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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Wochenschrift Sette 665 Eltern zu verwalten, dann dürfte die Sache mit noch größeren Opfern verknüpft fein. Da die jüdischen Soldaten sich meistens aus dem Kaufmannsstande recrutiren, würde es schon aus diesem Umstande allein erklärlich sein, wenn sie percentuell schwächer an der China-Expedition betheiligt wären. Daß das engere Zusammenhalten der Familienmitglieder und die daraus erwachsenden Rücksichten einen wesentlichen Factor bei einem Entschlüsse von so großer Tragweite bilden, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Nun ist es aber Thatsache, daß das innige Familienleben ein besonderes Merkmal der Judenheit stets gewesen ist. Auch das also würde eine geringere Betheiligung der Juden begreiflich machen. Dann tritt noch ein psychisches Moment hinzu: die Liebe zum Soldatenberufe. Diese Neigung ist in erster Reihe angeboren und fußt auf Vererbung. Nun ist nicht zu leugnen, daß der Jude seiner inneren Natur nach nüchtern veranlagt und zu Abenteuern nicht geneigt ist. Die Juden sind Jahrhunderte hindurch vom Kriegerstande künstlich entfernt worden, es konnte sich daher bei ihnen keine Vorliebe für den Krieg ausbilden. In zweiter Reihe hängt dise Neigung, wie jede andere, von mittelbaren und unmittelbaren Lebenserfahrungen ab. Man gewinnt einen Beruf lieb, in dem man glückliche Stunden verlebt hat, und man hegt leicht Vorurtheile gegen einen Beruf, der Schmerz und Qual bereitet. Wer nun weiß, wie oft der Jude im Heere seines Aussehens wegen zu leiden hat, wie oft sein Name Cohn, Levy oder gar Schmul für ihn zum Martyrium sich gestaltet, der wird begreifen, daß die Neigung, freiwillig seine Soldatenzeit zu verlängern, sich nicht gerade stark bei ihm entwickelt. Auch der Ehrgeiz, die Aussicht auf eine schnelle Beförderung zu einer höheren Charge spricht hier offenbar mit. In Deutschland aber haben die Verhältnisse dafür gesorgt, daß dieser Ehrgeiz in der Brust des jüdischen Soldaten nicht aufkommt. Bicefeldwebel ist der höchste Gipfel des Ruhmes, den der Jude erreichen kann, die anderen Chargen sind ihm wegen des großen Verbrechens seiner Religion für immer verschloffen. In den meisten Staaten des auf anderen Principien aufgebauten Reiches kann der Jude trotz aller Bildung und aller Tapferkeit nicht einmal Officier der Reserve werden. Das kann die Liebe zum Soldatenstande auch nicht steigern. Man muß nicht vergessen, daß der Patriotismus eine Tugend ist, die sich mit gewissen Combinationen Verklüpft und daß jedes Gefühl von Vergangenheit und Gegenwart von äußeren und inneren Umständen bedingt ist. Auch wenn wir unserem Impulse folgen, ist unser Wille nicht frei, sondern von verschiedenen Factoren determinirt. Der Unwissende spricht von Zufall und Freiheit, wo ihm die Kette von Ursache und Wirkung nicht ersichtlich ist. Es ist überhaupt sehr gewagt, mit den Normen des Patriotismus so leichtsinnig umzuspringen, wie es im gegenwärtigen Taumel leider gar oft geschieht. Wenn es berechtigt wäre, Jedem, der nicht freiwillig in den Krieg zieht, den Patriotismus abzusprechen, dann wäre der weit größere Theil des Heeres, der sich nicht gemeldet hat, schlechte Patrioten. Es ist auch ein großer Unterschied, ob es gilt, in einen Krieg zu ziehen, wo man den Feind kennt, wo man die Grenzen des Vaterlandes zu vertheidigen hat, oder um eine gerechte Sühne für eine durch verwickelte Verhältnisse entstandene Barbarei in einem fernen, völlig fremden Lande. Würde es sich zum Beispiel darum handeln, unsere Cultur und unsere Güter gegen unseren östlichen Nachbarn zu schützen, dann würde sich der größte Theil des deutschen Volkes begeistert um die Fahne des Vaterlandes schaaren. Wir führen das Alles an, nicht um den Patriotismus der Juden zu vertheidigen, sondern um die Verhältnisse zn schildern, wie sie sind. Die Zahl der jüdischen Soldaten, die freiwillig nach Osten zogen, ist durchaus nicht so gering, wie die berufsmäßigen Hetzer sie schildern. Eine genaue Statistik wird natürlich erst nach dem Kriege möglich sein. Das Eine wissen wir: Patriotismus ist nicht die Tugend einer privilegirten Classe oder Confessio», sondern rein persönlicher Natur. Daß die Juden im Heere ebenso gut wie die Anderen ihre Pflicht thun, das beweist die Geschichte des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Vaterlandsliebe setzt Beharrlichkeit, innere Harmonie voraus. Die Antisemiten tragen wahrlich nicht dazu bei, daß das Gefühl der heimatlichen Sicherheit beim jüdischen Bürger gestärkt wird. Einestheils schmäht man ihn einen Fremden, verkümmert ihm die Existenz in solchen Orten, wo bereits seine Urahnen gelebt haben, weil irgendwo ein Knabe ermordet worden ist, und andererseits beklagt man sich, daß er sich nicht für das Vaterland und seine Ideale begeistert. Das ist eine wunderliche Logik. Man versuche nur irgend eine Bürgerclafse so ungerecht zu behandeln und sehe, ob ihre Liebe zur Heimat dadurch nicht geschwächt würde. Die Juden — das zeigt ihre Geschichte — waren jedem Lande und jeder Regierung stets dankbar, wenn man ihnen eine menschenwürdige Existenz ließ. Sie bewiesen häufig eine rührende Anhänglichkeit an ihre Heimat auch zu Zeiten der Noth. Die rumänischen Juden verlassen gegenwärtig das Land, in dem sie wie wilde Thiere gehetzt werden, blutenden Herzens. Durch Liebe zieht man an, durch Haß stoßt man ab. Wollt Ihr, daß die Juden gute Söhne des Deutschen Reiches bleiben, so erweist ihnen Liebe. F. S. Cultur- und kunstgeschichtliche Entwicklung der Schristzeichen. Ein Nachtrag zur Gutenberg-Feier. Vortrag, gehalten im Kun st gewerbeverein zu H a m b u r g. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald in Hamburg. Die Frage nach der Entwicklung der Schriftzeichen bedingt die andere Frage nach dem Ursprung der Schrift. Um das Geheimniß dieses Ursprunges zu erschließen, bedarf es eines Schlüssels, zu welchem uns drei Wissenschaften den Schmiedestoff liefern: die Sprachwissenschaft, die Völkerkunde und die Volkskunde. Die Sprachwissenschaft führt uns an die Wurzel eines Wortes und deckt hiermit zugleich die Wurzel des Begriffes auf, den das Wort bezeichnet. Die Völkerkunde zeigt uns in dem Leben der Naturvölker wie in einem Spiegel die muthmaßliche Entwicklung unserer eigenen Bildung; denn aus den gleichen Ursachen entstehen unter den gleichen Bedingungen die gleichen Wirkungen. Die Völkerkunde schält aus unseren Märchen und Sagen, Sitten und Bräuchen einen Kern heraus, welcher mitunter in jenem Nebel vorgeschichtlicher Zeiten heimatberechtigt ist, in welchem sich die Anfänge der Schrift verlieren?) Schon unser Wort „schreiben" führt uns auf eine bestimmte Fährte. Es kommt vom lateinischen „seribere", welches mit „scalpere“ begrifflich verwandt ist, wie grapho mit glapho „(Haut)ritzen", wie das englische „write“ mit dem nordischen „rista“, dem deutschen „reißen" in „Schattenriß", „Grundriß", „Reißbrett", „Possenreißen", d. h. scherzhafte Figuren zeichnen, und wie das sanskrit. „likh“ mit dem deutschen „Lache", d. h. ein in einen Baum geschnittenes Zeichen. Das Schreiben war also ursprünglich ein Reißen oder Ritzen. Und in welchen Stoff man zunächst ritzte, darauf führt uns die Sitte des Ankerbens, deren Andenken noch in der Redensart „etwas auf dem Kerbholz haben" 2) fortlebt. Wie man in Babylon „in Keilschrift auf sechs Ziegelstein dem Gaste die Rechnung" darbrachte, so wurden anderswo die Schulden oder Steuern in einen Holzstab geschnitten, der Slab alsdann der Länge nach gespalten, so daß durch Aneinanderhalten der beiden Theile jederzeit Controls geübt werden konnte. ') Literatur: Brugsch H., Ueber Bildung und Entwicklung der Schrift, Berl. 1868. Calinich, Aus dem 16. Jahrh., Hamb. 1876. Falkenstein (Flk.), Gesch. der Buchdruckerkunst, Leipzig 1836. Faulmann M., Das Buch der Schrift, Wien 1878. Faulmann (Faulm. S.), Gesch. d. Schrift, Wien 1880. Faulmann (Faulm. B.), Geschichte der Buchdruckerkunst. Wien 1882. Geiger L., Ueber die Entstehung der Schrift in: Zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit, Stuttg. 1871. Kluge H., Die Schrift der Mykenier, Cöthen 1897. Schreiber I. M., Schrift und Sprache, Wien 1883. Wattenbach (Watt.), Das Schriftwesen im Mittelalter, Leipzig 1896. Weise O., Schrift und Buchwesen. Leipzig 1899. Wuttke 28., Gesch. d. Schrift. Leipzig 1872. 2) 28. 61.

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