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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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b<i™ w 'w<wt iT Trw^^agwrii «nrr* w tttreadfe^m&i«5iree«^-.aa3aaEEflflg«ffl3H8äsaBMB^«i»»<iq**^^ Seite 24 Vesterretchtfchr »ochrnpchrM Beim Anblick des Spinoza-Denkmals im Haag rief R e - n a n aus: „Bon hier aus ist Gott vielleicht am nächsten geschaut worden." Goethe und die Juden. Einer der glühendsten Verehrer und gründlichsten Kenner Spinoza's war Wolfgang Goethe, den die Antisemiten gar zu ihrem Spießgesellen erniedrigen möchten. Wenn er auch vor vielen Jahren sang: „Nicht über Zeit- und Landgenossen Mußt Du Dich beklagen; Nachbarn werden ganz andere Possen Und auch Künftige über Dich sagen", daran hat er wohl nicht gedacht, daß ihn einmal Apostel des Rassenhasses als ihren Genosten reclamiren würden. Wir wiffen, mit welcher liebevollen Wärme er den musikalischen „Judenjungen" Felix Mendelssohn-Bartholdy umfaßte, und in den Briefen David Beit's an Rahe! lesen wir, wie er diesen unreifen Studenten aus Judäa mit nahezu väterlicher Freundschaft beglückte.' Erstand mit Fried l ander u. A. in freundlichstem Verkehr, und er war es, der den Maler Oppenheim thätig förderte, dem Improvisator O. L. B. Wolfs in Weimar eine Profeffur verschaffte u-d nicht nur Michael Beer's „Paria" öffentlich belobte, sondern ihm sonst noch, wie er sich gegen Eckermann ausdrückte, „eine Freude zu machen" bestrebt war. Wie hoch er Meyerbeer schätzte, erhellt daraus, daß er — die Wagnerianer mögen ein Kreuz schlagen! — wiederholt äußerte, nur dieser sei würdig und fähig, den Faust zu componiren. Und, um seine Sündenregister hier zu schließen, er las seine neuesten dichterischen Erzeugnisse, namentlich in Karlsbad, am liebsten jüdischen Domen, wie der Frau von E s k e l e s, G r o t t h u s rc. vor, zu welcher Thatsache Riemer die Erläuterung gibt: „Sie (die Juden) zeigen überhaupt in der Regel mehr gefällige Aufmerksamkeit und schmeichelnde Theilnahme, als ein Nationaldeutscher, und ihre schnelle Faffungsgabe, ihr penetranter Verstand, ihr eigenthümlicher Witz machen sie zu einem sensibleren Publicum, als leider unter den zuweilen etwas langsamen und schwer begreifenden Echt- und Urdeutschen angetroffen wird." Freilich wiffen wir auch, daß Goethe über das weimarische Gesetz vom 20. Juni 1823. durch welches die Heirat zwischen Christen und Juden gestattet ward, gesprächsweise seinen hellen Zorn ausgoß; aber ganz abgesehen von den Anschauungen seiner Zeit, so lag, wie wir den „Unterhaltungen mit Kanzler von Müller" entnehmen, diesem Grolle kein niedriger Judenhaß zu Grunde, vielmehr empörte sich sein conservativer Sinn nur gegen den Gedanken, daß, wie dieses Gesetz zuließ, „eine Jüdin im Namen der Dreifaltigkeit in der Kirche getraut werden dürfe." Die Jude« und die Wiener Universität. Wenn von dem Glanz der Wiener Universität gesprochen wird, so denkt man zunächst an jene großen unvcrgleichen Gelehrten, welche ihren Ruhm durch ganz Europa getragen haben, an S ko d a, R o kita n s ky, Miklo si ch, G l a se r und Unger, also an Männer slavischen und semitischen Ursprungs. Die Herren Deutsch-Nationalen haben diesen Ruhm der Universität weder begründen noch vermehren geholfen. Das Buch eines jüdischen Verfassers, welcher zugleich Profeffor an der Wiener Hochschule ist, und dessen Auflage in der allerkürzesten Zeit vergriffen wurde, ist von dem Anatomen Profeffor Zuckerkandl. Rector Mül ln er verschmähte es feinsinniger Weise den Namen des Autors in die unerquickliche Debatte zu ziehen; es hätte ausgesehen, als ob für Profeffor Zuckerkandl Reclame gemacht werden sollte, die er doch, Gott Lob, nicht nöthig hat. — Daß der Mathematiker Kohn in allerjüngster Zeit zum Pro- ^ffor ernannt wurde, ist gleichfalls von den Antisemiten unliebsam bemerkt worden. Der prononcirt deutsch-nationale Antisemit Gegenbauer ist bereits seU längerer Zeit Prof^for der Mathematik und Vorsteher des mathematischen Seminars. In Ermanglung eines andern deutsch-nationalen Antisemiten wurde Kohn ernannt; wäre einer da gewesen, wäre er nicht ernannt worden. Er kann nichts dafür. Der Mathematiker I a c o b y, eine der allerersten Größen des Faches, kann obwohl Jude, infolge seiner epochalen Leistungen trotz aller, Anstrengungen aus der Geschichte seiner Wiffenschaft nicht eliminirt werden. «ju; «Praryrunoe. D aniel Sanders ist die allererste Größe unter den derzeit lebenden Garmanisten. Dieser Mann hat allein für die deutsche Sprache mehr geleistet, als ein ganzes Heer von Klopffechtern, die bei dem Wort deutsch vor Entzücken Umfallen; — Seine Lebensarbeit ist das Riesenwerk „Großes deutsches Wörterbuch", an dem er ganz allein Jahrzehnte hindurch geschrieben hat. Sanders wurde am 12. November 1819 zu Strelitz in wohlhabender jüdischer Kaufmannsfamilie geboren. Von diesem Deutschen jüdischen Bekenntnisses, auf den ganz Deutschland mit berechtigtem Stolze blickt, hat der deutsche Gelehrte französischer Abstammung E. du Bois-Reymond gesagt: „Wie Leib niz zehn Jahre lang allein die Berliner Akademie der Wissenschaften war, so ist uns Daniel Sanders jetzt noch allein die ersehnte Akademie der deutschen Sprache." Die „Ostdeutsche Rundschau" hat in ihrem Feuilleton vom 3. Jänner wieder einmal ihre Vergeßlichkeit bezeugt; es heißt dort: „Im Allgemeinen deutschen Sprachverein haben sich nun deutsche Männer mit Namen vom besten Klange, wie Daniel Sanders u. v. A. zu diesem Zwecke vereinigt und wirken zeitgemäß in hervorragender Weise." Ein „unverfälschter Deutscher" sollte derartig von einem — Juden nicht reden! „Ein Denkmal deutschen Geistes, deutschen Wissens, deutschen Fleißes, deutscher Gründlichkeit, wie es wenige gibt" nennt freilich Fr eilig rath das Hauptwerk Daniel Sanders. Allein, der ist — kein „Schönerianer". Selbst das judenfeindliche Rumänien gebraucht in allen seinen Unterrichtsanstalten als Lehrbuch für die rumän sche Sprache eine Grammatik, deren Autor ein Sohn des Landesrabbiner Ti kt in aus Breslau ist. Man hätte gerne eine andere gewählt, es ist aber heute noch keine brauchbare da. Einer der größten Kenner der rumänischen Volksliterolur ist der derzeitige Chiefrabbi der spauivlischen Juden in London, Dr. Gaster. Die rumänische Regierung hat ihn ursprünglich des Landes verwiesen, um ihn nachher einzuladen, an der national-rumänischen Universität einen Lehrstuhl zu übernehmen. Der Mann antwortete mit der gebührenden Verachtung. q- * * Auch die neue Wissenschaft, welche die Bannung des Pauperismus herbeisühren will, führt ihren Ursprung auf Juden zurück: David Ricardo, Carl Marx, Ferdinand L a s a l l e, die drei Heiligen der Aocialisten. Rector Müllner hat die in den Koth gezerrte Wiffenschaft, hat die durch ihn repräsentirte und schwer beleidigte Universität vertheidigt. Da in der Wissenschaft auch Juden hervorragend sich bethätigt und sich manch uwnnweulnw aere xerevnius gesetzt haben, so hat er sie folgerichtig mit vertheidigen müssen. Da an der Universität nicht nur antisemitische Lehrer — Gott sei's gedankt! — wirk n und nicht blos deutschnationale Studenten inscribirt sind, so mußte die Abwehr des Rectors sich auch auf unsere Freunde und Stammesangehörigxn erstrecken. Die Stimme der Vernunft gebietet doch, daß wissenschaftliche Werke nach ihrem wissenschaftlichen Werthe und nicht nach der Rasse oder dem Bekenntniß ihres Urhebers geprüft werden. Da die Stimme der Vernunft so selten erschallt, ist sie uns fremd geworden. Ein trauriger Wandel der Zeit. Wir haben uns an das Absurdeste gewöhnt, man ist abgestumpft gegen die Ausbrüche der Roh- und Gemeinheit. Wir haben die Entrüstung verlernt. Es berührt daher Viele sonderbar, wenn ein energischer und klar denkender Mann fest auftritt und sagt: „Zweimal zwei ist nicht fünf, sondern nur vier." Das leuchtet gewaltig ein und man ist nicht abgeneigt, ihn für einen großen Mathematiker zu erklären. Dr. David Rostn, geboren am 27. Mai 1823, gestorben am 31. December 1894. Ein Nachruf von Professor Dr. David Kaufmann. Im 72. Jahre seines segensreichen und vorbildartigen Lebens ist am 31. December 1894, schmerzlos und ohne Krankheit, der Vorsitzende des Lehrkörpers des jüdisch-theologischen

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