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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette SSI jüdischer Religionsunterricht obligatorisch ertheilt werde. — Es ist das nicht die erste erfreuliche Verfügung, die gerade aus Lodz berichtet wird. Fürsorge für geistig zurückgebliebene Kinder. Ein geistig zurückgebliebenes Kind ist für seine Eltern ein Gegenstand größter Sorge. Diese unglücklichen Kinder sind einzutbeilen in bildungsunfähige oder idiotische Kinder und in solche Kinder, die durch geeigneten Unterricht und eine entsprechende Erziehung noch zu brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft auszubilden sind. Für die bildungsunfähigen Kinder gibt es fast in allen civiliürten Staaten Idioten-Anstalten, in denen die Insassen eventuell bis an ihr Lebensende verpflegt werden. Noch viel wichtiger als die Pflege idiotischer Kinder ist aber sicher die Ausbildung derjenigen geistig zurückgebliebenen Kinder, die noch zum Eintritt in das öffentliche Leben zu gewinnen ünd. Diese Kinder haben aber leider bisher fast allgemein keine aeeignete Erziehung erhalten, sie sind in Folge dessen dauernd ihren Familien oder den Communen zur Lall gefallen. Mit geistig zurückgebliebenen, aber noch bildungsfähigen Kindern sind nur dann gute Resultate zu erzielen, wenn sie Erziehungsanstalten zugefübrt werden, die speciell für die Erziehung solcher Kinder eingerichtet sind und die ihre Zöglinge zu einem Lebensberuf vorbereiten. Derartige Anstalten gibt es nur in Deutschland. Den in Oesterreich-Ungarn wohnenden Deutschen, die anormal veranlagte Kinder haben, ist darum zu rathen, diese Kinder in Deutschland einer geeigneten Anstalt zuzuführen. Wir Israeliten werden unsere Kinder jedoch nur in eine solche Anstalt bringen, in der dafür gesorgt wird, daß jüdische Zöglinge in jeder Beziehung wie die christlichen Zöglinge geachtet und behandelt werden. In der in Nordbausen am Harz (Provinz Sachsen) bestehenden B. Wildt'schen Erziehungsanstalt ist dies der Fall. Es bestnden sich daselbst aegenwärtig drei jüdische Kinder. Die Angehörigen dieser Kinder sind mit den Einrichtungen, den Erziehungs- und Unterrichtsresultaten der B. Wildt'schen Anstalt sehr zufrieden. Wer darum in der unglücklichen Lage ist, ein geistig zurückgebliebenes Kind zu besitzen, dem ist zu empfehlen, sich mit dem Iustitutsvorsteber B. Wildt in Nordhausen in Verbindung zn setzen und sich zunächst von ihm einen Prosvect seiner Anstalt senden und die Adressen der Eltern seiner jüdischen Zöglinge — welchen Lektoren auch von dem Unterzeichneten in freundschaftlicher Beziehung zur Direction ein warmes Interesse zutheil wird — sich mittheilen zu lassen. Dr. B. Warenheim, Religionslehrer und Cantor der Synagogen- Gemeinde in Nordhausen. Die Wahrheit über das Kovernikanische System im jüdischen Schriftthum. Die „Oesterreichische Wochenschrift" vom 11. November 1898 bringt unter der Ueberschrift: „Das Kopernikanische System im jüdischen Schriftthum" einen Aussatz, in welchem der Verfasser nachzuweisen sucht, daß unseren Rabbinen schon vor Kovernikus die Idee von der Erdbewegung bekannt war. Ich will von den im citirten Artikel angeführten und tendenziös epegetirten Stellen aus dem Sohar und Talmud absehen: das diesfällige Citat des Sohar hält ja selbst der Autor des Artikels mit Rücksicht auf die Zeit der Verfassung des Sohar nicht sür beweiskräftig. Als entscheidend bleibt jedoch im angeregten Thema folgende geschichtlich feststehende Thatsache. In der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Ehr., also vor bald 2200 Jahren, stellte der griechische Gelehrte Aristarch die Idee von der Bewegung der Erde um die Sonne auf; erst gegen 17 Jahrhunderte später entwickelte Kopernikus sein bahnbrechendes System von der Erd- und Planetenbewegung um die Sonne, Angesichts dieser Thatsache erscheinen alle Citate aus dem Talmud als unzutreffend und nicht beweiskräftig, denn es wird schwerlich gelingen, wissenschaftlich den Beweis herzustellen, daß der Talmudist, welcher den angeführten Ausspruch über die Erdbewegung gethan haben soll, noch vor 2200 Jahren, demnach vor dem Griechen Aristarch lebte, und wenn schon, so dürste eher der spätere Talmudist au§ der griechischen Quelle geschöpft haben. Hier wäre es auch am Platze, die Ansicht eines bedeutenden Fachgelehrten der Neuzeit, ich meine den Astronomen Mädler, über den fraulichen Gegenstand zu stören, er sagt: „Aristarch spricht von der Bewegung der Erde, die er um die Sonne in einem schiefen Kreise herumführt. Aber eine Anwendung auf die verwickelten Bewegungen der Planeten macht er nicht, und so hat er zwar eine glückliche Idee gefaßt, aber kein Snstem ausgestellt." („Wunderbau des Weltalls" von Mädler, Seite 632.) Nach Obigem überlaste ich es jedem unabhängig Denkenden, sich sein Urtheil über den wissenschaftlichen Werth des in Rede stehenden Artikels zu bilden, und hoffe, manch irrige Ansicht ins richtige Licht gestellt zu haben. Um was es mir aber hier hauptsächlich gebt, ist, auf das Schädliche solcher tendenziös-chauviniststcher Machenschaften hinzuweisen und wohin dieselben führen können. Wofür ich aber im Interesse unserer Heranwachsenden Jugend warnen möchte, das ist, sich zu hüten, das Axiom anfzustellen, daß der Talmud und die Rabbinenschriften als alles Wisteus Urauell anzusehen wären, denn dies würde uns auf die Culturstufe des Islams herunterdrücken, der alles Wissen und Forschen im Koran begrenzt sehen will. Davor möge Gott uns bewahren. Hirsch Kapelus^ Cm deutscher Staatsmann Wer den Zionismus. Berlin, M. December. In diesen Tagen hatte Ihr Eorrespondent Gelegenheit, einen der deutschen Staatsmänner zu svrechen, der mit dem Kaiser Wilhelm II. die Reise nach Palästina gemacht und dort mit dem lebhaftesten Interesse von den Berhältnisten Kenntniß genommen bat, soweit diese sich einem immerhin flüchtigen Besucher offenbaren. Da nicht das, was ich im Laufe der Unterredung an Zwischenbemerkungen eingestreut habe, den Lesern wistenswerth erscheinen wird, so gebe ich im Folgenden im Zusammenhang und möglichst wortgetreu wieder, was ich vernommen habe und was uns Juden vornehmlich angeht. „Wer Palästina einmal gesehen, wird einen unverwischbaren Eindruck davon dauernd bewahren. Religiöse und historische Erinnerungen sind hier, wie sonst an keinem Orte der Erde, zusnmmengedrängt. Ueber den guten Zustand der deutschen Eolonien haben wir Helle Freude gehabt. Die Vorzüge, die diese anszeichnen, haben wir auch bei den jüdischen Eolonien gefunden, in denen steinige Arbeit steckt, gleichviel ob zur Begründung Rothschild'sches Capital geholfen bat oder nicht. Auch in Jerusalem selbst trat der vortbeilbafte Unterschied der von Juden bewohnten Viertel gegenüber den Arabervierteln genau so deutlich zutage wie der Unterschied zwischen den deutschen Dörfern und den Araberdörfern. Vom Zionismus ist in Palästina und auf dem Wege dahin viel die Rede gewesen. Bei den Norddeutschen habe ich für ibn nur geringe Tbeilnahme, bei den Süddeutschen lebhaftes Verständniß und stellenweise geradezu Begeisterung gefunden. Für diese auffallende Erscheinung weiß ich keine Erklärung. Ich muß sagen, daß ich es reckt aut begreife, wenn die Juden nach dem Wiedergewinn des heiligen Landes sich sehnen, das ihnen das Land der Verheißung ist und mit dem sie durch unvergeßliche heilige Erinnerungen verknüpft sind. Von der Lebendigkeit und Innigkeit dieser Erinnerungen erhält man Beweise, sobald man einmal Zeuge der Scenen an der „Klagemauer" gewesen. Ist auch viel mechanisches Wesen dabei, so bleibt doch genug Innerliches über, das echt und ergreifend und für die Betheiliaten erhebend ist. Sprache - wenigstens im Gebet — Glaube — trotz mancher Spaltungen — und Abstammung bilden ein einheitliches Band, das die Judenheit vereint, und so kann ich es verstehen, wenn in den Juden der Wunsch lebendig wird, auch eine staatliche Existenz wieder zu erlangen. Zeigt sich doch heutzutage selbst bei Nationalitäten-Splittern das Streben nach staatlicher Umgrenzung. Freilich muß zugestanden werden, daß die Lage der Juden insoferne eine absonderliche ist, als sie, ungleich jenen Nationen und Nationalitäten-Splittern von dem Boden, der einmal ihre Heimat gewesen, seit fast zweitausend Jahren losgelöst sind, daß sie nicht einen

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