Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 774 Vesterretchische Wochenschrifl. Nr. 43 Wie«. Die Leipziger „Grenzboten" sind über unsere Mittheilungen ans den Erlebnissen ihres neuesten „Kronzeugen", Leopold Karo, recht ungehalten. Daß ihm im Protokoll eines Ehrengerichtes jenes epttdetou orasos einstimmig zuerkannt wurde, mit welchem Herr Buschenhagen den Zeugnis- und Stampiglienfalscher Mechanikus Schneider auszeichnete, ist für die Redactson der „Grenzboten" belanglos. Bei den Parteihäuptern der arischen Anticorrupüoniften sind derlei Unfälle kaum selten und waren nie im Berufe hinderlich. Sie findet dagegen, das „Judenthum weiß nicht zu unterscheiden zwischen Ethik und Gemeinheit." Es gehört aber auch dazu ein antisemitisch organisirtes Differenzirungsverrnögen, bei einer Ethik, die in den Spalten der „Grenzfcoten" aus der Feder eines Leopold Karo gepredigt wird. Wenn der Dieb an den Gerichtsttsch sich setzt, Corruption und Profitwuth abzustrafen, wenn die feile Dirne von öffentlicher Tribüne über Sittenlosigkeit und eingerissene Unzucht ein Klagelied anstimmt. wenn ein Individuum, welches von der Judenschaft einstens Wohlthaten empfangen und blos wegen moralischer Bemakelung aus der Gesellschaft seiner Glaubensgenoffen ausgeschieden wurde, zu den Feinden sich begibt, um ihnen ein Langes und Breites zu erzählen, tvie schlecht und moralisch inferior diese Juden sind — um solche „Moral" von „Gemeinheit" zu unteiffcheiden, sind wir zu viel Semiten, zu wenig der germanisch christlichen Gewohnheit affimilirt. Die „Ursachen des Antisemitismus" waren uns nie unklar, wer seine Propheten und Wortführer bei Licht besieht, erkennt sofort, wo die Krankheit ihren Sitz hat — im Herzen und nicht im Kopf. Profeffor Nothnagel sagte es mit den Worten: ^.Der Antisemitismus nimmt seinen Ursprung aus dem Gemeinen in der Menschennatur, er ist der schwerste Bortvurf gegen das menschliche Herz." Wie«. (Was Herr Bergani verschweigt.) Am 12. October 1892 hat hier eine Gerichtsverhandlung zwischen ausschließlich arischen Parteien stattgefunden, über welche das biedere „Deutsche Bolksblatt" nicht ein einziges Wort zu berichten wußte. Der arische Clavierfabrikant Wilhelm Mayer wurde angeklagt, durch die verspätete Anmeldung des Concurses mit einem Deficit von 41.000 fl. das Vergehen der verschuldeten Crida begangen zu haben. Allerdings war die Eröffnung des Concurses sehr verspätet erfolgt, denn schon vor fünfzehn Jahren war Mayer nicht mehr activ. Er erzählt — und diese Angaben werden von mehreren Zeugen wie von dem Massevertreter bestäügt — daß er einzig und allein durch den Clavierhändler Thierfelder, der mit ihm in Verbindung stand, in seine gegenwärtige Situatton gerathen sei. Vor fünfzehn Jahren sei er allerdings in Folge der ungünstigen Zeitverhältnisse nicht mehr acttv, aber doch nicht in nennenswerthcm Maße passiv gewesen. Die Firma Thierfelder habe sich nun erboten, ihm Vorschüsse zu einer neuen Einrichtung seines Etabliffements zu geben, so daß darin sechzehn Claviere erzeugt werden könnten. Thierfelder erklärte sich zugleich bereit, ihm alle diese sechzehn Claviere abzunehmen, webhalb Mayer auch wirklich fortan für diesen Committenten allein arbettete und seine übrigen Kunden verlor. Allein allmählig habe Thierfelder seine Zusage nicht mehr ganz gehalten und die Gewalt, die er über ihn hatte, zu den dringendsten Prcisbedingungen für ihn benützt, so daß er (Angeklagter) trotz seines Fleißes und seines einfachen Lebens in eine immer schlimmere Lage gelangte. Der Tag, an welchem er mit Thier selber bekannt wurde, sei ein Unglückstag für ihn gewesen. Sämmtliche Beschädigte geben dem Angeklagten ein vortreffliches Zeugniß. Was Herrn Gustav Thierfelder betrifft, der gleichfalls als Zeuge erschien, so gestaltete sich seine Vernehmung folgendermaßen: Herr Gustav Thierfelder gab an, daß er Geschäftsführer seines Vaters A. Thierfelder sei, welcher seinerseits als Prokurist seiner Gattin, einer Clavierhändlerin und zugleich als selbstständiger Goldarbeiter fungire. Die Firma habe 5931 fl. von dem Angeklagten zu fordern. Präs. (Landesgerichtsrath Rauch): Sie sollen dem Angeklagten sehr drückende Bedingungen auferlegt und seine Arbeitskraft ausgebeutet haben, wobei er Ihnen willenlos preisgegeben war. — Zeuge: Das ist nicht richtig, er hat bei den Preisen sehr gut bestehen können. Präs.: Der Maffeverwalter ist gegentheiliger Ansicht. Es macht den Eindruck, daß Sie ihn ausgenützt, seine Maare beanstandet und ihn hiedurch zu prekären Bedingungen genöthigt haben. Votant Landesgerichtsrath Frimmel: Was halten Sie für die Ursache des Niederganges des Angeklagten? — Zeuge: Die schlechten Zeitverhältniffe. — Votant: Haben Sie als Clavierhändler auch unter den schlechten Verhältnissen gelitten oder befinden Sie sich wohl? — Zeuge: Ich befinde mich wohl. Votant: Ein soeben vernommener Zeuge hat erklärt, daß Herr Mayer durch die Verbindung mit Ihnen zu Grunde gegangen und daß Jedermann in der Branche das Gruseln überlaufe, wenn er Ihren Namen hört. — Zeuge: Das ist unwahr. — Votant: Sie haben bei Bezahlung fünf Percent CassaSconto abgezogen. Glauben Sie nicht, daß dies zu viel ist? — Zeuge: Nein. — Präs. Derselbe Zeuge, welcher angegeben hat, daß Ihr Name in der Branche Gruseln erwecke, hat auch angegeben, daß Sie als Bezahlung Checks gegeben, die er wieder bei Ihnen escomptircn lassen mußte. — Zeuge: Das war ein zweites Geschäft. Votant: So fassen Sie es auf. Bei diesen Preisen konnte er nicht aufkommen. Wenn er nicht an Ihnen zu Grunde gegangen ist, woran denn? — Zeu ge: An den ungünstige» Zeiten. — Vota nt: Er hat fleißig gearbeitet, einfach gelebt und alle seine Arbeit abgesetzt. Folglich können nur Sie die Ursache gewesen sein. Haben Sie noch mit anderen Clavierfabrikanten so schöne Verbindungen? Der Gerichtshof vcrurtheilt den Angeklagten zu einer Woche einfachen Arrests und nimmt hiebei als mildernd die Verbindung mit Herrn Thierf.lder an. Wir bemerken schließlich, daß sowohl Herr Wilhelm Mayer als Herr Thierfelder antisemitische Parteigenossen sind und Herr Thierfelder als Anticorruptionist sein Geschäft nach arischen Grundsätzen betreibt. Welch' ein Geheul wäre es gewesen, wenn die Betheiligten zufällig jüdischer Abstammung wären? Wien.' (Antisemiten unter sich.) Eine überaus bezeichnende Aeußerung enthält die sonst prononcirt antisemitische „Kreuzzeitung" über die antisemitischen Scandalmacher vom niederösterreichischen Landtage. In einem Wiener Briefe dieses Blattes wird bezüglich der Ursachen, weshalb bei der Reichsrathswahl in der inneren Stadt der antisemitische Candidat Baron Vittinghof-Schell so wenig Stimmen bekommen habe, wörtlich gesagt: „Dann trug auch die von Kaiser Franz Josef in jüngster Zeit mit Recht gerügte Haltung der antisemitischen Abgeordneten Schneiderund Gregorig im niederösterreichischen Landtage entschieden dazu bei, auf christlicher Seite Viele von der Wahl für einen Mann abzuhalten, der, obwohl er kein Wort in antisemitischem Sinne gesprochen, doch als „Genosse der Gregorig und Schneider" hingestellt worden war." Diese Verurtheilung Schneider'- und Gregorig's antisemitischerseits spricht für sich selbst . . . Budapest. Im Budapester k. Verein der Aerzte wurde gestern auf Anregung des Vorsitzenden Prof. Dr. Koranyi unter dem Präsidium des Professors Ketli ein Comite entsendet, welches die gegenwärtige Cholera-Epidemie und deren Verlauf in Ungarn studiren und über seine Wahrnehmungen Bericht erstatten soll. Primarius Dr. Sigmund Vidor hielt dann eine Gedenkrede auf den verstorbenen berühmten Augenarzt Dr. Ignaz Hirschler. Wir entnehmen dem biographischen Essay, der sich an seine Autobiographie und die Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1847 bis 1849 anlehut, die folgenden Details: Ignaz Hirschler wurde am 3. März 1823 in Preßburg geboren. Seine Eltern siedelten 1833 nach Pest über, wo die Zahl ihrer Kinder auf elf stieg. Die Kindesjahre Hirschler's waren die glücklichsten, nicht so die Zeit, die er im Piartstengymnasium verbrachte, wo er wegen seiner Confession große Demüthigungen zu erleiden hatte. „Hier in der im hintersten Theile des Saales befindlichen Judenbank empfand ich zum ersten Male den giftigen Stachel der Demüthigung, was auf die Geistes- und Gemüthswelt eines tief empfindenden Menschen von viel schlechterer Wirkung ist, als man allgemein glaubt." Auf Wunsch seiner Eltern, sehr eontrs eoear, widmete sich Hirschler dem medicinischen Studium. Fachleute werden die auf die damaligen Verhältniffe der Pester und Wiener medicinischen Facultät bezüglichen Stellen des Hirschler'schen Tagebuches in hohem Grade interessiren. Viel Lobenswerthes weiß Hirschler von diesen Hochschulen nicht zu melden. Sein Wiffensdrang fand erst in Paris Befriedigung, wo er sich bereits ausschließlich seinem speciellen Fache, der Augenheilkunde, widmete. Ehe er sich jedoch in Paris niederließ, absolvirte er eine italienische Reise, über die er sich in seinem Tagebuche in schwärmerischen Worten ergeht. Am 23. October 1847 traf er in Paris ein,