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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 4 Vr. Bloch'» WochrnfttzrM Seite 79 altern-Beamten, heimgeführt; er bemerkte oft in seinen Briefen, daß Marie ihm das reichste Erdenglück bereite, „himmlische Rosen in sein irdisches Leben flechte!" Wenige Tage vor Beginn unserer Erzählung hatte er dem theureu Jugendfreunde die frohe Mittheilung gemacht, daß er, als Professor an das Gymnasium zu P. versetzt, sich ungemein freue, fortan eine Heimat mit ihm zn haben; seine Frau theile seine Freude und werde bemüht sein, ihm, dem vereinsamten Gelehrten, nach den vielen geistigen Anstrengungen seines Berufes ihr Haus als Ruhepunkt in feinen kargen Mußestunden angenehm zu machen. Freudig erregt sah Dr. Seefeld der Ankunft des Freundes und seiner Familie entgegen. * * An einer der Säulen des Gotteshauses lehnte ein aus klugen stahlfarbenen Augen ernst und freundlich zugleich blickender Mann von schlanker, kräftiger Gestalt und noch jugendlichem Aussehen; er verfolgte voll Interesse, mit gespanntester Aufmerksamkeit den Gottesdienst und ließ seinen Blick fast unverwandt auf Dr. Seefeld's geistvollen Zügen weilen; es war Professor Heller. Am Morgen in P. angekommen, hatte er den Freund nicht in seiner Wohnung aufgesucht, sondern war nach kurzer Ruhe, beseelt von dem Wunsche, ihn als Kanzelredner an dem hohen Festtage zu bewundern, in den Tempel gegangen. (Fortsetzung folgt.) Der Rabbi und die Ressource. Akiba Eger, der Ober-Landesrabbiner von Posen, welcher, wie man allgemein behauptet, „den ganzen Talmud von Anfang bis zu Ende auswendig kannte", war doch nicht so sehr wegen seines großen Wissens, wie vielmehr. wegen seiner unbeschreiblichen Menschenfreundlichkeit gegen Alle und Jeden, gegen Juden und Christen, selbst gegen seine Widersacher — denn auch solche gab's — allgemein beliebt. Als Schiedsmanu mit richterlicher Gewalt über die Posener Judenschaft gesetzt, wurde sein Urtheil von Hunderten von Meilen herbeigeholt und, wenn er es einmal gefällt hatte, wurde niemals dagegen appellirt, denn sein Wort galt als unantastbar heilig. Nur einen Fehler machten seine Verwandten ihm zum Vorwurf: seine allzu große Freigebigkeit, welche sich denn auch zahlreiche Arme zunutze machten. Er gab gewöhnlich Alles hin, was ihm eben zur Hand war, und wenn es nicht reichte, so bettelte er irgend einen reichen Juden an, der dann nolens volens den uöthigeu Bedarf deckte. Damit dies nicht zum Schaden der eigenen Familie gereichen mochte, leerten die Verwandten während der Zeit, wo er den Schlaf des Gerechten schlief, seine Taschen und der erwachte Rabbi merkte trotz seiner großen Weisheit und Gelehrsamkeit nicht, daß sein Schatz sehr abgenommen hatte; war doch noch der Rest groß genug, um bei Vielen eine augenblickliche Linderung der Noth herbeizuführen. Es war an einem schönen Winterabende; die Elite der Posener Judenheit war in der „Jüdischen Ressource" versammelt, während Rabbi Akiba Eger einsam in seinem Studirzimmer saß und in einem dicken Folianten las. 'Da klopfte es an die Thür und herein trat ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit verweinten Augen, das dem Rabbi einen Brief überreichte. Der Rabbi griff in seine Taschen. „Habe ich denn gestern" — so sprach er laut zu sich selbst — alles Geld bis auf diese zwei Ducaten weggegeben?" Er schüttelte den Kopf. — Er sann nach; plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. „Meine Tochter", sprach er, kannst Du mir nicht sagen, wo die Ressource ist?" „Gewiß", erwiderte das Mädchen. „Ob sie heute Abend zusammen kommen mögen?" — „O, die sitzen gewiß schon über eine Stunde zusammen und amüsiren sich; die haben ja keine Sorgen!" „Was heißt denn das: sie amüsiren sich?" „Nun, sie spielen Karten und haben allerlei Vergnügungen. Wie es dort zugeht, kann ich eigentlich nicht sagen, denn ich bin noch nie in meinem ganzen Leben in der Ressource gewesen — mein Vater auch nicht." „So!", sagte der Rabbi. „Warte, meine Tochter, einen Angenblick! Ich will mir blos Stiefel und Pelz anziehen, und dann komm mit." . Es dauerte nur eine Minute und der Rabbi war zum Ausgehen fertig; einen Hut brauchte er nicht aufzusetzen, denn er trug beständig eine Zobelmütze, welche er erst ablegte, wenn er zu Bette ging. „Hier ist die Ressource", sagte das Mädchen, auf ein hellerleuchtetes Haus weisend. „Bleibe draußen stehen, bis ich Dich rnfe", sagte der Rabbi und trat in den Ressourcesaal. Wenn plötzlich ein Blitzstrahl das ganze Zimmer erleuchtet hätte, so würde es schwerlich einen größeren Effect hervorgerufen haben, als des Rabbis Erscheinen in dieser Gesellschaft, die allerdings fast nur aus Juden bestand. Man erhob sich vom Platze, aller Augen richteten sich auf den Eingetretenen. Eine ganz leise Stimme sprach verwundert: „Der Rabbi in der Ressource!" Der Rabbi hörte es und sagte: „Ist es denn eine Sünde, in der Ressource zu sein? Ich denke nicht; und wenn es als eine Sünde vielleicht vor Zeiten betrachtet worden wäre, so darf es von heute ab eine solche nicht mehr sein. Denn ich sehe hier nur anständige Männer versammelt, welche einer sündhaften Handlung unfähig sind Oder behauptet Einer von Euch das Gegentheil?" Auch wenn der Rabbi sie Alle sammt und sonders heruntergekanzelt hätte, würde Niemand Widerspruch erhoben haben, wieviel weniger, wo er in ihrem Sinne gesprochen hatte. „Ich glaube", fuhr der Rabbi fort, „daß ich Euer Vergnügen störe, weil Ihr Alle so still seid, während ich Eure munteren Stimmen gehört habe, als ich noch draußen vor der Thüre stand .... Ihr habt Karten gespielt? Warum habt Ihr sie denn versteckt? Kartenspielen ist an sich keine Sünde, und wenn ich einmal dawider gesprochen habe, so verwarnte ich blos. daß man das Kartenspiel zur Leidenschaft macht, daß man mehr einsetzt, als man ohne Schaden für sein Haus und sein Geschäft verlieren kann — kurz, daß man das Spiel zur Hauptbeschäftigung macht; aber so spielen, wie Ihr hier in der Ressource spielt — das ist keine Sünde." Die Gesellschaft sah den Rabbi etwas ungläubig an, nicht als ob sie anderen Sinnes gewesen wäre, sondern Niemand mochte glauben, daß der Rabbi blos deswegen zur Ressource gekommen sei, um das Kartenspiel als eine erlaubte Beschäfttgung erklären zu wollen. Dahinter mußte wohl etwas anderes stecken, aber was? Das war die Frage. „Mir scheint," sprach der Rabbi, „daß Ihr mir nicht glaubt. Wohlan denn, so will ich selbst beim Spiel Euer Partner sein." „Aber der Rabbi kennt ja keine Karte?" ließ sich eine Stimme hören. „Was?" rief der Rabbi mit komisch verstelltem Zorn. „Ich kenne keine Karte? Ich kann nicht spielen? Nun höre mir einer die Beleidigung! Sofort will ich mit Euch spielen und werde Euch zeigen, daß ich's bester verstehe, als Ihr Alle zusammen." Er ließ sich an dem kleinen Tische nieder, neben dem er bisher gestanden hatte. Der Tisch war sichtlich vor dem Eintreten des Rabbi von Kartenspielern besetzt gewesen; es brannte noch das Licht darauf, und die Untertasse, welche den Einsatz enthalten hatte, stand daneben, natürlich leer. „Wenn der Rabbi mit uns zusammen spielen will," nahm nun einer der Herren das Wort, „so werde ich als der Jüngste austreten." Drei andere Herren setzten sich an den Tisch. „Austreten? Nichts von Austreten! Es ist ja noch Platz am Tische!" „Aber dann sind wir Fünf, und das Spiel kann doch nur unter Vier gespielt werden!" „Seht Ihr, daß ich besser zu spielen verstehe, als Ihr? Das Spiel kann auch unter Fünf gespielt werden; das werde ich Euch lehren." Der Fünfte setzte sich zögernd ebenfalls an den Tisch. „Aber", sagte der Rabbi, „niedrig spiele ich nicht, ich setze 2 Ducaten. Den vier Herren war das recht; bald lagen 10 Ducaten in der Taffe. Man mischte die Karten. „Will der Rabbi die Karten geben?" „Nein, das mag mein Nachbar zur Linken thun, der auch die erste Karte ausspielt, so daß ich der Letzte bin." Aber wieviel Karten bekommt Jeder?" „Soviele, als Spieler da find." Der Nachbar vertheilte die Karten und legte den Rest verdeckt auf den Tisch, wogegen der Rabbi nichts zu erwidern hatte.

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