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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 OrSrrrrtchifchr Wochrnfchrifl Seite 35 Seminars in Breslau, Dr. David Rosin, vor der Zeit hinweggenommen worden. Denn wenn der Tod jedes Guten ein vorzeitiger zu nennen ist, so hat hier das Schicksal einen Säemann uns entrissen, der noch kraftvoll und zukunftsreich hinter dem Pfluge einherschritt und noch manche Ernte einzuheimsen verhieß, die Nahrung und Labung für Viele hätte werden sollen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes Einer von Denen, auf die das goldene Wort der Alten anzuwenden ist, daß bei ihrem Heimgange Alle ihre Verwandten werden, und die es werth sind, daß nicht nur an ihrer Bahre in thränenerstickter Stimme die Todtenklage um sie erhoben werde, sondern daß die Augen sich feuchten, wo die Kunde von ihrem Hintritt laut w rd. Denn mehr a's jemals bedürfen wir heute des stillen Segens, der von Erscheinungen ausgeht, wie der Heimgegangene eine war, mehr als jemals gebührt heute der Zoll unserer Thränen einem Lehrer in Israel, dessen gesegnete Wirksamkeit hundertfältig in unser öffentliches Leben eingemündet hat, wenn er auch lautlos wie ein milder Stern seine Bahn unter uns gezogen hat! Und wahrlich, ein Lehrer in Israel ist dahingegangen, der über alle Stufen des Unterrichts sich emporgerungen hat, bis er an die hohe Stelle gelangte, von der sein Wort durch seine Jünger wie durch seine Schriften in die weitesten Kreise drang. Er hat der Reihe nach Kinder, Lehrer und Rabbiner herangebildet, auf allen diesen Stufen ein begeisterter Verkünder des göttlichen Wortes, durch Lehre und durch Beispiel einer der besten und reinsten Träger und Verkörperer des Judenthums. Bon der Jugend ist er ausgegangen, einer der ersten Religionslehrer von altem Geist und neuer Würde, einer der verdientesten Schulenstifter unserer neuesten Geschichte, denn die erste große Religionsfchule der Berliner Gemeinde war sein Werk. Bon Meistern der rabbinischen Literatur in den Talmud eingeführt, dem er, auch darin anders als die Jüngeren, bis an sein Lebensende treu und anhänglich blieb, von dem großen Begründer der Kritik und Literaturkunde in der Wissenschaft des Judenthums, von S. L. R a p o p o r t, für die Methode der neuen Forschung gewonnen und begeistert, zu den Füßen derHäupter deutscher Wissenschaft wie August Böckh, Beneke und Z u m p t zum Philologen gebildet und geweiht, schloß der fertige Mann, der in jeder Gemeinde Israels das rabbinische Lehramt mit Fug und Würde hätte bekleiden können, mit der Jugend sich in die Schule ein, zufrieden, Saaten von Licht und Wärme in die jungen Herzen zu legen und die Zu- .kunft einer großen Gemeinde erobern zu helfen, nicht für sich, sondern für sein angebetetes Judenthum. Da war wirklich einmal für die Kinder das Beste eben gut genug geworden. Aber der Jugendbildner war auch nach dem alten Worte der den Unterricht über Alles auf dieser Erde schätzenden Rabbinen als Stern angesehen worden, dem es auf seine Laufbahn mitgegeben schien, daß sein Licht einst von größeren Höhen herableuchten solle. Der Freundschaft der Besten gewürdigt, von Michael Sachs und MoritzVeit in ihren Verkehr gezogen, vermochte er neben seinem unermüdlichen Wirken im öffentlichen Dienste in stiller Vorbereitung und Mitarbeit für die Zeit sich zu rüsten, da höhere Aufgaben an ihn heran- . treten würden, wie sie bald in der Thätigkeit am Berliner Lehrerseminar, das Leopold Zunzan seiner Spitze gesehen hat, sich für ihn eröffneten. Wie ein Gotteslohn für selbstlose Hingebung und unverwelkte Treue zur L.ebe seiner Jugend, der jüdischen Wissenschaft, sollte ihm aber bald in der Wirksamkeit am Breslauer Rabbinerseminar, zu der kein Geringerer als Zacharias Frankel ihn berief, die Krönung seines Lebenswerkes, des Unterrichtes, beschieden sein. Eine Krone war eben dieser Pflanzstätte jüdischen Wissens vom Haupte gefallen; Jacob Beruays war als Oberbibliothekar und Professor nach Bonn berufen worden. Es war eine hohe, aber eine harte Aufgabe, in diese Lücke zu treten, in eine Sphäre versetzt zu werden, an der die erstem. Sterne rer neueren jüdischen Wissenschaft leuchteten. Aber der Mann, der diesem Rufe folgte, war vorherbestimmt gewesen, in seine Stellung hineinzuwachsen, mit dem heiligen Ernste und der eisernen Forscherkraft, die ihm eigen war, in den Jahrbüchern dieser Anstalt mit nnverlöschlich glänzenden Zügen sich einzugraben und Schüler und Mitforschende zu steigender Anerkennung und Verehrung mit sich emporzutragen. Nie ist em Lehrer ein größeres B e s i tz t h u m einer Schule gewesen, als er es wurde. Viele werden erst in ihren Mannesjahren, im Amte und in der Forschung sich darauf betroffen haben, wie tief die Saaten in ihnen gewurzelt waren, die, ihnen selber halb unbewußt, von seinen Borträgen in die Furchen ihres Geistes gefallen waren. Aber Keinen wird es gegeben Haben, dem die blanke Biederkeit seines Wesens, die hoheitsvolle Reinheit feiner Persönlichkeit sich nicht von Anfang an vorbildlich singeprägt haben würde. Wie im Ton seiner Stimme das Herz hervorschlug, wie im Glanz seines Auges der Grund seiner Seele leuchtete, so stand hinter seinem Unterricht sein Charakter, hinter jedem Worte, das seinem beredten Munde entströmte, hinter jedem Satze, der seiner weihevollen Feder entquoll, seine anbetungswürdig reine Persönlichkeit. Redlich und streng gegen sich selbst, unerbittlich in der Durchführung des für wahr und heilig Erkannten, hatte er sein Handeln wie sein Forschen zu einem Gottesdienst gestaltet, zu dem wie eine ewige Ampel die Liebe zur Wahrheit ihm leuchtete. In so harter und ehrlicher Arbeit mit seinen Wissensstoffen hat Niemand oder selten Einer gerungen, wie er; darum erschloß sich ihm aber zu nahrungspendender Ackerkrume, was Anderen als steiniger und unfruchtbarer Grund entgegenstarrte. Er batte in der Talmudschule seiner Jugend gelernt, was es heißt, sich über das Berständniß einer Materie keiner Täuschung hingeben, wie er es von den Meistern und Begründern der deutschen Philologie gesehen hatte, wie man es anfängt, einmal Erkanntes nachznerkennen, früher Gedachtem neu belebend nachzudenken. Stimmen der Vergangenheit abzuhören, das Siegel der Worte zu lösen und auf der Spur der Sprache den Geistern zu folgen, die aus ihr zu uns reden. Man muß es selber erfahren haben, wie die feinsten Gedanken, die Geheimnisse und Perlen der Auslegekuust eines Samuel b. Meir unter seiner Meisterbehandlung aufzuleuchten begannen, wie Abraham Jbn Esra die Hüllen von den verstecktesten Anspiegelungen vor feinem wahrheitsuchenden Spürsinne wegzog und dasRäthselwort gleichsam ihm ins Ohr raunte, von so tiefbohrendem Eindringen bezwungen, wie Mose b.Nachman's ehrfurchtgebietender Tiefsinn unter dem Zauber seines Wortes das Herz des Hörers gefangen nahm und die Hoheit dieses innigsten und quellendsten aller Ausleger der heiligen Schrift Leben und Gestalt annahm und hinter seinem Worte hervortrat, um den Verlust zu ermessen, den unsere Philologie und Exegese in seinem vorzeitigen Heimgange erlitten haben. Es war aber auch ein Verein seltener Gaben, der diese Leistung zeitigte. Mit der wissenschaftlichen Schulung und Sachkenntnis verband sich ein künstlerisches Nachempfinden, das dem fremden Gedanken bis in seine feinsten Wendungen nachzugehen verstand, der Klarheit und Helle des Geistes und der Urtheilskraft stand eine Wärme und unberührte reine Einfalt und Kindlichkeit im Gefühle zur Seite, die ihn zum Nachdichter und Uebersetzer vom Hause aus befähigte und vorherbestimrnte, für den die Schwierigkeiten Abraham Jbn Esra's nur zu bestehen schienen, um unbemerkt sie zu überwinden und ohne Bergewaltignng der von ihm unvergleichlich anmuthsvoll gehandhablen Muttersprache nachzuahmen. Was er für diesen Heros unseres mittelalterlichen Schriftthums gethan hat, genügt allein, um das Andenken eines Forschers in der Wissenschaft zu sichern. War er ihm doch mit allen Kräften seines Geistes wie seines Herzens nachgegangen, hatte er doch seine Quellen aufgesucht, um sich zu erfüllen mit den Vorstellungen und Anschauungen, aus denen heraus er gedacht und gedichtet hat. Ach, daß es sein Torso hat bleiben sollen, was im Geiste des Urhebers ein vollendetes Kunstwerk >u werden bestimms war. Denn erst in der Gluth undJnnigkeit von JbnEsra's religiöser Poesie hätte die volle Congenialität und Liebe seinen Uebersetzers sich uns offenbart, von der bis jetzt nur einet Theil kennen zu lernen uns beschieden war. Unersetzlich aber bleibt vollends der Verlust, den die Wissenschaft dadurch zu beklagen hat. daß die Gesammtdarstellung von JbnEsra's Weltanschauung, einem der bedeutsamsten Probleme der mittelalterlichen Geistesgeschichte, die Ros in allein nur hätte hinterlaffen können, nicht zur Vollendung kommen durfte. Auf Grund der bis in die letzten Fragen der Texteskritik vollendeten Beherrschung des gesammten. von diesem Denker und Bibelerklärer herrührenden Schriftthums hätte er allein nur die zerriffene Einheit, die wir nicht nachschaffen können, das geistige Band der auseinandergefallenen

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