Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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^eyrrrrMrtMrr WoiYenl^ilN '»eite 137 VLi. 8 eine mächtige Anziehungskraft aus. Wie das Institut entstanden, will ich meinen Lesern kurz erzählen. Am 12. März 1889 kamen die Vorsitzer unserer hervorragendsten Wohlthätigkeits-Anstalten im Hause des Herrn Jacob H'. Schiff zusammen, um über die Herbeischnffung von Mitteln zu berathen, ein Gebäude aufzuführen, das allgemein erziehlichen Zwecken dienen, gleichzeitig aber auch eine Heimstätte für die bestehenden jüdischen Freischnlen und für die Agnilar-Bibliothek werden soll. Um das uöthige Geld aufzutreiben, witrde befchloffeu, einen in großem Maßstabe angelegten Wohlthätigkeits-Bazar zu errichten. Dank der Opfcrfreudigkeit, mit welcher Tausende sich an diesem edlen Werke betheiligten, und der Liberalität, mit welcher sie der guten Sache ihre Zeit und ihr Geld widmeten, wurde ein Fond von 125.000 Dollars zusammengebracht, und schon am 8. November 1891 wurde das Hebrew Institute eingeweiht. Gegenwärtig wird es von einer Gesellschaft, Educational Alliance genannt, verwaltet. Da die Aguilar-Bibliothek ihre Bücher an Leser ohne Unterschied der Consession leiht, so erhält sie laut den Statuten unseres Staates von der Stadt-Cassa eine Subvention, die alljährlich nach dem Verhältniß der Zunahme ihrer Bücher und deren Circulation ausgesetzt wird. Sie ist täglich von 9 Uhr Morgens bis 9 Uhr Nachts offen und bleibt itttr an Sabbathen und Feiertagen geschlossen. Die Edueational Alliance bestreitet ihre Aufgaben theilweise aus Beitrügen ihrer Mitglieder, theilweise ans dem Miethzins, den sie von ihren Schnlzimmern und den fast jeden Abend in der Woche besetzten großen Saal einnimmt. Da aber die Ausgaben mit der Zunahme der Einwanderung sich gesteigert haben, so hat das Direclorinm den Beschluß gefaßt, im nächsten December eine Feier zum Besten des Instituts zu veranstalten. Höchst interessant sind die Vorlesungen, welche jeden Sonntag Abend unter der - Aegyde der russisch-amerikanischjüdischen Gesellschaft abgehalten werden. Diese wurde im Mai 1890 von einem Russen, dem Rabbiner Dr. Adolph M. Radin, ins Leben gerufen, der noch gegenwärtig der Präsident derselben ist, und er wird in seinen löblichen Bestrebungen zur Amerikanisiruug seiner Landsleute von seinen Collegen und von gebildeten Laien kräftig unterstützt. Die Borträge sind meistentheils englisch, mitunter deutsch, nur sehr selten hebräisch. Unter den Zuhörern gibt es eine Anzahl russischer, gebildeter Damen, denen es nicht schwer fällt, den Borträgen in diesen drei Sprachen mit Verstündniß zu folgen. Ich gebe ihnen im Folgenden einige Themata der letztjährigen Vortrüge: 1. „Der Nutzen physischer Cuttur", 2. „Die moralische und geistige Hebung russischer Einwanderer," Z. „Geistiger Einfluß astronomischer Studien", 4. Was können wir von der Weltausstellung lernen?" 5. „Haus, Vaterland, Religion", 0. „Blicke in die Vergangenheit", 7. „Jamestown und Plymouth", 8. „George Washington", 9. „Die Biarannen", 10. lieber einige wichtige Capitol aus der Geschichte der Inden in Amerika", 11. „Der Jude in der englischen Geschichte", 12. „Baruch Spinoza", 13. „Emancipation und Religion", 14. „Adolf Jellinek", 15. „Ludwig August Frankel", 16. „Ludwig Kossuth", 17. Shylock und Nathan der Weise", 18. „Warum sollen die Einwanderer Amerikaner werden." rc. Letzten Sonntag Abend war die Halle bis zum letzten Stehplatz gefüllt. Ein Orchester, aus den Mitgliedern der Gesellschaft bestehend, trug eine Anzahl Musikstücke vor, Herr Dr. Radin präsidirte und der Rechtsanwalt S. M. R o ed e r hielt eine Rede, die mit großem Beifall ausgenommen wurde. Er sagte unter Anderem, daß die Juden hierzulande kein fremdes Element wären, daß die Ankömmlinge in der „Mayflower" und deren Kinder viele alttestamentarische Sitten annahmen und mit der Bibel und im biblischen Geiste Institutionen geschaffen haben, die die Grundlage für unsere heutige Gesetzsammlung bilden. Er schllderte den günstigen Eindruck, den das Wirken der Gesellschaft auf die Einwanderer machte, und ermat nie die Zuhörer, so rasch als möglich die russischen Unsitten abzustreifen, die Constmrtion des Landes zu.studiren und treue Bürger des Landes zu werden. Es wäre nicht uothwendig, daß die Israeliten einen Theil der religiösen Gesetze vernachlässigen: der Amerikaner ehre den Menschen, der treu und ehrlich seine Religion befolge. Er wies darauf hin, daß die Gesellschaft außer Verbreitung der Cultur durch Vorlesungen es sich zur Aufgabe gemacht habe, außerordentlich begabten jungen Leuten, die durch die traurigen Zustände in Rußland gezwungen wurden, die Hochschule dort zu verlassen und auszuwandern, hier die Mittel an die Hand zu geben, ihre Studien fortzusetzen und dadurch ein Gewinn für ihr neues Vaterland zu werden. Er forderte deshalb die Zuhörer auf, sich dem Vereine anznschließen und sein Streben nach Kräften zu fördern. Einer der besten und einträglichsten Kunden der Hebrew Institute ist unstreitig das Condttce e>t Edncation fBaron de Hirsch), welches von der Gesellschaft zwo!- Schulzimmer gemiethet hat, in welchen elf Monate im Jahre hu Einwanderern englischer Unterricht ertheilt wird. Tie Tage< schule von 9 bis 1 Uhr hat einen durchschnittlichen Schulbesuch von 600 Knaben und Mädchen; die Abendschule von V28 bis ' A 9 Uhr einen Durchschnitts-Besuch von 300 Männern und 200 Frauen und Mädchen. Die Tagesschulen, hundertzwölf Lehrerinnen unterrichten, brauchen in der Regel fünf Monate, um für die Aufnahme in einer Vrimär-Schule vorzubereiten: wahrlich eine genug kurze Zeit, wenn man bedenkt, daß bei der Aufnahme im Institut wohl Schiffs geruch, aber kein einziges englisches Wort mitgebracht wird. Seit dem vierjährigen Bestände dieser Anstalt sind jährlich etwa 1000 Kinder in zwölf städtischen Schulen untergebracht worden, wo sie nach einem Jahre schon so vollkommen und geläufig englisch sprechen, als wären sie im Lande geboren, und Dank ihrer vorzüglichen Begabung im Rechnen gehen ihre Promotionen von Elaste zu Elasse rasch von statten. Ein Gang durch die Schutzimmer in den Abendstunden, in welchen Männer, Frauen und Mädchen, die sich da nach acht- bis zehnstündiger Tagesarbeit in jeder Jahreszeit versammeln, um sich die englische Sprache anzueignen, hat schon manchen Besucher von seinem Vorurrheil gegen die russischen Einwanderer vollständig geheilt. Keine andere Elaste von Einwanderern ist von gleichem Wiffensdrange beseelt; keine, die sich mit so großem Eifer und solcher Ausdauer dem Erlernen unserer Landessprache hingibt. Der Anblick von mitunter ergrauten Männern, die ihre Kinderjahre weit hinter sich haben, wie sie mit ihren ABC-Büchlein itt der Schulbank sitzen und dem Unterrichte ihrer Lehrer aufmerksam folgen, ist rührend und zugleich erhebend. Von den Schwierigkeiten beim Erlernen des Buchstabirens und der Aussprache des Englischen weiß Jeder, der diese Dornenbahn betreten hat. Tausendmal schwieriger aber wird es für unsere armen Russen, weil sie leider keine Muttersprache haben, denn ihr „Mamme Loschen" ist in grammatischer Anarchie geboren, hat nie ein grammatisches Joch getragen, ist wie „eine Waldeselin, gewohnten die Wüste, in ungestümer Leidenschaft nach Athem schnappend". Und doch steigen sie von Stufe zu Stufe, vom ersten bis zum fünften Lesebuche, der Geschichte der Vereinigten Staaten und dem Studium der Constitution des Landes und des Staates New-Iork. Nur in den unteren Elasten wird ihnen erlaubt den Jargon als Uebersetzung zu gebrauchen; in den oberen Elasten wird darauf gedrungen, daß sie jeden schwierigen Satz paraphrasiren, und der Lehrer definirr jedes ihnen unbekannte Wort durch einen englischen Ausdruck. Interessant ist die Melammedim-Claffe, welche 'es sich zur Aufgabe gemacht hat, in ihren chedarim den Jargon als Unterrichtssprache abzuschaffen und durch die englische zu ersetzen. Diese Elaste besteht aus zwanzig Hörern, sogenannten „Maskilim" (jüdische Schöngeister), die den Shakespeare mit allen Meforschim lesen,^ Macaulaffs Essays gründlich behandeln, und in englischer Sprache debattiren.