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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Date
1900-09-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 Vr. VLoch's Wochenschrist. Seite 657 General Klein gab nun durch eine Degenschwenkung das Zeichen zum Aufbruche, und der ganzen Länge nach commandirte jeder Escadronschef „Marche!" und die ganze Reitermasse setzte sich geräuschvoll in Bewegung. Auerbruck ertheilte einigen seiner Gesellen, die sich unter den Anwesenden befanden, den Auftrag, die Leiche des Bürgermeisters auf einem Seitenwege in die Stadt zu bringen. Fünfunddreißig st es Capitel. Rath Weckelsbach, welcher schon in den letzten Tagen, noch bei Golzinger's Leben, die Leitung der Stadtgeschäfte übernehmen mußte, hatte, hierbei von Auerbruck unterstützt, die französischen Reiter und deren Pferde, wenn auch mit großer Müde, in der Stadt untergebracht. Die Soldaten hatten bei ihrer großen Zahl und den beschränkten Räumlichkeiten auch in der Schule und in den Werkstätten untergebracht werden müssen, so daß die Schüler während ihres Aufenthaltes Ferien hatten, die Handwerker feiern mußten. Seifensieder Auerbruck, der als der reichste Mann in W. dort auch das schönste Haus besaß, hatte dem General Klein das ganze erste Stockwerk desselben eingeräumt und hatte dieser drei Zimmer seiner Wohnung für die Eheleute Gondchaud, welche Sara unter ihrem Schutze genommen, bestimmt. Es war spät am Abende, Seifensieder Auerbruck, der seinem Gaste gegenüber mit den Erzeugnissen seiner Weckstätte nicht sparen und sich nobel zeigen wollte, hatte alle Kerzen auf dem Kronleuchter in seiner Putzstube anzünden und ein behagliches Feuer im Ofen anrichten lassen und so saßen General Michael Klein, Sara Brack und Herr und Madame Goudchaud an dem runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Zwischen Frau Goudchaud und Sara hatte sich rasch eine gegenseitige innige Zuneigung entwickelt. Madame Goudchaud, eine geborene Elsässerin, vereinigte viele Vorzüge. Sie besaß die Lebhaftigkeit und den Geist der Franzosen, die Redlichkeit und das Gemüth der Deutschen, deren Sprache sie vollkommen mächtig war und sich derselben mit Vorliebe bediente und das Herz und die Frömmigkeit einer Jüdin. Die kinderlose Frau stand in einem Alter, daß Sara ihre Tochter sein konnte, und diese war ein Wesen, das bei dem ersten Anblicke für sich einnehmen, mit den ersten Worten Herzen für sich gewinnen konnte. Die beiden Pflegegeschwister, welche ihr Verlöbniß seit sieben Jahren durch den Tod gelöst glaubten und sich doch die edelste Treue bewayrt hatten, hatten sich seit ihren! ersten unerwarteten seltsamen Begegnen auf dem Friedhofe noch nicht wiedergesehen und sie hatten sich daher endlos Vieles zu sagen. Nachdem sich der Sturm freudiger Erregung bei Beiden gelegt hatte, war jeder von ihnen begierig, zu erfahren, wie es dem Andern während der langen Trennung ergangen. Sara's Leben war ein einfaches, ödes, trauriges gewesen, sie konnte dieses in wenigen Worten entrollen und Michael's Herz schmolz vor Wehmuth, als sie ihre Leiden, ihre Verlassenheit, ihre Vereinsamung, ihre Hoffnungslosigkeit in einfachen, ergreifenden Worten schilderte. Michael aber hatte in den letzten sieben Jahren ein reich bewegtes, hochinteressantes Leben geführt. Er knüpfte an die Schilderung seiner Flucht aus dem Kerker, welche er Sara schon bei ihrem ersten Begegnen geschildert, an. Der furchtbare Tod des Deserteurs, den er damals mit angesehen, hatte ihn ihm — ihm selbst verwunderbar — die Neigung weiter zu leben, geweckt. Nachdem er sich rasch mit wiedergeweckter Gottgläubigkeit entschlossen, die schwere Bürde des Lebens weiter zu tragen und sich etwas gesammelt hatte, sah er sofort die Nothwendigkeit ein, so weit ihm dies unter seinen entsetzlichen Verhältnissen möglich war, einen festen Plan zu entwerfen, nicht ziellos fort, vielleicht in sein neuerliches Verderben zu rennen. Er hatte keine Ahnung davon, daß man ihn für todt halte und mußte daher folgerichtig annehmen, daß man ihn, den entflohenen Gefangenen, steckbrieflich verfolgen würde. Wollte er noch frei leben, mußte er trachten, sobald als möglich das österreichische Staatsgebiet zu verlassen. Wohin aber sollte er seinen flüchtigen Fuß wenden? Er hatte auf dem ganzen Erdenrunde keinen Menschen, dessen Gastfreundschaft er in Anspruch nehmen konnte, er hatte unter dem ganzen, mächtigen, blauen Himmelsbogen kein Haus, das seinem Haupte ein schützendes Dach bot! In seiner furchtbaren Seelenbedrückung schien es ihm, es gäbe auf Erden keinen zweiten Menschen, der so von Gott und Menschen verlassen sei als er, daß er verlasiener sei, als das Raubthier des Waldes, das doch seine Höhle, seinen Schlupfwinkel findet. „Wohin soll ich mich wenden?" mußte er sich, als er an eine Wegeskrenzung gelangt war, unwillkürlich selbst laut fragen, und da er für diese Frage keine Antwort wußte, wiederholte er dieselbe an seinen Schöpfer, an Gott, sein Auge zum Himmelszelte emporhebend. Ec hatte es in seiner Aufregung nicht bemerkt, daß ein wilder Sturm über die Wege, die Felder, das Wasser dahingebraust und die schweren Wolken vom Firmamente weggefegt hatte, nun leuchtete der Himmel in seiner schönsten Herrlichkeit, die Sternlein zitterten in goldener Pracht! Urplötzlich hatte ihn wieder ein Gefühl der Beruhigung überkommen, Gott, der alle diese Welten durch seines Willens Kraft geschaffen, Gott, dem er gedient von seiner zartesten Kindheit an bis jetzt nach seinem ganzen Können und Vermögen; der allmächtige, allerbarmende Gott, der, wie ihn schon seine Eltern gelehrt, ein Vater aller Menschen, ein Helfer der Bedrückten, ein Schutzherr der Verlassenen war, konnte ja nicht gerade ihn ganz verstoßen haben! .... Mit dieser wohlthuenden Beruhigung war gleichzeitig auch ein erleuchteter Gedanke über ihn gekommen. Seine Mutter, die er unendlich geliebt, hatte es unter den schwersten Entbehrungen versucht, mit ihm, dem damals fünfjährigen Knaben in das Land zu gelangen, das sie als ihr Vaterland betrachtete. Er fühlte sich nun wie mit elementarer Macht dazu gedrängt, ihrem Beispiele zu folgen, ihren Wunsch wenigstens für seine Person auszuführen; plötzlich fühlte auch er sich mächtig zur Geburtsstätte seiner Eltern hingezogen. Freilich Metz und Elsaß hatten zur Zeit, als seine Eltern auswandern mußten, die Juden nicht als Söhne ihres Vaterlandes betrachtet; — aber nun war es dort ja anders geworden! Michael hatte die Zeitereignisse mit lebhaftem Interesse verfolgt, und er wußte daher, daß in Frankreich, wozu Metz und Elsaß damals gehörten, eine neue Aera angebrochen, daß dort die Schranken zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen gefallen waren; dorthin zog es ihn nun mit magischer Gewalt. Zunächst mußte er trachten, die böhmische Grenze zu gewinnen, von dort, wo er bei wohlwollenden Glaubensgenossen Unterstützung zu seiner weitern Flucht erwarten durfte, wollte er über Baiern nach Metz. Mostrich hatte ihm, angeblich von Rüben Weiß, hundertfünfzig Gulden als Reisegeld zur Flucht übergeben. Damit konnte er bei großer Sparsamkeit, unter günstigen Umständen die Geburtsstätte seiner Eltern, das Land, die Stadt erreichen, der er eigentlich durch seine Eltern angehörte. Michael hatte von einer Wanderung von beispielloser Mühseligkeit und Fährlichkeit zu berichten. Er mied die Hauptstraßen, trachtete stets in jüdischen Gemeinden zu übernachten, und gab sich für einen Lehrer aus, dessen Reiseziel ein kleines Oertchen in dem Elsaß sei, was keine Unwahrheit war, da er in seiner neuen Heimat in dieser Weise sein Brot zu erwerben beabsichtigte. Da er für Kost und Wohnung bezahlte und nicht die Wohlthätigkeit in Anspruch nahm, fanden seine Angaben um so mehr Glauben, als sein sympathisches Wesen alle Herzen einnahm und sein Wissen, das er da, wo es zweckmäßig war, unauffällig zur Geltung brachte, ihm Achtung und Anerkennung erwarb. Sein Mangel an Legitimationspapieren konnte leicht begreiflich erscheinen. Ein militärpflichtiger Mann wurde eben nicht außer Landes gelassen. Der General wollte sich, wie er erklärte, heute bei der Erzählung der Geschichte seiner letzten sieben Lebensjahre, so kurz als es eben das überreiche Material zuließ, fassen, dieselbe nur in großen Umrissen wiedergeben, und all die Hunderte von einzelnen merkwürdigen Begebenheiten später nachholen und in ausführlicher Weise behandeln. (Fortsetzung folgt.)

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