Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020919--01354-3025389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kesterretchischr Wochenschrist Nr. 19 Seite 336 Diese Entdeckung drang in immer weitere Kreise, bis sie auch der Königin selbst zu Öhren kam. Und sie wollte ihre Doppelgängerin gern kennen lernen. Christine war eine Judenfreundin, sie sprach hebräisch, sie correspondirte mit Menaffeh Ben Israel, der ihr ein Krönungsgedicht in hebräischer Sprache widmete, ihr seinen „Conciliador", lvorin die scheinbaren Widersprüche in der Bibel gelöst werden, schickte, und ihre Bibliothek mit hebräischen Büchern versorgte. Sie lud also Aron Levi und seine Tochter zu sich. Auf die Aehnlichkeit dieses Mädchens mit ihr baute nun Christine einen Plan, den Thron Schwedens zurückzugewinnen. Ihre Doppelgängerin sollte an ihrer statt in Begleitung des Grafen Skolokester heimlich nach Stockholm reisen. Vater und Tochter wurden für dieses gewagte Unternehmen gewonnen durch das Versprechen Christine's, daß sie Schweden den Juden öffnen werde, sobald sie wieder den Thron einnehmen werde. Aron Levi und Dinah glaubten das Interesse des Judenthums sei jeoes Opfer werth. Aron Levi segnete seine Tochter und Dinah blieb am Hose zurück. Die Königin selbst schmückte das zitternde Mädchen mit reichen Kleidern und ihren Juwelen. Hieraus begannen die Verhaltungsmaßregeln. Kaum war die Metamorphose beendet, so trat ein Greis in reicher Uniform ein, ließ sich vor Dinah auf ein Knie nieder und küßte deren Hand. Ein schallendes Gelächter der Königin ließ ihm seinen Mißgriff einsehen und sich zu dieser wendend, sprach er: „Sie haben mich überlistet, Majestät, indessen ist dies eine gute Vorbedeutung, denn so wie ich, wird wohl jeder Schwede glauben, seine geliebte Königin in dem Mädchen zu sehen." Wenige Stunden darauf rollte der Wagen mit der falschen Königin zum Schlosse von Fontainbleau hinaus. Christine aber verbarg sich mit Monaldeschi im Hause Aron Lewi's in Paris und erwartete ängstlich den Erfolg ihres Unternehmens. Dinah war endlich in Stockholm eingetrossen und in einem der besten Hotel's abgestiegen. „Madame", instrnirte sie jetzt Skolokester, „jetzt beginnt Eure Thätigkcit. Ihr müßt Euch stellen, als ob Ihr Euch zu verbergen suchtet und dennoch müßt Ihr Euch bisweilen an den Fenstern zeigen." Kaum hatte Dinah sich gezeigt, so sammelte sich ein Haufe Volkes vor dem Hause an und zahlreiche Hochrufe tönten durch dieLust. „Grüßt mit der Hand und zeigt Euch bewegt!" befahl Graf Skolokester, der im Hintergründe des Zimmers stand. Dinah gehorchte klopfenden Herzens, und bei dem Anbtzck der verstellten Rührung stieg der Enthusiasmus des Volkes auf's Höchste. „Zum Palast, zum Palast!" schrie die Menge, „die Tochter Gustav Adolfs, unsere Christine mehme die Krone wieder!" Die erregte Menge trat in das Haus. Man hob die vermeintliche Königin auf eine Tragbahre, und unter dem Rufe: „Es lebe die Königin Christine!" trug man sie zum Schlosse. Graf Skolokester rieb sich vergnügt die Hände und murmelte: „Sieg! Warum ist Christine nicht selbst gekommen, um Zeuge des Jubels zu sein?" Jetzt erschien der Zug vor dem Schlosse. Die Wachen stellten sich mit aufgepflanztem Bajonnet der Menge entgegen, und eben im Begriff von den Waffen Gebrauch zu machen, erschien der König Carl Gustav. „Wozu diese Vorsicht?" begann er ruhig, „wenn die Königin Christine ihrem Lande einen Besuch macht, so ist sie uns vom Herzen willkommen. Diese Dame ist aber nicht die Königin von Schweden. Ihr, Graf Skolokester, werdet uns wohl am Besten sagen können, wer das Mädchen ist, das der Königin so täuschend ähnlich ist und sogar mit Diamanten geschmückt ist, die der Krone Schwedens gehören." Der Graf erbleichte. Doch der König fuhr fort im ruhigsten Tone: „Ich kenne den Anschlag, Skolokester! Führt das Mädchen ruhig nach Paris zurück und sagt Ihrer Majestät, daß sie ungehindert nach Stockholm kommen kann. Im klebrigen könnt Ihr hinzufügen, daß Karl Gustav von Allem unterrichtet ist, was seine hohe Cousine in Paris thut. Zum Beweis der Wahrheit meiner Worte übergebt dies Tagebuch Ihrer Majestät, danrit sie sieht, welchen Creaturen sie ihr Vertrauen schenkt. Jetzt geht, Herr Graf, im Hafen erwartet Euch ein Schiff, und wenn sich in einer Stunde noch ein Berräther in Stockholm blicken läßt, so lasse ich ihn niederschießen! Und Du, liebes Mädchen, melde deiner Gebieterin, daß ich keinen Groll gegen sie hege wegen ihres unglücklichen Unternehmens, das zwar nicht schlecht angelegt war."- Endlich traf die falsche Königin wieder in Paris ein und Graf Skolokester berichtete über den unglücklichen Erfolg ihres Unternehmens, wobei er Christine das Tagebuch übergab, in welchem sie genaue Berichte über ihr Leben fand, die Monaldeschi, ihr Vertrauter, an den König von Schweden gesandt hatte. Schon eine Stunde darauf war Christine von der Behausnng des Juden Aron Levi wieder nach Fontainebleau zurückgekehrt und ließ sofort Monaldeschi, trotz aller Bitten seines Beichtvaters, errnorden. Christine wurde in Folge besten aus Paris venviesen und ihr Glücksstern sank immer tiefer und tiefer. Vergebens bewarb sie sich endlich, nachdem sie einsah. daß ihr keine Hoffnung auf den Thron Schwedens blieb, um die Krone Polens. Als sie nun einmal die Aeußerung that: „die Kirche wird wohl vom heiligen Geist regiert werden, denn hinsichtlich der vier Päpste, die ich erlebt habe, kann ich schwören, daß keiner gesunden Menschenverstand gehabt hat!" entzog ihr der Papst den Jahresgehalt. Später wurden ihr jedoch von dieser Seite Subventionen zuthei'l, nachdem sie einmal sogar die Drohung fallen ließ, sie werde zum Judenthum übertreten. Christine starb in Nom, wo sie mehr als dreißig Jahre gelebt hatte, einsam und verlassen und wurde in der Petersburg beigesetzt. Und was ist mit Dinah geschehen? Christine's Charakter war ein seltsames Gemisch von Seelengröße, Güte und Sanftmuth einerseits nud Eitelkeit, Härte und Rachsucht anderseits. Nach ihrer Rückkehr von ihrer erfolglosen Sendung von Stockholm wurde das arme Judenmädchen von ihrer königlichen Gönueriu nicht mehr beachtet. Es verdroß Christine, eine Doppelgängerin zu haben, daß e'n I u d e n m ä d ch e n ihr gleich sehe. Die Spuren von Aron Levi und Dinah verloren sich in dem Gewühle von Paris.- Briefkasten. G. K., H.: Ein zweiter Theil jenes Werkes ist uns nicht :u Gesicht gekommen. I. S. Kraus, Prag: Wir bestätigen Ihnen, daß die unter Aufschrift „Antisemit. Bojazzo" in Nr. 18 der „Oesterr. Wochenschrift" publizirte Correspondenz nicht von Ihnen herrührt. Literatur. Die Archive der Gemeinden bergen noch große Schätze zur Bcreicherung der Culturgeschichte des Judenthums der letzten Jahrlffinderte, nur fehlt es noch an Adepten, welche die Wünschelrnthe besitzen, solche Quellen aufzuspüren. Ein Meister in dieser Kunst ist Herr F. H. Weitste in. Die von ihm jüngst veröffentlichten „Quellenschriften zur Geschichte der Juden in Polen, insbesondere in Krakau" (Krakau, Verlag von A Faust's Buchhandlung, 1892) enthalten 9 interessante Funde, theils ganz hebräisch, theils deutsch mit hebräisch gemengt, wie damals in anderen Kreisen das Deutsche mit Lateinischem gemengt wurde. Es wäre für die Ehre des Judenthums zu wünschen, daß alle diese Schriftstücke auch in's Deutsche übersetzt würden, da unsere Feinde daraus erkennen müßten, welchen hohen Culturgrad die so als insorier verschrieenen polnisch:» Juden schon vor dreihundert und mehr, Jahren einnahmen, und welche Ordnung sie in ihren Gemcindeverfassuugen hatten, während die christliche Welt noch ganz in Barbarei versunken war. Eingesendet. (Wichtig für Rabbiner und Freunde der talmudischen Literatur.) Ein neues Werk ist unlängst erschienen unter dem Titel „8imliachag“. Es ist dies ein im Raschi-Style geschriebener Cvnlmentar zu der Pessach-Hagada. Derselbe zerfällt in zwei Abtheilungen, welche beide in zwei Columnen den inneren Text mit dem dazu beigegebenen Commcntar des berühmten Rabbi Moses Sofer umrahme». Die erste Abtheilung ist eine einfache Erläuterung des Textes nach dem Wortsinn und der Grammatik, hält Rundschau über die verschiedenen Lesearten und berichtigt dieselben nach den maßgebenden Stellen im Talmud und den Schriften der alten Räbbinen, erklärt die Normen des „Lickusell" und die Bedeutung der „Arba Kossos“ und enthält auch mitunter wohlgelungene homiletische Erläuterungen. Die zweite Abtheilnng zeigt mit scharfsinniger Dialektik, wie die Reihe der in der Hagada anfeinanderfolgenden Sätze und Abschnitte aufeinander Bezug haben und in sich Hinweise auf gewisse halachische Principien schließen, daß sie sich gegenseitig ergänzen und wie Perlenschnur in richtiger Ordnung aneinandergereiht sind. Die Arbeit gelehrt und gediegen, hat zum Verfasser einen neuen angehenden Rabbiner Namens Chaim Gelernter in Sniatyn (Titular-Rabbiner in Jablonow), der dieses Erstlingswerk als Vorläufer seines weit größeren und viel wichtigeren Werkes vorausschickt. Sniatyn, im April 1892. Albert Popper. Wochrnkalrnder. Wochen- Mai 1892 Jjar 5652 Kalender Freitag 6 9 Samstag 7 10 OTSTIP 'in« Sonntag 8 11 Montag 9 12 Dienstag 10 13 Mittwoch 11 14 Donnerstag 12 15 Freitag 13 16