Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 932 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 51 heimatlichen Boden zu vertheidigen, sondern nach einer, die stärkste Tradition durchbrechenden Trennung neu zu gewinnen haben. Auch ist nicht zu verkennen, daß, abgesehen von der tiefen Bedeutsamkeit des eben hervorgehobcnen Unterschiedes, in der Geschichte der Judenheit der jüdische Staat nur eine Episode gebildet hat. Man muß auch auf den Einwand gefaßt sein, daß die Juden Zeugen gewesen sind von dem Untergänge auch der größten und scheinbar festest begründeten Staaten, daß sie gesehen haben, wie alle Volker mit ihren Staaten zugleich oder unmittelbar darnach von der Bildfläche der Geschichte verschwanden, während einzig die Juden selbst das Aufhören ihres Staatswesens überdauerten. Es mag daraus geschlossen werden, daß die Juden, die an sich selbst erfahren haben, das Band des Staates sei nicht unlöslich und es gebe einen festeren als den staatlichen Kitt, aus die Wiederherstellung des vergänglicherer: Bandes verzichten und an dem Besitze des widerstandsfähigeren sich genügen lassen sollten. Doch dieser Einwand ist nicht unbedingt stichhältig, da man entgegenhalten könnte, das festere Band werde dadurch nicht beseitigt und nicht einmal gelockert, daß man ein anderes hinzufügt, das schon einmal tausend Jahre lang gehalten hat. Man braucht dabei nicht den Fehler zu begehen, daß man an eine einfache Wiederholung dessen denkt, was vor Zeiten dagewesen ist. Dergleichen schematische Wiederholungen kommen in der Geschichte nicht vor. Das Gebilde, das, ich sage nicht: im Werke, sondern: im Plane ist, kann und muß durchaus eigenartig sein, den veränderten Zeitverhältnissen angepaßt. Das ist schon deshalb nothwendig, damit nicht die traurigen Erfahrungen sich erneuern, die mit den Versuchen eines Bar-Kochba, Sabbathai Zewi und der Frankisten verknüpft waren. Wird vorgehalten, daß die Verheißung der Wiederkehr der Juden nach Palästina als ein Werk Gottes sich darstelle, so können die Führer der zionistischen Bewegung immerhin sagen, daß sie als die Werkzeuge Gottes sich ansehen. Allerdings muß es dann ihnen überlassen werden, sich die Beglaubigung zu schaffen, die darin besteht, daß sie bei den Betheiligten allen Glauben finden. Meines Erachtens kann nicht daran gedacht werden, daß die Juden Alle nach Palästina gehen. Eine jüdische Diaspora wird unter allen Umständen bestehen bleiben. Ob die zionistische Bewegung Dauer und irgend welchen ihren ausgesprochenen Zielen gemäßen Erfolg haben wird, lasse ich durchaus dahingestellt. Ich spreche nur als der Beobachter eines interessanten Vorganges, voll aufmerksamer Theilnahme, aber frei von jeder Verantwortung. Ich habe übrigens gehört, daß die Zionisten dem Kaiser eine Petition überreicht haben, doch bin ich über den Inhalt dieser Petition in Unkenntniß." So weit unser Eorrespondent. Unsere Leser, nehmen wir an, werden, auch wenn sie die hier vorgetragenen Anschauungen nicht theilen, gern gehört haben, wie man in deutschen staatsmännischen Kreisen, die den Juden wohlwollend gesinnt sind, über den Zionismus denkt. Vortragsabend des Politischen Volksvereinrs. Am I o.d.M.eröffnete der politische Volksverein denCyklus seiner programmgemäßen Vortragsabende. Ein überaus zahlreiches distinguirtes Publicum, in welchem die Damen in der Majorität waren, füllte den Festsaal des Kaufmännischen Vereines. Unter den Anwesenden waren der erste Vicepräsident der Cultusgemeinde Gemeinderath Dr. Alfred Ster n, die Vorstandsmitglieder Oberingenieur Edler von Mises, Dr. Alf. Berge r, Kammerrath Vogel und Oberfinanzrath R ap p aport, Reichsrathsabgeordneter Dr. Kronawetter, Director Heller, die Rabbiner Dr. G e l b h a u s, Dr. T a g l i ch t u. A. In Abwesenheit des Präsidenten Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. F i a l l a, den eine dringende Reise von Wien ferngehalten, begrüßte Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Marcel H o f f m a n n die Versammlung und hob hervor, daß dem Redner des heutigen Abends, Dr. G r u n w a l d, als Präsidenten der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" ein glänzender Ruf vorangeht. Trotz seiner Jugend hat er durch seine preisgekrönte Schrift über den Einfluß Spinozas auf deutsche Dichter und Denker einen bedeutenden Namen sich geschaffen. Der Politische Volksverein freut sich, seinen Mitgliedern die Bekanntschaft dieses Gelehrten zu vermitteln. Herr Dr. Max Grunwald sprach „über ein Stück jüdischer Volkskunde". Man lernte in dem Vortragenden einen geistvollen jungen Gelehrten kennen, dessen anregende Ausführungen die Zuhörerschaft lebhaft interessirten und nachhaltigen Beifall fanden. Die jüdische Volkskunde ist im weitesten Sinne die Kunde des jüdischen Herzens, und nirgends offenbart sich dieses so deutlich wie in dem volksthümlichsten Erzeugniß des jüdischen Geistes, in der „Haggada". Schon der Seder mit dem ängstlichen Sich-abschließen der Familie auf der einen Seite und dem Becher für Elijahu, dem universalistischen Symbol des Judenthums, auf der anderen, zeigt uns die Doppelnatur der jüdischen Volksseele. Noch klarer offenbart dieses Wesen das Textbuch des Seders, die „Haggada", in Wort und Bild. Das Bild in der „Haggada", z. B. in der Nürnberger Handschrift, führt uns lebendig die Fähigkeit des Judenthums vor Augen, sich seiner Umgebung zu assimiliren. Fremde, selbst kirchliche Zeichen und Begriffe mengen sich darin mit ureigen Jüdischem. Es zeigt sich als die Kraft, welche diese Gegensätze in der jüdischen Volksseele harmonisch zu vereinen weiß, ein unvergleichlicher und nie versiegender Humor. Wenn sich diesem oft die Satyre beigesellt, so versöhnt hiemit die Thatsache, daß kein Stamm eine solche Fülle schonungslosester Selbstkritik in seinem Schriftthum wie im Sprichwort aufweist, wie Israel. Auch hiefür bietet das Bild in der „Haggada", wie der Redner zeigt, treffende Belege. Doch bleibt das Wort nicht hinter dem Bilde zurück, vor Allem die Sprüche, welche die possirlichen Bildchen begleiten oder die einzelnen Handlungen des Seders einleiten. Das hiebei oft angewandte Judendeutsch bietet die köstlichsten Proben jüdischen Humors, m den Sprichwörtern, vor Allem aber in den M a a s s e b ü ch e r n. Redner zeigt, wie sich die ganze bunte Märchen- und Sagenwelt des Morgen- und Abendlandes hier widerspiegelt und die Kraft des Judenthums, Elemente fremden Geisteslebens seinen Ideen dienstbar zu machen, bei aller Wahrung des eigenen Charakters sich mit dem Geiste der Umgebung auszusöhnen. So manches werthvolle Gut der deutschen Sagen- und Märchendichtung wäre spurlos verloren, hätte es sich nicht in jüdisch-deutscher Bearbeitung erhalten. Seit Langem weiß man, daß die Juden, die berufensten Vermittler zwischen Ost und West, die Märchenwelt des Orients dem Abendlande erschlossen haben. Auch dürfte es kaum einen bedeutenderen Sagen- oder Märchenstoff geben, der nicht im jüdischen Schristthum zumindestens einen Anklang fände. So finden wir in einer „Haggada" mitten darin eine Illustration zu der alten römischen Fabel, wie die Affen sich einen Rausch antrinken und in diesem Rausche in bie Stiefel fahren, in denen die Jäger sie fangen wollten. Nimmt man die Grimmischen Sagen- und Märchensammlungen und vergleicht sie mit den Maassebüchern, so finden sich Schritt für Schritt, oft Seite für Seite, die auffallendsten Analogien. Da begegnet uns das bekannte Märchen „Das Hirtenbüblein" oder: „Die drei Fragen" in der Erzählung, wie kommt Kunz hinter das Vieh. Da finden wir Günther, Gernot und Giselherr nebst Brunnhild in den „Drei Wormser Waffenschmieden und ihrer Königin" wieder, Gudrun und Horano, Volker vor: Alzey und Tristan treten da auf. Dem Taunhäuser-Motiv z. B. entspringen verschiedene Stücke der Maassebücher, die der Redner vorführt. Wie selbst in den düstersten Zeiten des Mittelalters Juden und Christen freundschaftlich miteinander verkehrten, ja selbst Rabbi und Prälat zusammenwirkten, zeigt die historisch überlieferte Erzählung von einer Wormser Judenverfolgung. Eine Gans, welche man vom heiligen Gerste inspirirt glaubte, flog auf alle die Häuser, in denen sich Juden verborgen hatten. Damals lebte in Worms ein Jude, der im Evangelium gut Bescheid wußte und mit dem Stadtpfarrer befreundet war. Den bat er, er möchte ihn statt seiner in der Kirche predigen lassen. Und nun kanzelt der Jude die Gläubigen ab, daß ihnen angst und bange wurde.