Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 683 stellen, während die Schrift mittheilt, belehrt. Die Kunst stellt Ideen dar, deren Besitz als allgemein vorausgesetzt wird, und der Darstellende will, daß man diese Ideen, die man schon hat, in seiner Darstellung mit Wohlgefallen wieder erkenne. Er will nichts Neues lehren, etwa: so sieht Jupiter aus, oder: Huß hielt vor dem Concil, dem Dieser und Jener beiwohnte, eine Rede und ward dann verbrannt. Die Schrift dagegen will Unbekanntes mittheilen. Es ist aber hier nicht blos ein Unterschied der Absicht und Wirkung, sondern dieser erzeugt nun weiter einen Unterschied in der Weise der Verwirklichung: weil nämlich verschiedene Zwecke verschiedene Mittel erfordern. Der Künstler stellt seinen Gegenstand unmittelbar dar, und dieser soll gesehen werden und gefallen, das Bild steht in ganz unmittelbarer Beziehung zu unserer Anschauung, wie der des Künstlers. Dieser hat eine Anschauung in seinem Bewußtsein, und indem er sie dem Stoffe anbildet, nehmen wir sie aus dem Stoffe in unser Bewußtsem auf. Das Object, das heißt die Anschauung, wechselt den Ort oder die Weise des Daseins; in schöpferischer Phantasie entstanden, im Stoffe körperlich geworden, tritt sie in die nachbildende Phantasie des Beschauers; sie bleibt aber immer dieselbe und allein und blos durch sich beschäftigend. Die Bilderschrift im Gegentheil wird nicht angeschaut, sondern gelesen, das heißt, dem Gedanken vermittelst der Sprache angeeignet; sie wird in ein fremdes Element, das des gegliederten Denkens, übertragen, verändert also ihr Wesen, ihre Natur. Diese ihre Vernichtung ist ihr Zweck; sie weist auf Anderes hin und ist blos um dieses Andern willen da. Weil sie mittheilt, ist sie bloßes Mittel, wird übergangen. Das Bild ist selbstständig und hat seinen Werth in sich. Weil endlich die Bilderschrift und das Bild, jedes Anderes will, anders wirkt, anders ist, so muß auch der Inhalt beider ein anderer sein. Das Bild stellt nur ein ideales Object, die Idee des Malers dar. Darum gehört es eben in das Reich der Schönheit; die Bilderschrift stellt ein wirkliches, endliches Object, einen wirklichen Vorgang dar und will anzeigen, daß das Abgebildete wirklich vorgegangen sei." Oder mit anderen Worten: das Gemälde ist Selbstzweck, das Schriftbild Mittel zum Zweck; ersteres erzeugt in unserem Geiste Vorstellungen, letzteres weckt Begriffe. Das Gemälde wendet sich an unseren Formensinn, das Schriftbild an den Verstand; ersteres will gefallen, letzteres belehren, unser Wissen bereichern. Und wenn es wahr ist, daß der erste Maler zum Stift gegriffen habe, um die Züge der scheidenden Geliebten im Bilde festzuhalten, so war ihm in der Schrift ein Mittel gegeben, ihr auch im Geiste nahe zu bleiben. Wie haben die Beiden das wohl angefangen? Die Liebe ist erfinderisch, sie kennt Blumen- und Farbens p ra ch e n, genauer, da sie fürs Auge bestimmt und ein selbstständiges, von der Person des Redenden getrenntes Dasein führen, schriften. Wie solche Spielereien zu einem System ausreifen können, zeigt die Knotenschrift17) (Quipo) der Südamerikaner. Es werden an einem starken Faden in bestimmten Abständen dünnere bunte Fäden geknüpft und zu Knoten geschürzt. Die Frauen benützen diese Schrift noch heute, wenn sie zur Beichte gehen. Die verschiedenen Fäden, beziehungsweise Farben bezeichnen die Arten der Sünde, jeder Knoten einen einzelnen Sündenfall. Eine ähnliche Erinnerungsschrift ist die Bilderschrift der Indianer und die Hobelbank unserer Studenten. Wie nun auf diesen Vorstufen der Schrift die Wahl der einzelnen Zeichen auf Uebereinkommen beruht, so auch das System der Schriftzeichen in späterer Zeit bis auf die Zeichen der modernen Steno- und Telegraphie"). Man kam überein, für diesen oder jenen Begriff dieses oder jenes Zeichen zu wählen. Da nun aber jeder Begriff durch mehrere Worte bezeichnet werden kann, so gelangte man dahin, ") W. 69. 181 ff. Wahrscheinlich war auch das Kreuz ursprünglich ein Knoten: Faulm. S. 9, vergl. W. 69. 1*) Steinschneider, Gibt es eine hebr. Kurzschrift? (Archiv für Stenographie 1887.) Ueber die tironischen Noten der Römer und die griechische Tachygraphie s. Faulm. S. 517. Ueber den optischen Telegraphen zwischen Berlin und Köln s. Philippson, Handel und Verkehr im 19. Jahrh. 84. Ein Feuertelegraph findet sich schon bei den Persern (W. 671) und im Talmud (Mgelmab Rösch ha-schanah II. 2 fg.) für jedes Wort ein besonderes Zeichen zu setzen "). Doch nicht allein die Zeichen, auch Worte sind vieldeutig — hat es doch niemals soviel Zeichen als Worte gegeben — zum Beispiel »modern" in dem Satze: vieles gilt als modern, was längst modern sollte. So verfiel man denn, wie im Egyptischen, Chinesischen und in der Keilschrift, auf Determinative, auch Ideogramme oder Classenzeichen genannt. Man setzte hinter das vieldeutige Wort das Bild oder Zeichen des Gegenstandes, der in diesem Falle bezeichnet werden sollte. So gilt im Egyptischen das Zeichen „nfr", für welches das Bild der Laute gewählt ist, für: »Fohlen, Jüngling, Jungfrau, Recrut, Feuer, Thür, Strick", je nachdem dahinter als Deutzeichen das Bild eines Pferdes, eines Mannes, einer Frau, eines Soldaten, einer Flamme, eines Thores oder eines zusammengerollten Taues steht. Das chinesische „jo" bedeutet „Flöte" oder „Vogel", je nach dem entsprechenden Claffenzeichen 20). Wie bei jeder Convention laufen auch hierbei conventionelle Lügen mit unter. So schreibt der Chinese für „schwatzen", „streiten" zweimal das Zeichen „Frau", und wenn er es dreimal setzt, so bedeutet dies „Ränke"2I). Welche Gestalt hatten nun die Schriftzeichen? Das griechische graiume „Linie" von grapüo „schreiben", stoicheion (wie charax „Pfahl" von charasso „reißen") „Stift" („Strich") und „Buchstabe"22), das hebräische mispar „Zahl", verwandt mit sippur „Erzählung", das lateinische legere, das deutsche „lesen" (zusammenlesen), das isländische lala „zählen" und „erzählen", das semitische kataba „schreiben", eigentlich „zählen", das nordische racla „ordnen, aneinanderreihen, lesen" 23) u. s. w., sie alle weisen darauf hin, daß die Schriftzeichen ursprünglich einfache Striche waren, die man zusammen schrieb und dementsprechend zusammen l a s. Doch bald machte sich, zumal die Schrift anfangs durchaus decorative Bedeutung hat, der Kunsttrieb geltend. So ersetzt Tsangkie die schlichte Strichelschrift Fohis durch eine Nachahmung der Fußtritte der Vögel und der Zeichnungen auf der Schale der Schildkröte. Bei dem religiösen Charakter, welchen die Schrift besaß und dem Conservativismus der alten Religionen darf es nicht Wunder nehmen, daß diese dem Kunsttrieb entsprossene Kunstschrift und damit zugleich vielfach die Wortschrift sich, wie bei den Egyptern, neben fortgeschrittenen Stadien bis in die spätesten Zeiten erhalten haben. Solche Fortschritte bedeuten die Uebergänge von der Wortzur Silben- und von der Silbenzur Lautschrift. Wie eine der zahlreichen Sagen von der Erfindung der Buchdruckerkunst uns erzählt2^), ein Großvater habe seinen Enkeln als Spielzeug-^) Buchstaben zum Zusammensetzen von Wörtern hergestellt und sei so auf die Bedeutung der beweglichen Lettern gekommen, so mag das Bestreben, das Kind möglichst deutlich sprechen zu lehren, dahin geführt haben, die Worte in ihre Bestandtheile aufzulösen. Nun gibt es ja Worte, welche nur aus einer Silbe bestehen, die ein einziger Laut, ein Bocal bildet. So konnten denn Wortzeichen zu Silben- und Lautzeichen26) werden. Den Fortschritt zur Silbenschrift gewahren wir in der japanischen, der Tochter der chinesischen Schrift2^, in der Keilschrift und in den Hieroglyphen2^. Ja, hier in Egypten finden wir bereits auf den ältesten Denkmälern die Lautschrift vertreten. Daß die Egypter trotzdem nicht zur einfachen Alphabetschrist fortgeschritten sind, ist, wie gesagt, in religiösen, zum Theil wohl auch in politischen Rücksichten begründet2a). ly) Die Mexikaner gebrauchten einen Theil der Lautung des Bildnamens für das zu Bezeichnende, z. B. die Figur für Wasser diente, weil dieses all ausgesprochen wurde, nicht nur für atl, sondern auch für a (W. 217). **) W. 263. ") W. 26>. 2i) W. 718^ 23) Faulm. S. 20. 2i) Flk. 77. — Interessant ist auch die Art, wie Senefelder 1796 auf die Erfindung des Steindrucks gekommen ist. Er sollte für seine Mutter einen Wäschezettel schreiben, hatte aber weder Tinte noch Papier zur Hand. Er schrieb deshalb mit einer aus Wachs, Seife und Kienruff bestehenden Tinte auf Stein. ") Buchstaben als Spielzeug: Watt. 264. 3B) Vgl. W. 501. -') W. 435. **) Faulm. S. 348. 39) Selbst die Bekanntschaft mit dem phöniz. Alphabet übte keinen Einfluß auf die Egypter aus. (W. 549.)