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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seile 933 „Schließlich," ruft er, „wenn die Gans aus das Kirchdach fliegt, werdet ihr auch glauben, daß Juden in der Kirche feien", und in der Thal, stürzen Leute in die Kirche herein mit der Meldung, die Gaus fei auf das Kirchdach geflogen. Ta fah doch Jedermann, wie recht der fremde Pfarrer hatte. Und man suchte au den überlebenden Juden gut zu machen, was man an den Erschlagenen verbrochen hatte. Ebenso wie hier Juden und Christen, so sehen wir Morgenland und 'Abendland sich harmonisch ergänzen, z. B. in einer Erzählung, in welcher das Märchen „Tie klare Sonne bringt es an den Tag" mit der Sage „Tie Kraniche des Jbikus" vereinigt und das Ganze auf den Schristvers im Prediger Salomouis 10, aufgebaut wird: „Tie Vögel des Himmels entführen den Laut und der Beschwingte verräth das Wort." Ein anderesmal schließt eine ursprünglich deutsche Geschichte mit der echt jüdischen Moral: „Trum soll ein Jeder den Sabbath halten in Acht, Tann wird Gott bomcli-hu vor ihm halten die Wacht, Ter kann Euch doch ivohl beschirmen vor Räubern und wilden Thieren, Wie Ihr hier wohl tonntet merken und spüren. Trum laßt Euch ja nicht verführen." Und es sind nicht immer ernste Stoffe, welche die Maassebücher behandeln. So beißt es einmal: „Ein Cliuchum thät an seine Thüre schreiben: Gebe Gott daß alles Bös vor meiner Thür soll außen bleiben. Ta wär ein andrer (thodtom dafür gesohren, Tas thät ihm bange und zoren. llnd schrieb darunter: So Tu Tir das hast sürgenommen. Wenn Tein Weib ausgeht, zu welcher Thür soll sie wieder Heimekommens" Redner spricht sodann von der Faustsage und den damit verbundenen abergläubischen Vorstellungen und Gebräuchen, deren Spuren sich auch in der „Haggada" entdecken lassen. Zahlreiche Mannscripte, z. B. der . Hamburger und Münchener Bibliothek, deren Veröffentlichung in den Mittheilungen der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" bevorsteht, haben Traditionen bewahrt, deren Zusammenhang mit den Schrecknissen der Blutlüge unverkennbar verrathen. Aus diese Blutlüge weisen noch einige Bräuche am Sederabend hin, wie das Tessnen der Thür, angeblich um Elijahu zu begrüßen, das Heizen des Tfens, der rothe Wein. Redner zeigt die Wanderung einzelner Sagen, Volks lieber und Sprichwörter durch jüdische Vermittlung von Land zu Land: nicht selten die Verpflanzung ganz fremder Culturtrümmer in die fernsten Gegenden. Dies gilt besonders von dem Elmägailja-Liedchen und anderen jüdischen Gesängen, z. B. den Salmha-ma'aluutli. den Tischgesängen nach der Mahlzeit. Tie jüdische Mahlzeit selbst, der Mittelpunkt der „Haggada", bietet uns im Wechsel der Gerichte, je nach den Festen und in der Symbolik der Speisekarte, merkwürdige Fälle innigster Vermischung jüdischer Eigenart und fremden Vorbildes. Aber nirgends ist diese Mischung so innig wie in den jüdischen Namen wahrzunehmen, einerseits das starke Assimilationsbedürsniß und anderseits die unentwegte Traditionstreue. Dem entspricht durchaus der Titel der „Haggada", eine Mahnung an das Gebot ,tVolÜMulta lobinelnE, erzählen sollst du deinem Kinde, erziehen sollst du es im Sinne der „Haggada", d. h. im Geiste der Vergangenheit, der frommen Väter mit den Mitteln der Gegenwart, der weltlichen Kunst und Wissenschaft. Ties empfiehlt zur Erhaltung des echten jüdischen Herzens die Kunde dieses Herzens, die jüdische Volkskunde. Den Redner lohnte reichlicher Beifall des zahlreich versammelten Publicums. Urbcr dir literarische Tüchtigkeit der Inden nach dem grichrn Kriege mit Kinn. Voctra.», gehalten im jüdischen Üitcvatuvüerei:;;,u Accolcm am 24. 'November 1S9.S. Bon Rabbiner Dr. Rosentturl in Breslau. «Schluß.» Ter Ruhm des Josephus weckte aber auch den Eifer oder den Neid anderer Schrijnteller seinem Stammes zu gleichem Unternehmen. Auch Justus von Tiberias vecöffenr lichte „Alterthümer seines Volkes", die von manchen Späteren benützt lvurden, für uns aber verloren und. In diesem Werk griff Justus seinem Eonnationalen Joseplms heftig an, aber nicht etwa wegen seines mangelnden Palr otismus, sondern im Gegentheil. indem er ihn als den eigentlichen 'Anstifter und Organisator des Ansstandes den Römern gegenüber verdächtigte und denuueirre. Gegen diese Angriffe schrieb Jo sephus noch seine viia. Sicherlich waren die Umffände so, daß Josephus im Interesse seiner Stellung in Rom sich ge nöthigt sah, mit dieser Schrift einen Beweis sei',rer Römersreundlichkeit zu liefern: aber seinem Namen bat er damit keinen Dienst geleistet. Ein weiteres Geschichtswerk eines Samerirauers Namens Thallus, der in einer 'Art Ehrono graphie die Geschichte seines Volkes von seinem veränderten Standpunkte behandelte, wurde erwähnt, das aber nicht mehr vorhanden ist. Allanche Nachrichten im Talmud berechtigen zu der Annahme, daß man sich auch in Palästina und den Euphratländern mit der Sammlung und Aufbewahrung historischer Erinnerungen beschäftigte. In dieser schweren und uriheilvollen Zeit waren die Erinnerungen an die große Ver gangenheit das Einzige, ivas trösten, stärken und erheben konnte. 'Auch ans die hochgebildete Judeuschast 'Alerandriens sind die furchtbaren Vorgänge in Palästina nicht ohne Wir kung geblieben. Tie Schließung des Tinartemvels nach dem Falle von Mafada beweist, daß man von Seite der Römer die 'Aufregung der egpptischen Inden sehr ernst nahm. Tiefe erkennen wir auch aus dem schmerzlich leidenschaftlichen „Wehe", das die jüdische Sibplle irr griechischem .BernMetern über Babulou ausrust, die goldthronende und weltbeherrschendc, womit natürlich Rom gemeint ist, und wie sie in bewegten Worten über den Untergang Jerusalems klagt. So heißt es im fünften Buche der Sibpllinen: Zum zweiten Male sah ich, wie jäh eiustürzte der Ban, Uebersluthet mir Feuer, geschürt von unheiligen Händen, Tas stets blühende Haus, des Herrn bewahrender Tempel, Welchen die Heiligen bauten, und welchen ffetsbleibend und heilig Allan von Herzen gehofft und mit dem eigenen teibe. Tenn nicht gedankenlos preist er den Gott aus nasche in, barer Erde, Bildete nicht einen Stei»', dazu der weise Baumeister, Schätzte auch hoch nicht das Gold, den Trug für die Welt und die Seelen: Sondern der große Erzeuger von Allen, was göttlichen!. Sdems, Gott ward durch Tpfer verehrt und heilige Hekatomben, '.llun aber trat hervor ein Körrig, unscheinbar und unrein. Tiefer stürzte ihn hin und ließ ihn unausgebaut liegen Mit einer großen Menge und gar ausgezeichneter Männer. 'Aber er selbst ging zu Grund, das unsterbliche Festland betretend. Tamil ist Titus und seine kurze Regierungszeit gemeint, dessen frühen Tod auch die jüdische Voltssage sonst als eine Folge seiner Versündigung gegen Gorr vorstellt. So hat das große Nationalunglück auch hier in Egypten die Schwingen des jüdischen Geistes nicht gelähmt. Es ist viel mehranzunehmen, daß man sich hier, in der Heimat Philos und auf dem Nährboden des jungen Ehristenthnms gerade in dieser Zeit sich vielfach mit religionsphilosophischen Fragen beschäftigte. Tie Uebersetzung der heiligen Schriften ins Griechische wurde theils zu Ende geführt, theils von 'Neuem wieder ausgenommen, und in der Verherrlichung des Monotheismus und der höheren Moral Israels suchte man sich nach innen zu stärken und Einstuß auch aus die heidnische Welt zu

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