Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 558 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 30 Berek ließ den Rockschoß des Redenden los, neigte das Haupt nach rückwärts und zum blauen Himmel emporblickend, schrie er mehr als er sprach: „Er ist gestorben? Der Graf Xaver ist todt? Wie kann das sein? Warum ist er glstorben? Er war ganz gesund als er kam zu mir! Und er war einst so jung und so schön und so lustig und jetzt ist er gestorben? Wie ist das Möglich, daß er soll sein todt?" Die Vorübergehenden, die Eile hatten und das vornehme Begräbniß zu versäumen fürchteten, blicklen erstaunt auf den alten Mann, der, sein Haupt gen Himmel erhebend, jammerte und klagte. Ein Stoß, den man ihm unwillkürlich versetzte, ließ ihn bis an die Mauer zurücktaumeln. Einige halbwüchsige Burschen riefen: „Sieh', sieh', ein Verrückter!" Doch all' dies währte nicht lange, denn wie von einer unbezwinglichen Gewalt ergriffen und vorwärts getrieben, begann der Jude in der Richtung, welche der Leichenwagen eingeschlagen hatte, zu laufen. Die Schöße des langen Rockes mit beiden Händen fassend, lief er mit gebeugtem Rücken, den sehnigen Hals weit vorgestreckt, so rasch, als ihn seine alten, schwachen Beine nur tragen wollten. Er dachte an nichts, sein einziger Wunsch war, den Leichenzug noch rechtzeitig zu erreichen. Do derselbe sich nur langsam vorwärtsbewegte, fiel ihn dies nicht sonderlich schwer. Nachdem es ihm jedoch gelungen war, begnügte er sich nicht damit, sich dem Gefolge als einer der Letzten anzuschließen. Er liest weiter, glitt zwischen den Leuten hindurch, machte sich Bahn wo die Menge am dichtesten war, bis er sich endlich unmittelbar neben den Leidtragenden befand. Ernst und feierlich schritten die Trauernden in der Mitte der Straße einher. Berek trippelte nebenbei; häufig stieß sein Fuß sich an die spitzen Steine. Neben den schwarzen, eleganten Trauergewändern glich sein schäbiger Anzug einem aus dem Rinnstein aufgehobenen Fetzen. Um seine alte Mütze war kein Trauerflor umwunden und unter dem schiefen Schirm sah man die Hornfaffung der Brille, deren dunkle Stangen schwarzen Streifen gleich über die gelbe, runzelige Haut an den Schläfen sich hinzvgen. Er machte den Eindruck eines Tropfens, welcher jener grauen, farblosen, in angemeffener Entfernung gehaltenen Menge entströmt, unmittelbar hinter dem mit Silber reich verzierten Sarge, neben den in elegante, kostbare Trauergewänder gekleideten Leidtragenden sichtbar war. > So folgte Berek dem Leichenwagen, ohne sich nach den vielen Leuten, von denen gar mancher seine Anwesenheit äußerst befremdlich fand, auch nur umzuwenden. Vor ihm, in der sonnenklaren Luft erhoben sich die schwarzen Arme des Kreuzes und feierlich erklang der Gesang der Priester. Unbekümmert um Alles schritt Berek weiter. Plötzlich kam ihm ein Gedanke: „Nu, wieso bin ich hergekommen? Warum lief ich wie ein Wahnsinniger? Warum gehe ich jetzt weiter?" Und doch ging er. So lange er, um den Zug zu erreichen, vorwärts gestürmt war, hatte er an nichts gedacht; ein instinctives, ihm selber unklares, aber unbezwingbares Gefühl hatte ihn mit aller Macht vorwärts getrieben. Jetzt begann er sich zu wundern; nicht nur über sich selbst, auch über den Todten. „Nu. warum saß er damals bei mir, einige Stunden, fast die ganze Nacht? Nu, warum redete er zu mir, wie zu einem Bruder? Nu, warum stürmte ich her hinter dem Leichenwagen, wie ein Wahnsinniger? Nu, warum folge ich ihm jetzt?" So dachte er. wunderte sich immer mehr, sowohl über sich selbst, wie über den Todten und — setzte seinen Weg fort. Bald hatte der Zug die Stadt hinter sich gelassen. Ach. wie hell, wie frisch, strahlend und durchsichtig war hier die Luft! Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich grünende Felder; die weiße Rinde der jungen Birken glänzte im Sonnenlicht, leise rauschten die kleinen Blättchen. Ein sanfter Wind, die goldigen Luftwellen bewegend, verbreitete den Duft der aus der Erde keimenden Kräuter und der Fluß, der jenseits der Hügel durch die Felder sich schlängelte, schimmerte in so tiefer Bläue, daß man glauben konnte, ein Stück des Himmels, den er wiederspiegelte, sei in seine Fluthen gefallen. Seit Langem schon hatte Berek die Mauern der Stadt nicht verlassen; nun er es gethan, überkam ihn die Erinnerung an seine Kindheit und Jugend, die Erinnerung an Strumienica mit aller Macht. Der Wind, die Birken, die goldenen Sonnenstrahlen, Alles flüstert ihm zu: „Strumienica! Strumienica!" Und er steht im Hofe am Zaun, sieht gerade solche Birken, sieht eben solch' tiefblaues Wasser und lauscht dem Rufe des Kuckucks im Walde. . . . „Strumienica! Strumienica!" ruft es auf ihn von allerwärts. Und unverweilt ruht der Blick auf dcm Sarge. „Das war dein und m?in Ursprung . . ." Durch das weitgeöffnete Thor betrat der Zug den Kirchhof und die Leidtragenden zerstreuten sich zwischen den veilchenbedeckten Grabstätten, in dem Walde von Kreuzen und Denkmälern. Berek, angsterfüllt, blieb stehen, die Menge zog an ihm vorüber; er war allein. Das Haupt gesenkt, die Finger an den herabhängenden Händen auseinandergespreizt, irrte der alte Jude zwischen den Birken und Thränenweiden umher und dachte, ja, flüsterte sogar halblaut: „Nu, wieso bin ich hergekommen? Wozu bin ich da? Warum lief ich ihm nach?" Und doch ging er nicht fort. Er fühlte, daß ihn ein unsichtbares Band an den Sarg, der soeben in die Erde gesenkt wurde, kettete. Am entgegengesetzten Ende des Kirchhofes hatte sich die bunte Menschenmenge an einem Punkt versammelt; feierlicher Gesang ertönte. Auf der Spitze eines Grabmals strahlte ein goldenes Kreuz in die Luft empor. Mit gesenktem Haupte, trippelnden Schrittes, irrte der Jude, leise Worte murmelnd, zwischen den Birken und Thränenweiden umher... Das Thor des Kirchhofes stand noch immer weit offen, doch Berek achtete dessen nicht und ließ sich, müde und traurig auf die Erde, unter den Birken nieder. Der Abhang, auf welchem der Kirchhof sich erstreckte, senkte sich bis an das Ufer des Flußes; jenseits des Letzteren schimmerten grünende Felder und gelbe Sandflächen. Der alte Jude blickte empor. „Was ist das?" murmelte er plötzlich voll Verwunderung, „was soll das heißen? das ist ja unser Friedhof! Ich habe gar nicht gewußt, daß man ihn kann sehen von hier." Ein Theil der gelben Sandfläche, von einer niederen Mauer umringt, war mit einer Menge von Grabmälern bedeckt. Keine Kreuze, keine Bäume, keine kostbaren Monumente. Nichts, nur einfache, im Sonnenglanz röthlich schimmernde Steine und rund umher gelber Sand. Der jüdische Friedhof. Das Haupt in die Hand, den Ellbogen auf die Knie gestützt, wiegte sich Berek langsam hin und her. Seine Lippen flüsterten leise: „Das ist dein und mein Ende!" Dann verstummte er, aber lange noch dämmerte inmitten des jungen Grüns, des fröhlichen Vogelgezwitschers und der veilchenbedeckten Grabstätten die armselige, zusammengekauerte Gestalt des alten Juden. Und über den beiden Friedhöfen, von denen der eine mit Bäumen und emporragenden Kreuzen geschmückt, der andere mit einfachen Steinen auf gelben Sandhügeln bedeckt war, breitete sich ein Himmel aus und schien beide Ruhestätten mit einem Bande unendlicher Liebe zu umfangen und zu vereinen. Mn Buch des WUens und der Wehr. I. Die Wogen, der Feindseligkeit und des Hasses schlagen über unseren Häuptern schier zusammen. Laut erhebt sich die trügerische Zunge der Verleumdung gegen uns, die geschärften giftigen Pfeile des bittersten Hohnes sind gegen uns gerichtet und verschonen auch das Heiligste nicht, was das Judenthum während einer jahrhundertelangen beispiellosen Anfeindung und Verfolgung hervorgebracht, seine Literatur. Unwissende und darum desto gefährlichere Gegner, welche nicht im Stande sind, auch nur eine Zeile unseres so mannigfachen, in den verschiedensten Jahrhunderten, unter dem Einfluffe bedeutungsvoller Bewegungen entstandenen Schriftthums zu lesen oder gar zu begreifen und zu würdigen, wagen es die Jauche ihrer unsauberen Beredsamkeit übe* dieses auszugießen und ihm Feindseligkeit gegen alle nichtjüdischen Bekenntnisse vorzuwerfen. Solchen Gegnern gegenüber ist jedes Wort der Vertheidigung in den Wind gesprochen, denn sie haben zwar Ohren, hören aber nicht und ihr leichtes Gehirn wird doch niemals vermögen,