Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- Isaiah 3× ep/1005097
- Absalom 1× ep/1003203
- Homer 1× ep/1025156
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Seite 666 Dr. Bloch's Woche nfchrrfl. Nr. 37 Daß sich diese Sitte* * 3 4) so lange erhalten hat, obwohl sonst einfachere Bezeichnungsmittel, z. B. die Kreide, lateinisch creta, von den Römern zur Bestimmung des Zieles in der Rennbahn angewandt werden, weshalb die Wirthe ein X für ein I), d. h. eine römische X für eine V, also das Doppelte der Schuld, lieber »ankerben", als mit »doppelter Kreide schreiben" wollten, deutet darauf hin, daß das Ankerben von einem älteren Schreibstoff auf das Holz erst übertragen worden ist. Welches dieser ältere Schreibstoff war, verräth uns das erwähnte grapho »schreiben", verwandt mit glaplio »die Haut ritzen", ferner hebräisch seker »Buch" und soker »Schreiber" von safar »rasiren", schein ha-meforasch »der geschriebene (nicht ausgesprochene) Gottesname" von parasch »stechen, verwunden", mazkir »Schreiber" von rakar »durchbohren". Als der älteste Schreib st off stellt sich also die menschliche Haut d a r. *) Und welcher Art war dieses älteste Schreiben? Im Jesaja (44,5. 49,16)5 *) findet sich die Wendung »sich die Hände für Jemanden beschreiben", Paulus schreibt an die Galater (Ende): »Ich trage die Malzeichen des Herrn Jesu an meinem Leibe", und in der Offenbarung Johannes (7 3 ff. 13,16. 14,9—11) ist wiederholt von Malzeichen die Rede, welche die Knechte Gottes an Stirn und Hand tragen. Herodot (5.35) erzählt, Histiäus habe, um den Aristagoras heimlich zur Empörung, aufzuwiegeln, ihm auf der glatt rasirten Kopfhaut eines Sclaven einen Brief geschrieben und ihn, nachdem das Haar wieder gewachsen war, an Aristagoras abgesandt. Das lateinische signum »Zeichen" kommt von stignum, das chinesische thsi oder khing »schreiben" bedeutet zugleich »brandmarken", ja der Leviticus (19,28) gebraucht geradezu da, wo er das Tätowiren verbietet, den Ausdruck k e t o b e t »schreiben." 5a). Alle diese Spuren weisen darauf hin, daß das Schreiben sich aus dem Tätowiren entwickelt hat. Soweit die Wissenschaft der Sprache. Um nun den Ursprung des Tätowirens selbst aufzufinden, kommt uns die Völkerkunde zu Hilfe. Wir wissen aus Leuophon uyd anderen Quellen, wie weit in Vorderasien die Sitte des Tätowirens verbreitet war. Die Perser brandmarkten nach dem Vorgänge der Meder, der Assyrier und Babylonier die Ueberläufer als ihre Sclaven?) Nach hem Vorbilde der Wilden tätowiren sich die Matrosen. Als Karl XIV. Johann von Schweden, der alte Bernadotte, gestorben war, fand man an seinem Leibe die Worte: liberte fraternite egalite, die Losung des einstigen Generals der französischen Republik. Der Galeerensträfling wird mit einem t. t (travaux forces) und der englische Soldat, der aus der Armee ausgestoßen wird, mit einem B. G. (bad character) gebrandmarkt. Dieses Wort »Charakter" bietet uns einen wichtigen Fingerzeig. Seine Ableitung aus dem griechischen charasso »reißen" wird uns erklärlich aus der Art, wie der Neuseeländer seine Todten ehrt. Er stellt nämlich neben dem Grabe ein Holzscheit auf, in welches die Tätowirzeichen des Verstorbenen geschnitzt sind, mit welchen man sich nach der Landessitte auch bei Lebzeiten zu unterzeichnen pflegt.7) Diese Tätowirzeichen, an denen jeder sofort von seinem Landsmann erkannt wird, da sie ihm deutlich den Stamm, sowie die persönliche Besonderheit ihres Trägers angeben, vertreten also dessen Person bei Lebzeiten wie nach dem Tode; denn sie bilden das, was ihn von anderen Individuen sichtbar unterscheidet, sie stellen seinen Charakter dar. *) Vgl.: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein ..." mit dem indischen (6. oder 7. Jahrh. post): „Die Liebesleiden der Vasavadatta sind nicht aufzuzeichnen, wenn man auch den Himmel zur Tafel, das Meer zum Tintenfaß nimmt. (Deutsche Rundschau 1>99, S. 308.) Aehnl. im Midrasch r. zu Cant. I, 3 und im Koran. 4) lieber Felle und Leder, welches heute noch von den Juden zu den Gesetzesrollen verwendet wird, als Schreibmaterial siehe Watt. 111 ff. 118. W. 668 s. Bemerkenswerth ist das Schreiben auf Gewändern (W. 634). 5) Ueber chaqaq „schreiben" siehe Steinschneider Handschristenkunde 27. **) Ueber das Verhältniß des Tätowirens zu den Gebetriemen der Juden (te felin, Phylakterien) s. Eldad ha-Daui ed. Epstein, S. 174—183. °) W. 647. *) W. 102 f. — Ueber Unterschriften siehe L e i st: „Die Urkunde", 46. Hieraus erklärt sich aber auch die Bedeutung »Zauberspruch", welche dem Worte »Charakter" im Mittelalter beigelegt wurde und noch heute dem englischen charact innewohnt. Der Indianer pflegt nämlich bei seinen religiösen Tänzen seine Hand in Thon roth zu färben und so an seinem Leibe abzudrücken. In dieser rothen Hand erblicken wir eine weitere Variation des goldhändigen Savitri in den vedischen Liedern, der rosenfingrigen Morgenröthe bei Homer, der strahlenden Hände des Sonnengottes der Aegypter und der Hand des Sonnengottes Baal auf den Grabdenkmälern der Phönizier. Was diese Hand bedeutet, läßt uns die Bibel errathen. Saul errichtet sich ein Denkmal und nennt es jad »Hand". Absalom's Grabmal wird heute noch gezeigt als jad Abschalom »Die Hand Absalom's". Im Jesaja heißt es geradezu: »Ich werde ihnen in meinem Hause eine Hand (jad) und einen Namen geben", eine Redewendung, die Israel offenbar von seinen Nachbarn übernommen hat. Ihr Sinn erhellt aus dem Brauche, dem Kinde einen theophoren Namen zu geben, d. h. es nach einem göttlichen Wesen zu benennen. Wie unsere Kinder Gottlieb, Gottschalk, Theophil, Theodo^ heißen, so nannten die Hebräer die ihrigen Jonatan (Theodor). Obadja (Gottschalk), Jedidja (Gottlieb) u. s. w. Das Gleiche finden wir bei allen Völkern zu allen Zeiten. Indem man den Namen eines Gottes »über das Kind berief", beziehungsweise in älterer Zeit das Zeichen dieses Gottes, eine Art Kainszeichen, dem Kinde aufprägte, schützte man es vor dieser Gottheit und stellte es geradezu in ihren Schutz. Denn das Zeichen eines Menschen, beziehungsweise sein Name, was ja ursprünglich dasselbe bedeutet, stellte, wie wir gesehen haben, seinen »Charakter", sein Wesen dar. Daher das hebräische schein »Name" von schamah gegenwärtig sein, daher Odysseus' List, seinen Namen zu verschweigen, da Alles, was man mit dem Namen beginnt, auch seinem Träger widerfährt. Was aber vom Menschen galt, wurde auf alle anderen Wesen, also auch auf die Götter übertragen. Man gewann somit Macht über eine Gottheit in ihrem Namen, beziehungsweise ihrem Zeichen und schützte das Kind durch entsprechende Benennung, beziehungsweise Tätowirung. So kommt das Wort »Charakter" zu der Bedeutung »Zauberspruch". Im Zauberspruch nannte oder bezeichnete man mit. ihrem »Charakter" eine Gottheit oder sonst ein Wesen, welches man beschwören wollte. Jene Stelle im Jesaja bedeutet demnach die Bekehrung der Baalsanbeter und ihre Neubenennung nach dem Gotte Israels. Es ist ein Nachklang der Sitte, mit dem Zeichen des Baal, der Hand (jad), zu tätowiren. Das Tätowiren und somit, als dessen Fortentwicklung, d i e S ch r i f t, i st also in seiner Art dasselbe, was nach dem Berichte der G e n e s i s ursprünglich die Sprache war: ein »B e z e i ch n e n" d e r D i n g e mit ihrem Namen. Dieses Ergebniß der Sprachwissenschaft und der Völkerkunde wird von der Volkskunde überraschend bestätigt. Die Mythen der Culturvölker suchen den Ursprung der Schrift durchwegs jenseits der Grenzen menschlichen Könnens. Ihr Erfinder war, wie Plato sagt, eite tis theos eite tis anthropos »entweder ein Gott7a) oder ein göttlicher Mensch". Plato erzählt uns auch, daß die Egypter die Kenntniß der Schrift dem Thot8) verdanken, den die Griechen mit ihrem Hermes identificiren. Hermes erweckt die Todten mit seinem Schlangenstabe, wie Kadmus, der Phönizier, der den Griechen das Alphabet gebracht haben soll, Drachen--, also Schlangenzähne säet, aus denen Kämpfer erstehen, die sich gegenseitig erschlagen. Es sind die Consonanten des semitischen Alphabets, die sich nicht behaupten können, bis das weiche Element der Bocale versöhnend dazwischentritt. Aehnlich heißt es in der chinesischen Sage, Fohr habe die Schriftzeichen aus den Zähnen des großen Drachen gezogen. Doch konnten seine Zeichen sich nicht behaupten. Tsangkie beobachtete die Fußtritte der Vögel und schuf danach die sogenannte Vogelspurschrift.8) Als er sein Werk beendet hatte, da regnete es Kronen vom Himmel, und die Dämonen, die sich über seine Arbeit ärgerten, weinten bitterlich. Auch nach der eranischen Sage entreißt der König 7a) Nach einer samaritanischen Sage hat Mose die 22 hebräischen Buchstaben im brennenden Dornbusch vorgefunden. (Frdl. Mittheilung des Herrn A. Epstein, Wien.) 8 Plato Philebus p. 18. Phaidros p. 274—275, 9) W. 241—249.