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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 26 Vrsterretchlfchr Mschenfchrifl Nr. 2 Glieder an der Hand seiner reichen, dem Denker in seine Ursprünge und Antriebe nachgehenden Studien herzustelleu vermocht. Ilber was bedeuten die Verluste, die durch das Erlöschen seines Lichtes unsere mittelalterliche Literatur und ihre Heroen erlitten haben, gegen das, was unser altes heiliges Schriftthum und die hebräische Grammatik in diesem ihrem liebreichen Pfleger verloren haben! Nur einen Hauch seines Geistes haben die exegetischen Beiträge, die er zur Z u nz-Jubelschrift geliefert hat, in weitere Kreise getragen. Aber nur denen, die seiner sprudelnden Rede, in der seine unvergleichliche Sprachkraft sich offenbarte, Zeugen geworden sind, wird das Bollmaß seines Könnens auf dem Gebiete der Auslegung des Gotteswortes zum Bewußtsein gekommen und in Erinnerung geblieben sein. Zahllose Beobachtungen und Entdeckungen, wie sie nur das liebevollste Eindringen belohnen, bereicherten und schmückten seine Vorträge, in denen vom Geiste der von ihm interpretirten Auslegungskünstler ein Theil lebendig geworden war. Wie leuchtete sein Auge, wie strömten die Lippen, wenn er eine versteckte Falte des tiefgründigen Bibelwortes enthüllte und aus tiefster Gläubigkeit und Ueberzeugungsgluth heraus die Offenbarungen des Gesetzes zu seiner Seele Seeligkeit zu deuten und zu preisen vermochte. Dann löste der Redner den Schriftgelehrten ab, der Lehrstuhl ward zur Kanzel,' der Unterricht Weihe, der Philologe ging im Theologen, der Wortforscher im Schriftdeuter auf! Aber von allem diesem werden Viele zeugen können, die sein Wort vernommen haben, ganz aber und in seiner wahren stillen Größe werden nur die ihn gekannt haben, denen in sein tapferes Herz und auf den Krystallgrund seines Gemüthes zu schauen vergönnt gewesen ist. Denn er hat auch dem Leben angehört und den Kampf nicht gescheut, wo es seine Ueberzeugung und das Recht der als wahr erkannten Sache galt. Er hat Schicksale getragen und den Widerwärtigkeiten des Lebens zu widerstehen gewußt, wie es nur dem Geiste so sehr den Quellsprung des Gemüthes verrathender Gläubigkeit gelingt, wie sie in seinem großen Herzen lebte. Ohne das Herz auf den Lippen zu tragen,' keusch und zurückhaltend im Gefühlsausdruck, aber menschenfreundlich und entgegenkommend gegen Jedermann, kannte der Mann mit dem Kindergemüthe nur Einen Haß. gegen das Gemeine, nur Einen Trotz, wider alle Falschheit und Doppelzüngigkeit. Nie ist ihm die Wissenschaft über den Charakter gegangen, nie hat Wiffen ohne Würde, nie Gelehrsamkeit ohne Sittlichkeit ihm zu imponiren vermocht. In seinen Lebensgewohnheiten bedürfnißlos, in seinem Pflichtgefühl und seinem Tagewerke von der Regelmäßigkeit einer Uhr. hatte er stets Mittel und Zeit genug, der werkthätigen Menschenliebe sich zu weihen, wenn sie ihn rief. Ein Wohlthäter der Armen, hat er auch zahllosen Reichen wohlgethon, deren Herzen er zu öffnen, die er für gute Werke heranzuziehen verstand, da dem Zauber seiner Rede, der Milde und ins Herz dringenden Hoheit seines Wortes nickt leicht ein Mensch sich verschloß. So ist es gekommen, daß der stille Schriftgelehrte ein Synaaogengründer geworden ist und daß den Besuchern des herrlichen, lebenspendenden Eilands in der Nordsee, das jüdische Gotteshaus von Norderney, das er aus milden Gaben anfgerichtet bat und noch aus neu einströmenden Mitteln zu erweitern die Genugthuung hatte, noch in fernen Zeiten von dem trefflichen Gelehrten und seltenen Menschen und Bekenner erzählen wird, der mehr als fünfundzwanzigmal an dieser Küste Stärkung und Lebensverlängerung, ja bleibende Jugend geholt hat. Und so bat er denn auchzuletztvondort nochHoffnung für ein neues Wegstück und verjüngte Schaffenskraft heimgebracht. Er hat seine Vorlesungen über die jüdische Religionsphilosophie, die er nach Freudenthal und Joel tradirte, abgeschlossen und für den Sommer auf die Lectüre Philo's sich gefreut, in den er seine Hörer einzuführen vorhatte; zu Ostern sollte Abraham I b n E s t o wieder an die Reihe kommen. Das greise Haupt von jungen Plänen voll, im Blüthenschnee der Hoffnungen und Entwürfe, die seine reine, nur dem Guten und Ewigen zugewandte Seele hegte, ist er am letzten Tage des bürgerlichen Jahres wie ein treuer Arbeiter, der sein Tagewerk voll geleistet und sein Haus in Ehren bestellt hat, ohne Leiden zu jenen Höben emporgehoben worden, zu denen der Aufschwung feiner begnadeten Seele in sehnenden Augenblicken der Weihe und der Ahnung auch schon beim Leben auf Flügeln des Glaubens ihn emporgetragen hat. Fünf Tage lang hatte er noch die Freude, sein einziges Kind, Dr. med. Heinrich Rosin, der den Schauplatz seiner vielverheißenden Thätigkeit, die Klinik Profeffor Senator's in Berlin, für diese Zeit verlassen hatte, um den Vater wiederzusehen, dessen Glück seine heißgeliebte Gattin vor Jahren schon in ihr allzufrühes Grab mitgenommen hatte. Neugestärkt glaubte er, der Arbeit sich zuwenden zu können, die aller Orten auf den reichen Aeckern, die sein Fleiß angebaut hatte, zur Ernte lud, als die Hand ihm entsank, die so viel Saaten des Guten und des Bleibenden ausgestreut hat und noch zu so viel segensvollen Werken die Kraft in sich verspürte. Ja, der kalte eisige Arm des Todes war bereits nach ihm ausgestreckt, als er noch ein letztes Unterpfand seiner Liebe, einen Brief voll guter Werke, zu denen er die Anregung bot, aussandte. Die Schreckensbotschaft seines vorzeitigen Heimganges war in das Haus des Freundes und Schülers, dem sein letzter Gruß gegolten, verwüstend und erschütternd eingebrochen, als das Liebeszeichen seiner Hand wie ein letzter Segen der Unheilskunde nachfolgte, als hätte er sterbend noch für die Wahrheit zeugen wollen, daß stärker als der Tod die Liebe bleibt, daß das Große und Edle, das ein Mensch stiftet, nicht mit ihm zur Grube fährt, und daß es ein Unsterbliches im Menschen gibt, den göttlichen Geist, unser Theil von oben, das der Unterwelt ihren Stachel entwindet und über Untergang und Vernichtung zur Höhe des ewigen Lichtes sich aufschwingt! Beitrag zur Geschichte der ruflischrn Juden. *) m. Pflichten ohne Rechte. Ja, es war eine traurige, schmerzensreiche Periode, die wir im Laufe der langen dreizehn Jahre Bevor ich das eigentliche Thema berühre, gestalte ich mir, zwei historisch authentische Anekdoten anzuführen, welche diese böse Zeit der schweren Noth trefflich illustriren. Zu Zeiten des vor etwa zwei Jahren verstorbenen Petersburger Stadthauptmanns (Polizeichefs) General Gresser kam nach Petersburg aus Wilna ein erster Gilde-Kaufmann, Israelit, ein sehr angesehener Industrieller. Wie es bei uns üblich ist, wurde ihm sofort vom Dwornik (Hausknecht) des Hotels der Paß abgefordert, um ihn im Polizeirevier anzumelden. Doch gleich darauf wurde ihm der Paß mit dem ominösen, rothen Stempel „NaWyjesd" (d. h., daß der Betreffende sofort die Stadt zu verlassen habe) retournirt und ihm seitens der Hotelverwaltung bedeutet, daß er höflichst aber dringend ersucht werde, die Thüre des Gasthofes von außen zuzumachen. Nun müssen Sie aber wissen, daß laut Gesetz ein jüdischer Kaufmann erster Gilde aus einer Provinzialstadt gesetzlich das Recht hat, in der Residenz sechs Monate zu verweilen. Doch während General Gresser sein Scepter über Petersburg schwang, wurde diese Verordnung nicht beobachtet und hing es von dem guten Willen dieses Polizeichefs ab, die Erlaubniß zu ertheilen oder zu verweigern, wozu ihm besonders die außerordentlichen Machtbefugnisse des kleinen Belagerungszustandes erwünschten Anlaß gaben. Doch auch ohne diese schrankenlose Vollmacht hätte General Gresser mit einem Juden keine Umstände gemacht. Ein Jude, ich bitte Sie, was will der sagen, ein vogelfreier Helot, ein rechtloser Paria. Er war ein sehr gestrenger Herr, dieser weiland höchste Chef der Residenzpolizei, und ein geschworner Judenfeind, trotzdem daß seine Frau eine Jüdin war. Er hatte dieselbe ihrem Gatten, einem Kaufmann in Kameny Podolsk, wo er Gouverneur gewesen war, abspenstig gemacht und darauf geheiratet. Das war ein Weib von berückender, orientalischer Schönheit, eine echte Zionstochter, die aber wahrscheinlich in Folge häuslicher Verhältnisse ihren ehemaligen Glaubensgenossen keine Sympathien entgegentrug. Wenigstens hat man nie gehört, daß diese *) Von einem unserer hervorragendsten Glaubensgenossen in St. Petersburg. D. Red.

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