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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-07-26 · 30 (26.7.1895) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 559 all' das Große und Gute zu erfassen, das die bedeutendsten Geister des Judenthums in der Zeit des härtesten Druckes hervorgebracht. Aber alle diejenigen, welche sich noch nicht ganz verschlossen haben dem Worte der Wahrheit, alle diejenigen, welche noch nicht mit mamelukenhaster Stumpfheit blindlings dem Troß ochlokratischer Schreier Nachfolgen, werden vielleicht hören auf die Stimme der Gerechtigkeit, wenn ihnen dazu Gelegenheit geboten wird, sich selbst davon zu überzeugen, was für Bewandtniß es mit der vielverlästerten und vielverleumdeten jüdischen Literatur hat. Aber auch die Kinder unseres Stammes, welche sich bekannt machen mit den Literaturen aller Völker, denen irgend ein moderner Eintagsliterat oft wichtiger ist, als die großen Dichter und Denker des jüdischen Mittelalters, sie werden getreu dem Zurufe des alten Weisen: „Wisse, was Du zu erwidern hast" — vielleicht jetzt, da ihnen dazu das Mittel geboten wird, Kenntniß zu erlangen suchen, von dem was der jüdische Geist hervorgebracht auf den verschiedensten Gebieten des Wissens, der Erkenntniß, was die jüdische Phantasie an herrlichen Blumen und Früchten gepflückt in dem wunderbaren Garten der Dichtkunst. In diesem Sinne ist das Buch, das nun vollendet vorliegt in 25 stattlichen Heften, eine That, eine gute und große Errungenschaft zu nennen, ich meine das Werk: „D i e j ü d i s ch e L r t e r a t u r seit Abschluß des Kanons, eine prosaische und poetische Anthologie mit biographischen und literatu r geschichtlichen Einleitungen" unter Mitwirkung bedeutender jüdischer Gelehrter, herausgegeben von Dr. I. Winter in Dresden und Prof. Dr. Aug. Wünsche, dem hervorragenden und bestbekannten evangelischen Orientalisten in Leipzig. Es ist ein weiter Weg, den uns dieses Werk durch seine drei inhaltsreichen Bände führt. Es beginnt mit jener Literatur, welche auf der Grenzfcheide steht, auf der sich Judenthnm und Griechenthum begegnen, auf der das alte Hellas dem Mosaismus nicht allzufreundlich entgegentritt. Wie Apokryphen bilden die Brücke zwischen alter und neuer Offenbarung jene Bücher, theils geschichtlichen, theils lehrreichen und erzählenden Inhaltes, welche im biblischen Gewände und doch schon theilweise erfüllt mit den Früchten griechischer Denkweise, uns die feinen Fäden zeigen, die da hinübergeleiten vom Judenthum zum Christenthum. Sollen wir hier einen vielleicht zu widerlegenden Tadel gegen das vortreffliche Werk aussprechen, so ist es der, daß uns die apokryphische Literatur doch etwas gar zu wenig vertreten zu sein scheint; und namentlich aus dem Buche „Die Weisheit Salomoni's" wären mit Bortheil Stücke anzusühren gewesen. Philo der Alexandrinische Philosoph und Josephus der Geschichtsschreiber stellen uns den Hellenismus dar in seinen beiden jüdischen Hauptvertretern. Aber nicht blos trockene biographische oder literaturgeschichtliche Einleitungen sind es, die uns mit den Hauptvertretern des jüdischen Schriftthums bekannt machen, wir hören sie vielmehr selbst reden aus ihren Werken, wir lernen dieZeit erkennen an dem, was sie zu uns spricht durch den Mund ihrer hervorragendsten Kinder. Und das eben ist das Lehrreiche in diesem Buche. Es berichtet nicht allein, es läßt die Werke, die es vorführt, selbst sprechen. Die Targumim, d. h. die im 2. und 3. Jahrhundert entstandenen aramäischen Bibelübersetzungen geleiten uns nun zum Zeitalter der Mischna und Gemara und zu jenen poetischen und parabolischen Bibelerklärungen hinüber, die uns die Predigtliteratur der damaligen Zeit darstellen, zu den Midraschim. Gerade auf letzterem Gebivte hat ja Dr. Wünsche das Hervorragendste geleistet, indem er dieses so ferne liegende Gebiet, diese in Wahrheit terra ineoZmta zu nennende Literatur, wie ein kühner Forschungsreisender dem großen deutschen Publicum durch seine vortrefflichen Uebersetzungen erschloß. Daß die Herren Herausgeber dem Capitel Mischna und Gemara einen so bedeutenden Raum gegeben, wird man gewiß loben, hier kann das Buch in Wahrheit werden ein Buch des „Wissens und der Wehr". Was dieses räthselhafte Werk, genannt Talmud, ist, diese seltsame Literaturerscheinung, in welcher „die Stimmen von Jahrhunderten erschallen", jene mächtige Eneyklopädie jüdischen Wissens und einer oft in barocken, seltsamen Bildern sich äußernden orientalischen Phantasie, jenes vieldurchforschte und doch nicht vollständig erkannte Buch, das während der Zeit römischer Gewaltherrschaft entstanden, da Juda längst seine Selbstständigkeit verloren, das uns die alten biblischen Wechselbeziehungen zwischen dem Jordanlande und den Euphratländern wieder aufweist, w»rd man aus den mitgetheilten Proben, wenn auch nicht ganz, so doch zum Theile erfassen; dem Lehrer werden'.sie ein Hilfsmittel sein, wenn er wißbegierigen Schülern ein Bild wird entwerfen wollen von dem, was ihnen sonst vollständig verhüllt wäre, derjenige aber, der gehört hat, der Talmud sei ein Teufels, werk, wird sich vielleicht doch belehren lasien, wie viel wahr- Menschlichkeit und Liebe dieses Werk lehrt in einer Zeit, da ein „edler" römischer Kaiser den Befehl gab, jüdischen Lehrerne die sich mit dem Studium ihrer Thora befaßt und dieses einzige Verbrechen begangen hatten, die Haut abzuschinden, Andere zu köpfen und zu verbrennen. Durch mehr als sechs Jahrhunderte führt uns der erste Band unseres Werkes durch eine Zeit der Uebergänge, da sich an die Stelle einer alten Zeit neue Gebilde setzen und der „alte Pan" einem Mächtigeren weichen muß. Das gewaltige römische Reich ist zusammengestürzt, und auch Byzanz, sowie das neuperfische Reich halten nicht Stand dem jugendkräftigen Islam gegenüber. Die Araber überfluthen die alten Culturländer Asiens und Afrikas und gründen in Spanien ein neues Reich. Nun sehen wir das Judenthum, wie zur Zeit Philos dem Griechenthum, so jetzt den Culturhervorbringungen der „Söhne des Ostens", der Söhne Jsmaels, gegenüber. Mächtig war der Einfluß per arabischen Cultur und Literatur, mächtig der Einfluß der arabischen Wissenschaft und Poesie auf das Judenthum in Asien, Afrika und Europa. Es führt uns also der zweite Band unseres Werkes zunächst das Schriftthum der Geonim und Karaeer vor, die Schriftsteller der spanisch-arabischen Schule, die Mafforethen, Grammatiker und Lexikographen, die Exegcten und die Prediger, die Kabbalisten und die Philosophen. Welch eine Fülle von Wissen, welch eine Schönheit der Rhetorik, welche Tiefe des Denkens, welche seltsamen Pfade des irrendcu menschlichen Geistes offenbaren sich hier dem staunenden Auge! Gewiß mit Dankbarkeit wird jeder Leser es empfinden, daß er hier in ein Land des Wiffens eingeführt wurde, von dem er sich wird eingestehen müssen, daß es ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt war, ein Wissen, das ihm Achtung vor dem Judenthume abringen und, falls er ein Jude ist, sein Selbstbewußtsein erhöhen muß. II. Wir wollen von dem zweiten Bande nicht scheiden, ohne zwei Theile besonders hervorgehobtN zu haben, zunäc'st die Bearbeitung derjüdischenReligionsphilosophie von Dr. Philipp Bloch (Posen). — J.n der sehr klar geschriebenen Einleitung unterscheidet der Verfasser 1. eine kosmot heo logische Periode der jüdischen Philosophie (10. und 11. Jahrhundert), welcher er Saadia und Bachja ibn Pakuda beizählt. Es ist die Zeit des unmittelbaren Einfluffes der arabischen Rationalistik auf die jüdische Denkweise, welcher einerseits durch das „Buch des Glaubens und Wiffens", andererseits durch das volkstümlich gewordene Buch „von den Herzenspflichten" vertreten wird. Die zweite Periode (12. Jahrhundert) ist eine solche des U e b e r g a n g e s zu der aristotelischen Lehre; ihr zählt der Verfasser Salomo Gabirol. Joseph ha-Zadik, Jehuda Halevi, Abraham ibn Esra und Abraham ibn Wand zu. Freilich wird man diese Zusammenstellung kaum überall gelten laffen. indem die Einführung des Neuplatonismus in die jüdische Denklehre durch den bei den christlichen Scholastikern Avicebron genannten Gabirol, eine Ausnahmsstellung in dem Gebäude der jüdischen Philosophie des Mittelalters einnimmt. Die dritte Periode (13. und 14. Jahrhundert) ist die der entschiedenen Herrschaft des Aristotelismus in der jüdischen Philosophie, dargestellt durch den großen Denker Maimonides und seinen „Führer der Irrenden". Die vierte Periode endlich (15. und 16. Jahrhundert) stellt sich in Opposition zum Aristotelismus in der Person des Chasdai Crescas in seinem Werke „Licht Gottes". Die Vertreibung der Juden aus Spanien hat auch den üppig blühenden Baum der jüdischen Philosophie gefällt, ihre Kraft gebrochen, sie verflacht, „während die tieferen Geister der Kabbala in die Arme getrieben werden". Wir haben dieses Capitel aus dem Grunde besonders hervorgehoben, weil wir nach ihm vergeblich in den verschiedenen Büchern der Geschichte der Philosophie suchen. Es füllt somit eine Lücke aus und zeigt, daß man durch ein, wenn noch so beredtes Todtschweigen einen Lebenden doch nicht aus der Welt zu schaffen vermag. Und ferner wollen wir hervorheben die Darstellung der „Darschanim" (Prediger) vom 15. bis Ende des 18. Jahrhunderts von Dr. S. Bäck, welche zusammen mit der Bearbeitung der „Sittenlehrer und Apologeten des

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