Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43. Orskrrrrichischr Wochrnfchrist Seite 773 Sprachen an der Universität in Prag, 1887 zum Regiernngsrathe ernannt. Dr. Saul Isaak Kämpf war eben so berühmt als Kanzelredner, wie als Gelehrter, Forscher, Orientalist, Philolog und Talmudist. Bon ihm sind folgende Schriften erschienen: Toldoth Rabbi Akiba: Eger's Biographie: Deutsch und hebräisch. 8 Lissa 1838. Nichtandalusische Poesien andalusischer Dichter aus dem XI., XII. und XIII. Jahrhundert. Beitrag zur Geschichte der Poesie des Mittelalters. 8 Prag 1858. Zehn Makamen aus dem Buche Tachkemoni des Jehuda Charisi. Nach Handschrift: Hebräisch und deutsch. Die Inschrift auf dem Denkmale Mesas, Königs von Moab, vocalisirter Urtext mit deutscher Uebersetzung. 8 Prag 1850. Phönizische Epigraphik der Grabschrift Eschmanazars, König von Sedomir, Urtext und Uebersetzung. Prag 1874. Schir ha Schirem, das Hohelied Salomo's, neu übersetzt und erläutert. 8 Prag 1886. Pirke Aboth, neu übersetzt und erläutert. Prag 1867. Die Uebersetzung seines Sidur's und Machsors ist mustergiltig. Mit ihm scheidet ein Mann, der durch seine hervorragenden Leistungen als Gelehrter und Lehrer auf der Katheder wie nicht minder als Seelsorger und Prediger auf der Kanzel sich einen weit über die Grenzen unserer Stadt und unseres Reiches hinaus anerkannten, ruhmvollen Namen erworben und für alle Zeit gesichert hat. Es würde zu weit führen, auch die humanitäre Wirksamkeit des Verstorbenen ihrem vollen Umfange nach zu illustriren, aber als kleiner Beweis für seine selbstlose uneigennützige Bethätigung der Nächstenliebe verdient die Thatsache Erwähnung, daß Kämpf, nachdem er als akadem. Lehrer und als Prediger der Tempel-Gemeinde in Folge seines vorgerückten Lebensalters in den wohlverdienten Ruhestand versetzt wurde, er noch lange Zeit später seiner vor Jahrzehnten freiwillig übernommenen und gewissenhaft durchgeführten Aufgabe treu geblieben ist, den Zöglingen des hiesigen isr. Müdchenwaisenhauses allwöchentlich eine Exhorte zu halten und sich von ihren Fortschritten in der Religionslehre Ueberzeuguug zu verschaffen. Ueber das Leichenbegängniß wird aus Prag 19. October gemeldet: Schon im Laufe des gestrigen Vormittags fanden sich im Sterbehanse in der Herrengasse die Vorstände der Beerdigungsbrüderschaft und des Vereins für geregelten Gottesdienst der Israeliten ein, um in Anwesenheit des Oberrabbiners, Herrn Dr. Ehrenfeld, nach Vornahme der üblichen rituellen Ceremonie die irdischen Ueberreste des Verstorbenen in den schmucklosen Sarg zu bergen, wonach dieselben unter zahlreichem Geleite in einem einfachen Leichenwagen in den neuen Tempel in der Geistgasse überführt wurden, woselbst die Aufbahrung der Leiche erfolgte. Zu diesem Zwecke war das prachtvolle Gotteshaus in entsprechender Weise mit Traueremblemen einfach aber weihevoll decorirt, und der Sarg im Presbyterium unterhalb der Bundeslade aufgestellt. Um 2 Uhr Nachmittags war der neue Tempel in allen seinen Räumen dicht gefüllt.‘ Auf der Galerie haben die Borslandsdamen des Privatfrauenvereines zur Erziehung armer israelitischer Waisenmädchen in Prag mit den Zöglingen die für sie reservirten Plätze eingenommen. Auf reservirten Plätzen im Mittelschiffe des Gotteshauses fanden sich die Mitglieder der israel. Cultusgemeinde-Repräsentanz, die Vorstände der Cultusgemeinden von Karolinenthal, Smichow, Weinberge und Zizkov, die Vorstände der israel. Beerdigungsbruderschaft, des israel. Nächstenliebevereines, der verschiedenen Synagogengemeinden und religiöser, wie auch humanitärer Corporationen ein. Die deutsche Universität war durch den Rector maguificus Herrn Professor Dr. Sachs und Herrn Professor Dr. Krasnopolski, die czechische Universität durch Herrn Professor Dr. Johann Palalky vertreten. Das Rabbinat war durch die Herren Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Ober-Rabbiner-Stellvertreter Dr. Tauber, Dr. Gelbhaus, Dr. Kisch, Dr. Back, M. Stark, Dr. Bondy und Dr. Rabbinowics aus Rakonitz repräsentirt. Weiters hatte sich auch der evangelische Seelsorger Herr Pastor Dr. Molnar eingefunden. Zur festgesetzten Stunde nahm die Leichenfeier ihren Anfang mit der Absingung des von Kaemps gedichteten Chorals für die Seelenfeier. Hierauf bestieg der Nachfolger Kaempfs im Seelsorgamte der Tempelgemeinde, Herr Dr. Gelbhaus, die Kanzel und hielt eineu der Bedeutung der Feier angemessenen ergreifenden Nachruf, in welchem er die Leistungen des Verstorbenen in seiner Eigenschaft als Seelenhirt der Tempelgemeinde eingehend würdigte und im Namen des Vorstandes wie auch der Mitglieder dieses Gotteshauses dem Danke für dessen langjährige, treue Wirksamkeit in seiner Bernfssphäre Ausdruck gab. Nachdem noch der Obercantor Herr Mohr einen Trauerpsalm recitirt hatte, wurde sodann der Sarg unter Gesängen des Tempelchores in den sechsspännigen Galaleichenwagen gehoben und in den isr. Badhof überführt. Daselbst wurde die Leiche neuerdings aufgebahrt und hielt Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld die Leichenrede, in welcher er Kaempfs Verdienste um die Großgemeiude Prag und um die jüdische Glaubensgenossenschast überhaupt treffend illustrirte und im Namen der gesummten Gemeinde dem scheidenden Priester den Abschiedsgruß widmete. Den Leichenzug eröffnete das Chorpersonale des Tenwels dem Leichenwagen folgten nächst den Leidtragenden unter Vorantritt des Pedells der deutschen Universität, die erschienenen Dignitäre. die Mitglieder des Rabbinats und die Vorstände der zahlreich vertretenen Corporationen und Vereine, sodann eine unübersehbare Zahl von Trauergästen. In der Leichenhalle bestieg zunächst Herr Oberrabbiner- Stellvertreter Dr. Tauber die Kanzel, welcher in geistvoller Rede die reichen wissenschaftlichen Leistungen Kaempfs würdigte, während Herr Feldprediger Dr. Kisch die edlen Charactereigenschaften desselben beleuchtete, und zum Schluffe widmete Herr Rabbmer M. Stark im Warnen der Schüler, dem aus seinem irdischen Wirkungskreise abberufenen Lehrer und Meister Worte dankbarer Anerkennung und des Abschiedes. — Hierauf wurde unter den üblichen Gebeten der Sarg, welcher die irdischen Reste Kaempf's umschließt, zur ewigen Ruhe beigesetzt. (fümspndenm Wien. Die Abendnummer des „Deutschen Volksblattes" vom letzten Dienstag bringt einen gar curiosen Bericht unter dem befremdlichen Titel: „Ein Jude als Vertheidiger einer antisemitischen Genossenschaft." Der jüdische Knopfdrechsler Guttmann nahm die antisemitische Vorstehung, welcher hart zugesetzt wurde, in Schutz und setzte sich — o sonderbarer Schwärmer! — warm für dieselbe ein! Wir selbst sind nicht Knopfdrechsler genug, um das Meritorische der Frage competent zu benrtheilen, möchten dem Herrn Glaubensgenossen aber dennoch empfehlen — alle Achtung vor seiner seltenen Objectivität! — seine Sympathien nicht gar zu offen an unsere Todfeinde zu verschwenden: wir möchten ihm vielmehr in das Gedächtnis zurückrufen, daß die Antisemiten das Edelste, Beste und Anerkennenswerte in jeder Art consequent und systematisch bekämpft haben und mit Waffen, die jeder Wohlgesittete von Herzen verabscheut, daß die Antisemiten unsere Ausrottung auf ihre schändliche Tagesordnung stellen. Mit diesen Leuten gibt es kein Pactiren. Der Jude, der so vorgeht wie Herr Guttmann, verfällt dem Fluche der Lächerlichkeit. Und als Jude geboren zu sein, hielten wir nur dann mit ihm für ein Unglück, wenn es viele Juden von dieser kläglichen Art gäbe. Daß das Deutsche Volksblatt alles vergißt, was es von seiner ersten Nummer bis heute gepredigt und — philosemetisch kommt, weil der Jude Guttmann ihm grade in den Kram paßt, möge aus seinen nachstehenden Eigen- (aber schon sehr eigenen) Bericht ersehen werden: ' Herr Guttmann, der sich sofort zum Worte meldete führt in einer so überaus zutreffenden Weise die Gegner der Vorstehung ab, daß in den Reihen derselben Anfangs eine nicht geringe Verblüffung herrschte. Er wies an der Hand des Gewerbegesetzes. und der Gewerbeordnung nach, daß der Genoffenschaft gar nicht die Aufgabe obliegt, dem Lehrlingswesen zu steuern, sondern daß dies in die Competenz der Gewerbebehörde gehöre. Pflicht der Mitglieder der Genossenschaft wäre es, derartige Unzukömmlichkeiten der Gewerbebehörde anzuzeigen. Wenn ich die Vorstehung ungeachtet des Umstandes, daß ich das Unglück hatte, als Jude geboren zu werden, wider die von einigen Herren gegen sie erhobenen Beschuldigungen in Schutz nehme, so erkennen Sie daraus nur, daß ich die Sache objectiv beurtheile. Beim Handwerk ist es ganz gleichgiltig, ob Christ oder Jude, nur ein anständiger Mensch muß er sein. Mir ist es auch ganz gleichgiltig, ob die Vorstehung liberal oder antisemitisch ist, nur muß der Vorsteher seinen Mann stellen, wenn es an der Zeit ist. Mir hat sich die Ueberzeuguug aufgedrängt, daß die beiden Herren, die doch Antisemiten sind, stets nur im Jnteresse^der Genossenschaft gehandelt zu haben. Und in dieser Ton art weiter." X—z.