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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 136 VeSerretltztsltzr Wmtzenfchrifi Nr. 8 Bersolgnngen geworden und was sie, bei milderer gerechter Behandlung hätte werden können. . . Kurz, der sonst so kühle und phlegmatische Engländer ließ sich von dem Gegenstand wider seinen Willen Hinreißen und sprach in einem ganz anderen Sinne sich aus, als er ursprünglich beabsichtigt. Die gewonnene Bekanntschaft mit dem russischen Judenthum (wobei sich der skeptische Engländer von jeder Beeinflussung sorgfältig fern hielt, Alles mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören, mit eigenen Gefühlen prüfen wollte) hatte ihn vollständig bekehrt und ihn zu einem glühenden Verteidiger dieser unglücklichen Parias gemacht, mit denen er anfangs selbst durchaus nicht sympathisirte. Diese Aenderung der Gesinnungen von Mr. White mißfiel in gewissen Sphären, erregte Anstoß. Man begann den Agenten des Baron v. Hirsch mit einem gewissen Mißtrauen zu betrachten, (obgleich er, Dank seinem Vollmachtgeber, durch den Prinzen von Wales den besten und höchsten Kreisen Petersburgs sehr warm empfohlen worden war) und er predigte tauben Ohren. Man wollte eben nicht sehen, nicht hören. Man sann nur auf Mittel, wie man den „jüdischen Aussatz" los werden könnte. Man glaubte eben an die Möglichkeit, eine neue Völkerwanderung zu insceniren, in möglichst kurzer Zeit fünf Millionen Menschen aus der alten in die neue Welt zu verpflanzen. Am liebsten hätte man sie sammt und sonders in ein besseres Jenseits geschickt. Das wäre eine radicale und definitive Lösung der Judenfrage geworden. Man wollte die Juden überhaupt nicht. Sogar die getauften mochte man nicht und stellte der Taufe der Neophilen die größten Hindernisse in den Weg. Um zur evangelischen, protestantischen oder katholischen Kirche überzugehen, war für den Juden die Genehmigung des Ministers des Innern erforderlich, die nur selten, nur ausnahmsweise ertheilt wurde. Und dann mußten dieNeophiten im Laufe eines Jahres Religionsunterricht nehmen und sich außerdem noch einem öffentlichen sehr strengen Examen unterwerfen. Erst nach Bestehen dieser Prüfung konnten sie ausgenommen werden. Der Uebertritt zur rechtgläubigen Kirche vollzog sich weit leichter. Und auch hier begannen Gerüchte zu circuliren, daß der Neugetaufte erst nach einer gewissen Zeit blos gewisse Rechte genießen würde; der Besitz der Vollrechte würde erst der nächsten Generation zu Theil werden. Wie gesagt, die Strömung war eine derartige, daß man die Juden ooüts que coüte los werden wollte und nicht abgeneigt schien, dem Beispiel Spaniens im fünfzehnten Jahrhundert zu folgen, daher es auch nicht zu verwundern war, daß Mr. White blos tauben Ohren predigte. Man wollte eben die Wahrheit nicht hören, und wenn HerrWhite urdi et orbi-verkündet», daß die russischen Juden keine Parasiten seien, keine Schmarotzer, diesich von den Säften ihrer Umgebung nähren, die nicht säen, sondern das zu 'ernten bestrebt sind, was Andere im Schweiße ihres Angesichtes qesäet. wenn er Beweise darbrachte, daß die jüdische Bevölkerung eine friedliche, nüchterne, arbeitsame sei; daß ihr geistiges und häusliches Leben allen Anderen zum Muster dienen könne; daß die Armuth und Notb, in der die russffchen Juden schmachten, nur eine Folge der in Bezug auf sie permanent angewandten Ausnahms- und Zwangsmaßregeln sei.zucktemanskeptisch, höhnisch lächelnd die Achseln und wunderte sich, wie so ein anglikanischer Christ ein so eifriger Bertheidiger der Juden geworden. Man gab Herrn White in nicht mißzuverstehender Weise anzuhören, daß er nur seine Aufgabe zu erfüllen habe, die Bedingungen der Emigration festzustellen, daß man seine Ansichten über die Tugenden und Vorzüge der russischen Juden durchaus nicht zu hören wünsche. Und dann begann das große Werk der Organisation des Exodus. Man muß gestehen, daß die russische Regierung eine große Coulance. ein bedeutendes Entgegenkommen bekundete. Es wurden Conceffionen gemacht, die man kaum für glaublich gehalten hätte. So groß wc^r der Eifer, die Juden los zu werden. Doch muß ich bemerken, daß in dieser Beziehung sich bald ein radicaler Umschwung vollzog und man die Emigration durchaus nicht mehr so freudig begrüßte. Trotzdem, daß die Auswanderung bis jetzt nur in sehr bescheidenen Dimensionen vollzogen wurde und daß an eine „Befreiung der Russen vom Judenjoch" eben so wenig zu denken ist, als an eine Umwandlung der Steppen Centralasiens in die Lorbeerhaine von Sorrento, beginnt man jetzt diese Idee der Massenauswanderung mit innerem Groll zu betrachten. In gewissen Theilen des ohnehin nur sehr dünn! b'villkerten Reiches beginnt sich eine Entvölkerung bemerkbar ' zu machen, die selbst den fanatischesten Dynastpatrioten nachdenklich macht. Zahlreiche Ortschaften des Nord- und Westgebietes stehen fast leer; Handel und Wandel liegt darnieder, Industrie und Gewerbe stockt; die ländliche Bevölkerung verarmt und die städtische zieht ein zahlreiches Proletariat heran. Die Folgen der Auswanderung beginnen sich fühlbar zu machen und selbst die ultranationalen Heißsporne unserer Hetzpresse beginnen einzusehen, daß in der Emigration die Lösung der Judenfrage nicht zu finden sei und daß man sich dabei ins eigene Fleisch schneide, indem man die Juden zu treffen meint. Die Emigration hat keine Aussicht auf Erfolg. Trotzdem hat sich Barvn Hirsch unsterbliche Verdienste um das russische Judenthum erworben, indem er dieses großartige Werk inscenirte. Die blühenden Colonien in Argentinien thun dar, daß der Jude durchaus nicht blos ausdauernd im Schachern und Wuchern sei, daß er unter günstigen Verhältnissen auch zu der Beschäftigung seiner Ahnen zurückkehren könne. Mit Neid lesen die Russen die Nachrichten liker das Aufblühen und Gedeihen der jüdischen Colonien in Südamerika, und es taucht bereits die Frage auf, ob man gut daran gethan habe, solche nützliche Bürger ziehen zu lassen, ob es nicht ersprießlicher wäre, den Juden ein menschenwürdiges Dasein in Rußland zu gewähren, wenn nicht aus Humanität, so doch aus Egoismus. Ueber diese neue Physik der Judenfrage jedoch in einen meiner nächsten Briefe, wo ich dieselbe eingehend erörtern werde. M. x. St. Petersburg, 2. Februar. Am vorigen Mittwoch empfingen Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin die Deputationen der verschiedenen Stände. Provinzen. Nationalitäten rc. des russischen Reiches, und selbstverständlich verabsäumte es auch die jüdische Bevölkerung Rußlands nicht, dem angestammten Herrscher den Ausdruck der Ergebenheit und Huldigung darzubringen. Unter den Deputationen der nichtrussischen Confessionen waren folgende jüdische vertreten: für die jüdische Gemeinde von St. Petersburg die Herren Baron H. Günzburg, Rabbiner Dr. D r a b k i n und Banquier Wawelberg; für Odessa: Rechtsanwalt Margnli s. Ingenieur W e i n st e i n und Banquier C h a j e s; für Cherson: Rabbiner B l n menfeld und die Rechtsanwälte Bunzelmann und F e l s e r; für fünfunddreißig jüdische Ackerbaucolonien aus den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw: die Bauern Löwen st ein, Mukazer und Wercholow; für das Gouvernement Taurien: Rabbiner Helpern-Kertsch, Rabbiner Dr. Perelmann- Simferopol und Herr K a m e n k a -Sebastopol; für Minsk: Rabbiner C h a n e l e s, Dr. L u n z und Herr L u r i a; für Kischinew: Herr A. Grinberg (Vorsitzender des Odeffaer Palästina-Vereines), Dr. Blumenfeld und Dr. Bernheim. Unter den den Majestäten dargebrachten Huldigungsgeschenken wurde das der jüdischen Gemeinden des Gouvernements Taurien, bestehend in einer prachtvollen, reich mit Gold verzierten Thorarolle, allgemein bemerkt. Am Abende desselben Tages fand in der großen Synagoge ein Dankgottesdienst statt, bei welcher Rabbiner Dr. D r a b k i n eine begeisterte patriotische Rede hielt. New-Horkrer Briese. 21. Jänner 1895. Das Hebrew Institute, Ecke der Jeffersonstraße und East-Broadway, das einen Flächenraum von 87X92 Fuß einnimmt, wird , mit Recht das jüdische Cooper Institut genannt. Als jüdische Anstalt ist es ein Unicum. Das fünfstöckige Gebäude. hat am East-Broadway-Eingang einen Fahrstuhl, der die Besucher nach den oberen Stockwerken bringt. Ebenerdig ist ein großer Saal mit 710 Sitzen für Vorlesungen Concerte rc; in: vierten Stock befindet sich die Aguilar- Freie Leihbibliothek, mit einem anstoßenden geräumigen Lesezimmer. Im fünften eine Turnanstalt, eine Küche, wo Unterricht im Kochen ertheilt wird, in allen Stockwerken Schulzimmer, und an warmen Sommerabenden wird sogar das Dach als Garten benützt. Im Keller befindet sich ein Dynamo, welches die Anstalt mit elektrischem Licht versorgt, das Gebäude kann aber nöthigenfalls auch mit Gas beleuchtet werden. Das Institut steht im Mittelpunkt unseres freiwilligen russischen 'Ghettos und übt auf dessen Bewohner

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