Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021369--10204-3034673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 664 Dr« Vloch"s Wochenschrift. Nr. 37 Winter zweimal wöchentlich Brotverheilungen an über 1500 Fa-SZ So ziehen sie hin diese hohlwangigen, verkümmerten Gcmilien vorgenommen werden und wurden auch für die Oster-Afstalten, deren Augen sich keine Thränen mehr entprefsen können, feiertage mehr als 2000.Familien mit Mazzoth und Kartoffeln-»!deren Brust keine Seufzer mehr ausstoßt, so sehr haben sie sich versehen. Man das Leiden gewöhnt, und da sie von jedem Erwerb ausge- Es wurde allgemein erwartet, daß der Anbruch des Sommers einen Rückgang des Elends zur Folge haben wird, aber das Gegentheil traf ein. Die Nothlage wurde größer und nahm gräßlichere Formen an. Hatten doch Biele während des ganzen Winters von den zu Geld gemachten Habseligkeiten ihr Dasein gefristet! Sie konnten außer dem einzigen zerfetzten Gewände, das ihre zu Skeletten abgemagerten Körper bedeckte, nichts ihr eigen nennen, und weit und breit keine Arbeit, keine Aussicht auf Erwerb und Brot für sich und die hungernden Kleinen! Die Hilfsthätigkeit konnte daher keine Pause machen, sondern noch eine Steigerung der Wirksamkeit erfahren, denn die Anforderungen, die gestellt wurden, mehrten sich täglich. Biele brachen in Ermanglung jeglicher Mittel zu Fuß auf, um dem Elende zu entrinnen, und fast täglich gab es locale oder durchziehende Emigrantengruppen zu unterstützen, da diese sich in sehr bejammernswerthen Zuständen befanden. Biele Emigranten ließen Frauen, hochbetagte Eltern und kleine Kinder im größten Elend zurück, und dem Hilfscomitä der Loge „Samoil" fiel die Sorge für deren Ernährung zur Last. Alle Kräfte wurden angestrengt, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Da wurde die Hilfsfähigkeit dieses Comitss auf eine harte Probe gestellt. Den Hilfesuchenden gesellte sich eine neue Schaar Unglücklicher zu. Es kehrten die von Wien zurückbeförderten Emigrantengruppen zurück, und zahlreiche Gruppen, die sich auf dem Wege zur Einschiffung nach Galatz befanden, gaben ihr Reiseziel auf, als die Kunde von der Hilfsverweigerung in'Wien zu ihnen drang. Die Bedauernswerthen, die sich bereits gerettet wähnten, waren in größter Verzweiflung. Sie hatten Alles veräußert und kehrten zurück, ohne Obdach und Nahrung finden zu können. Der freie Himmel war ihre Decke, die nackte Erde und harte Steine ihre Unterlage! Und auch diesen mußte geholfen werden. Das Hilfscomitä, das den ganzen Winter Brot vertheilte, hat der Umständlichkeit halber von dieser Unterstützungsform Abstand genommen und veranstaltete daher zweimal wöchentlich Uuterstützungs-Bertheilungen in baarem Gelde. Diese finden jeden Montag und Donnerstag statt. Schreiber dieses hatte Gelegenheit, einer solchen Vertheilung beizuwohnen und Einsicht in die Acten des Comites zu erhalten. Mehr als 6000 Bittgesuche haben im Laufe von zwei Monaten Erledigung gefunden und wurden die Mttsteller mit Gaben, beginnend von 1 Frc. bis.40 Frcs., bedacht. , Es ist wirklich haarsträubend anzusehen, in welchen Formen das Elend vorbeidefilirt, und herzbeklemmend wirkt das Anhören dieser Jeremiaden. Es erscheinen zwei Brüder, einst angesehene Kaufleute in einem Dorfe bei Jassy. Die Leute waren vermögend, da erellte sie das Unglück in Form eines Ausweisbefehles aus dem Dorfe. Sie zogen nach Jassy, wo es mit ihnen immer mehr schief ging, bis sie am Gabentische des Hilfscomites endeten. Das Haupt einer zehnköpfigen Familie erscheint. Mit Thränen in den Augen klagt dieser fast Siebzigjährige, er und seine Familie schlafe in einem Schupfen auf dem nackten Boden, weil die noch gebliebenen Kissen für rückständige Steuern gepfändet wurden. (Sind doch auch Thorarollen der Gier rumänifd>en Steuereinnehmer nicht entgangen.) - Ein Gewerbetreibender hat sich Mch Beendigung des Militärdienstes in einer Provinzstadt niedergelassen und sich dort kümmerlich ernährt, da etablirte die Antisemitenliga rechts und links zwei Conmrrenten, welche dank der Subventionen der Liga den Juden ruinirten und an den Bettelstab brachten. Auch ein jüdischer Soldat in rumänischer Staatsuniform erscheint. Die Regierung hat aus Sparsamkeitsrücksichten viele Soldaten beurlaubt und natürlich bei dieser Zeit der Erwerbslosigkeit mit den Juden den Anfang gemacht und sie so dem sicheren Hungertode ausgesetzt. Diesem zu entgehen, muß der jüdische Soldat im im Waffenrocke des Königs Carol um Brot betteln! Auch ein zwölfjähriges blondes Mädchengesicht, in welchem Kummer und Sorge ihre Furchen eingegraben haben, zieht vorbei. Sein Vater ist mit einer Fußwanderergruppe fort und ließ die Familie, bestehend aus Frau und fünf Kindern, in größter Noth zurück. Drei Wochen lang hat die Mutter durch Besorgung von Hausarbeiten ihre Kinder vor dem Hungertode bewahrt, nun ist sie erkrankt und liegt seit acht Tagen im Spitale, während diesem zwölfjährigen Kinde die Obsorge für die Familie zur Last fällt. schloffen, von jeder Arbeit gewaltsam fortgejagt werden, wähnen sie die von Malthus beschriebenen Verurteilten zu sein, die als Spätgekommene kein Recht mehr zum Leben haben. Höchst lobens- und bewunderungswürdig ist die Thätigkeit und Ausdauer des Hilfscomites, an dessen Spitze der hochbetagte aber thatkräftige, um das Gemeinwohl der Juden hochverdiente Präsident der Loge Herr A. S. Goldenthal sich befindet. Ihm steht eine Reihe jüngerer Kräfte zur Seite, und zwar die Herren Julius Fränkel, Leo Geller, I. A. Grltzer, S. Janowitz, S. Horowitz, I. Angel u. s. w. Rühmend hervorzuheben ist noch die Thätigkeit des Jassyer Rabbiners Herrn Dr. I. Niemirower, welcher durch Beschaffung der Geldmittel im In- und Auslande es diesem Unterstützungs- Comitö ermöglichte, wirksam helfen zu können. Welche Verdienste sich dieser Rabbiner um die Interessen der rumänischen Gesammtjudenheit erworben hat, soll zu einer geeigneteren Zeit der Oeffentlichkeit übergeben werden. Großen Antheil an dieser Hilfsaction gebührt auch den in New-Hork lebenden rumänischen Auswanderern, welche mehr als 5000 Francs für ihre hungernden Brüder in Rumänien sammelten, ferner der Alliance JsraEte in Paris und Wien, der Bnei Brith Loge in Prag, dem rumänischen Comitö in Berlin und Herrn Seligmann in Frankfurt a. M. Dankerfüllt gedenken auch die rumänischen Juden des Delegirten der Alliance JsraEte, Herrn I. Astruc, wie auch der Rcdacteure M. Klausner, Dr. H- Hildesheimer, G. Karpeles in Berlin, Dr. Bloch und Th. Herzl in Wien. Diese Hilfsaction ist aber noch reichende zu sein. Das Comitö muß setzen, um wirklich helfen zu können. Es geht daher jetzt daran, eine einem Massenandrangs genügende Volksküche zu gründen, und ist daher die Hoffnung nicht unberechtigt, daß die besser situirten Brüder des Auslandes dieses hochverdiente Rettungswerk durch reichliche Beiträge fördern werden, umsomehr, als von der Leistungsfähigkeit der Heimischen in Folge des allgemeinen Niederganges wenig zu erhoffen ist. - weit entfernt, eine hinalle Hebel in Bewegung Die VetheiUgungder deutschen Juden am Kriege gegen China. Noch hat der eigentliche Krieg gegen China nicht begonnen und schon wird er von unseren Geschäftspolitikern par exeellenoe zu antisemitischen Zwecken ausgebeutet. Ja, die Zeiten sind schwer, die Concurrenz ist groß, und ein tüchtiger Geschäftsmann muß auf dem Posten sein, um alle Momente auszunützen. Der sehr elastische Antisemitismus kann aber bekanntlich auch „wissenschaftlich" sein. Er kann historische Ritualmorde fabriciren und psychologisch Nachweisen, daß es in der inneren Natur des Juden liegt, mit alten Kleidern zu handeln oder Wucher zu treiben. Es ist daher begreiflich, daß die Herren im Lager Antisems mit besonderer Vorliebe Statistik treiben. Es wird daher schon heute in allen verschämten und unverschämten antisemitischen Zeitungen die Frage aufgeworfen: „Wie viele Juden sind unter den Freiwilligen, die nach China gingen?" Daß die Frage so zu stellen wissenschaftlich unsinnig ist, und zu schiefen Schlüffen führen muß, liegt auf der Hand. Man kann vernünftigerweise nur die Zahl der im stehenden Heere Dienenden in Betracht ziehen, um den normalen Percentsatz herauszurechnen. Dann gilt hier wie bei allen ethisch-statistischen Betrachtungen der alte Lehrsatz, daß in erster Reihe die socialen Verhältnisse, die unser inneres und äußeres Leben bedingen, berücksichtigt werden müffen. Es ist klar, daß die äußeren Lebensbedingungen und die Familienverhältnisse bei einem Entschlüsse, freiwillig in den Krieg zu ziehen, eine große Rolle spielen. Ein Fabriksarbeiter kann sich bei gleichem Muthe und gleichem Patriotismus leichter dazu entschließen, nach China zu gehen, als ein Kaufmann. Jener findet schließlich, wenn er das Glück hat, zurückzukommen — und mit dieser Hoffnung rechnet Jeder — mit Leichtigkeit wieder Arbeit. Ja, er hat sogar Aussicht, vom Staate oder von der Commune eine Lebensstellung zu erhalten. Dieser hat seinen Beruf zwei Jahre unterbrochen und wird schwerlich so schnell eine paffende Stellung finden. Hat er ein eigenes Geschäft oder das Geschäft seiner