Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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^ttte 78 Vr. Vloch's Wortzrnschrist. Nr. 4 Trenesen Baan, 25. Jänner. Heute haben wir hier eine edle Frau zu ihrer letzten Ruhestätte geleitet. Die durch ihre Frömmigkeit und Herzensgüte allgemein beliebt gewesene Frau Regine Freund, geborene Grosz, Witwe nach dem seligen Herrn Dr. Adolf Freund, tief betrauert von ihren Kindern, deren ältestes der hier als praktischer Arzt allgemein beliebte und geachtete Herr Hon.-Physikus und Bezirksarzt Dr. Max Freund. — Kurz vorher hatte die äußerst fromme Frau Katharine Quittner, Bicepräsidentin des Frauenvereines, das Zeitliche gesegnet, deren Bahre ihre Tochter und ihr Sohn, der geachtete Großhändler Herr Jacob Q u i t t n e r, Schwieger- und Enkelkinder trauernd umstanden. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Moriz Reich widmete ihnen mit gewohnter Eloquenz, würdige Nachrufe. Satampaf. Die hiesige Chewra - Kadischa hatte für Samstag sämmtliche Mitglieder zu einer Sitzung in den schön decorirten Bereinssaal einberufen, um das 30jährige Jubiläum des hier beliebten Gemeinderichters Herrn Salomon Hacker, als Vorstand der Chewra-Kadischa zu feiern. In seinem Festvortrag bemerkte Herr Rabbiner Ullmann, daß Salomon Hacker volle 30 Jahre als Vorstand der Chewra-Kadischa wirkte und wie er in dieser langen Zeit seiner schwierigen Aufgabe stets zum Wohle des Vereines gerecht geworden^ Sodann schilderte der Herr Rabbiner den Edelmuth, den regen Wohlthätigkeitssinn Hacker's und den Aufschwung, den die Chewra-Kadischa unter seiner trefflichen Leitung genommen. Hierauf überreichte der Herr Rabbiner als Ehrengeschenk einen Silberpocal, welcher von den Vereinsmitgliederu dem Jubilar gewidmet worden war. Tief gerührt, dankte der Jubilar. Sonntag fand ihm zu Ehren ein Fackelzug statt. Herr M. Grünsfeld hielt die Festrede. Feuilleton. Spätes Glück. Erzählung von Regina Reißer. Das prachtvolle, erst vor wenigen Decennien im reinsten gothischen Style erbaute Gotteshaus der israelitischen Reformgemeinde zu P., war an einem schönen klaren Herbsttage des Jahres 1867 in allen seinen Räumen dicht gefüllt.. Die Sonne schien hell durch die mit werthvvlleu, von Meisterhand ausgeführten Malereien bedeckten hohen Bogenfenster und beleuchtete mit ihrem Glanze die in lautloser Stille verharrende Menge Andächtiger. Die hochheiligen ernsten Feste, die Tage des Posaunenschalles, der Versöhuungstag, waren vorüber, das heitere liebliche Fest der Hütten, die Zeit der Freuden, war den Tagen der Reue und Buße gefolgt, heute wurde das Schlußfest begangen. Die israelitische Gemeinde zu P. war eine der ältesten und bedeutendsten des Landes. Als in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren die Reformbewegungen im Judenthume ihren Anfang nahmen, war die Gemeinde zu P. eine der ersten, welche in zwei Theile zerfiel. Eine große Anzahl begüterter Gemeindemitglieder trat, erkennend, daß der Geist der Zeit eine Neugestaltung des Gottesdienstes erheische, zusammen und ihren reichen Spenden gelang es binnen weniger Jahre, einen neuen, dem Geschmacke der Zeit entsprechenden würdigen Tempel herzustellen, einen eigenen Priester, eigene Beamte aufzunehmen und zu besolden. Wo es galt die Jntereffen des gesummten Judenthums zu vertreten, zu heben und zu fördern, in der Stadt unter den bedürftigen Glaubensgenossen Wohlthaten, Liebeswerke zu üben, da erschien die Gemeinde zu P. als ein großes Ganzes; nur in der Ausübung ihrer Gottesverehrung gingen beide Theile ihren verschiedenen Weg. Ungeachtet ihre religiösen Anschauungen weit von einander abwichen, verkehrten die Geistlichen beider Parteien collegialisch — herzlich, nach dem Ausspruche Friedrich des Großen: „Jeder könne nach seiner Weise selig werden." Vor Jahresfrist war der Prediger der Reformgemeinde gestorben. Bon den zahlreichen Bewerbern um die verwaiste, reich dotirte Stelle war Dr. Eduard Seefeld gewählt worden, dessen geist- und gemüthvolle Probepredigt nicht nur lebhaften Beifall erweckt, sondern wahrhaft zündend und begeisternd gewirkt hatte. Dr. Seefeld hatte in früher Jugend seine Eltern verloren. Die politischen Verhältnisse der Jahre 1847 und 1848, verbunden mit Mißernten, batten lähmend auf Handel und Industrie gewirkt, und seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmann in R., dessen Vertrauen ^auf einen Freund, für den er sich verbürgt hatte, schmählich getäuscht worden war, Vermögen und Leben gekostet. Die treue Gattin hatte den Verlust des geliebten Mannes nicht überwinden können, sie siechte dahin und folgte ihm nach wenigen Monaten. Ein entfernter Verwandter seines Vaters nahm sich des verwaisten, gänzlich mittellosen Knaben an. Familienverhältnisse gestatteten jedoch dein Commercieurathe Wohl nicht, ihm, wie eres so gern gethan, in seinem eigenen. Hause Heimat und Vaterhaus zu ersetzen; er übergab den reichbegabten Knaben der Obhut eines tüchtigen, bewährten Lehrers und ließ ihm auf seine Kosten die beste Ausbildung und Erziehung angedeihen. Nach raschem Fluge durch die Elasten des Gymnasiums, oft durch Prämien ausgezeichnet, oft seinen Mitschülern als Vorbild hingestellt, und einem glänzend absolvirten Abiturienten- Examen entschied sich der Jüngling für das Studium der jüdischen Theologie, verbunden mit Philosophie und Geschichte, und bezog die Universität B. Dort hatte kurz vorher die Munificenz eines reichen, hochsinnigen Menschenfreundes ein jüdisch-theologisches Seminar gegründet, und unser junger Freund war Einer der ersten, die zu den Füßen des Meisters, welcher als Director der Hochschule jüdischen Wissens berufen worden war, als lernbegierige Jünger den erhabenen Worten, die den beredten Lippen ihres Meisters entströmten, andachtsvoll lauschten. Voll glühenden Eifers und unbegrenzter Hingabe widmete sich unser junger Freund seinen Studien. Zu stolz, noch länger die Wohlthaten seines Gönners anzunehmen, welcher ihm fortdauernd das wärmste Interesse bewahrte, ertheilte er vielfach Privatstunden, deren Ertrag für seine bescheidenen Bedürfnisse genügte. Mehrere Preisaufgaben, die er während seiner Studienzeit gelöst, hatten neben seiner Doctor-Dissertation die Beachtung der Gelehrtenwelt erregt, und mau prophezeite ihm eine glänzende Zukunft. Während das Seminar dem gemäßigten Fortschritte des Judenthums zuneigte, wurde Dr. Seefeld der begeistertste Verehrer Geiger's und dessen Richtung, und als seine Studien am Seminar sich ihrem Ende näherten, noch vor seinem Rabbiner- Examen der Ruf au eine nicht unbedeutende Gemeinde au ihn erging, lehnte er, da seine freisinnige Anschauung ihm andere Bahnen vorwies, denselben nach reiflicher Ueberlegung ab, beschloß vorerst als Privatdocent in B. sich zu habilitiren und als solcher zu wirken, bis er eine seiner Ueberzeugung vollständig entsprechende Rabbinerstelle finden würde. Nach fünfjähriger akademischer Lehrthätigkeit in B. war er als Rabbiner nach P. berufen worden. Ungeachtet er erst kurze Zeit seinen Wirkungskreis als solcher ausfüllte, hatte er sich bereits in hohem Grade die Liebe und Verehrung der Gemeinde erworben, und man zählte ihn nicht nur in der heimatlichen Provinz, sondern weit über die Grenzen des Landes hinaus zu den gefeierten Kanzelrednern der Zeit; auch als Schriftsteller auf religionsphilosophischem und historischem Gebiete nannte man ihn mit Anerkennung; das moderne Judenthum durfte sich viel von ihm für die Zukunft versprechen! Dr. Seefeld verband seit seiner Studienzeit dauernde innige Freundschaft mit einem jungen Philologen, Georg Heller, und weder Glaubensverschiedenheit, noch Zeit und Raum hatten dieselbe je beeinträchtigt oder gelockert. Als Dr. Heller nach beendigten Studien eine Anstellung als Lehrer am Gymnasium einer kleinen Stadt Ostpreußens erhalten hatte, bot den Freunden ein lebhaft und regelmäßig geführter Briefwechsel einigen Ersatz. Dr. Seefeld hatte die Tochter des Commercienrathes, Blanca, geheiratet, jedoch in seiner Ehe nicht nur weder das gehoffte Glück, noch die gewünschte Befriedigung gefunden, sondern sogar viele bittere Enttäuschungen erfahren, und da er dem Freunde keinen Einblick in sein unglückliches Eheverhältniß gestatten wollte, hatte der Briefwechsel seit Jahren eine veränderte Gestalt angenommen, nur sehr selten flog noch ein Briefblatt von dem Einen zum Andern. Kurze Zeit, ehe Dr. Seefeld das neue Amt antrat, hatte der Tod der jungen schönen Frau die Fesseln gelöst und seine reichen Geistesgaben, seine imponirende Persönlichkeit machten ihn bald zum Gegenstände und Ziele der Wünsche vieler Mütter heiratsfähiger Töchter, diesen selbst begehrenswerth. Dr. Heller hatte nach seiner Beförderung zum Oberlehrer seine Studentenliebe, Marie Ansfeld, die Tochter eines Sub- >