühlung der rumänischen Bevölkerung durch antisemitische Agitatoren begreiflich. Auch die jüdischen Geschäfte stehen im Boycott. Was aber den Juden Rumäniens den Wanderstab geradezu in die Hand gedrückt hat, ist die scandalöse Haltung der Behörden. Am 2. Juli berief der Minister des Innern den Polizeipräfecten von Bukarest, den berüchtigten General A l g i u, zu sich und forderte ihn auf, die angesehensten Juden Bukarests zu besuchen und zur Unterzeichnung eines Protests gegen die Haltung der fremden Presse, die sich damals gerade intensiver mit dem Elend der rumänischen Juden und ihrer Auswanderung zu beschäftigen begann, zu bewegen. Algiu besuchte die ersten jüdischen Bürger Bukarests, die Elias, H a l f o n, Blanc, S ch a ch m a n n, aber ohne Erfolg.. Von den Meisten wurde er gar nicht empfangen. Jetzt nahm Algiu Rache. Vor Allem ließ er an einem Tage in den Straßen Bukarests alle Juden mit langen Bärten aufgreifen, durchprügeln und einkerkern. So wurden etwa 300 Leute gefangen, vier bis» fünf Tage lang eingesperrt gehalten, notabene, ohne' daß man ihrer Familie irgend welche Verständigung zugehen ließ. Dann schob man die unglücklichen Bartbesitzer — in die Provinz ab . . . Damit war aber dem Rachedurst des Herrn Algiu noch keineswegs Genüge gethan. Er erhöhte die Taxe für die Auslandpässe der Auswanderer und führte die Bestimmung ein, daß Pässe nur an solche Personen verabfolgt werden dürfen, die einen Hausbesitzer in Bukarest als Bürgen aufführen können. Zola und Lombroso über die rumänischen Juden. Die „Revista nova romana“ in Bukarest bringt Aussprüche berühmter Männer über, d i e I u d e n f i age i n Ru m änie n, und zwar schreibt Zola: „M6dan, 7. August 1900. Mein Herr! Zu meinem Bedauern bin ich über die politischen und socialen Verhältnisse nicht orientirt. Da sie mich aber fragen ob ich es gera!he:> finde, daß Rumänien seinen Juden das vollkommene Bürge recht ertheile, antworte ich ohne Zögern: „Ja!" Ich bin Anhänger der Gleichberechtigung und Solidarität sämmtlicher Völker der Erde. Cesare Lombroso antwortet: „Auf einer Reise nach Rußland wurde ich mit einem antisemitischen, russischen Diplomaten bekannt, der von Budapest nach seiner Heimat reiste. Er sagte zu mir: „Ich verstehe nicht, warum das antisemitische Wien von Tag zu Tag ärmer wird, während Budapest, wo vom Antisemitismus keine Spur ist, zusehends größer und reicher wird, als ob es eine nordamerikanische Stadt wäre. Es verschmelzen dort alle El mente; man kann den Juden nicht mehr vom Katholiken unterscheiden." Ich antwortete ihm: Wenn Sie sich darob wundern, vergleichen Sie die Verhältnisse Hollands, Spaniens, Englands und Rußlands; erwägen Sie dort die semitische Gefahr und den Nutzen, der den betreffenden Staaten aus der Verleihung des Bürgerrechtes an die Juden erwuchs. Spanien und Rußland sind je eine Begräbnißstätte des Gedankens, Holland und Großbritannien hingegen sind blühende Gärten des Lebens und der Freiheit. Ein Ruffe über den Talmud.*) Es kommt oft vor, daß bei der Erklärung von Stellen, die den heiligen Schriften irgend eines Volkes entnommen sind und deren Text nicht genügend klar ist, Jrrthümer begangen werden. Denn die Folgerungen aus dem Sinne eines Satzes oder aus der Bedeutung eines Gedankens hängen besonders von der geistigen Entwicklungsstufe des Interpreten ab, von seinen persönlichen Ansichten, von seinem in bestimmter Richtung ver- . laufenden Jdeengange, der, allgemein gesprochen, bei wenig unterrichteten Leuten sich mehr dem Aberglauben und Fanatismus, als der wahren Religion und Aufklärung nähert. Es ist nicht zu verkennen, daß so heilige Bücher wie unsere Evangelien eine Menge Stellen enthalten, die, aus dem *) Obigen Artikel entnehmen wir dem Werke: „La Situation Legale des Israelites en Russie“ par Nicolas De Gradowski, Paris, Cerf. 208—210. Das hier in möglichst getreuer Uebersetzung wiedergegebene Bruchstück dürfte das ganz besondere Interesse unserer Leser erregen, da sie daraus ersehen, wie man ein orthodoxer Russe und doch ein vorurtheilsfreier Mensch sein kann. Anmerkung der Redaction. Zusammenhänge geriffen und wortgetreu, aber nicht nach den wahren Principien der christlichen Lehre übertragen, zu allerlei höchst verderblichen Erklärungen und Ketzereien führen würden, wodurch sie der Bildung von Secten Vorschub leisten könnten, wie thatsächlich bereits ein eclatanter Fall in der Secte der „Scopzen" (Castraten) vorliegt. Was Wunder also, wenn eine so umfangreiche Sammlung wie der Talmud, zumal er oft von Unwiffenden interpretirt wurde, manchmal als Borwand dienen konnte, um schädliche Lehren unter seinen Anhängern zu verbreiten. Daraus geht hervor, daß man nicht im Taeuud die Hauptursache für die unerquicklichen Erscheinungen zu slmen hat, welche die Sitten und Gebräuche der Israeliten hie und da bieten und die für sie in diesem Reiche (Rußland) bis jetzt ein beständiges Hinderniß bildeten, ihnen dieselben Rechte zu gewähren, wie den anderen Unterthanen. Die wahre Ursache hievon muß vielmehr der Unwissenheit der Israeliten und den Lehrern ihrer Religion zugeschrieben werden. Zu diesem Schluffe kommen thatsächlich auch die zahlreichen, von der Regierung zum Studium der Judenfrage eingesetzten Commissionen, wenn sie halbwegs unparteiisch ihr Urtheil abgeben. In folgender Weise äußerte sich zum Beispiel ein Mitglied der Commiffion zu Grodno und seine Ansicht wurde von der ganzen Commission angenommen. Was da über den Talmud gesagt wird, ist alles sehr richtig, deswegen lassen wir hier das Gutachten im Wortlaut folgen: „Die Meinungen der Christen über den Talmud sind irrig und falsch, denn sie gehen dahin, daß dieses Buch die Israeliten mit einem Geist der Unduldsamkeit erfüllt und den Haß gegen die Christen lehrt. Nach dem jedoch, was ich davon weiß, sucht der Talmud überall, wo er Moral predigt, seinen Anhängern Sanftmuth und Liebe zur Menschheit ins Herz zu legen. Neben diesen Lehren enthält der Talmud Aussprüche und Ansichten, die durch unkundige Ausleger falsch aufgesaßt werden können. Man kann diese Stellen zum Nachtheil des Christenthums auslegen, was sehr häufig in den sogenannten „Cheders" vorzukommen pflegt. Ebenso gebietet der Talmud auf das Strengste, bei sonstiger Strafe mit dem Bannfluch, die treue, beständige Bruderliebe gegen Alle, welche an einen einzigen Gott glauben, ohne die Bekenner des Christenthums von dieser Verpflichtung des Juden auszuschließen. Denn der Talmud nennt nur die Heiden Irrgläubige. Aber der Melamed, d. i. der jüdische Religionslehrer, interpretirt in seiner Weise das Gebot, demzufolge der Israelit eine geradezu brüderliche Liebe allen Denen, die an einen einzigen Gott glauben, bezeugen soll, und er rechnet die Christen zu der Zahl Derjenigen, die an drei Götter glauben. Er theilt diese falsche Folgerung seinen Schülern mit, diese geht ihnen in Fleisch und Blut über, und in dieser Weise kommt er dazu, ihnen den Haß gegen die Christen einzugeben, einen Haß, mit welchem sie aufwachsen und bis ins späteste Alter durchs Leben schreiten. Es gibt noch andere Borurtheile, noch andere abergläubische Vorstellungen, an denen die Israeliten hartnäckig festhalten, so z. B. ihr Glaube an christliche Nahrungsmittel, eine Folge ihrer Speisegesetze, ihr Glaube an ihr Eßgeschirr u. s. w., und alle diese Bortheile werden ihnen von den Melamdim im Cheder beigebracht. Es ist klar, daß hier der Ursprung aller Uebel und die Ursache der Feindschaft zu suchen ist, mit der sich schon die längste Zeit Christen und Juden befehden." Uriheile Kanins über die Bibel in einem Briefe an den Pariser Abbe Sieyes vom Jahre 1796 Kant schrieb: „Die Bibel ist das Buch, dessen Inhalt selbst von seinem göttlichen Ursprung zeugt. Es enthält die Geschichte der Welt, die Geschichte der göttlichen Vorsehung von Anfang an durch alle Zeitfolgen bis an die große Abänderung aller erschaffenen Dinge, ja bis in die Ewigkeit hinein. Sie einzig enthält die Weltgeschichte in einem gewissen Zusammenhänge, ob sie sich gleich in gewissem Verstände nur mit einzelnen Personen, Familien und Völkerschaften abgibt.Die Bibel ist mein edelster Schatz, ohne welchen ich elend wäre. Zuverlässige Regeln, wie Menschen und ganze Staaten zu aller möglichen Glückseligkeit gelangen können, sind nur in der Bibel zu finden. Richtet euch nach der Anweisung der Bibel ein, so werdet ihr zu Bürgern eines euch treulich versorgenden Vaterlandes werden, ja, nicht nur das Vaterland eurer Mitbürger, sondern auch alle Erdenbewohner werdet ihr brüderlich lieben und euch ihre Gegenliebe zu versprechen haben." ■

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