Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 658 Vr. Bloch's Wochr^fchrifk. Nr. 36 Vr. Max Grunwald's „MrtktzeUungrn" zur „Jüdischen Volkskunde". Von L. A. Es gibt keine größere Macht als die Erinnerung. In der Stille der schweigenden Einsamkeit wie im Geräusche des lärmenden Tages vernehmen wir den fernen Ruf längstvergangener und halbvergessener Dinge. Der Ton eines Kinderliebes, ein Satz aus einem alten Märchen, der Duft einer Blume, die uns irgendwann einmal geblüht, genügen, um uns aus dem Dunkel langverglühter Tage Bild um Bild hervorzuzaubern. Nichts ist diesen Erinnerungen zu vergleichen; leuchtend und blühend steigen sie auf, von Duft und Glanz umgeben und unser Herz schlägt schneller bei ihrem Erscheinen. Zn den Dämmerstunden des Lebens sprechen wir zuweilen mit einem lieben Freunde von solchen Träumen. Der liebe Freund versteht das Alles, er hat selbst all' diese Stimmungen durchkostet, wir sagen ihm nichts Neues. Wir erzählen ihm seine Kinderzeit, wie er uns die unsere erzählen würde, wenn er spräche. Wie verschieden auch unsere Meinungen sind, wie wenig unser Weg und unser Ziel einander gleichen, hier verstummen alle Mißverständnisse, und an die Stelle jedes Haders tritt ein großes Verstehen. Vielleicht ist auch hier der einzige Punkt, wo sich nicht nur Mensch und Mensch, sondern auch Volk und Volk lächelnd verstehen könnte. Vielleicht vermöchten wir ein wenig milder über die Unterschiede von Herkuuft und Glauben, von Partei und Rasse zu denken, wenn es uns klarer zum Bewußtsein käme, wie viel gemeinsame Erinnerungen in uns allen leben, wie ähnlich die Lieder sind, die wir in Jugendtagen sangen, die Märchen, die wir uns flüsternd erzählten, der Aberglauben, der in den Dunkelstundeu unsere Herzen ängstigte. Bor uns liegen einige Hefte einer Zeitschrift, betitelt: Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde/ herausgegeben von Dr. M. Grunwald, Rabbiner in Hamburg. Diese Hefte bilden «ine Fundgrube für den Gelehrten, eine Fülle von Kostbarkeiten ist für den Forscher in ihnen enthalten, aber auch der einsame Träumer, der keiner Zunft angehört, wird mit stiller Freude in ihnen blättern. Welche Schätze sind da nicht zu finden, man ist in einer Märchenwelt, fremd und doch vertraut und über die Schulter der strengen Wisienschaft, die auch hier regiert, winkt ein lächelndes Antlitz: die Seele des Kindes, die Seele des Volkes. Und Eines ist merkwürdig, beinahe frappirend. Wenn wir uns in diese Documente der jüdischen Volksseele vertiefen, vergessen wir fast, daß wir es mit dem auserwählten Volke zu thun haben. All' das haben wir schon einmal gehört, wenn auch in anderer Form; wir finden Geschwisterzüge und Aehnlichkeiten, wo wir sie niemals vermuthet hätten, und am Ende gewöhnen wir es uns ab, ein Lied, ein Märchen, eine Sage, einen Glauben als echt deutsch oder echt arabisch oder echt jüdisch zu bezeichnen. Es ist echt menschlich, was uns geboten wird, und welches auch unser Herkommen, unsere Erziehung und Umgebung ist, wir fühlen uns daheim, in dem Reiche der jüdischen Volkskunde. In dem ersten der uns vorliegenden Hefte ist das Ziel und der Zweck der Gesellschaft angegeben : Die Erkenntniß des inneren Lebens der Juden zu fördern; es enthält bereits all' die Motive, die in den folgenden Heften ausgeführt werden, und bringt merkwürdige Illustrationen, wie einen Faksimiledruck aus einem italienischen Machsor des 14. Jahrhunderts, eine Trauung darstellend, einen Trauring, der sich in Hamburgischen Privatbesitz befindet rc. rc. Das zweite Heft, eines der interessantesten und reichsten, bringt als ersten Artikel: „Märchen und Sagen der deutschen Juden'*. Die Einleitung, von dem Herausgeber geschrieben, erklärt die Entstehung dieser Märchen aus dem göttlichen Gebote: „Erzählen sollst Du Deinem Kinde/' Und was wurde erzählt? Es sind 28 Beispiele aufgeführt, fast durchwegs den deutschen Volksmärchen analog. Gleich das erste: „Kunz und sein Schafhirt^ ist uns schon lange als: „Der Kaiser und der Abt" bekannt. Dann folgen: „Die drei Waffenschmiede", in denen der Herausgeber die Brüder Günther, Gernot und Giselher wieder erkennt. Die Tannhäusersage finden wir in dem „Grünenden Stabe" wieder und die Erzählung vom Rabbi Chanina gleicht der „Tristansage" und den bekannten wundervollen Märchen vom „Getreuen Johannes" oder „Fernand getrü". Dann sind wieder Aehnlichkeiten mit dem arabischen Märchen aus „Tausend und eine Nacht" vorhanden, so in dem „Wunschring", wo durch die Entwendung des Zauberringes der fromme Rabbi von dem bösen Weibe in einen Wehrwolf verwandelt wird und nach seiner Erlösung die Falsche in die Gestalt einer Eselin bannt. Außer diesen Märchen finden sich noch galizianische Volkslieder in diesem Hefte, sowie eine Menge von Abzählversen, Schmähliedern, Ammen- und Wiegenliedern aus der russischjüdischen Kinderstube. Auf Schritt und Tritt finden wir auch hier wieder Altbekanntes. „Engerle, Bengerle, laß mich leben, ich will Dir auch einen Kreuzer geben" ist mit wenig Abänderungen vorhanden, ebenso das „Hopp, hopp Reiter, den Säbel an der Seite, das Geld in der Tasche, den Wein in der Flasche", und „Schläft das Kindlein, das süße, geb' ich ihm Aepfel und Nüsse." Die Zahl der Aehnlichkeiten ist Legion, sie hier aufzuzählen, ist unmöglich, und wir können nur den Fleiß bewundern, mit dem das alles zusammengetragen, gesichtet, geordnet und commentirt ist. Von mehr wissenschaftlichem Interesse sind die Mittheilungen über die Eingänge für das Museum und die Bibliothek der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, sowie der Fragekasten, obwohl auch für den Laien da viel Interessantes zu finden ist. Zwei treffliche Illustrationen, eine Sederschüssel in persischem Styl und eine silberne'Einbanddecke zu einem Gebetbuche, das in Amsterdam im Jahre 1730 gedruckt wurde, sind noch in dem wcrthvollen Hefte vorhanden, das mit einem Berichte von Prof. Dr. I. Brinkmann über die Sammlung jüdischer Cultgeräthe im hamburgischen Museum für Kunst und Gewerbe beschlossen wird. In dem dritten Hefte ist wohl die Arbeit über die Spiele der jüdischen Kinder in Ostgalizien von Dr. A. Landau das Wichtigste. Der Gelehrte wird seine Freude an dieser — Zusammenstellung nennt sie der Verfasser — haben. Selten ist mit emsigerem Fleiße, mit peinlicherer Genauigkeit geschrieben worden, selten auch über ein anziehenderes Thema. Von dem Falten der Papierfiguren angefangen, wird vielleicht jedes Spiel aufgezählt, das jemals ein Kinderherz entzückte. Da sind die Unterhaltungen der artigen und fleißigen Kinder genannt, die Lernspiele, sowie die Vergnügungen der weniger Vortrefflichen. Spiele für zwei Kinder sind sehr beliebt, auch Gesellschaftsspiele sind vorhanden und selbst die Armbrust und Bogen und Pfeil erhöhen das lärmende Vergnügen in der Gasse. Wenn man sonst nur von den erstaunlichen Geistesleistungen der kleinen Hebräer liest, die mit fünf Jahren bereits im Cheder sitzen und mit acht Jahren Gelehrte sind, so wirkt es wirklich erfrischend und beruhigend, zu erfahren, daß diesen kleinen Geschöpfen auch Mühleziehen nicht unbekannt war, daß sie Räuber und Gendarmen, Verstecken, Moquierstuhl, Marbeln, Kämmerchenvermiethen und unzähliges Andere gewiß mit Begeisterung spielten und daß ein wenig Licht auch diese Kindheit erhellte. Nach fast jedem angeführten Spiele wird in einer längeren Anmerkung mitgetheilt, wo dasselbe oder , ein ähnliches Spiel, wenn auch unter anderem Namen, bekannt ist. Der Verfasser schließt mit dem Wunsche, daß Andere, die die Spiele ihrer Jugend besser im Gedächtniß bewahrt haben, durch seine Arbeit zu Ergänzungen und Verbesserungen angeregt werden möchten. ’ r-: Es würde zu weit führen, auf den sonstigen Inhalt des Heftes näher einzugehen. Der Leser wird allerdings gerne länger bei dem Aufsatz über Trachten und Sitten verweilen, wie auch bei den Schutz- und Geleitsbriefen, bei den Volksliedern, unter denen sich das alte, deutsche Lied: „Ich ging durch einen grasgrünen Wald" vorfindet u. s. w.; wir müssen uns aber mit dem bloßen Hinweis begnügen. Ueber die Hagadah von Serajewo berichtet das vierte Heft, das unter Anderem auch die letzte Arbeit David Kaufmann's enthält. Das fünfte Heft ist fast ausschließlich das Werk des Herausgebers. „Aus Hausapotheke und Hexenküche" betitelt sich ein Aufsatz über den Aberglauben bei den Juden, der das Resultat langer und eingehender Studien ist. Trotz der großen Lehrer Israels, die zu einer Zeit gegen den Aberglauben auftraten, als selbst erleuchtete Geister ihrer Umgebung ihm huldigten, haben sich die unteren Volksclassen von fremder Beeinflussung nicht freihalten können, und so finden wir da all die Vorstellungen verbreitet, die wir zur Genüge aus der Geschichte des deutschen Volksglaubens kennen. Eines aber ist auffallend. Nirgends, auch in den Recepten dieser geheim gehaltenen Ueberlieferungen findet sich eine Spur von dem Blutaberglauben, der bei allen anderen Völkern eine solch wichtige Rolle spielt. Dies ist wohl das Resultat der jahrhundertelangen Erziehung durch das jüdische